7058353-1991_26_13.jpg
Digital In Arbeit

Jahrhundertende - Ende unsrer Weisheit?

1945 1960 1980 2000 2020

Spät, aber doch wurde der 1902 geborene, 1933 aus Berlin geflohene Hans Sahl wiederentdeckt. Hier gekürzte Texte aus dem Band „Und doch... Essays und Kritiken aus zwei Kontinenten". (Demnächst im Luchterhand Literaturverlag, Frankfurt/M.)

1945 1960 1980 2000 2020

Spät, aber doch wurde der 1902 geborene, 1933 aus Berlin geflohene Hans Sahl wiederentdeckt. Hier gekürzte Texte aus dem Band „Und doch... Essays und Kritiken aus zwei Kontinenten". (Demnächst im Luchterhand Literaturverlag, Frankfurt/M.)

Die Anfälligkeit der Intellektuellen gegenüber dem Totalitären in unserer Zeit ist häufig diskutiert worden. Es scheint, als ob der auf sich selbst angewiesene Geist aus Angst vor dem Alleinsein eine Zugehörigkeit braucht, die ihn schützt und sogar noch dafür belohnt, daß er sich ihr zur Verfügung stellt und sie sich ihm. Deshalb wohl auch die Furcht des bis vor kurzem vom Staat Subventionierten vor einer Freiheit, auf die er nicht vorbereitet war und der er noch nicht gewachsen ist. Hinzu kommt, daß in der DDR der Totalitarismus von rechts unmittelbar durch den von links abgelöst wurde, weshalb auch der einzelne kaum Zeit hatte, sich mit der Praxis und den Spielregeln der Demokratie vertraut zu machen.

So jedenfalls argumentieren diejenigen, die heute vordem Bildschirm oder in den Zeitungen aufgefordert werden, Rechenschaft abzulegen. Andere berufen sich auf die Unmöglichkeit, etwas gegen ein Überwachungssystem zu unternehmen, das jeden Widerstand zwecklos erscheinen ließ. Helden gibt es immer nur vereinzelt, und die Masse besteht nicht aus Helden. Man will seine Ruhe haben und ungeschoren bleiben. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, dieser Satz gilt für alle totalitären Systeme.

Freilich hätte man schon vorher Gelegenheit gehabt, sich über den Charakter des Marxismus-Leninismus /u informieren, frühestens nach Lenins Tod 1924. der in seinem Testament nachdrücklich vor dem „unberechenbaren" Stalin gewarnt hatte. 1918 hatte bereits Rosa Luxemburg in einem offenen Brief Lenin vorgeworfen, er habe die Revolution verraten und die Diktatur der Bourgeoisie durch eine neue ersetzt, die nunmehr über das Proletariat herrsche, nämlich die der Kommunistischen Partei. Die Folge würden Kriege und Bürgerkriege sein. Aber Rosa Luxemburg wurde von der Soldateska ermordet, und der latente Bürgerkrieg in Deutschland nahm seinen Verlauf.

Unerklärlich das Nebeneinander von Rationalismus und marxistischem Wunschdenken in den Schriften nicht weniger, die sich als Wortführer einer neuen Aufklärung verstanden, ihr Glaube an die Vorausbestimmbarkeit der Geschichte, an das Prinzip Hoffnung, das heißt die klassenlose Gesellschaft, ihr Mangel an Skepsis bei der Einschätzung menschlichen Tuns und Handelns. Selbst ein Walter Benjamin, dieser Mystiker unter den Gegenwartsinterpreten, dessen Untersuchungen, wie etwa seine grandiose Deutung Kafkas, zum bleibenden Bestand essayistischer Prosa gehören, erörtert in seinem Moskauer Tagebuch, ob er der kommunistischen Partei beitreten soll oder nicht.

Es ist gewiß kein Zufall, daß es nicht selten die Söhne und Töchter aus gutbürgerlichem Hause waren, die ihrer Klasse abtrünnig wurden und sich aus schlechtem sozialen Gewissen für die von der Gesellschaft Enterbten und Vernachlässigten einsetzten. Man sollte die humanitäre Wurzel eines solchen Verhaltens nicht ignorieren, wie denn überhaupt zu sagen ist, daß es ohne Marx keine Arbeiterbewegung, keine Gewerkschaften, kein Verbot der Kinderarbeit, kein Streikrecht, keine 35-Stun-den-Woche und dergleichen geben würde. Marx war für seine Zeit ebenso wichtig, wie es seit langem wieder wichtig geworden ist. ihn als eine historische Notwendigkeit von gestern zu sehen. Es scheint deshalb auch unergiebig, den Bürger der ehemaligen DDR vor dem Bildschirm zu einem Reuebekenntnis zu bewegen. Es ist nicht leicht, sich und anderen einzugestehen, daß man an etwas geglaubt habe, das sich als ein Irrtum herausgestellt hat, noch schwerer, freiwillig auf eine Gemeinschaft zu verzichten, die einem Schriftsteller, einem Künstler nicht nur eine politische Heimat, sondern auch seinen Beruf garantierte.

In meiner Erzählung „Schuld" (1969) habe ich versucht, die drei Phasen in der Entwicklung eines Marxisten zum Antimarxisten zu skizzieren. In der ersten macht man Stalin, in der zweiten Lenin und in der dritten Marx selber für die Irrtümer des Marxismus verantwortlich. Die Schriftsteller und Politiker der einstigen DDR. die heute befragt werden, wann sie an ihrem Glauben zu zweifeln begannen, befinden sich wohl zwischen Phase zwei und drei, das heißt, daß sie den Marxismus noch nicht ganz aufgegeben haben oder noch an einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz" glauben möchten.

Zu fragen wäre jedoch: Wer befragt die Befrager? Hatte man nicht, nach 1945, in der Bundesrepublik alle Hände voll zu tun, sich mit Hitler auseinanderzusetzen, und mußte deshalb die Auseinandersetzung mit Stalin bis auf weiteres verschieben? Man knüpfte also dort wieder an, wo man 1933 aufgehört hatte, ohne sonderlich davon Kenntnis zu nehmen, daß es inzwischen Autoren wie Igna-cio Silone, George Orwell, Czeslaw Milosz, Arthur Koestler und andere gegeben hatte, die sich darum bemühten, eine Literatur der Auseinandersetzung mit dem Stalinismus zu entwickeln.

In diesem Zusammenhang sollte auch die 1938 erfolgte Revolte gegen den von Moskau manipulierten Schutzverband deutscher Schriftsteller im Exil in Paris erwähnt werden. die dazu führte, daß namhafte Autoren, unter ihnen Alfred Döblin, Bruno Frank, Leonhard Frank, Konrad Heiden, Hermann Kesten, Klaus Mann, Walter Mehring, Emst Erich Noth, Karl Otten, Joseph Roth, Hans Sahl. Leopold Schwarzschild, sich zu einem „Bund freie Presse und Literatur" (Verband unabhängiger deutscher Schriftsteller und Journalisten im Exil) zusammenschlössen, der mit folgendem Gründungsaufruf an die Öffentlichkeit trat: Deutsche Schriftsteller und Jouma-

listen im Exil, in deren Vollmacht die Unterzeichneten sprechen, haben sich zu einem Bunde zusammengeschlossen.

Sie halten geistige Freiheit, moralische Sauberkeit und Verantwortungsgefühl für die Grundlage jeder öffent-lichen geistigen Wirksamkeit.

Sie haben um dieser Überzeugung willen die Verbannung auf sich genommen. Sie wollen diese Überzeugung auch in der Verbannung nicht antasten lassen.

Sie wollen alle sammeln, die sich aufrichtig zu den gleichen Grundsätzen bekennen. Sie glauben, daß die Sache der deutschen Freiheit nur in dieser geistigen Haltung vor der Welt vertreten werden kann. Sie sind überzeugt, daß der Kampf gegen die Unterdrückung der Freiheit in Deutschland nur mit diesen Grundsätzen zu gewinnen ist.

Sie fordern alle Schriftsteller und Journalisten, die gleicher Gesinnung sind, auf, sich ihnen anzuschließen.

Es scheint wichtig, diesen Aufruf noch einmal in Erinnerung zu bringen, weil er zeigt, daß es bereits vor fünfzig Jahren Schriftsteller deutscher Sprache im Exil gab, die darauf verzichteten, sich jenen anzuschließen, die, wie Anna Seghers, Bert Brecht. Bodo Uhse und andere, nach 1945 in die DDR gerufen wurden, um dort als Kämpfer gegen den Faschismus gefeiert und mit den entsprechenden Preisen und Privilegien ausgestattet zu werden.

In der Bundesrepublik jedoch schien wenig Interesse für jene verlorenen Einzelgänger vorhanden zu sein, die bereits damals sozusagen die Perestrojka und Glasnost vorweggenommen hatten. So kam es, daß beispielsweise Alfred Döblins Roman „November 1918" kaum ein Echo fand, daßein so hervorragender Schriftsteller wie Leopold Schwarzschild, Herausgeber des Tage-Buchs, das er in das Pariser Exil herüberrettete und mit dem er das Weltgewissen gegen Hitler wachhielt, sowie Autor eines kritischen Buches über Karl Marx. „Der rote Preuße", bis heute kaum die verdiente Würdigung fand.

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen und würde auch den Dichter Walter Mehring einbeziehen, diesen unvergeßlichen Bänkelsänger einer sterbenden Republik, der selbst beinahe anonym in einem Züricher Altersheim starb.

Während des Krieges traf ich mich des öfteren in New York mit Bertrand Russell. Einmal kam das Gespräch auf Bert Brecht. „Ich habe viel über ihn gehört", sagte Bertrand Russell, „er soll sehr gut sein. Können Sie mir eins seiner Gedichte aufsagen?"

„Gern", sagte ich und begann mit „Lob der Partei": „Die Partei hat tausend Augen, / Du aber hast nur zwei..." Bertrand Russell unterbrach mich. „Das glaube ich nicht", rief er aus und schüttelte sich vor Lachen. „Wollen Sie bitte Mr. Brecht mitteilen, daß ich mit 72 Jahren mit meinen zwei Augen noch immer besser sehe als tausend Blinde."

Bert Brecht, der bereits 1932 in seinem Lehrstück „Die Maßnahme" den politischen Mord im Interesse der Partei rechtfertigte und damit die Moskauer Prozesse vorwegnahm, hat einige der schönsten Gedichte in deutscher Sprache, aber auch einige der abwegigsten geschrieben. Er liebte es, sich als Bürgerschreck zu stilisieren, schönen Frauen bei Cocktailparties in New York an die Brust zu fassen und sich Arbeiterjacken nach Maß anfertigen zu lassen. Er hat die Poesie gegen den Strich gebürstet und aus Widerspruch gegen die Ästhetik eine neue Ästhetik begründet, die uns durch ihre kunstvolle Kunstlosigkcii faszinierte.

Er war aber auch eine Schlüsselfigur in dem Rätselraten um die Beweggründe einer Zweideutigkeit, in der sich nicht wenige Schriftsteller jenseits der inzwischen verschwundenen Mauer - und nicht nur dort -übten. Man liebte es, gleichzeitig auf zwei Pferden zu reiten, in zwei Ländern in Massenauflagen gedruckt zu werden. Wurde man in dem einen verboten, so blieb immer noch das andere, wobei der böse Westen von seinen zwei Augen allzugern eines zudrückte, während der gute Osten ihn mit tausend Augen überwachte. Der weise Lenin hatte seine Schüler gelehrt, daß es Zeiten gebe, in denen man mit dem Klassenfeind paktieren müsse, um ihn besser zu vernichten.

Da kann natürlich einiges passieren, da können Mauern einfallen, Grenzen sich verwischen, da kann die Qualität aus Versehen in Quantität „umschlagen" und die Gesinnung in Gesinnungslosigkeit. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine Erzählerin, die man einmal, wie manche andere, schätzte, oder an den Dichter Bert Brecht, dessen Dreigroschenopersongs wir in die Verbannung mitnahmen, wie einst die Donkosaken ihr „Wolga, Wolga...", und dem wir verfallen waren.

Schreiben wir wieder das Jahr Null? Vielleicht zum erstenmal in der Geschichte ist der Augenblick gekommen, in dem keine neue Ideologie daraufwartet, ausprobiert zu werden. Ist am Ende dieses Jahrhunderts die Menschheit am Ende ihrer Weisheit angelangt? Oder stehen wir am Beginn einer neuen, die vor allen den Deutschen, diesen unbelehrbaren Liebhabern des Absoluten, schwer-** fallen dürfte, nämlich, daß es nunmehr an der Zeit wäre, den Menschen neu zu definieren, jenseits aller Heilslehren und Utopien, etwa im Sinne eines Norbert Elias und eingedenk der Warnung Karl Poppers: jedesmal, wenn der Mensch versucht, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, bekommt er die Hölle. (1990)

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau