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Der Durchbruch zur neuen Freiheit

Die französischen Intellektuellen standen traditionell links. In der Zwischenkriegszeit, ja noch in den fünfziger und sechziger Jahren sahen viele von ihnen im Kommunismus ein Modell, das verwirklicht werden sollte, standen „Pilgerreisen“ nach Moskau auf der Tagesordnung. In den siebziger Jahren jedoch kam es zu einer starken Ablehnung des Kommunismus als totalitäre Ideologie, wobei nach dein „Prager Frühling“ 1968 Solschenizyn langjährige Linke auf die Schrekken und Verirrungen des „realen Sozialismus“ hinwies.

Diese Abwendung von der Linken vollzog sich in Etappen.

Zunächst wurde die totalitäre Natur des Kommunismus entdeckt. So brachte 1976 Pierre Daix, bis 1974 Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs und zeitweise Angehöriger des Zentralkomitees, in seinem Buch „Marxismus — die Doktrin des Terrors“ seine Uberzeugung zum Ausdruck, daß es nach den sowjetischen Todeslagern und nach den Erfahrungen mit den psychiatrischen Kliniken in der Sowjetunion unmöglich sei, wie bisher Marxist oder Sozialist zu sein.

Pierre Daix zählt auf, wie die kommunistische Moral korrumpiert wurde: Stalins Pakt mit Hitler, die sowjetische Intervention in Polen, der Terror der Partei, die Todeslager. Die Mauer des Schweigens um diese Vorgänge müsse gebrochen werden. Dann schreibt er:

„Der Sozialismus, den Marx und Engels für wissenschaftlich hielten, hat sich, einmal an der Macht, in einen Sozialismus des Knebels, der Lüge, der Massenmanipulation, des Gulags, der erpreßten Geständnisse und der psychiatrischen Drogen verwandelt. Von Wissenschaft keine Spur, außer man meint, die Wissenschaft der Repression.“

Im selben Jahr, 1976, ist von Je-an-Francois Revel „Die totalitäre Versuchung“ erschienen. Daß seine Thematik links ist, nimmt dem Marxismus nichts von seinem Archaismus, denn für ihn bleibt das Ziel der Politik jenes uralte, aus der-Tiefe der Zeiten ererbte: Die Macht einer Minderheit. Die Kommunisten verlangen, man sollte sie nach ihren Erklärungen beurteilen, nicht nach ihrem Handeln. Und Revel zitiert Milovan Djilas, der sagte:

„Sehen Sie sich die Länder an, Wurde die Niederlage der Sozialisten in Frankreich auch von den Vordenkern der „grande nation“ vorbereitet? Die Überwindung von Marx und Sartre führt zu einer Neubewertung von Mensch und Gesellschaft.

die von Kommunisten regiert werden, sie sind zugleich wirtschaftlich und kulturell rückständig. Die Stagnation war das Hauptcharakteristikum Osteuropas, und dies schon seit Jahren. Was die Vergangenheit beweist, ist die Tatsache, daß der Kommunismus nicht etwa eine neue Art von Religion ist, sondern einfach eine andere Art von Diktatur.“

Schon vorher, 1974, hat Andre Glucksmann in seinem Buch „Köchin und Menschenfresser“ über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager geschrieben. Glucksmann ging es dabei nicht darum, die Verantwortung für den Archipel Gulag auf Marx (Köchin) abzuwälzen, sondern darum, bei Marx das zu suchen, was die Marxisten an der Macht dazu autorisierte, einen „Kasernensozialismus“ aufzubauen und den Terror Stalins (Menschenfresser) zu legitimieren.

Vor allem Andre Glucksmann und Bernard-Henri Levy vertreten jene Gruppe ehemaliger Linker, die 1968 als Maoisten oder Anarchisten hervorgetreten sind, die sich aber dann aufgrund ihrer Erfahrungen und neuen Einsichten von der Linken abwandten und radikale Kritiker des von ihr ausgehenden Totalitarismus wurden. „Von Stalin zu Solschenizyn“ resümiert die politische Tendenz dieser Gruppe, die schon anläßlich der Parlamentswahlen 1978 als „Neue Philosophen“ gegen die Linke in Aktion trat.

Eines, so der Philosoph Peter Kampits, scheint alle, die unter dem Titel „Neue Philosophen“ vereint sind, tatsächlich zu einen: Die Weigerung, demjenigen fraglos Tribut zu zollen, was sich auf der philosophischen Bühne der Gegenwart als unumstößlich und . selbstverständlich darstellt, wie unter anderem auch der Marxismus. So heißt es auch in der 1977 von Bernard-Henri Levy geschriebenen „Barbarei mit menschlichem Gesicht“: „Die klassenlose Gesellschaft ist in gewisser Weise die praktische Verwirklichung des totalitären Traumes ... und die marxistische Theorie führt, da sie den Hegel-schen Traum vom absoluten Geist verherrlicht, zur modernen Tyrannei.“

In seinem Buch „Ideologie fran-caise“ weitete Bernard-Henri Levy seine Totalitarismuskritik auf die französische Kultur- und Geistesgeschichte aus. Entscheidend dabei war, daß die herrschende Interpretation der Geschichte, wie sie von Sartre vorgegeben und vorgeschrieben wurde, eine Gegenposition fand.

Es waren die „Meisterdenker“ des 19. Jahrhunderts, Fichte, Hegel, Nietzsche, Marx, die, so Andre Glucksmann, die totalitäre Entwicklung vorbereitet hätten:

„Der Marxismus gibt einem das Recht zur Revolte. Aber auch zur Revolte gegen den Marxismus? Wenn nicht, dann lügt er.“ Und weiter: „Die Meisterdenker haben die Ideen und Taktiken, die in der vorrationalen Gesellschaft unterschiedlich vorhanden waren, in ein System gebracht und anwendbar gemacht. Der Kern ihrer Lehre, daß man in der modernen Zeit nicht überreden, sondern abschrecken muß, wurde allgemein

Nicht das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein des Staatsterrorismus ist entscheidend, Sondern wie man dagegen auftreten kann.

anerkannt. Das Grundprinzip ihrer Strategie — weniger drängen als viel mehr terrorisieren — wird das eines jeden Generalstabes, der etwas auf sich hält. Ihre wichtigste Absicht, die Dressur und Auslese des Plebs der Welt, findet sich allgemein auf der Tagesordnung.“

Die gleiche Denkrichtung sieht den Wohlfahrtsstaat in der Krise. Ausgehend von amerikanischen Studien zeigten Intellektuelle wie Henri Lepage oder Guy Sorman auf, wie amerikanische Wohlfahrtsprogramme unter John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson Milliarden verschlungen hätten, ohne Probleme der Armut, der Stadterneuerung oder der sozialen Sicherheit lösen zu können. Dabei seien die Sozialausgaben in den USA von 1960 bis 1976 von bescheidenen fünf Milliarden Dollar auf 55 Milliarden Dollar gestiegen, die Zahl der damit befaßten Beamten auf 300.000 gewachsen.

Analog der Diskussion in Amerika wird nun auch in Frankreich die Frage aufgeworfen, inwieweit Monopole wie im Bereich der Post oder der E-Wirtschaf t, die in einer bestimmten geschichtlichen und sozialen Situation einmal gerechtfertigt waren, dies heute noch seien oder ob dieselben Leistungen bei mehr Konkurrenz für den Bürger nicht besser und billiger erbracht werden könnten.

Uber Intellektuelle wie Jean d'Ormesson oder Jean-Franjois Revel wurden auch die neuen amerikanischen Wirtschaftstheorien popularisiert und die'Verhaltensweisen der Familie, die Lebensgewohnheiten in verschiedenen Altersstufen oder das Konsumverhalten unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit untersucht. Schlußfolgerung: Das menschliche Verhalten bei wirtschaftlichen Vorgängen ist rationaler als man glaubt. Key-nes, der sich nur auf die Vorgänge im Großen konzentrierte, konnte vieles, das sich im wirtschaftlichen Mikrokosmos abspielt, nicht erklären. Ideologisch wird damit der Mensch, der sein Handeln in optimaler Weise nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten ausrichtet, rehabilitiert: Sobald die liberalen Gesetze in der Wirtschaft funktionieren, kann sich der Mensch frei und vernünftig entfalten.

Daß bei diesem intellektuellen Klima Friedrich A. Hayeks Buch

„La Route de la Servitude“ (Der Weg in die Versklavung) in allen Buchhandlungen obenauf liegt, versteht sich. Dort steht: „Zwei der größten politischen Denker des 19. Jahrhunderts, Tocqeville und Lord Acton, haben uns gesagt, daß Sozialismus Sklaverei bedeutet. Aber wir haben nicht aufgehört, den Weg des Sozialismus zu gehen. Deshalb ist heute vor unseren Augen eine neue Form der Sklaverei entstanden.“

In seinem umfassenden Werk zum Thema „Warum Eigentum?“ kommt Henri Lepage zum Schluß, daß Eigentum die Grundlage der Freiheit sei. Echte Demokratie gebe es dort, wo auch die Eigentumsrechte entwickelt seien. Unter Berufung auf Milton Friedman wird die Demokratie als pluralistisches System gesehen, gekennzeichnet durch viele Machtzentren. Diese unterschiedlichen Machtträger müßten Eigenständigkeit besitzen, das Eigentumsrecht sei dafür eine wesentliche Voraussetzung.

So sind die französischen Intellektuellen, enttäuscht und ernüchtert von den Lehren und von der Praxis des Sozialismus, heute auf der Suche nach einer Gesellschaft, die geprägt sein soll von der Würde des Menschen, von der Anerkennung seiner Leistung, von Partnerschaft statt Klassenkampf, von einer neuen Solidarität. „Mehr privat und weniger Staat“ lautet heute auch das Motto in Frankreich, die Werte der großen französischen Revolution sollen wieder vom Bürger selbst getragen werden.

Der Autor ist Abgeordneter zum Nationalrat

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