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„Marx hat ausgedient“

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Am 14. März 1883, vor 100 Jahren, starb Karl Marx, einer der bedeutendsten Ideologie-Gründer der Geschichte. Was aber ist vonn Marxismus übriggeblieben? Wie sieht die marxistische Realität in Osteuropa aus? Die FURCHE bat zwei bedeutende Denker - einer aus Polen, einer aus der Sowjetunion - um Stellungnahmen,

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Am 14. März 1883, vor 100 Jahren, starb Karl Marx, einer der bedeutendsten Ideologie-Gründer der Geschichte. Was aber ist vonn Marxismus übriggeblieben? Wie sieht die marxistische Realität in Osteuropa aus? Die FURCHE bat zwei bedeutende Denker - einer aus Polen, einer aus der Sowjetunion - um Stellungnahmen,

Der Marxismus sollte eine Arznei gegen die Krankheit der menschlichen Gesellschaft sein. Kann man aber die Wirkung einer Arznei einschätzen, ohne nach der Gesundheit des Patienten zu fragen, dem sie verabreicht wurde? Wie also sieht der Marxismus nach einem Jahrhundert und aus der Perspektive eines an .der Weichsel gelegenen Landes aus?

Was immer man auch sagt, man muß den Menschen Gerechtigkeit widerfahren lassen, die den Marxismus guten Glaubens als Grundlage ihres Engagements für die Verbesserung der Welt genommen haben. Sie glaubten, ein Heilmittel in der Hand zu haben. Die wichtigste Ursache für die Popularität des Marxismus war ein zur Zeit des „wilden Kapita-

lismus" immer stärker werdender Aufruhr der Gewissen gegen die Unterdrückung der Arbeit. Wer immer ein mitfühlendes Herz hatte, rief: „So kann es nicht weitergehen!"

Der Marxismus schloß sich diesem Aufruhr und Aufschrei an, wurde dadurch stärker und bemühte sich, ihm die Gestalt einer logischen Theorie zu geben. Er versprach, eine neue, bessere Welt zu schaffen. Der Marxismus lockte mit einer Hoffnung, die einen zutiefst ethischen Sinn hatte. Die Theorie der Veränderung der Welt kam später hinzu. Am Anfang stand das Ethos. Wer konnte einer solchen Verheißung gegenüber ungerührt bleiben?

Tausende junge Menschen zogen aus, die Geschichte zu erobern, unter ihnen auch der heute bekannte Philosoph Leszek Kola-kowski. Stolz zogen sie aus und wiederholten die Worte von Karl Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an, sie zu verändern."

Der Marxismus war vor allem die erste große Philosophie der Arbeit. Sein Ziel war, dem Menschen die volle Macht über die geschichtliche Entwicklung zu ge-~ ben. Die Arbeit wurde von Marx als konkrete, sinnliche Arbeit des Lohnarbeiters gefaßt, der durch seine Mühe dem Kapitalisten Reichtum und sich selbst Armut schaffe.

Marx führte auf der Bühne des großen Denkens einen neuen Helden ein: die Klasse des Proletariats. Er gab dem Problem der Ausbeutung der menschlichen Arbeit eine neue Bedeutung. Das sicherte ihm eine Karriere. Aber damit verband sich eine andere Entwicklung, die auf eine Katastrophe zusteuerte. Was bedeutet denn Arbeit bei Marx außerdem? Letztlich ist Arbeit eine Form des Kampfes — des Kampfes mit der Natur und des Klassenkampfes mit dem anderen Menschen.

Die Kategorie des Kampfes erwies sich gegenüber der Kategorie der Arbeit als die grundsätzlichere. Wer hat die Macht über die Geschichte der Arbeit? Nach der Auffassung von Karl Marx hat sie der Eigentümer der Produktionsmittel. Von dorther kommt die Forderung nach „Aufhebung" des Privateigentums an Produktions-

mitteln. Als Methode der Veränderung sollen Revolution und Diktatur dienen.

Karl Marx gab der Politik einen neuen Sinn und Wert. Seit diesem Zeitpunkt gilt Politik dann als wahrhaftig, wenn ąie unter Einsatz aller möglichen Mittel die Befreiung des arbeitenden Menschen von der Unterdrückung des Kapitals betreibt. Eine solche Politik ist identisch mit der Ethik. In letzter Konsequenz stellte der Marxismus eine radikale Politisierung der Ethik dar.

Wir wissen sehr gut, wie die Katastrophe aussieht. Der westeuropäische Marxismus wurde vor allem zu einer kritischen Theorie, die ständig danach strebt, die Fehler des Kapitalismus zu verbessern. Aber sollte es also verwundern, daß der Marxismus das Los der von ihm gerechtfertigten Macht teilen muß?

Das ist sehr charakteristisch: Der Marxismus bringt seine eigenen Totengräber hervor. Nicht die Kirche, nicht Christen, nicht fromme Katholiken sind die verbissensten Feinde des Marxismus, vielmehr sind es seine ehemaligen Anhänger und Bekenner. Niemand erreichte die von Leszek Kolakowski geübte Kritik. Er sagt: „Der Marxismus war die größte Phantasie unseres Jahrhunderts." Am Ende seiner Monographie über die Geschichte des Marxismus lesen wir: „Die Selbstvergötterung des Menschen, welcher der Marxismus philosophischen Ausdruck verlieh, endet wie alle individuellen und kollektiven Versuche der Selbstvergötterung - sie erweist sich als der farcenhafte Aspekt der menschlichen Unzulänglichkeit."

Diejenigen, die die Welt verändern wollten, statt sie zu erklären, verlassen die Bühne mit der Erfahrung bitterer Enttäuschung. Sie leben mit einem Verlangen nach Vergeltung. Ihre Vergeltung wird zur Plage kommunistischer Regierungen.

Welche Rolle aber fällt hier der Kirche zu? Dem polnischen Christentum, geführt von den zwei großen Gestalten Stefan Kardinal Wyszinski und Karol Kardinal

Wojtyla, stellte sich der Marxismus noch einmal anders dar, und zwar letztlich als eine Variante des europäischen Neuheidentums.

Europa wurde eigentlich nie zur Gänze getauft. Symptome dafür sind der Kapitalismus, der Kolonialismus, der Faschismus und auch der Marxismus. Der Zug des Neuheidentüms im Marxismus äußerte sich am deutlichsten im Prinzip der Uberordnung der Politik über die Ethik. Das bedeutet theoretisch und praktisch die Anei kennung des Grundsatzes, daß der Zweck die Mittel heilige.

In engem Zusammenhang mit dieser Konzeption steht die ganze Mythologie des Kampfes und des Strebens nach Macht, ein Kult der Diktatur. Was tut die Kirche? Vor allem lehrt und tauft sie. Indem sie tauft und lehrt, sucht sie zugleich ein neues Heilmittel für die erkrankte Arbeit. Der erste Schritt muß die Rückkehr zum Grundsatz des Vorrangs der Ethik vor der Politik sein.

Die Kirche wird zu einer gewaltigen ethischen Kraft im Volk. Weitere Schritte sind: die Lehre von der Natur des Menschen als Person, was einer Wiederkehr des Personalismus gleichkommt, und die Lehre vom Wesen der Arbeit als einer Form des gesellschaftlichen Dialogs und der Verständigung des Menschen mit dem Menschen. Johannes Paul II. schreibt: „Es ist ein Kennzeichen der Arbeit, daß sie die Menschen vor allem eint; darin besteht ihre soziale Kraft: sie bildet Gemeinschaft" („Laborem exercens", 20).

Eine authentische Ethik der Arbeit kann daher nicht die Ethik des Klassenkampfes, sondern nur die Ethik der Solidarität der arbeitenden Menschen sein. Ein weiteres wichtiges Moment stellt die Frage nach dem eigentlichen Subjekt der Geschichte dar. Das Subjekt der Geschichte ist weder die Regierung noch irgendeine Partei noch eine Klasse, sondern das Volk. Daraus ergibt sich eine praktische Aufgabe: Man muß sich mit dem Volk befassen und es zu einer vollkommeneren Teilnahme an der Geschichte erziehen.

Der Marxismus sollte ein Instrument sein, mit dessen Hilfe man den geschichtlichen Prozeß der Arbeit in den Griff bekommen kann. Zu diesem Zweck erklärte

er die Notwendigkeit der „Aufhebung" des Privateigentums an Produktionsmitteln. Aber wohin führte das? Es führte zu einem katastrophalen Schwund jeglichen Fortschritts der Arbeit.

Professor Edward Lipinski, ein hervorragender Ökonom und ein langjähriger Aktivist in der sozialistischen Bewegung, schreibt: „Der Sozialismus übernimmt die Produktionstechnik und selbst die Produkte vom Kapitalismus. Radio, Fernseher und Waschmaschine sind Produkte des Kapitalismus. Der Sozialismus hat auch nicht ein einziges Produkt hervorgebracht, das einer besseren Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse dienen würde. Auch durch die Verstaatlichung der Produktionsmittel gelang es ihm nicht, ein neues und besseres System für den Verlauf des Produktionsprozesses zu erarbeiten. Das System, das er hervorbrachte, erwies sich als verschwenderisch und uneffektiv" (E. Lipinksi: Problemy — pytania — watpliwos-ci; Warschau, 1981.653 f.). Und die politische Diktatur ist ratlos und kraftlos gegenüber denen, die im Arbeitsprozeß stehen.

Wozu führte das noch? Der Begriff des privaten und gesellschaftlichen Eigentums, mit dem Marx und die Marxisten operieren, erweist sich als derart vieldeutig, daß er absurden Anwendungen offensteht. Das Private steht als moralisches Übel oder zumindest als moralisch verdächtig da. Aber wo verläuft die Grenze zwischen dem, was privat ist, und dem, was gesellschaftlich ist? Niemand kann das genau angeben.

Auf diese Weise wird nicht nur der Privatbesitz einer Kohlengrube verdächtig oder sogar schlecht, sondern auch der Privatbesitz einer bescheidenen Landwirtschaft, einer eigenen Bibliothek, einer eigenen Weltanschauung, ja sogar das Sichselbst-Besitzen. Arbeit bedeutet nicht mehr einen moralischen und rechtlichen Anspruch auf Eigentum und kann es auch nicht bedeuten. Tugendhaft ist allein derjenige, der arbeiten kann, ohne etwas davon zu haben.

Irgendjemand muß aber der Besitzer der Fabriken, der Kohlengruben und der Autos sein. Wer aber? Die Tatsache des Machtbesitzes ist die Voraussetzung für den Anspruch auf Eigentum. Auf diese Weise entsteht eine

„neue Klasse" von Besitzern, die nicht zugeben wollen, daß sie die Besitzer sind. Auf diese Weise auch entsteht ein neuer Typ von Untertanen, für die das Bestehlen des Staates zum Beruf geworden ist, die jedoch nicht zugeben sollen, daß sie Diebe sind. Die Welt des „realen Sozialismus" wird zu einer Scheinwelt.

Ich glaube nicht, daß Marx an all dem schuld hat. Ich bin weit davon entfernt, Karl Marx seine Verdienste für die Darstellung des Problems der Arbeit, des arbeitenden Menschen und der Ausbeutung der Arbeit auf einer Ebene, auf der ausschließlich nur für die großen Geheimnisse des Menschen Platz ist, abzusprechen. Ich stelle jedoch nochmals die Frage: Was denken die Arbeiter an der Weichsel über Karl Marx, jene an einem unvergeßlichen Dezembertag internierten?

Eben zur Zeit des Kriegszustandes publizierte ich ein paar Artikel. Darin zitierte ich einige Sätze von Karl Marx. Die Zitate waren so ausgewählt, daß sie zugleich eine Kritik der Politik der Machthaber darstellten. Mit den Worten von Karl Marx aber band ich dem Zensor die Hände. Aus einem Interniertenlager erhielt ich eine kurze Nachricht als Reaktion: „Sehr gut; aber bitte ohne Marx!" Der „unfehlbare Instinkt der Arbeiterklasse" hatte sein Urteil gefällt.

Ich meine, daß der beste Dienst, den wir Karl Marx heute erweisen können, der wäre, ihm seinen Platz in der Geschichte der Philosophie zuzuweisen. Ihn jedoch in heutige Zeiten zu versetzen, käme der Anwendung eines längst veralteten Heilmittels gleich.

Aus dem Polnischen Ubersetzt von Elzbieta und Rembert J. Schleicher.

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