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Die Krise des Weltkommunismus

Nach der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrages und der Wiederannäherung zwischen Sowjetrußland und Jugoslawien steht die europäische Oeffentlichkeit unter dem Eindruck, daß sich dadurch Perspektiven auf eine hoffnungsfrohere Zukunft der Kulturvölker eröffnen. Diesmal dürfte es keine allzu verfehlte Schlußfolgerung sein. Denn bei den neuesten weltgeschichtlichen Entwicklungen handelt es sich zweifellos um den Ausdruck eines entscheidenden geistigen Wandlungsprozesses, der sich durch greifbare politische Ereignisse ankündet. Allerdings begegnet jeder Versuch, die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen auf diesen sich kaum abzeichnenden Wand-lungsprozeß zu lenken, zunächst skeptischem Widerstande, was wohl in erster Linie daran liegt, daß sich heute das Denken vieler Europäer an gewissen standardisierten Formeln der Beurteilung des Weltgeschehens festgefahren hat. Dazu gehört u. a. die fast zum Gemeinplatz gewordene Behauptung, das Christentum habe endgültig abgewirtschaftet und werde über kurz oder lang unweigerlich durch den Kommunismus abgelöst. Ansichten dieser Art v/erden keinesfalls allein von überzeugten Anhängern des Marxismus, sondern oft genug auch von Menschen vertreten, die sich für gute Christen halten und den Kommunismus verabscheuen. Offenbar ist aber ihr Glaube an Christus nicht tief genug und ihr Abscheu vor seinen Verleugnern nicht zwingend genug. Und dafür gibt es nur eine Erklärung. Zwar ist überall von der Krise des Christentums die Rede, die wenigsten Menschen legen sich jedoch Rechenschaft darüber ab, was das Christentum eigentlich darstellt, und der Weltsieg des Kommunismus wird als apokalyptisches Zukunftsbild an die Wand gemalt, ohne daß über die Möglichkeiten und Grenzen seiner geschichtlichen Wirksamkeit Klarheit herrscht.

Die Umwälzung von 1917 dürfte als Auswirkung der ihr voraufgegangenen geistesgeschichtlichen Entwicklung an und für sich unvermeidlich gewesen sein; ebenso unbestreitbar ist es jedoch, daß beim Ausbruch der Revolution die überwiegende Mehrheit des russischen Volkes nichts von der marxistischen Lehre wußte. Trotzdem sollte diese Lehre als ideologische Aussaat in der ihr durch Lenin gegebenen . Prägung in Rußland gerade deswegen einen fruchtbaren Boden finden, weil sie sich zum Endziele die Weltrevolution setzte, das heißt, eine grundlegende Umwertung aller Geistes- und Lebenswerte aus der Erkenntnis heraus, daß die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft eine hoffnungslose Versklavung und Ausbeutung der Kulturmenschheit verschuldet hatte. Dementsprechend kündete Lenin mit Berufung auf Marx die Heraufkunft einer neuen, besseren Welt, in der die Sehnsüchte aller Beleidigten und Erniedrigten Erfüllung finden sollten, und stellte sich auf diese Weise bei seiner politischen Aktion von vornherein auf die Vorstellungen des russischen Volkes ein, das seit Jahrhunderten im Glauben lebt, sich eines Tages um den Kampf unendlicher Leiden ein v/elterlöserisches Amt sichern zu können. Bekanntlich war dieses Zukunftsbild einst dem Geiste einer zutiefst christlichen Geisteshaltung entsprungen, wonach es galt, ehe die eigene Erlösung möglich würde, den Weg zu ihr vor allem den anderen zu weisen. Der gleiche Geist kann heute nur durch ein andersfarbiges,von zersetzenden Stoffen imprägniertes Filter hindurch wirken; trotzdem stellt er nach wie vor einen entscheidenden Gestaltungsfaktor des russischen Lebens dar.

Würde es sich bei den Schöpfungen des bolschewistischen Regimes in der Tat lediglich um einen Komplex politischer, sozialer und wirtschaftlicher Strukturen, um Ergebnisse der Anwendung wissenschaftlicher Kriterien und soziologischer Erkenntnisse auf die Wirklichkeit des russischen Lebens handeln, so wäre dieses Regime nicht nur bereits nach kurzer Zeit im Innern des Landes selbst gescheitert, sondern es hätte ohne die erlöserische Aspiration des Volkes vor allem an jener dynamischen Stoßkraft gefehlt, die die Verbreitung der kommunistischen Ideologie in der ganzen Welt begünstigte.

Auf dem Hintergrunde dieser das Leben von Millionen von Menschen bestimmenden Gemütsverfassung entwickelte sich im Laufe von vier Jahrzehnten die politische Aktion einer Regierung, die einerseits ihre ideologische Expansion sozusagen stillschweigend durch den Anspruch des Volkes auf die geistige Erneuerung der Menschheit sanktioniert sah, anderseits dessen Duldungsfähigkeit zum tragenden Pfeiler der eigenen Machtposition ausbaute. So ergab sich wiederum jene scheinbare Ueberein-stimmung zwischen Staat und Gemeinschaft, die viele Zeitgenossen dazu verleitet, den Behauptungen der kommunistischen Presse Glauben zu schenken, wonach es in Sowjetrußland einen im Geiste des dialektischen Materialismus geformten, restlos der Idee der kommunistischen Weltrevolution ergebenen neuen Menschentypus gäbe.

Der innen- und außenpolitische Erfolg des russischen Kommunismus setzte nicht nur die dogmatische Unantastbarkeit des Marxismus-Leninismus als einzige maßgebende moderne Erlösungslehre, sondern auch die Kompaktheit der die kommunistische Ideologie schützenden und fördernden politischen Macht voraus, die durch die Kreml-Regierung verkörpert wurde. Titos Rebellion schlug erstmalig eine Bresche in die ideologische Einheitsfront des Weltkommunismus; trotz des immer wieder betonten Einvernehmens zwischen Moskau und Peking sollte später auch die Entwicklung Rotchinas in die gleiche Richtung weisen. Anderseits wurde durch Stalins Tod die Kompaktheit der politischen Exekutive erschüttert, und der immer noch fortdauernde Kampf um seine Nachfolge kann nicht umhin, die politisch-ideologische Stellung des Kremls als Zentrale des Weltkommunismus weiter zu schwächen und das Aufkommen von „Häresien“ zu fördern, die ihrerseits zu immer zahlreicheren Spaltungen innerhalb der in seinem Dienste stehenden ausländischen Körperschaften führen müssen. Unter solchen Umständen erscheint es keinesfalls erstaunlich, daß in Belgrad sowohl Chruschtschow mit seiner umstrittenen Ansprache als auch die Moskauer Befürworter der gemeinsamen sowjetrussisch-jugoslawischen Deklaration auf sich das Risiko nahmen, ernstlich die europäischen Kommunisten zu verstimmen beziehungsweise dem Aufkommen von national betonten, von Sowjetrußland mehr oder minder unabhängigen kommunistischen Organisationen den Boden zu bereiten. Da es keinem Zweifel unterliegt, daß alle positiven und negativen Konsequenzen der Belgrader Konferenz im Kreml abgewogen wurden, muß logischerweise angenommen werden, daß die Moskauer Machthaber in der gegenwärtigen Phase des weltpolitischen Kampfes gegebenenfalls auch ohne Unterstützung ihrer bisherigen europäischen Agenten und Mitläufer auszukommen glauben, was umso verständlicher sein mag, als deren Einfluß auf die Massen in den einzelnen Ländern erheblich gesunken ist. Anderseits läge ein allmähliches Fallenlassen der ehemaligen Helfershelfer durchaus auf der Linie, die seit über drei Jahrzehnte das bolschewistische Regime auszeichnet, und wäre im übrigen auch ein Beweis mehr für den ständig zunehmenden Einfluß der Militärkreise auf die Entscheidungen der Moskauer Regierung, der sich seit Monaten an vielen anderen Symptomen erkennen läßt.

Die bisherige ideologisch bestimmte Linie der sowjetrussischen Außenpolitik, die ihren typischen Niederschlag in der Errichtung des Eisernen Vorhanges und in der konsequenten Fortführung des kalten Krieges fand, erforderte eine ungeheure Anspannung aller schöpferischen Energien der Nation. So mußte denn am Ende in noch nie dagewesenem Maße die tragische Diskrepanz des kommunistischen Experiments zutage treten. Mit seinen zweihundert Millionen Einwohnern kann Rußland einen beschleunigten Ausbau seiner Schwerindustrie grundsätzlich nur auf Kosten eines Verzichts auf die Vervollkommnung seiner Landwirtschaft mit modernen wissenschaftlichen und technischen Methoden erreichen. Für eine gleichzeitige, auf beiden Wirtschaftsgebieten wirklich erfolgreichen Aktion fehlt es im Lande an erforderlichen Arbeitskräften. Die Aufgabe, vor der sich auf diese Weise jede sowjetrussische Regierung gestellt sieht, muß schlechthin unlösbar bleiben, solange diese Regierung auf ihrer ideologischen Position beharrt.

Bisher fand der Kreml für seine ideologische Expansion sowohl in Europa als auch in Asien einen aufnahmebereiten Boden und konnte dem unerfreulichen Bilde, das in Rußland die Folgen seiner schweren Wirtschaftskrise boten, das Bild der ausgebeuteten und unterdrückten Völker entgegenhalten, die ungeduldig den Tag ersehnten, an dem sie von ihrem Elend durch den Kommunismus erlöst werden würden. Die Beeinflussung der Massen in diesem Sinne hatte jahrzehntelang die besten Früchte getragen, doch die weitere Anwendung dieser Methode dürfte nunmehr ernstlich in Frage gestellt sein.

Die Entwicklung der internationalen Lage, die neuerdings unter dem Vorzeichen des geschlossenen Zusammengehens der Westmächte steht, muß in der Tat den verantwortlichen Männern Sowjetrußlands zu denken geben. Ihr Widerstand gegen die Pariser Verträge und die sich daraus ergebenden Konsequenzen lassen sich weit weniger auf die Angst vor der Bewaffnung Deutschlands und die allgemeine Erstarkung der freien Welt als auf die Perspektive zurückführen, sich in verhältnismäßig kurzer Zeit einem in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht ins Gleichgewicht gekommenen Westeuropa und höchstwahrscheinlich auch vielen ebenso weitgehend sanierten Gebieten Asiens gegenüberzufinden, was zur bedenklichen Einengung des -für die ideologische Expansion des Kommunismus unerläßlichen Raums führen würde. Die Anzeichen dieser Entwicklung machen sich in der Tat bereits bemerkbar. Neben dem Mißerfolg der Propaganda gegen die Pariser Verträge mußte der Kreml zu seinen Ungunsten u. a. den Rückgang der kommunistischen Stimmen bei den Wahlen in Frankreich und den Verlust gewerkschaftlicher Schlüsselstellungen in Italien buchen. Auf gleicher Linie liegt auch die Bereitschaft Rotchinas zu einer Verständigung mit den Vereinigten Staaten, kann doch Mao-Tse-tung kaum mit der für die Konsolidierung seines Regimes dringend benötigten Hilfe seitens der durch die eigene Wirtschaftskrise schwer mitgenommenen Sowjetunion rechnen.

Unter solchen Umständen sollte es niemanden verwundern, wenn Moskaus bisherige vorwiegend ideologisch bestimmte Expansionspolitik über kurz oder lang — nach der wahrscheinlichen Auflösung des Kominform — in ein ausgesprochen nationalistisch gefärbtes Fahrwasser hinüberwechseln und die Weltrevolution fortan unter Berufung ai# völlig neue beziehungsweise sehr alte Ideale angestrebt werden würde.

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