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Probleme der Atomzivilisation

Hinter dem nachfolgenden Gedankengang stehen zwei Erlebnisse, die, wenn gleichsam bekenntnismäßig an die Spitze gestellt, sein Verständnis wesentlich erleichtern können: einerseits das Erlebnis des ersten Jahrzehnts eines neuen Zeitalters, des historischen Auftaktes der Atomzivilisation von Hiroschima bis Genf, und zwar in deren Mutterland, Amerika, umwälzend, atemraubend, überreich an persönlichsten Erfahrungen, anderseits das Erlebnis der Heimkehr nach 18 Jahren aus der Emigration, das heißt, aus einer Situation globaler Ueber-sicht in eine solche noch immer sehr vordringlicher und recht unbekümmerter lokaler Interessenkämpfe. An Europa fällt dem Europäer, der es fast zwei Jahrzehnte nicht mehr betreten hat, in besonderem Maße auf, daß es auf die Atomzivilisation geistig noch keineswegs vorbereitet ist, obwohl unser gesamtes Leben in steigendem Maße in ihrem Zeichen steht, daß der alte Kontinent aber trotzdem für die Bemeisterung des neuen Zeitalters noch immer einzigartige Werte einzusetzen hat.

Die Geisteswissenschaften, nicht die Naturwissenschaften, sind dazu berufen, an der Wende dieses Zeitalters, in das wir eintreten, das entscheidende Urteil über die Ursprünge,die Funktionsmöglichkeiten und die Konsequenzen der Atomzivilisation zu fällen. Innerhalb der Geisteswissenschaften aber tragen die politischen Wissenschaften die eigentliche historische Verantwortung dafür, daß ohne nationale Verfälschung ausgesprochen wird, was vom Atomzeitalter heute schon sinnvoll gesagt werden kann. Denn es ist in Wahrheit die politische Erkenntnis im theoretischen Sinne, also die I.dee des Staates, welche die praktische Gestaltung des Staates bestimmt, selbst wenn im nicht wissenschaftlichen, durchschnittlichen Denken der umgekehrte Kausalzusammenhang plausibler erscheint. Daher beschäftigen wir uns mit den Problemen der Atomzivilisation, nicht indem wir eine naturwissenschaftliche Problemstellung vortäuschen, sondern in der geisteswissenschaftlichen, näherhin soziologischpolitischen Absicht, die uns ganz wesentlich zu Erkenntnissen für das konkrete Handeln, für den Einsatz im Staate führen soll, wie wir ihn auf den verschiedensten Gebieten machen müssen, um der heraufziehenden, vielleicht alsbald heranflutenden atomtechnischen Geisteshaltung diejenigen Bahnen weisen zu können, welche die Kontinuität der Zivilisation sicherstellen und gewährleisten.

Es soll damit durchaus nicht bestritten werden, daß es sich in den theoretischen, physikalisch-chemischen und technischen Voraussetzungen der Atomzivilisation um überaus komplexe Probleme handelt, für die eine hochgeschätzte Gruppe von Experten zuständig ist. Daraus folgt freilich mitnichten, daß diese Experten, weil nunmehr die Atomzivilisation über uns kommen soll, ihre herrschende Klasse werden können; sie haben ihre Zuständigkeit und ihren Platz in der Vorbereitung und Betreuung der Atomtechnik, nicht jedoch in den geistigen Zielsetzungen, denen sie dienen muß. Die übergroße Autorität und Macht, welche die Experten vieler Disziplinen, Physiker, Chemiker. Mediziner, Techniker, oft auch Oekonomen und Juristen infolge unserer sich immer mehr spezialisierenden Zivilisation in der Vorstellungswelt breitester Massen genießen (eine säkularisierte, abgesunkene Erscheinungsform der einstigen sakralen Position der Priester und Könige in der feudalen Gesellschaft), diese Ueber-schätzung ist nur ein besonderes Anzeichen dafür, daß noch beträchtlich unter schätzt wird, was wir alle zusammen, das im Staate organisierte Volk und die ihnen beiden, dem Staate und dem Volke, dienenden Wissenschaften zu leisten haben. Denn die geistige Aufgabe der zeitgenössischen Demokratie, in der allen Bürgern mit der durchgreifenden Organisation des Staates die Gestaltung der gesamten Zivilisation anvertraut und aufgegeben ist, kann noch nicht als genügend erfaßt angesehen werden, wo es herrschende Klassen von Experten gibt, denen nicht in den entscheidenden Lebensfragen der nationalen Gemeinschaft fundierte Gesamtauffassungen des Staatsvolkes die Waage halten.

Wir müssen es uns darnach in den politischen Wissenschaften herausnehmen, zwar beileibe nicht alles besser wissen zu wollen, aber doch alles, was im Interesse des Staates gewußt werden muß, von einem höheren, gesellschafts-ordnenden Gesamtzusammenhang her besser beurteilen zu können. Wir müssen den Sittlichen Mut haben, das Studium generale zwar auch innerhalb der eigenen Fachdisziplin zu wollen und zu pflegen, darüber hinaus aber zu einer kritischen Synthesis aller Fakultäten um des Staates willen vorzudringen, der unser entscheidendes wissenschaftliches Thema ist. Allein aus dem Geiste und der Wissenschaft der Organisation des nationalen Ganzen und des politischen Gemeinwesens in der zeitgemäßen demokratischen Form und gegebenen historischen Gestalt kann die bewußte oder unbewußte Diktatur der Experten aller Fakultäten in unserer Zivilisation überwunden werden. Diese Zielsetzung wird die politischen Wissenschaften, welche die Aufgabe einer Gesamtauffassung um des Staates willen in allen ihren Schwierigkeiten erfaßt hat, keineswegs anmaßend machen; sie wird nicht das Besserwissenwollen m ihr befördern, wohl aber den besonderen Sinn für das Dienen im Staate und am Staate unterstützen und pflegen. Denn allein dieser politische Dienst im höchsten Sinne kann es bewirken, daß auf der Plattform des konkreten Staates die Natur- und Geisteswissenschaften, die Juristen, Oekonomen, Pkysiker, Chemiker, Mediziner und Techniker zusammenwirken.

Die empirische Struktur der Atomzivilisation, ob sie amerikanisch-russisch oder russischamerikanisch sein wird; inwieweit sie „unvermeidlich“ und „zwangsläufig“ ist oder aber „geplant“ und „gestaltet“ werden kann; wie es sich mit ihrem Heraufziehen oder Hereinbrechen verhält; ob sie schon in unserer Lebenszeit oder erst nach Jahrzehnten volle Wirklichkeit werden wird: das alles läßt sich weniger aus atomphysikalischen als vielmehr aus welt-wirtschafts- und staatspolitischen Voraussetzungen beantworten. Vor allem wird man die Geschichte der Atompolitik der beiden Weltmächte, Amerika und Rußland, sowie die sie bedingende und dadurch wieder bedingte militärische Entwicklung der Atomkraft richtig sehen müssen. Von den beiden Atombomben im August 1945, die durch Massemnord an der japanischen Zivilbevölkerung gegen alle ethnischen und völkerrechtlichen Prinzipien der Vergangenheit das Atomzeitalter „eingebombt“ haben, über die amerikanisch-russisch-britische erie von bisher etwa 70 Atom-, Hydrogen-, vielleicht auch Kobalt-, jedenfalls aber Uranium-bomben, über die Atomstrategie der Weltmächte, die Atomverteidigung oder Atomnichtverteidigung, die sie ihren Völkern und den anderen zumuten, die Atomaufrüstungsund Atomabrüstungsprobleme mit ihren weit-, wirtschafts- und staatspolitischen Hintergründen bis zur Genfer Atomkonferenz im August 1955 geht der historische Weg des ersten Jahrzehnts der Atomzivilisation. Die Geschichte des Atomzeitalters begann mit dem Aufbau und dem Einsatz der Atomkraft im zweiten Weltkrieg und setzte sich in der Atomstrategie des „kalten Krieges“ fort. Dieser Tatbestand wird die Atomzivilisation noch lange bestimmen; sie ist kriegsgeboren und ihre Entwicklungsbahn ist waffentechnisch bestimmt. Darin liegen die Schwierigkeiten ihrer Domestizierung.

In Amerika, wo die militärisch orientierte Atompolitik erwachsen ist, besitzt* die Atomkraft als entscheidender Antrieb aller Aufrüstung eine eminent wirtschafts- und staatspolitische Bedeutung. Die Rüstungsindustrie ist das eigentliche Rückgrat der amerikanischen Prosperität. Darum geht auch in verschiedener Nuancierung der Kampf der beiden amerikanischen Staatsparteien. Das ganze Problem ist das des amerikanischen Kapitalismus: entweder seiner Organisation durch den sozialen Wohlfahrtsstaat (ein Programmpunkt der Demokraten von Roose-velt über Truman bis Stevenson, auch wenn sie ideologisch an der kapitalistischen Basis festhalten) oder aber seiner Subventionierung, Freisetzung und Ausrüstung durch den sozial indifferenten Staat, den „Nachtwächterstaat“ (was gefühlsmäßig den Republikanern entspricht, auch wenn sie umgekehrt, nicht minder unter Eisenhower, Elemente des New-Fair-Deal in ihre Plattform eingebaut haben). Aus dieser Staats-, wirtschafts- und letzter Linie weltpolitischen Dynamik stammt die in sich selbst zweifellos geniale Idee, die der Name Eisenhower symbolisiert, die nationale Atombombenproduktion mit ihrem Katastrophenpotential durch eine internationale Atomfriedensindustrie zu ersetzen, in der, wie man optimistisch meint, dieses Katastrophenpotential nicht existiert, oder aber, weniger optimistisch ausgedrückt, es wenigstens für unsere Lebenszeit noch nicht voll in Erscheinung tritt. Diese Idee hat nach Genf geführt, und ihr letztes Ziel ist die amerika-n i s eh.-r ussische Atomzivilisation, die sich naturgemäß beide Weltkonstellationen unter ihrem eigenen Vorzeichen denken, die jedoch Amerika durch seine industriell-technische Kapazität führend zu bestimmen alle Aussicht hat. Man muß sich freilich auch wieder an dieser Schwelle zum zweiten Jahrzehnt der Atomzivilisation ganz klar machen, daß, so wie die Atomkraft selbst ihre Entfesselung den militärischen, nicht den zivilisatorischen Antrieben verdankt, so auch die Idee der Atomfriedenswirtschaft nicht aus ökonomischen, sondern aus politischen Motiven herrührt, und daß darin nicht minder verhängnisvolle Komplikationen liegen können.

Die inneramerikanische Situation wird durch die amerikanische Atomgesetz-g e b u n g erhellt, in der das herrschende gemischte System des staatsorganisierten Kapitalismus Amerikas zur Lizenzierung der Privatindustrie unter Kontrolle der Atomic Energy Commission geführt hat, die unter der gegenwärtigen republikanischen Administration das privatkapitalistische Interesse der großen Korporationen weitgehendst begünstigt. Die konsequenten New-Fair-Deal-Demokraten vertreten den Ausbau dieser Kontrolle zur staatsgelenkten Atomindustrie; die Republikaner dagegen führen die Staatssubventionierung der privaten Korporationen durch, die sich dem nationalen und internationalen Atomgeschäft widmen. Die Logik des amerikanischen Systems spricht, für die Republikaner, die Situation der amerikanischen Gesellschaft und der Welt hingegen für die Demokraten. Das amerikanische Beispiel aber wirkt bereits vorbildlich und abschreckend zugleich. Ueberau in der Welt beginnen sich zwei nationale Gruppen zu bilden, von denen eine für die rascheste Entwicklung der industriellen Atomkraft unter der Patronanz amerikanischer Korporationen, die andere dagegen für eine langsame Entwicklung unter eigenem nationalen Vorzeichen bei stärkster Organisation der Atomwirtschaft durch den Staat eintritt. Während in Amerika der innerpolitische Kampf um diese beiden Programme alle Aussicht hat, die Präsidentschaftswahlen der kommenden Jahrzehnte zu bestimmen, können diejenigen Länder, welche die industrielle Atomkraft durch einen Akt der Gesetzgebung erst einführen wollen, es sich durchaus noch überlegen, welcher Ordnung sie folgen wollen. Die gewaltige Aufgabe der technischen Domestizierung der Atomkraft, die noch vor der Menschheit liegt, spricht zweifellos stärker zugunsten weitgehender Staatsorganisation und Staatskontrolle, wogegen die Ueberantwor-tung der Atomkraft an die Privatwirtschaft alle Uebel der industriellen Revolution von ehedem in potenzierter Form zu wiederholen verspricht, nur daß die zivilisatorische Substanz von damals nicht mehr existiert, um die entfesselten Uebel wieder einzufangen.

Naturgemäß sind die ungelösten Probleme der Atomtechnik das größte Fragezeichen für ein gesichertes Funktionieren der Atomzivilisation selbst; sie stellen ein Gefahrenmoment nicht nur. für die durchgreifende Organisation der Atomfriedenswirtschaft dar. sondern durch sie auch, vorläufig kaum in anderer Form als die Atombombenproduktion, für die biologische Existenz der Menschheit. Hierher gehören fünf schicksalsschwere Probleme, die allein den Experten zu überlassen, vollkommener Wahnsinn wäre: a) die atmosphärische globale Radioaktivität auf Grund der fortgesetzten Atombombenexperimente mit ihren explosiven radioaktiven Ausschüttungen (Charles-Noel Martin 1955); b) die Frage, wie man die in der Atomfriedensindustrie in gesteigertem Ausmaße anfallenden radioaktiven Abfallsprodukte ausstoßen, das heißt, denaturieren und deponieren soll; c) die groteske Tatsache, daß in demselben Maße, als die Atombombenproduktion durch eine sich verbreiternde Atomfriedensindustrie abgelöst würde, das verfügbare radioaktive Kriegspotential sich ebenfalls verbreitern müßte, da diese Abfallsprodukte, die sich jeder Kontrolle entziehen, in überraschender Aggression jederzeit als tödlicher Sand, Staub, Regen oder Wind eingesetzt werden könnten (H. Thirring, 1945); d) die radioaktiven Ausscheidungen nicht nur auf Grund von Atomexperimenten, sondern auch im Umkreis selbst des abgeschirmtesten Atomreaktors, wodurch auf dem Wege vielfältiger Infiltration durch Abwässer, Rauchbildung und noch keineswegs gesetzlich durchschauter anderer Kausalitäten die Radioaktivität des umliegenden Bodens, Wassers, pflanzlichen und tierischen Lebens ansteigt; e) das Gefahrenmoment der radioaktiven Strahlung von den Röntgenstrahlen bis zu den radioaktiven Substanzen, wodurch letale Krankheiten, aber auch genetische Dauerschädigungen bewirkt werden können, und zwar nicht nur in der eigentlichen Atomindustrie, sondern bei jeder Verwendung von Atommaterialien in Wissenschaft, Medizin, Landwirtschaft und Industrie im allgemeinen. Nicht genug damit, bleibt es das größte ungelöste Problem der Atomtechnik in weltpolitischer Dimension, daß sowohl die militärische, als auch die industrielle Verwertung der Atomkraft, die bislang ein Monopol der Großmächte war, in absehbarer Zeit zuerst den mittleren, dann auch den kleineren Industriestaaten offenstehen wird, worin manche bereits die vollkommene Unlösbarkeit aller atomtechnischen Schwierigkeiten sehen wollen (E. Rabino-witch, 1956) — falls freilich nicht gerade darin der Anstoß für die Weltmächte zur eigenen Verständigung gegen den möglichen Anarchismus der Kleinstaaten liegen sollte. Die Frage jedenfalls erhebt sich legitimerweise, ob eine aufziehende Zivilisation mit so vielerlei ungelösten Gefahrenmomenten nicht eher abgebremst als angetrieben werden sollte — sofern der menschliche Geist eine solche Entscheidung überhaupt noch treffen kann.

Ein Sonderproblem der sozialen Gesetzgebung, das auch kleinere Staaten interessieren muß, nachdem es größere bereits in Angriff genommen haben und auch internationale Vorschläge auf diesem Gebiete gemacht worden sind (The Protection of Workers against Ionising Radiation, International Labour Office 1955), ist der Strahlungsschutz; er liegt selbst für die seit einem halben Jahrhundert bekannte, medizinisch in Diagnose und Therapie längst zur Routine gewordene Röntgendurchleuchtung und Radiumbestrahlung noch im argen, so daß für die heraufziehende Massenverwendung radioaktiver Isotopen nicht einmal in der Medizin überall die gesetzlichen Normen existieren, die einen ausreichenden Strahlungsschutz gewährleisten können. Darüber hinaus geht es um den Atomschutz im allgemeinen, dessen Erforschung von internationalen Studiengruppen in Angriff genommen wurde (z. B. der internationalen Kommission unter der Leitung des englischen Atomwissenschaftlers Joseph Rotblat), um die Völker der Welt in objektiver Form mit den Vorteilen und Nachteilen des Atomzeitalters vertraut zu machen. Eine zentrale Aufgabe innerhalb dieser Vorkehrungen, bisher infolge des vorwaltenden militärischaggressiven Charakters aller Atomforschung fast gänzlich vernachlässigt, ist es, diejenigen Forschurigsansätze weiterzutreiben, die den organisch-biologischen und den chemisch-pharma-kologischen Atomschutz gegen erhöhte Radioaktivität betreffen. Noch weiter reicht der geistig-sittliche Schutz der Zivilisation vor ihren eigenen Konsequenzen, der mit dem Weiterschreiten zur Atomzivilisation zur gebieterischen Notwendigkeit wird. Wenn in der lintermenschlichen Lebewelt sich resistente Stämme gegen feindliche chemische Einwirkungen auf biologischer Grundlage bilden können, dann müßte das geistig-sittliche Wesen des Menschen erst recht eine freilich letzter Linie in ganz anderen Bereichen wurzelnde Resistenz des Menschen gegen seine eigene Schöpfung, die Radioaktivität des Atomzeitalters, mit vollem Bewußtsein ins Auge fassen. Dazu dürfte es wohl gehören, die Entwicklung der Atomzivilisation nicht über dasjenige Maß hinaus zu forcieren, das jeweils absorbiert werden kann, aber auch die funktionierende Atomzivilisation noch durch geistig-sittliche Gegengewichte in Schach zu halten. (Zwei weitere Artikel folgen.)

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