6625210-1956_04_04.jpg
Digital In Arbeit

Wer rsten will mu doppelt zahlen!

Zum toten Inventar der politischen Bilanz 1955 gehört auch die erfolglose Diskussion in der Abrüstungsfrage. Schuld daran trägt primär die völlige; Unzulänglichkeit der durch die Sowjets, Briten und Amerikaner (zuletzt in Genf) präsentierten Abrüstungsprojekte. Thesen, die keine Weite und keine Tiefe besitzen md bloß -auf das unmittelbar Vordergründige des Problems hingeordnet sind. Kein Wunder, daß ihr dünner, nahezu dilettantisch gesponnener Lebensfaden schon durch drittrangige Argumente der Gegenseite mühelos zerpflückt werden konnte. Immerhin, diese Erkenntnis schließt den Vorteil in sich, daß bei künftigen Abrüstungsbesprechungen solche Pläne „alter“ Observanz nicht gut von neuem auf die Tagesordnung gesetzt werden können.

Indessen existiert bereits ein Abrüstungsprojekt, ein „vierter“ Plan, der sämtliche Elemente einer allgemeinen Abrüstung und ihrer Kontrolle aufs vorteilhafteste vereinigt: Der Plan Edgar Faures, dessen bestechende Konzeption die bisher wohl mit Abstand beste Leistung des abtretenden französischen Ministerpräsidenten ist. Dieses der breiteren Öffentlichkeit — aus unerfindlichen Gründen — bloß in verschwommenen Konturen bekannte Programm stellt für jedes künftige Abrüstungsprojekt das Modellstück schlechthin dar — so-ferne nämlich ein solches ernstlich Anspruch darauf erheben will, aus dem Rüstungsfieber einer (in Ost und West gleichermaßen) dem Hypertechnizismus verfallenen Welt wirksam und langfristig; herauszuführen. Jedem der Torsos der (rein „militärisch-technischen“) Abrüstungsprojekte der übrigen Großmächte hat dieser Plan die Eigenart voraus, daß er die militärische aufs engste mit der wirtschaftlichen Seite jeder Abrüstung verknüpft.

Die Logik, zwei anscheinend grundverschiedene Probleme zu koppeln, ist zwingend: Denn was anderes bedeutet Rüstung letzten Endes — als Stahl, als Energie, Kautschuk, Nickel, Blei, Benzin, Chrom oder Aluminium? Rüstung ist doch identisch mit Flugzeugträgern, U-Booten, Zerstörern, Panzerkampfwagen, Jägern, Bombern, Raketen, Atom-, Wasserstoff- und Kobaltbomben! Rüstung bedeutet aber auch Arbeitskraft, Planung, Transportleistung, Forschung, Nahrungsmittelversorgung usw. — kurz, all die Dinge, die in erster Linie Geld kosten. Ausschließlich dieses Geld aber, das jede moderne Rüstung verschlingt, will der „Plan Faure“ kontrolliert und — besser angelegt wissen. Besser angelegt insofern, als jene Beträge, die durch die Großmächte (entsprechend den Vereinbarungen) an Rüstungsausgaben eingespart werden, zur (längst fälligen!) Erschließung der unterentwickelten Gebiete in der Welt verwendet werden sollen. Auf die einfachste Formel gebracht heißt das: „Statt wirtschaftliche Sanierung durch Aufrüstung, weltweiter Wohlstand durch Abrüstung!“

Auch der stärkste Einwand — die Durchführung des Planes sei Utopie, da sie sich im Westen bestenfalls schwer und im Osten schon gar nicht kontrollieren lasse, vermag genauerer Prüfung nicht standzuhalten: Die Verwirklichung ist unverhältnismäßig leichter zu überwachen als bei sämtlichen anderen Projekten: Im Westen sind die Rüstungsausgaben der einzelnen Länder ja ohnedies Gegenstand öffentlich-parlamentarischer Diskussion — eine Vertuschung daher praktisch unmöglich und selbst „periphere Retuschen“ ganz außerordentlich schwierig. Gleichermaßen erscheint die Wirksamkeit dieses Planes aber auch für die kommunistische Welthälfte gewährleistet; zwar gibt es hier keine parlamentarischen Erörterungen, doch läßt sich — dessen unbeschadet — auch einem „roten Partner“ verhältnismäßig leicht auf die Finger sehen: Wollten die Sowjets ihre Abrüstungsverpflichtungen umgehen, so müßten sie die gewaltigen Summen, die vereinbarungskonform durch die Abrüstung eingespart werden sollen, dennoch an den Abrüstungsfonds abführen, den der Plan bestimmt. Leistet sich der Osten trotzdem den Luxus eines forcierten Weiterrüstens, dann müßte er eben außer den „offiziellen“ Rüstungsausgaben auch die Tarnausgaben bestreiten. Das heißt, daß jede Rüstungs-Camouflage dem (oder den) „Betrogenen“ entsprechend .honoriert“ werden muß: Verschleierte Rüstung — über die getroffenen Vereinbarungen hinaus — setzt demnach (im Falle der Sowjetunion und ihrer Satelliten dazu noch bei artgespanntester Wirtschaftslage) eine doppelte Finanzierung und damit die Bereitschaft zu wirtschaftlichem Selbstmord voraus.

Das stärkste Element dieses Abrüstungsplanes jedoch muß in der Wahl der Verwendung der eingesparten Rüstungsgelder erblickt werden: Mit ihter Hilfe, soll einer der schlimmsten Widersprüche unserer. Zivilisation aus der Welt geschafft werden: Die Züchtung einer ganzen Bombenfamilie von kosmischer Vemichtüngs-kraft, die fieberhafte Armierung der Heere, Flotten und Luftgeschwäder im Zuge einer mehr und mehr an Milliardenwerten heischenden Rüstungsraserei — während einer Zeit, da unter Hunderten von Millionen Menschen in weiten Gebieten der Erde furchtbares Elend herrscht! Ausgerechnet im gegenwärtigen Augenblick, in dem nichts wichtiger erscheint als die gemeinsame Anstrengung aller Industrienationen, um solidarisch die vordringlichste Aufgabe zu erfüllen: Endlich die unterentwickelten Länder einem besseren Dasein entgegenzuführen!

Da ist nun die Ansicht vieler Nationalökonomen, eine konsequent und großen Stils betriebene Abrüstung müsse (gleichsam zwangsläufig) in die Krise führen, da die westliche wie die östliche Wirtschaft nach fortschreitend stärkeren Rüstungsaufträgen hin orientiert seien. Würden erst, so meinen sie, diese fetten Rüstungsorders ausbleiben, dann müßten sehr bald zahlreiche Industriekapazitäten stillgelegt werden, womit die Initialzündung zum nächsten großen Wirtschaftskrach perfekt würde. Nun, selbst wenn die Industrie während der letzten Jahre nicht bereits zur Genüge bewiesen hätte, daß es ihr keine unüberwindlichen Schwierigkeiten bereitet, sich der Friedenskonjunktur anzupassen, selbst dann könnte eine solche Argumentation die realen Chancen des Pro-grammes kaum ernstlich beeinflussen. Genügend reale Sicherheiten sind geboten, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen: Entsprechend der (auf alle Fälle gewaltigen) Höhe der im vereinbarten Abrüstungsrahmen freiwerdenden Mittel, stellen sich — gleichsam automatisch — auch die (zahllosen) weitreichenden Aufgaben einer wirtschaftlichen Aufrichtung der unterentwickelten Gebiete ein, deren Verwirklichung diese Mittel (zur Gänze!) zugeführt werden. Solche „Placierungen“ und friedlichen Investitionen von Rüstungsmilliarden bieten aber den beteiligten Volkswirtschaften eine zumindest ebenso sichere, wenn nicht noch erheblich gefestigtere Garantie für Auftragskontinuität und Konjunkturblüte.

Auf gleicher Linie findet sich noch ein (und nicht weniger zwingender) Beweis, weshalb gerade der Transfer der eingesparten Rüstungsmittel an einen internationalen Fonds, wie ihn der „Vierte Plan“ propagiert, dieses Programm über alle anderen Pläne (und Plänchen) hoch hinaushebt: Die so berühmten und vielzitierten „Terms of trade“, die der Welthandelsentwicklung unbestechlich den Puls fühlen, sprechen bereits eine höchst alarmierende Sprache; sie zeigen, daß — infolge der „Rohstoff struktur“ der unterentwickelten Länder und der sinkenden Tendenz der internationalen Preisrelationen für ihre Rohprodukte — die Armen dieser Erde immer ärmer werden, hingegen der Wohlstand der reichen Industrievölker (adäquat dem steigenden Trend der „Terms of trade“ für industrielle Fertigwaren) immer stärker und stärker anschwillt. Während in wenigen Jahren beispielsweise jede Familie in den Vereinigten Staaten bereits ihr zweites (oder gar drittes) Automobil haben wird, entschwindet für aber Millionen Menschen in den „Ländern über See“ (in Asien, Afrika — aber auch im Ostblock selbst) die Aussicht auf ausreichende Kleidung und die Möglichkeit, endlich einmal satt zu werden, allmählich in blauer Ferne . , , Nicht nur die Beseitigung des Rüstungsirrsinns ist demnach Hauptziel des Planes E. Faures: Die entschlossene Eliminierung der schlimmsten Not in den Armenvierteln unseres Planeten ist gleichermaßen Anliegen Nummer 1.

Weshalb der Osten dieser kühnen Konzeption mißtrauisch gegenübersteht, ließe .sich noch damit erklären, daß der Kommunismus befürchten könhte, mit einem Akzept auf diesen weltweiten Aufbauwechsel (den ein wirtschaftlich stärkerer Westen gegenzeichnet!) sein eigenes ideologisches Todesurteil zu unterfertigen.

Weshalb aber ausgerechnet in den westlichen Ländern heute noch Unschlüssigkeit und Vorbehalte herrschen, sich dieses einmaligen Instruments (dem zahlreiche Elemente aus dem Ideengut Boyd Orr's durch Faure appliziert worden sind) ausgiebigst zu bedienen, ist um so schwerer verständlich, als dieses Projekt

1. allen anderen Abrüstungsplänen mit Abstand überlegen ist;

2. der Westen im Falle einer einseitig kommunistischen Absage sofort die wahren Absichten des russischen und des Weltkommunismus (desgleichen sämtliche Possenspiele der Sowjets ä la „Zirkus“ Chruschtschow-Bulganin in Indien) ein für allemal und vor aller Welt zu demaskieren vermag. Ferner die Möglichkeit in die Augen springt, durch guten Willen und westliche Initiative die vom Kommunismus verkündete (und auf seine Art auch realisierte) soziale Idolatrie als die Vergötzung falscher Werte zu beweisen, die dem Kommunismus in Wirklichkeit jeden Weg zur Erfüllung sozialer Gerechtigkeit versperrt und ihn zu einer prinzipiellen und radikalen Unterdrückung des ein-, zelnen Menschen wie ganzer Völker führt, was eine Warnung und Mahnung für die ganze übrige Welt sein sollte; und schließlich

3. die Tatsache, daß gerade auf „kolonialem“ Terrain, auf dem Boden der unterentwickelten Völker, der Kommunismus in seiner welterobernden, verhängnisvollen und gottlosen Ge-, stalt das Fatum des Westens (wie der christlichen Gesellschaft überhaupt) ist — morgen vielleicht schon das Gericht ist, das über diese Gesellschaft gehalten wird. Denn der Weg, der ihr vorgezeichnet war und ist, ist der Weg der endgültigen Befreiung des Menschen, im christlichen Sinne der Weg zum Reich Gottes,, das nicht nur ein Himmelreich, sondern auch das Reich der verklärten Erde ist.

Das bleiben aber so lange große (und leere) Worte, solange es dem (christlichen) Westen nicht gelingt, das auf ihm lastende Odium der Lüge und Heuchelei und die schweren Hypotheken der Vergangenheit in den (kolonialen oder „subkolonialen“) Elendsquartieren der Erde zu tilgen.

Gerade in dieser Richtung bieten die Prämissen saubere Ansätze und gute Möglichkeiten ernsthafter Revision. Solange aber dieses Programm totgeschwiegen und nicht einmal vernünftig zur Diskussion gestellt wird, werden die Samenkörner des Mißtrauens, die seit Jahren die Winde aus Ost und West herbeigetragen haben, weiterkeimen und sich mit jener üppigen Rüstigkeit entwickeln, die dem Unkraut nun einmal eigen zu sein pflegt.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau