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Europa im Schatten Koreas

Im Blau des Bergsees sah man's nicht. Weiß ruht der Firn des Gletschers im Spiegel des Sees. Libellen stehen im goldenen Glast des Mittags, Wildenten ziehen ins Schilf. Schweigende, silbergrüne Spitzen der Lärchen.

Das Gesicht des Bergsees ist nicht jenes Europas; an ihm kann der Beobachter deutlich genug die Kreise sehen, die der Bombenwurf im Fernen Osten in der Nähe zieht. Stärker noch als unsere europäischen Seismographen das tibetanische Erdbeben, registrieren zahlreiche Organe des europäischen Körpers das Beben des fernen Krieges.

„Noch einen Pullover“, sagt die Frau zu ihrem Mann; das gigantische Steigen der Wollpreise auf dem Weltmarkt in Australien, wie bald wird es sich in Mitteleuropa auswirken? Zucker und öl, Reis und Fett, Konserven: Ein ängstlicher Blick in die Vorratskammer, vertausendfacht, springt über wie ein zündender Funke, genährt von der Not im Gestern, weckend die Sorge im Heute.

Eine führende seriöse Wochenschrift Deutschlands fordert unter der Devise „Keine zweite Hungerkatastrophe“ energische Maßnahmen der Bonner Regierung zur Sicherung der Ernährung.

„Die unterirdische Panik hält an. Millionen von Hausfrauen haben beschlossen, daß sie für sich selbst die Funktionen übernehmen müssen, die seit Joseph von Ägypten bekannt sind: Vorsorge in den fetten Jahren für die mageren, die wahrscheinlich kommen werden.“ Westdeutschland ist heute nur zu 55 Prozent Selbstversorger, 45 Prozent der Lebensmittel müssen zum großen Teil aus Übersee eingeführt werden. Nun sind nach den Berechnungen des Münchener Instituts für Wirtschaftsforschung für den Transport einer einzigen Division von 14.000 Mann über den Pazifik 300.000 BRT. erforderlich. Wohin schwimmt das Brot für Europa? „

Ein weiteres Symptom: Auf dem jüngst abgeschlossenen Deutschen Evangelischen Kirchentag in Essen „stellte sich... (evangelischen Meldungen zufolge) heraus, daß eine verhältnismäßig kleine Gruppe entschlossen schien, den Kirchentag vor eine politische Alternative zu stellen: entweder militärische Verteidigung und Sicherheit oder sozialer Dienst an den Vertriebenen und Entrechteten. Da der Kirchentag es ablehnte, ein Forum für derartige politische Alternativen zu sein, wurde der Vorstoß abgewiesen“.

Erweitern wir das Blickfeld auf ganz Westeuropa, in die Tiefe des sozialen Raumes hinein. Die sozialen Spannungen streben allenthalben einer neuen Verdichtung zu. Der englische Gewerkschaftsbund, die mächtigste Stütze der Regierung, reagiert empfindlich auf das Begehren zahlreicher Delegierter, die Belastung der Massen durch Rüstungsprogramme, erhöhte Steuern und neue Einschränkungen des privaten Konsums nicht zu überdehnen. Christliche Gewerkschafter in Frankreich erklären, der Anblick des herausfordernden Luxuslebens gewisser Kreise, gerade auch wieder in diesem Sommer, wirke aufreizend auf die breitesten Schichten des Volkes, das augenscheinliche Fehlen jedes Lastenausgleichs werfe ein scharfes Licht auf die kommenden Löhnkämpfe. Das deutlichste Zeichen setzt Italien. Hier haben nicht nur zum erstenmal in der Geschichte in den letzten Wochen Landarbeiter unter Führung ihres christlich-demokratischen Bundes Grundstücke des Fürsten Torlonia besetzt, sondern die katholischen Gewerkschaften haben sich mit den kommunistischen Gewerkschaftern zu einer Aktionsgemeinschaft vereinigt, um von der ihrer Ansicht nach zu sehr industriehörigen Regierung die Erfüllung einer präzisen Forderung zu erzwingen. Von einem im letzten Jahre ausgewiesenen Reingewinn der Industriellen von 430 Milliarden Lire sollen 50 Milliarden abgezweigt werden zur Besserstellung gewisser Arbeiterschichten. Neutrale ausländische Beobachter vermerken bereits, daß hier der überaus geschickt arbeitende kommunistische Gewerkschaftsführer durch seine kluge, maßvolle Politik die größten Chancen hat, diese Aktionsgemeinschaft disparater Kräfte auch weiterhin in der Hand zu behalten. Ergänzen wir dieses soziale Bild durch eine Meldung aus dem Ruhrgebiet: Nach jahrelangem Stillehalten bereitet sich die deutsche Gewerkschaftsführung auf eine offensive Auseinandersetzung mit der Regierung vor. Es geht ihr irgendwie ums Ganze, nicht so sehr Lohnerhöhungen im einzelnen sind ihr Ziel, sondern konkrete Mitbestimmung und Mitführung der Arbeiter in und an den Betrieben.

Ein Blick auf die innerösterreichischen Konflikte der letzten Monate, in denen es diesmal wie in der Weltpolitik keine Sommerpause gab, bestätigt das gesamteuropäische Bild. Zuspitzung der parteipolitischen Kämpfe, Forderungen der Agrarier, Drohungen des Gewerkschaftsbundes mit Lohnkämpfen; die kleine Misere der Hausfrau — Butterknappheit, Erhöhung des Kohlenpreises, die größere der Volkswirtschaft: Streit um den Wein-, dann den Getreidepreis. Im Hintergrund das ungelöste Wohnbauproblem, die weltanschaulichen Kernfragen (Schule, Konkordat), im Vordergrund die erhöhte Ausbeutung der Sommerfrischler durch Preise, so, als ob diverse Gasthöfe und Zimmervermieter sich finanziell gegen den Weltuntergang versichern wollten. Und nun ein Bild, das den Gedanken scheinbar abseits führt. Auf dem Deutschen Katholikentag erklärt Clemens Münster, „daß auch Veranstaltungen wie das Heilige Jahr und die Katholikentage nicht über den Rückgang der christlichen Substanz hinwegtäuschen können. Es sei jedoch nicht alles verloren, ob-zwar sich die Anzeichen einer bevorstehenden Krise mehrten; man müsse bedenken, daß die Entscheidungen von morgen bereits heute fallen“. Angesichts der Tatsache, daß die Forderungen und Beschlüsse der beiden letzten Katholikentage noch nicht verwirklicht werden konnten, hat der Deutsche Katholikentag 1950 auf die Aufstellung neuer Resolutionen verzichtet. 9

Europa' 195 0, das heißt: Im Schatten. Koreas werden die. Dinge offenbar, so wi e s i e wirklichsind. Das Wort des bekannten englischen außenpolitischen Kritikers F. A. Voigt, in anderem Zusammenhang gesprochen, „die letzten Jahre waren Jahre denkbar größter Bestürztheit und Verworrenheit“, gilt in weitem Maße für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur Europas in seiner vorkoreanischen Periode. Nüchtern besehen, die Lage: Während der Osten seit Jahrzehnten in umfassenden Planungen sich auf seine weltgeschichtliche Zukunft vorbereitet, leben wir in Europa von mehr oder minder genialen Improvisationen und von der überseeischen Hand in unseren Mund. Kein konstruktiver Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung; keine Ökonomie als .Wirtschaft“ im Sinne tausendjährigen

Griechentums, als planende, ordnende Bestellung des ganzen Hauses, die Wirtschaft im engeren Sinne wohlweislich und weisend einordnend in höhere Werte und Ordnungen. (Haben wir Europäer, die wir es immer noch nicht wagen, die wirtschaftlichen Bezüge in den Dienst einer höheren Volks-, Kultur- und Geistordnung zu stellen, ein Recht, dem Osten „Materialismus“ vorzuwerfen, ihm, der alle materiellen Bereiche einfordert und einordnet in sein gigantisches politisch - weltanschauliches Planen?) Uns allen fehlt weithin jeder Haushalt, das Haushalten, die saubere InRechnung-Setzung und Ausschöpfung der eigenen Kräfte. Wir haben es aus Angst, Hysterie, Bequemlichkeit, Verworrenheit, Gruppenegoismus, Herrsucht und Sonderinteressen versäumt, die ungeheuren Schätze zu nützen, die uns auch nach den Verlusten des letzten Krieges immer noch gegeben waren. Europa ist reich, sehr reich, immer noch überreich an Gütern aller Art. Es fehlt „nur“ an der Ordnung, an der inneren Bewältigung des Materialen. — Allein die Tatsache, wie schnell trotz zahlreicher Hemmungen und Gegensätze weite Sektoren des wirtschaftlichen Lebens in wenigen Jahren wieder hergestellt werden konnten, beweist dies. Angesichts der Weltnot, des Hungers und der Verelendung, der Kriegsnot kontinentweiter Gebiete, tut uns Europäern in . dieser Stunde der Gefahr nichts nötiger als eine Besinnung auf unseren Reichtum und auf die Verpflichtung, die dieser uns auferlegt. Je verworrener die Weltlage, je reißender der Strom weltgeschichtlicher Veränderungen,“ um so ruhiger, wägender, überlegender müs-senwirwerden. Nichts gefährdet uns/ heute mehr als der Hasensprung eintags-mäßiger Provisorien, das feige und bequeme Ausweichen, das Verschieben konstruktiver Lösungen: Das gilt für den ganzen sozialen Bereich, der im Gruppenegoismus der Industrie, der Agrarier, der Arbeitnehmer und Arbeitgeber gefährlich aufzubrechen droht, das gilt für die Wirtschaft, die wieder Ökonomie werden muß, sachgemäße Bestellung des ganzen Hauses im Dienste höherer Ordnungen.

Wie das gemeint ist, soll nochmals ein deutsches Beispiel zeigen. Der schlimmste Engpaß im Rumpfeuropa besteht heute auf dem Ernährungssektor. Westdeutschland ernährt sich heute nur zu 55 Prozent aus eigener Erzeugung (die kritische Quote Österreichs ist bekannt). Die bereits zitierte Stuttgarter Untersuchung zeigt auf, daß durch vermehrte Mineraldüngung die deutsche Landwirtschaft, die bereits 1950 wieder zu einer gefährlichen Extensi-vierung übergegangen ist, das Dreifache an Erntewerten einbringen könnte. Realisiert werden könnte diese Steigerung aber nur durch einen Übergang vom „bisherigen zersplitterten Subventionssystem für die Landwirtschaft und Ersetzung durch ein Leistungs-Prärniensystem ... für das der amerikanische Landwirtschaftsminister Bronnan heute eintritt, nachdem man mit den Subventionen alten Stils Schiffbruch erlitten hat“. Abschließend erklärt der deutsche Bericht es für unsinnig, „wenn man ... annähme die derzeitige heimische Produktion, die nur 55 Prozent der Ernährung liefert, sei ein gottgegebenes Soll, das nicht wesentlich überschritten werden könnte“.

Es liegt auf der Hand, diese Überlegungen auch für österreichische Verhältnisse und nicht nur im Agrarsektor anzustellen und zu Taten überzuführen.

Europa ist über Erwarten reich an Produktionsmitteln und Produktionsgütern aller Art: Dem Gruppenegoismus und der Engstirnigkeit einzelner Kreise überlassen, kann dieser starre, passive, tote Reichtum, unausgeschöpft und schlecht aktiviert, uns allen zum Verderben werden. Dasselbe gilt nun — und nur in diesem Zusammenhang ist die Größe unserer Krise ganz einsehbar — für unseren in Museen, Bibliotheken, arbeitslosen Akademikern, Intellektuellen, Künstlern und Kirchen eingefrorenen inneren Reichtum. Große Manifestationen des Heiligen Jahres, Bekundungen wirklich bedeutender Persönlichkeiten des europäischen Geistesleben erweisen es: A u c h und gerade der innere Reichtum Europas, seine Seele, sein

Geist sind größer, weiter, tiefer als viele Nichteuro-päer, die nurseine Konserven-ku-lturkennen, ahnen, alsviele Europäer wissen. Aber gerade dieser Reichtum, die lebendige Wahrheit ist oft am Stärksten gehemmt in ihren Strahlungen. „Diese Wahrheit muß von den Toten auferweckt werde. Sie pocht an die Wände ihres künstlich gezimmert SargM, ihres verpanzerten Gefängnisses, und dieses Pochen wird hörbar.in den Krisen unserer Zeit, in der großen Weltkrise. (So die Schweizer „Orientierung“ vom 31. August 1950.)

Der Schatten Koreas liegt über Europa. Zweideutig sein Lichterbrand: Er kann uns versengen, verhärten, in Angst, Ichsucht, Verkrampfung und Hysterie hineintreiben, so daß wir den inneren Reichtum nicht zu wecken und den äußeren nicht zu schöpfen wagen — und er kann treibend, lösend, reifend auf uns wirken, daß wir das vergrabene Korn des Christlichen und Menschlichen Frucht tragen lassen und Acker und Bauhütte gemeinsam bestellen. Das wäre die Stunde der Freiheit Europas: Die Stunde, in der wir es wagen, im Inneren aufzubrechen, unsere ganzen Kräfte zu nützen, im materiellen Räume uns zu dem alten hausväterlichen Satze bekennen „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“, im Seelisch-Geistigen jedoch alle Kraft verankern in einem tiefen vertrauenden Jasagen zu dem Herrn der Geschichte, der Europa wachsen läßt, im Schatten Koreas.

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