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Der Schrei nach einer christlichen Lösung

Wir Menschen der westlichen Welt sind längst über jene psychologische Situation hinausgewachsen, als ob die Geschehnisse des Fernen Ostens uns nichts angingen. Eine Erschütterung in Korea oder in Indochina erfüllt uns heute mit der gleichen Sorge wie etwa ein Bürgerkrieg in Europa. Die asiatischen Probleme sind für uns ureigenste Angelegenheiten geworden, wenigstens insofern wir von ihnen mitbetroffen werden hinsichtlich der Sicherheit oder Gefährdung unserer Existenz. Leider ist diese immer tiefer greifende psychologische und seinsmäßige Schicksalsverbundenheit noch nicht tief genug in den Bereich unseres positiven Verantwortungsbewußtseins für jene gewaltigen Länder und Völkermassen eingedrungen, zu dem wir kraft unserer sich ständig höher entwik-kelnden Zivilisation verpflichtet wären. Und doch schreien die Probleme Ostasiens nach einer Lösung, und zwar nach einer christlichen Lösung, soll nicht die gewaltig gestaute Völkerflut des Ostens nach unausbleiblicher Radikalisierung der Massen wie ein alles verheerender Strom den Westen überfluten.

Wenn man von Ueberbevölkerung der Erde spricht, so kann das nur relativ verstanden sein. Denn noch liegen vier Fünftel des anbaufähigen Bodens unseres Planeten brach. Daß aber Japan nicht in der Lage ist, auf insgesamt 17 Millionen Tagwerk Land eine Bevölkerung von 88 Millionen Köpfen zu ernähren, die jährlich um mehr als eine Million wächst, leuchtet ein. Und wenn auch die 602 Millionen Menschen errechnende erste Volkszählung Chinas nicht fehlerfrei zu sein scheint, so bildet die auf 525 Millionen von Fachleuten geschätzte Masse der Chinesen doch über ein Fünftel der gesamten Menschheit. Der indische Volkszählungsbericht von 1952 wird von Beobachtern ein „Drama in Zahlen“ genannt. Indien zählt heute beinahe 450 Millionen Menschen. In normalen Zeiten kann sich ein Drittel der indischen Bevölkerung nicht satt essen. Daß der Westen sich nicht scheut, diesen Riesenvölkern mit ihrer schon Jahrtausende anhaltenden unverwüstlichen Lebenskraft durch den Dolchstoß der Geburtenkontrolle beizukommen, wird ein' ewiger Schandfleck der weißen Rasse sein. Nichtchristliche Länder sind in starkem Maße diesen laizistisch verbrecherischen Strömungen ausgesetzt, die leider nicht ohne Erfolg geblieben sind. Nachdem die japanische Regierung aus „wirtschaftlichen Gründen“ die Abtreibung möglich gemacht*hat, nahm die Zahl der Geburten in diesem Volke rapid ab. Die Propaganda für die Geburtenkontrolle, die mit den raffiniertesten Mitteln arbeitet, dringt bis in die kleinsten Städte und Dörfer vor. Die Folgen sind erschreckend. Während 1947 noch 34 Geburten auf 1000 Einwohner kamen, waren es 195 3 nur noch 21.

Für die Missionslage in Ostasien von größter Bedeutung sind die Auslandchinesen. Die rotchinesische Regierung gibt ohne Formosa 12,327.000 Auslandchinesen an. Andere Schätzungen gehen bedeutend höher. Der sprichwörtliche Fleiß der Chinesen, seine angeborene Geschäftstüchtigkeit lassen ihn überall dort, wo er sich niederläßt, bald besonders den mittleren Handel in die Hand bekommen.

Man sieht sofort, welche Bedeutung die chinesischen Auswanderer für die Missionen haben können, weil auch in den Missionen der Mittelstand von ähnlicher Bedeutung ist wie in der Heimat. Ganz abgesehen davon, daß der Missionsbetrieb durch die Zuwanderung größerer kompakter Massen von Chinesen eine bedeutende Komplizierung erfährt.

Von entscheidender Bedeutung sind im heutigen Missionsbetrieb die Selbständigkeitsbestrebungen der ehemaligen Kolonialvölker. Während dieser Prozeß in Ostasien hinsichtlich der äußeren politischen Verselbständigung nahezu abgeschlossen ist, ist er auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet noch im Anfangsstadium begriffen. Leider wird die Religion nach dem Gesetz des schwächsten äußeren Widerstandes von diesen Bestrebungen empfindlich getroffen. Daher wird der Ruf nach vermehrter und besserer Ausbildung des e i n-heimischen Klerus von Stunde zu Stunde gebietender.

Infolge der immer stärker werdenden Verwestlichung der gesamten Weltwirtschaft wachsen die sozialen Probleme in den ostasiatischen Ländern heute in Dimensionen, von denen wir uns keine Vorstellung machen. Man bedenke etwa die so ganz anders geartete Familienordnung Chinas. Noch vor wenigen Jahren konnte ein Missionär aus dem Inneren Chinas die Frage stellen: Gibt es in China Arbeitslose? Und er mußte feststellen, daß dank der patriarchalischen Ordnung der Familie die Gesamtheit der Familienmitglieder eigentlich nicht Not zu leiden brauchte, da alles' Verdiente der Großfamilie zugute kam. In dieser bedeutete daher Arbeitslosigkeit noch lange nicht Brotlosigkeit. Wenn aber heute in diesem Lande die Autorität untergraben wird, wenn die Großfamilie die schwerste Erschütterung ihrer Geschichte erlebt, dann bewegt sich die Umwälzung in China nicht mehr nur in politischem und nationalem Bereiche, sondern geht an die Wurzeln des Volkslebens. Damit aber dringen alle jene „Segnungen“ des Westens ein, an denen das soziale Leben unserer Völker so unheilvoll krankt: Kleinfamilie ohne Landbesitz, Industrie in der Hand weniger Großer oder des Staates, das Volk als Maschine der Industrie oder des Staates, Verarmung des Volkes.

Welchen Stand weist nun die Kirche in den einzelnen Missionsgebieten Ostasiens auf?

In China zählte man 1951 146 kirchliche Sprengel, von denen 36 dem einheimischen Klerus anvertraut waren. 1949 arbeiteten 2542 einheimische Priester mit 663 einheimischen Brüdern und 4717 einheimischen Schwestern. 1948/49 zählte man drei Universitäten mit 4596 Studenten. In den Elementarschulen wurden 143.355 Schüler, in den niederen Mittelschulen 43.824 und in den höheren Mittelschulen 41.150 Schüler unterrichtet. Ein umfangreiches Schulprogramm war geplant. Die katholische Intelligenzschicht-wurde stärker, das Presseapostolat befand sich seit 1946 in bedeutendem Aufbau.

Heute erhebt sich die Frage: Wird die Kirche in China vernichtet sein oder wird sie gestärkt aus den Stürmen hervorgehen? Seit dem Zusammenbruch der Gründungsversuche einer Nationalkirche kann man sagen: Das chinesische Christentum steht auch nach dem nahezu vollständigen Wegfall der ausländischen Kräfte in seiner gewaltigen Mehrzahl unerschüttert da. Klerus und Laien stehen fest. Die Kirche ist durch die Ereignisse der letzten sechs Jahre so bekanntgeworden wie in allen Jahrhunderten vorher nicht. Der chinesische Klerus wird nach dieser eisernen Schulung in der Lage sein, die Leitung der Kirche gemäß der Intention des Apostolischen Stuhles selbst zu übernehmen. Die jetzige Epoche der chinesischen Kirche wird entscheidend dazu beitragen, die Kirche zur Volkskirche zu machen und das Christentum damit zu einem nicht mehr zu übersehenden homogenen Element der chinesischen Gesellschaft werden zu lassen.

Das größte Ereignis der neuen i n d i s c h e n Geschichte ist ohne Zweifel die am 15. August 1947 erfolgte Selbständigkeitserklärung des gesamten Subkontinents. Gandhi hielt bei dieser Gelegenheit nach altindischem Brauch ein Fasten. Er hatte allen Grund dazu. In Indien war die Freiheit zwar hergestellt, aber die Einheit des Landes war dahin. Der Tag der Freiheit wurde ein Trauertag, denn in den ersten Tagen nach der Verselbständigung zählte man bis zwei Millionen Tote.

Für die Kirche brachte die Befreiung Indiens den einen großen, nicht zu überschätzenden Vorteil mit sich, daß endlich das Vorurteil beseitigt wurde, als wenn die Kirche ein von Fremden importierter Fremdkörper sei. Die Spaltung Indiens aber wirkt sich für die Katholiken sehr nachteilig aus, denn ohne diese Spaltung hätte die Kirche als Minderheit an den Privilegien der mächtigen mohammedanischen Minderheit teilnehmen können.

Das Christentum bildet zahlenmäßig nur einen Bruchteil der indischen Bevölkerung. Während die gesamtindische Bevölkerung heute mit nahezu 450 Millionen beziffert wird, beträgt die Katholikenzahl genau ein Pro-z e ri t dieser Masse. Der Einfluß der Katholiken ist, verglichen mit ihrer Kopfzahl, bedeutend größer. Auch in Indien geht der Zug der Kirche auf den Ausbau der einheimischen Volkskirche. Neun Erzbischöfe und 23 Bischöfe sind Inder. Der Kardinal von Bombay, Se. Em. Valerian G r a c i a s, ist fraglos eine Autorität von höchstem moralischem Charakter im heutigen Indien. Zwei Drittel der Priester Indiens sind bereits Landeskinder. Die übergroße Mehrheit der 12.000 Schwestern entstammte indischen Familien. Die Schwäche der Kirche Indiens besteht darin, daß sie im Norden des Landes noch nicht genug Fuß gefaßt hat. Die große Mehrzahl der Katholiken wohnt im Süden. Dort entfällt auf 22 oder 23 Einwohner ein Katholik. In Nordindien aber nur je einer auf 323. Rechnet man noch das Gebiet von Ranchi ab, so wird das Verhältnis noch ungünstiger: 1:560.

Ein gewaltiges Plus der katholischen Kirche Indiens ist ihr mustergültig ausgebautes Schulwesen. Nach Angaben von 1953 gibt es in Indien 48 katholische Universitätskollegien. Der Wert des katholischen Schulwesens zeigt .sich in folgenden Verhältnissen: Während die Katholiken kaum ein Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, erfassen ihre Schulen weit mehr als 50 Prozent der schulbesuchenden Jugend, auch der Universitätsjugend. Daher genießt die Kirche in Indien eine Achtung und einen Einfluß, der weit über dem Verhältnis der zahlenmäßigen Stärke des Katholizimus steht. Insgesamt besaß die Kirche 1952 5650 Schulen aller Typen mit fast einer Million Schüler und Schülerinnen. Leider fehlt es noch an der Differenzierung hinsichtlich beruflicher und technischer Ausbildungsmöglichkeiten. Die indische Schulgesetzgebung ist gut. Die neue Verfassung gibt „jeder religiösen, sozialen oder sprachlichen Minderheit das Recht, Schulen ihrer eigenen Wahl zu gründen und zu verwalten. Der Staat darf bei seinen geldlichen Beihilfen keine Schule einer religiösen, sozialen oder sprachlichen Minderheit benachteiligen.“ Zwar wird von Staats wegen an Staatsschuler, kein Religionsunterricht erteilt, ohne daß damit eine religionslose Erziehung geduldet werden seil. Leider entsprechen diesen wertvollen Grund bestimmungen die Tatsachen nicht überall. Religionsfreiheit besteht nach Auffassung maßgebender Politiker wohl in der Wahl der Religion, nicht aber in der Predigt des Glaubens. Damit wäre alle Missionstätigkeit ausgeschaltet. Der Hinduismus entfaltet eine verstärkte Propaganda. Er versteht besonders den Totalitätsanspruch des Christentums nicht und duldet ihn nicht. Die Folge des Einflusses der radikalen Elemente im Hinduismus zeichnet sich ab: Die Einreise von Missionären aus Europa und aus Amerika wird ständig schwieriger.

Aehnliche Sorgen wie in Indien drücken auch die Bischöfe von Pakistan. Der Islam ist.Staatsreligion, das Land nennt sich deutlich genug „Islamische Republik Pakistan“. Verhängnisvoll scheint zu sein, daß das.Grundgesetz des jungen Staates noch nicht endgültig festgelegt ist. Jedenfalls ist den religiösen Minderheiten das Recht auf freie Glaubensverkündigung abgesprochen. Die Existenz der mustergültigen und wegen ihrer hervorragenden Leistungen anerkannten christlichen Schulen war schon in Frage gestellt, da man das Lehrpersonal zwingen wollte, in ihnen den Koran zu lehren. Diese Förderung wurde zwar zurückgenommen, aber die Schwierigkeit nicht entsprechender Unterrichtsbücher blieb. Friede und Freiheit der Kirche Pakistans sind noch nicht gesichert. Die Katholikenzahl beträgt unter 75,6 Millionen Einwohnern nur 228.000.

Nicht geringere Sorgen liegen auf den 538.000 Gläubigen Ceylons (7,5 Millionen Gesamtbevölkerung). Die überwiegende Mehrheit der Bewohner sind Buddhisten. Die „Vereinigte Nationalpartei“ fordert den Buddhismus als Staatsreligion. Trotz Zusicherungen führender Staatsmänner geben sich die Katholiken keiner Täuschung hin. Der Katholizismus ist in einen Abwehrkampf hineingedrängt.

So hat die Verselbständigung Indiens der Kirche manche Vorteile gebracht, aber die aufflammende nationale Bewegung in allen drei indischen Staaten ist für das Christentum so ungünstig wie nur möglich. Möglichst starker extensiver und intensiver Ausbau der einheimischen Kräfte ist oberstes Gesetz der Kirchenführung.

Hinterindien liegt, geographisch gesehen, wie ein natürliches Vorwerk vor Indien wie vor China. Man begreift das Interesse sowohl der östlichen wie der westlichen Welt an diesem mehr als 2 Millionen Quadratkilometer großen Raum mit seinen 5 5 Millionen Einwohnern. In den heute den Vietminh über-lassenen Gebieten leben von den insgesamt 1,687.800 Katholiken (1950) Hinterindiens 1,200.000. Gerade diese Gebiete sind es, in denen das einheimische Element am meisten fördert ist. Zwar nicht so, wie es möglich und nötig gewesen wäre. Das hinterindische, besonders das indochinesische Christentum könnte heute bedeutend stärker sein, hätte nicht Frankreich mit seiner rein laizistischen Kolonialpolitik so unermeßlichen Schaden gestiftet. Leider wird die Tatsache in die Geschichte eingehen, daß nicht zuletzt durch die Schuld einzelner Prälaten der Kirche im 19. Jahrhundert schwerstens geschadet wurde. Die Vermischung von Politik und Mission ließ die Katholiken des Landes als gallophil erscheinen. Zehntausende wurden das Opfer solcher Unklugheiten. Auch im letzten Konflikt, der nur vorläufig beendet erscheint, waren die Katholiken diejenigen, die den Wechsel verfehlter Kolonialpolitik blutig begleichen mußten.

Trotz mancher Fehler einzelner haben die verantwortlichen Leiter der Kirche Hinterindiens konsequent an der Heranbildung eines einheimischen Klerus gearbeitet. Mitte des Jahres 1953 zählte man mindestens zehn einheimische Oberhirten. Die große Hoffnung der Kirche Hinterindiens ist die beträchtliche Zahl der Seminarisren. 1951 zählte man in insgesamt 17 Priesterseminaren 700 Seminaristen. Pas ist, gemessen an der Zahl der Gläubigen, je ein Seminarist auf 2227 Gläubige. Sie ergänzen und verstärken die 1630 einheimischen Priester, neben denen 1949 nur noch 491 auswärtige Priester wirkten. Der einheimische Klerus ist sich nicht nur seiner religiösen Aufgabe, sondern auch seiner allgemein vaterländischen Aufgabe bewußt. 1952 fand eine Tagung der Direktoren der großen Seminare von Nord-Vietnam statt, die sich besonders mit der Frage der Schaffung einer katholischen Vietnam-Kultur befaßte. Ein bedeutender Gedanke, wenn man bedenkt, daß Hinterindien als Schmelztiegel westlich-europäischer und asiatischer Kulturen leicht der Gefahr synkretistischer Strömungen zum Opfer fallen kann. Inwieweit sich solche Strömungen (Kaodaismus) sowie der Buddhismus, die zahlenmäßig stärkste hinterindische Religion, vor den radikalen Strömungen, die das Land bedrohen, halten werden, ist schwer zu sagen. Die Kirche wird den Stoß derselben, wie schon heute deutlich zu sehen ist, zuerst zu spüren bekommen, aber sie wird ebensowenig untergehen wie die Kirche Chinas. Auch hier wird die noch festere Verwurzelung der Kirche im Volke eine der kostbarsten Früchte des Sturmes sein.

Um diesen kontinentalen asiatischen Block lagern sich die beiden Inselstaaten Japan und Indonesien.

Der Missionsstab Japans ist, gemessen an anderen Ländern sehr gut besetzt. Nach Berichten von 1952 wird das Apostolat unter den damals 172.000 (heute über 200.000) Katholiken von 973 Priestern ausgeübt, von denen 213 Japaner sind (heute schon über 260), von 268 Brüdern, von denen 146 Einheimische sind, und von 2869 Schwestern, von denen 1951 Japanerinnen sind. Die Zahl der großen Seminaristen betrug im betreffenden Jahre 202. Einzigartig ist die Tatsache, daß auf je 41 japanische Katholiken ein Mitglied des Missionsstabes kommt und auf je 807 Katholiken ein Priester. Von den Neubekehrten wird jede Sechste eine Ordensfrau. Karmelitinnen, Ciarissen und Trap-pistinnen haben blühende Klöster. Letztere in zwei Kommunitäten 200 Japanerinnen. All das bezeugt die hervorragende Qualität dieses Christentums.

Die Hoffnungen der Kirche haben sich aber trotzdem nach dem zweiten Weltkriege nicht ganz erfüllt. Massenbekehrung'n blieben aus. Der Staats-Schinto scheint trotz der schweren Stöße, die er erhielt, in der Wurzel nicht gebrochen zu sein. Der Japaner erlebt die Insellage seines Vaterlandes mit einem gewissen relir giösen Selbstbewußtsein. Japan fühlt sich als heilige Welt, als weltumfassendes, aber zugleich sich selbst genügendes Reich, das keines Fremden bedarf. Der Schinto lebt wieder auf, die Anlehnung an das Vorbild der Kirche in der Errichtung von Kinderhorten, Jugendrunden und M'ttergruppen ist das Mittel, mit dem er srbetet. Für die Kirche ergibt sich aus der Unsicterheit der Zukunft die unbedingte Forderung, immer stärker auf die Heranbildung des einheimischen Elements zu drängen. Der Anfang ist veiheißnngsvoll. Die durch den Krieg bedingte Regelung der Absetzung aller auswärtigen Ordinarien und ihre Ersetzung durch Japaner hat sich durchgesetzt und wird bleiben. Rom wird die Zeit nicht zurückschrauben.

Die große Sorge des aufmerksamen Beobachters ist die Entwicklung des atheistischen Materialismus, der sich in breitesten Kreisen der Bevölkerung, besonders unter der studierenden Jugend breitmacht. Die alten Religionen versagen. Das Christentum ist nur eine verschwindend kleine, wenn auch nicht einflußlose Gruppe im Lande. Eine Rundfrage an fünf nichtkatholischen Universitäten nach der Lieb-lingslektüre ergab, daß sich die Studenten besonders gerne mit Büchern materialistischen Inhalts befassen. Eine Rundfrage buddhistischer Mönche stellte fest, daß nur 22 Prozent der Studenten irgendeine religiöse Ueberzeugung haben, daß sich aber 78 Prozent zum Agnostizismus und Atheismus bekennen. Nicht weniger als 40 Prozent der japanischen Studenten stehen im Lager der äußersten Linken. Gegenüber diesem an sich schon schweren Problem ist jenes andere noch schwerer zu bewerten, das vom Westen, von Amerika, dem japanischen Volke aufgedrängt wurde. Japan hatte vier Millionen Kriegsverluste, trotzdem wird es 1955 90 Millionen Einwohner haben. Am 13. Juli 1948 „beschloß“ das japanische Parlament ein Gesetz über die zwangsweise Sterilisation und die künstliche Schwangerschaftsunterbrechung. Christliche Kreise protestierten, ihre Proteste verhallten wirkungslos. Die inzwischen angerichteten Verwüstungen in den Familien sind bereits entsetzlich. Aus dem Volke erheben sich kaum Gegenstimmen. Das Grundproblem ist die Ueberbevölkerung. Der Generalobere der Missionäre von Maryknoll, Bischof Raymund A. L a n e, legte eine ebenso einfache wie schok-kierende Ueberlegung vor, wenn er sagte:

„Nehmen wir an, wir hätten eine Zeitlang jährlich 1 Billion Dollar ausgegeben, um den Japanern zu helfen, ihr Bevölkerungsproblem zu lösen: Ist es nicht wahrscheinlich, daß wir 300 Billionen Dollar hätten ersparen können, die uns der unseligste aller Kriege kostete, der die Folge unserer Geichgültigkeit war, mit der wir die Dinge laufen ließen?“

Schon 1929 wurde gefordert, Japan mehr Land zu geben, andernfalls ein Krieg im Pazifik unvermeidlich sei. 1936 wies man darauf hin, daß Ueberbevölkerung und Elend den Japaner zu Militarismus und Eroberung treibe. Die Folgen haben wir erlebt. Heute aber ist der Lebensraum Japans gegenüber damals um ein Bedeutendes zusammengeschrumpft. Der Außenhandel des Landes war am 31. März 1954 um 1 Milliarde Dollar zurückgegangen. Rückwanderung auf das Land setzte ein. Die Raumfrage ist heute für das japanische Volk zum Problem Nummer 1 geworden.

Man hat nach dem Kriege geglaubt, die katholische Kirche könne die geistig führende Kraft in Japan werden, dessen jahrhundertealte Weltanschauung mit dem Rücktritt des Kaisers

th dem gottähnlichen Staatsoberhaupt ein Ende gefunden zu haben schien. Heute erholt sich Japan jedoch aus Quellen, die wir noch nicht deutlich genug sehen und bewerten. Es sind jene panasiatischen, kommunistisch infiltrierten Kräfte, von denen ganz Asien zehrt. Die technischen Hilfsmittel, die der Westen geboten hat, werden benützt, um von diesem frei zu werden. In diese Freiheitsbewegung mengt sich die Idee des Klassenkampfes der armen gegen die reichen Nationen. Der mächtig hereinbrechenden materialistischen Weltanschauung weichen die alten Religionen dank dem Fehlen einer klaren und sicheren Philosophie mit geradezu unheimlicher Widerstandslosigkeit. Nur das Christentum vermag solche haltlos gewordenen Strömungen zu lenken. Leider ist es, so banal es klingt, eine Frage der Mittel und des Personals, ob es dem Christentum gelingen wird, Ostasien und speziell Japan in die christliche Lösung der östlichen Riesenprobleme hineinzudirigieren oder neuen Katastrophen machtlos gegenüberzustehen.

Eines der Angriffsziele der japanischen Strategie des zweiten Weltkrieges war das ungeheure Gebiet der indonesischen Welt. Indonesien zählt bei über 76 Millionen Einwohnern (ohne Britisch-Borneo) etwa 8 50.000 Katholiken mit etwa 750 Priestern. Verglichen mit den entsprechenden japanischen Zahlen zeigt sich darin ein starkes Mißverhältnis. Von diesen 850.000 Katholiken lebt der größte Teil, nicht ganz 600.000, auf den Kleinen Sunda-inseln. Damit wird das Mißverhältnis noch größer und drängender.

Indonesien ist ein Land, in dem das Christentum, abgesehen von einigen peripherisch gelegenen Gebieten (Kleine Sundainseln), durchaus noch nicht die Massen erobert und an sich gezogen hat. Der einheimische Klerus des Landes entspricht den Erwartungen, ist aber noch viel zu gering. Für Indonesien haben wir das System der stark geförderten einheimischen Ordensberufe. Auf den Kleinen Sundainseln sind die einheimischen Priester fast restlos Mitglieder der Gesellschaft des Göttlichen Wortes, obwohl man jetzt allmählich auch dazu überging, einheimische Weltpriester heranzubilden. Schutz, Sicherheit, gesellschaftlicher Umgang, gleiche Behandlung mit den Weißen, leichtere Möglichkeiten der Weiterbildung, das sind die einleuchtenden Gründe, die die Hierarchie, die bereits einige Indonesier in ihren Reihen zählt, zu dieser Methode führte.

Eine Lebensfrage der katholischen Mission und zugleich das stärkste Mittel der Propaganda ist die Schule. Im Augenblick der Verselbständigung Indonesiens besaß die Mission 1264 Primärschulen, 126 Sekundärschulen, 30 Normalschulen, 75 Berufsschulen mit insgesamt 227.221 Schülern. Das höhere Schulwesen, Gymnasium und Universität, ist noch wenig entwickelt.

Wesentlich für Gedeih und Verderb der Mission wird die Stellungnahme des Islams zur katholischen Kirche sein. Die Dekrete des Kultus- und Unterrichtsministeriums von 1951 geben Anlaß zu Besorgnis, wenn es darin heißt, daß das Kultusministerium Religionsprofessoren anstellt, sich das Recht vorbehält, diese zu ernennen, abzusetzen und zu versetzen und die Methode des Unterrichts zu leiten. Die beiden mohammedanischen Parteien Masjumi und Darul Islam haben als Ziel, einen mohammedanischen Staat zu schaffen. Ein solcher aber stände in direktem Gegensatz zur Pantja-Sila, den fünf Grundprinzipien der Republik, auf die sich Präsident Sukarno immer wieder so eindrucksvoll in seinen Reden beruft. Die Bemühungen dieser Parteien gehen von der falschen Vorausetzung aus, daß die indonesische Bevölkerung zum allergrößten Teil mohammedanisch ist. Man zählt die Bewohner, die noch Heiden sind, einfach zu den Moslems, und nur dann, wenn einer sich ausdrücklich als Mitglied einer anderen Religion bekennt, wird er eben nicht als Mohammedaner gezählt. Das Kultusministerium beaufsichtigt die Schulen und zahlt die Gehälter. Das Kultusministerium ist bestes Propagandainstrument des Islams auf Kosten des Staates. Es übt gewissermaßen hierarchische Gewalt aus und hat praktisch die Funktionen eines Oberhauptes des indonesischen Islams. Ob allerdings der fanatische Islam auch der Mehrheit der indonesischen Mohammedaner genehm ist, ist die andere Frage. Man hat den Islam' schon einen äußerlichen Aufguß auf die indonesische Seele genannt, der aber nicht tief eingedrungen ist. Einzelne Bekehrungserfolge, auch in größeren Gruppen, zeigen jedenfalls, daß auch in mohammedanischen Gebieten die Arbeit katholischer Missionäre nicht ganz unfruchtbar ist.

Eine noch nicht gelöste Frage geben die zahlreichen in älterer und neuer Zeit aus China eingewanderten Chinesen zu lösen auf. Besonders die letztere Gruppe ist sehr nationalstolz und untersteht in starkem Maße dem Einfluß des Mutterlandes. Der Chinese ist Träger des Mittelstandes und verfügt über bedeutende Kapitalien. Daraus wird die mögliche Einschaltung dieser Bevölkerungsgruppe in ihrer Bedeutung für Indonesien oder China klar.

Asien umfaßt 5 5,5 Prozent der Gesamtbevölkerung der Erde. Unter diesen 1332 Millionen Menschen sind nur 26 Millionen Katholiken, von denen weit über die Hälfte auf den Philipinen wohnen. Der asiatische Block ist also in seiner Geschlossenheit total heidnisch oder mohammedanisch. Das Christentum hat kaum die Feile angesetzt, um ihn aufzubrechen. Was diese Feststellung bedeutet, wird einem klar, wenn man bedenkt, daß wir Christen des Abendlandes über 400 Jahre Zeit hatten, mit unseren besten Kräften und wertvollsten Kulturgütern Asien ein christliches Gesicht zu geben. Manches ist geschehen, gewiß, aber gemessen an dem, was hätte geschehen können und müssen, bedeuten diese Jahrhunderte die größte Unterlassungssünde des Christentums. Gott kann und wird alles zum Besten lenken. Daran ist kein Zweifel Aber wenn wir sehen, welche rapiden Fortschritte der Kommunismus in Asien macht, wie ungeheuer die Mittel sind, die er aufbietet, wie raffiniert seine Anpassungsmethode, bestätigen wir unsere eigene Fahrlässigkeit durch das Wort des Herrn wieder einmal: „Die Kinder dieser Welt sind in ihrer Art klüger als die Kinder des Lichtes.“

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