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Das Ende der Missionen ist der Anfang der Weltkirche

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Um 2000 werden 60 Prozent der Christen in den jungen Staaten leben

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Um 2000 werden 60 Prozent der Christen in den jungen Staaten leben

Das erste Mal in der Kirchengeschichte hat ein Konzil die Missionstätigkeit in einem eigenen Dokument gewürdigt. Genau zehn Jahre später befaßte sich das Rundschreiben „Evangelii Nuntiandi“, eines der bedeutendsten Schreiben Pauls VI., wieder mit der Verkündigung des Evangeliums.

Das Missionsdekret markiert eine neue Epoche: das Ende der Missionierung und den Anfang der Weltkirche. Diese Wende begann sich unmittelbar vor dem Konzil abzuzeichnen, als die letzten Kolonialregierungen ihre Kolonien in die Unabhängigkeit entließen. Für die Kirche waren diese politischen Ereignisse Anlaß, die Missionsdiözesen mit einheimischen Bischöfen zu besetzen. In Afrika ist seit den fünfziger Jahren die Zahl der einheimischen Bischöfe von zwei auf 147 angewachsen.

Das Konzil hat auf den veränderten Sachverhalt reagiert, indem es die Eigenständigkeit der Teilkirchen in Ergänzung zum Primat des Papstes herausarbeitete. Die Bischofskonferenzen wurden in ihrer Bedeutung aufgewertet und mit neuen Vollmachten ausgestattet. Bis zum Konzü gab es vorwiegend Missionsvikariate mit einem Verwalter (Administrator) an der Spitze, der der römischen Kurie unterstellt war. Die Erhebung zu Diözesen und der Zusammenschluß zu Bischofskonferenzen macht diese Gebiete zu selbständigen, wenn auch noch jungen Kirchen. Seit dem Konzil befinden sie selbst über Fragen der Anpassung an die kulturelle Tradition ihres Landes, über Dialog, sei es mit Christen oder anderen Religionen, über ihre Liturgie und die Form der Verkündigung.

Im lateinamerikanischen Raum ist im Zusammenhang mit den Basisgruppen bald eine Diskussion um die kirchlichen Ämter entstanden. Mitunter werden priesterlose Gemeinden durch Vertreter der Gemeinden selbst vorbüdlich verwaltet und geleitet. So drängt sich die Frage auf, ob den Leitern solcher Gemeinden nicht auch die Weihen zu gewähren seien, zumal sie ohnehin bereits alle Funktionen eines Geweihten erfüllen.

In Indien sind seit einigen Jahrzehn- ' ten emstzunehmende Anpassungsversuche kirchlicher Gruppen und Personen an die traditionelle indische Spiritualität unternommen worden, die sich durch das Konzil bestätigt sehen: Christen treten im Kleid und Gehaben eines Sanyasin (Asket) auf, zogen sich in Ashrams (Stätte eines Einsiedlers) zurück, nahmen die Heiligen Schriften der Hindu als „Samen des Wortes“ in die Liturgie hinein, unternahmen Versuche zur Priesterausbildung nach dem Vorbild indischer Frömmigkeits- und Heiligkeitsvorstel- lungen, glichen manche Feste an Hinduvorbilder an. Manche dieser Lebensäußerungen der jungen Kirchen werden innerhalb und außerhalb ihres Bereiches als zu weitgehend empfunden, zumal die Angst vor möglichen Grenzüberschreitungen größer zu sein scheint als die Sorge vor einer Erstarrung in den gewohnten Bahnen. Die römischen Behörden haben für Indien 1976 einen Stop für alle liturgischen Experimente erlassen. Die Zukunft wird zeigen, ob eine solche Tempobremse nicht sogar zu tieferer Reflexion führen kann.

In Afrika verlagerte sich die Dynamik in Entsprgchung zum spontanen, emotionalen Temperament des Afrikaners vorwiegend auf Liturgie und Verkündigung. Wie die Religion ohnehin das gesamte Leben des Afrikaners durchtränkt, so gestaltet er auch seine Gottesdienste zum spontanen Fest.

Mit dem Erwachen der jungen Kirchen und der Besinnung auf ihre Eigenständigkeit haben sie Fesseln abgelegt, die sie vorher gefangen hielten. Ein solches Hemmnis war die Zaghaftigkeit auf Grund ihrer Minderheitensituation. Besonders in Asien, das 54 Prozent der Weltbevölkerung darstellt, hat die Kirche immer ein Ghettodasein gefristet. Die Christen in ganz Asien machen nur 2,3 Prozent aus, 0,95 Prozent ohne die 30 Millionen Katholiken der Philippinen. In Indien lebt die Kirche in kleinen Christengemeinden, oft sind ihre Mitglieder un- berührbare Parias, die niemals gewagt hätten, an andere Kasten mit einer Botschaft heranzutreten. Nur in Ranchi, Bombay, Goa und Kerala gibt es größere Gruppen von Christen, doch Kerala macht von Gesamtindien nur 1,19 Prozent aus. Nach dem Konzil hat sich die Kirche Indiens auch ihrer missionarischen Aufgabe gestellt, wobei sie sich besonders um die Missionierung des Nordens bemüht.

In Indonesien beträgt der Prozentsatz der Katholiken nur 2 Prozent, dennoch hat die Kirche Anschluß an die nationale Bewegung des Landes gefunden und bildet einen festen und geachteten Bestandteil der Nation. Die japanischen Christen (nur 0,8 Prozent der Bevölkerung) waren wegen ihrer Winzigkeit stark introvertiert, in den letzten Jahren verblüfften sie jedoch immer wieder die japanische Öffentlichkeit durch mutige Initiativen, wie die Bewegung „Liebe in Taten“.

Die lebendige Dynamik der jungen Kirchen konnte nicht ohne Auswirkungen auf die Weltkirche bleiben. Der Missionswissenschafter Walbert Bühlmann hat der Weltöffentlichkeit vorgerechnet, daß rein zahlenmäßig die Zukunft der Kirche im Bereich der jungen Kirche liegt. Schon in unserer Gegenwart ist über die Hälfte der Christen ip den jungen Kirchen beheimatet, im Jahre 2000 werden es an die 60 Prozent sein. Die Stimmen dieser Kirchen sind nicht mehr zu überhören. Auf den Bischofssynoden 1971 und 1974 ließen die Vertreter aus den jungen Kirchen in ihren Wortmeldungen bereits einen Vorgeschmack für zukünftige Entwicklungen aufkom- men.

Es bleibt noch abzuwarten, wie sich die liturgische Bewegung aus Afrika auf die Weltkirche auswirken wird. Die Maße der Kirche müssen einer Weltkirche angemessen sein - angefangen vom Kirchenrecht bis zur Li turgie, Verkündigung, Dialog und zur Leitung der Gesamtkirche. Gar nicht abzusehen wird das zukünftige Bild der Kirche sein, wenn dem Boden der lebendigen jungen Kirchen eine selbständige, ihrem Kulturkreis angemessene Reflexion (sprich: Theologie) erwachsen wird. Erste Vorboten dafür sind schon zu sehen: Praktisch in allen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas schießen theologische Zeitschriften aus dem Boden.

Die bemerkenswertesten Auswirkungen sind durch das Konzil auf die Mission selbst erfolgt. Die einheimische Kirche übernimmt nun die Verantwortung für das Missionsgeschehen. Die vorher praktizierte Arbeits teilung gilt als überholt: Die einheimischen Priester betreiben Seelsorge im Stil der europäischen Pfarren, der ausländische Missionar leistet Pioniertätigkeit und bemüht sich um Gewinnung von Nichtchristen. Erster Missionar und verantwortlicher Missionsleiter ist heute der einheimische Bischof. Der ausländische Missionar ist Mitarbeiter, er ordnet sich dem Gesamtplan einer Diözese ein.

Die Verantwortung erstreckt sich nicht allein auf den eigenen Bereich der jungen Kirchen, sie Entsenden auch Missionare. Papst Paul VI. hät 1969 in Kampala die Afrikaner aufgerufen, ihre eigenen Missionare zu sein. So die Steyler Missionare auf den Philippinen: 20 Prozent der philippinischen Ordensmitglieder wirken als Missionare in anderen Ländern, elf in Indien, zwei auf Taiwan, 14 in Lateinamerika, fünf in Ghana und zwei auf Neuguinea.

Ist die Zeit der Mission vorüber? Die Prozentsätze der Christen in Asien haben deutlich genug gezeigt, daß noch viel Arbeit zu tun ist. Afrika wird im Jahr 2000 bereits 57 Prozent der Christen zählen, doch ist auch dann erst die Hälfte der Bevölkerung erreicht.

Karl Rahner vertritt die Ansicht, daß sich die Kirchen des Westens mit missionarischen Methoden um die Fernstehenden ihres Bereiches bemühen sollten. Der Missionswissenschaftler Josef Amstutz warnt, über den eigenen Sorgen die Weltkirche zu vergessen, insbesondere sei nach wie vor zwischenkirchliche Hilfe am Platz. Die westlichen Kirchen verfügen über reiche theologische Erfahrung. Ein Austausch, eine Beratung in spezifisch ortsgebundenen Fragestellungen hat faktisch noch nicht stattgefunden. Weiterhin notwendig erweist sich die personelle und materielle Hilfe, weil die jungen Kirchen allein weder das Personalproblem noch die finanziellen Fragen lösen können.

Eine epochale Wende ist in der kirchlichen Entwicklungshilfe eingetreten. Die Konzilsdekrete haben zu den irdischen Wirklichkeiten Stellung genommen. Der Mensch ist so zu nehmen, wie er ist - als Ganzheit. Konsequenterweise ist auch kirchliche Entwicklungshilfearbeit ganzheitlich. Die Auffassung, die Kirche kümmere sich um die Seele, der Staat um den Leib, stimmt längst nicht mehr. Rein zah lenmäßig stellt die kirchliche Entwicklungshilfe die größte Gruppe - etwa 50.000 Menschen; das finanzielle Aufkommen beträgt jährlich ca. 7,5 Milliarden Schilling, das ist mehr, als die Mittel der Unterorganisationen der UN zusammen ausmachen.

Die Kirche leistet „Erste Hilfe“ durch Schulen und Krankenpflegestellen. In einem weiteren Schritt geht sie zu ausgebauten Primär-, Mittelund Handwerkerschulen über, die sie dann in der dritten und mitunter schmerzlichen Phase in die Obhut des Staates übergibt. Die strukturelle Durchdringung einer jungen Nation muß der Staat übernehmen, die Kirche schafft durch „Graswurzelprojekte“ die Voraussetzung, damit Entwicklung überhaupt stattfinden kann. In einer Beziehung leistet die junge Kirche dem jungen Staat eine Hilfe, die nur sie gewähren kann: Sie formt Gemeinden aus allen Stämmen. Damit schafft sie die Voraussetzung, daß aus dem zufälligen Nebeneinander verschiedener, mitunter verfeindeter Stämme eine Einheit wird, aus der so etwas wie ein Staatsbewußtsein erwächst. Doch bei allem Engagement für wirtschaftliche Verbesserung hält die Kirche das Evangelium in der Hand. Das Evangelium sagt, daß wirtschaftliche Entwicklung nicht alles ist, es sagt, daß der Mensch berufen ist, Partner Gottes zu sein.

Mit dem Konzil hat die Epoche der Weltkirche begonnen. Schon tauchen ab und zu Konturen und Richtungen aus einem dunklen Nebel auf, die noch unscharf sind. Immerhin, aus den Missionen sind Kirchen geworden und aus der Kirche die Weltkirche.

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