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Eine Sprache finden, die alle verstehen

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Was Petrus vor 2000 Jahren zu Pfingsten in Jerusalem im Namen der jungen Kirche gelungen ist: eine Sprache zu finden, die alle verstanden haben und die viele zur Taufe veranlaßt hat - ist das den Christen heute noch möglich?

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Was Petrus vor 2000 Jahren zu Pfingsten in Jerusalem im Namen der jungen Kirche gelungen ist: eine Sprache zu finden, die alle verstanden haben und die viele zur Taufe veranlaßt hat - ist das den Christen heute noch möglich?

Die anerkannten Zukunftsforscher John Naisbitt und Patricia Aburdene (..Megatrends 2000", Düsseldorf 1990) weisen auf der Basis ihrer umfangreichen Forschungsarbeiten auf folgende Entwicklung hin: Am Ende dieses Jahrzehntes wird es zu einem Wiederaufleben der Religionen kommen. Allerdings nur jener Qualität von Religion, die persönlich spirituell, sinnlich erfahrbar und rational nachvollziehbar ist. Religionen, die einseitig auf Institution setzen, werden unwichtig und zahlenmäßig massiv schrumpfen.

An Pfingsten ist diese Analyse wie ein Spiegel: Wenn wir die Dynamik zwischen Institution und Prophetie auf Kosten des Prophetischen und Charismatischen in der Kirche (weiter) überziehen, wird das Millionen Menschen aus der katholischen Kirche vertreiben. Ich gehöre nicht zu jenen, die Kirche als Institution für unwichtig halten. Gerade eine weltumspannende Kirche wie die römischkatholische wird ohne institutionelle Basis und ohne das Dienstamt des Papstes und der Bischöfe keine Zukunft in Einheit haben, sondern in tausend Teile zerfallen und in die Bedeutungslosigkeit versinken.

Das ist aber nur die eine Seite. Die Kirche darf deswegen gerade nicht immer mehr zu einer machtvollen, sich den Anschein des Autoritären gebenden, Menschen mit ihren konkreten Problemen und ihren leidvollen Sackgassen vernachlässigende Institution werden. Angesagt ist Heil und Heilung, die es Menschen erst möglich macht, umzukehren.

„In Zeiten großergesellschaftlicher Veränderungen, ist die Tiefe der religiösen Erfahrung so stark, daß die institutionalisierte Religion keine adäquate Basis des religiösen Lebens bieten kann" schreiben die genannten Autoren. Aus intensiver Erfahrung mit vielen Jugendlichen kann ich diese Wahrnehmung nur bestätigen.

Die Tendenz wird in zwei extreme Richtungen verlaufen, in die fundamentalistische und in die individuell unterschiedlich, spirituell geprägte. Die fundamentalistische Richtung bedient sich mit höchster Effizienz der Medien, was die katholische Kirche in Lateinamerika von Seiten der nordamerikanischen Sekten schon intensiv zu spüren bekommt. Spirituell geprägte Religiosität wird Zukunft haben. Inwiefern sich unsere Kirche rechtzeitig auf diesen Weg in einer fruchtbaren Dynamik zu ihrer institutionellen Dimension einläßt, wird für die Zukunft der katholischen Kirche in Europa entscheidend werden.

Ich bin hoffnungsvoll deswegen, weil ich in vielen Gruppierungen geradezu eine Sehnsucht nach der Gottesbeziehung entdecke und viele Quellen der Religiosität weithin lediglich oberflächlich verschüttet sind. Pessimistisch bin ich, wenn ich die Sackgasse ansehe, in die manche re-staurative Kreise die Kirche hineinführen wollen, wobei schon jetzt nach , kurzer Zeit deutlich wird, daß Restauration nicht der richtige Weg sein kann. „Wenn es beim alten bleiben soll, darf es nicht beim alten bleiben" (F. v. Baader). Der Herausforderung eines neuen Pfingsten wird nur eine spirituell persönliche Religiosität gerecht werden können.

Aber nicht nur die restaurativen Gruppen versagen. Das derzeit bisweilen gestörte Verhältnis zwischen den Ortskirchen und Rom ist endlich offensiver und geschwisterlicher anzugehen und auf eine Basis zu stellen: Einerseits ist von uns zu Rom hin ei-

niges an Bekehrung zu leisten; bisweilen fehlt uns sehr wohl die Sensibilität, daraufhin zu hören, was im Interesse des Ganzen derKirche-mög-licherweise auf der Basis anderer Informationen -dringlich ist. Zum anderen ist von der Kirchenleitung her eine dialogorientierte Amtsausübung noch viel dringlicher geworden, soll es nicht zu Brüchen kommen. Erfreulich ist fürmich.daß durch den intensiven Einsatz des neuen Apostolischen Nuntius in Österreich manches an Verhärtungen wenigstens nicht zugespitzt, manches atmosphärisch schon etwas gelöster geworden ist.

Pfingsten ist allerdings nicht nur innerkirchlich zu bedenken. Pfingsten hat mit der ganzen Menschheit zu tun. Es bleibt Utopie: Alle verstehen einander, obwohl sie ganz verschiedene Sprachen sprechen. Einverständnis, Konsens, Betroffenheit wird in den Tausenden von Sprachen und Dialekten dieser Welt ausgedrückt, in allen Sprachen der Welt wird das eine hörbar: Gott ist unter Euch anwesend. So etwas kann nur von Gott selber kommen. Gott selbst wird die'großen Religionen zusammenführen müssen. Assisi war erst ein Anfang.

Pfingsten in der Kirche habe ich erlebt: Obwohl wir völlig andere Mentalitäten, eine andere, geradezu konträre Lebensgeschichte haben, haben wir im Elendsviertel in Lima das Leben gefeiert, die Überwindung des Todes und die Anwesenheit des Geistes Gottes geglaubt, obwohl wir uns sprachlich-grammatikalisch in Que-chua nur ungenügend verständigen

konnten. Es wurde mir in jener armseligsten Kirche, die ich je in meinem Leben betreten habe - bestehend aus zerbrechenden Schilfmatten -, klar: Gott selbst wohnt unter uns und schafft Gemeinschaft, Glauben, stiftet Liebe und Hoffnung in diesem elenden Viertel. Aber dies alles kommt nicht zustande, wenn sich Menschen nicht auf eine bestimmte Qualität von Kommunikation, von Gesten hin öffnen.

Daß wir aus Europa nicht als Ausbeuter zu ihnen kommen: „Bisher war es immer so, wenn Europäer zu uns kamen, haben sie uns etwas weggenommen, zum erstenmal bringen Europäer Zeichen der Solidarität mit." Die Investition des eigenen Lebens der Missionarin und des Missionars in diesem Viertel hat für diese Menschen die Fluten von Leid und deprimierender Hoffnungslosigkeit zwar nicht stoppen können, aber es war jemand da, der es versucht hat, gemeinsam mit ihnen im Kreuz ihres Volkes Gott zu suchen.

Pfingsten hat für mich konkret stattgefunden - es ist nicht nur eine Erinnerung, wirkmächtig am Ende 20. Jahrhunderts.

Für unsere europäische Kirche in West und Ost sehen viele kein Pfingsten. Lähmung breitet sich bei vielen aus. Ich zähle mich nicht zu ihnen, weil ich durch persönliche Meditation und intensive Kommunikation in meiner Pfarrgemeinde gegenteilige Erfahrungen tagtäglich mache. Aber

es wäre inkompetent analysiert, wenn ich solche Gefühle Tausender Katholikinnen überspielen wollte.

Mangelnde Sensibilität, nicht transparent gemachte Entscheidungen und undifferenziertes Reden, auch so mancher Lehramtsträger, haben viel Verwirrung gestiftet. Aber auch dies bedarf der Differenzierung. Es gibt viele Bischöfe, die glaubwürdig argumentieren. Nur findet ihre Argumentation im Transport der Medien selbst-verständlich nicht jene Resonanz wie extreme Meldungen. Das Klima in einzelnen Diözesen ist sehr unterschiedlich. In der einen Diözese feiern die Menschen der Bischofsstadt ein großes Fest zur Bischofsweihe, in anderen Diözesen ist die Atmosphäre gründlich verdorben, glimmt Resignation und stille Wut weiter. Als ob dies bei kompetenter Personalpolitik hätte sein müssen.

IneinerSprache sprechen heißt nicht monoton sprechen, heißt auch nicht in neuscholastische Phrasen zurückfallen, die Menschen heute erst recht nicht mehr verstehbar zu machen sind. Ich meinerseits möchte mich nicht schuldig machen, nachwachsende Generationen mit nicht verstehbaren und unplausiblen theologischen Floskeln und Sprachformen zu belasten und ihnen den Weg in die Jesus-Christus-Beziehung zu verbauen.

Wir werden uns schnell dazu bekehren müssen, den Glauben der Kirche so zur Sprache zu bringen, daß auch Menschen am Ende des 20. Jahrhunderts ihn verstehen und ihm zustimmen können. Wenn man die großen Perspektiven von „Evangelii nun-tiandi" (1975), der meines Erachtens wichtigsten Enzyklika Papst Pauls VI., endlich umsetzen würde, wäre es mit der Sprachverwirrung und Unfähigkeit, sich auch innerkirchlich zu verständigen, bald vorbei.

Verkündigung ist nach ihm ein von Wahrheit und Liebe beseelter Prozeß, und für diesen gebe es Zeichen: „Das erste wäre der Respekt vor der religiösen und geistlichen Lage der Menschen, die man evangelisiert. Respekt vor ihrem eigenen Lebensrhythmus, den man nicht über Gebühr belasten darf. Respekt vor ihrem Gewissen und ihren Überzeugungen, die man nicht brüskieren soll. Ein weiteres Zeichen dieser Liebe ist die Sorge, den anderen, zumal wenn er in seinem Glauben schwach ist, nicht mit Aussagen zu verletzen, die für die Eingeweihten klar sein mögen, doch für die übrigen Gläubigen eher Anlaß zur Verwir-

rung und Ärgernis werden können, zu einer Verwundung der Seele." (79)

Diese Weisung Pauls VI. ist endlich emster zu nehmen, wenn es zu einem neuen Pfingsten in Westeuropa kommen soll. Dies gilt nicht zuletzt auch für jene restaurative Unheilspropheten, die mit ihren Schlaghammerparolen, auf die sich die Medien mit Genuß stürzen, um die Kirche zu verhöhnen, Zehntausenden von Menschen den Zugang zurKirche und zum Evangelium verbaut haben. Monotone Hinweise, daß gerade sie ausschließlich die Wahrheit besäßen, weil sie in früheren theologischen Denkweisen verhaftet sprechen, überzeugen mich immer weniger.

In einer geschichtlich orientierten Kirche und Theologie muß sprachlich verstehbar werden, was das Elementare, Unverzichtbare des Glaubens ausmacht und wie derchristliche Weg in die heutigen, im Wandel der Zeiten sehr komplizierten Lebenssituationen hinein getreu und kompetent zugleich zu transformieren ist.

Kindern und Jugendlichen nurGlau-bensformeln vorzusetzen, ist zu billig. Sie werden (wenn sie müssen, aber nur solange) diese Glaubensformeln auswendig lernen und ihre theo-logiekundlichen Kenntnisse etwa in

der Matura vorzeigen: Ich habe schon viele hervorragende Maturaprüfungen von Schülerinnen und Schülern erlebt. Ihnen Glaubens wissen beizubringen war für mich als Religionspädagoge keine Kunst. Die viel größere Herausforderung war und ist fürmich, daß aus diesem Wissen Lebenswissen wird, es also existentielle Handlungsrelevanz bekommt. Für viele bleibt dieses Wissen schal, und es kommt eben gerade nicht zu jener Horizontverschmelzung in der Beziehung mit Jesus Christus.

Wieder Paul VI.: „Zustimmungen zu den Wahrheiten, die der Herr aus Barmherzigkeit geoffenbart hat, gewiß. Aber mehr noch, Zustimmung zu dem Lebensprogramm - dem eines nun mehr verwandelten Lebens -, das er vorlegt. Mit einem Wort, Zustim-

mung zu dem Reich, das heißt zur ,Neuen Welt', zum neuen Zustand der Dinge, zur neuen Weise des Seins, des Lebens, des Zusammenlebens, die das Evangelium eröffnet" (23).

Eine Sprache finden, die alle verstehen, aus der baby Ionischen Sprachverwirrung innerhalb der Kirche, aber auch in der Menschheit überhaupt herauszufinden ist möglich, wenn

- sich der Glaube an den Dreieinigen Gott auch in einer dialogischen Verständigung in der Kirche auf allen Ebenen durchsetzt, auch in der Kirche eine Zivilisation der Liebe angestrebt wird.

- der Glaube der Kirche gerade auch von den Entscheidungsträgem des Lehramtes transparenter begründet und schlüssiger verkündet wird.

- endlich wieder mehr auf die Atmosphäre des Pfingstsaales, also auf gegenseitiges Hinhören, gemeinsames Gebet und auf Gedeihräume wertgelegt wird.

- die Inkulturation des Glaubens der Kirche dynamischer und offensiver, und nicht vorwiegend abgrenzend verstanden wird, damit das Evangelium tatsächlich in allen Sprachen der Welt als die herausfordernde und frohmachende Wahrheit in den verschiedenen Mentalitäten, Symbolen, Dialekten wahrnehmbar wird und bleibt.

- es nicht weiter zu Machtkämpfen zwischen Rom und vielen Ortskirchen kommt, sondern zu einem entschlossenen Dialog, zum Hinhören und gemeinsamen Beten, letztlich zu einer entschiedenen Selbstreform der Kirche an Haupt und Gliedern.

- die derzeit sich zerstritten zeigende Kirche neue Wege der Verständigung findet, um wieder stimulierende Kraft in einer auseinanderstrebenden, sich immer wieder neuen Abgründen entgegenschleudernden Welt, „Zeichen des Heiles" nämlich der Anwesenheit Gottes selbst, werden zu können. Eine zerstrittene Gruppe zieht niemand an!

- sich die Glaubenssprache im Austausch mit den Nöten und Verste-hensblockaden der Menschen gemeinsam weiterentwickelt, die Menschen also in ihren Sackgassen und Armutssituationen als „interlocutores" (Da-zwischenredner) ernstgenommen werden.

Die für die katholische Kirche sehr kritisch gewordene Lage in Lateinamerika muß uns an diesem Pfingsten 1991 auch in Europa aufhorchen lasen, endlich heilsamer zu verkündigen und nicht so sehr Rechtsgläubigkeitsgefechte zu führen und Richtungskämpfe zur Schau zu stellen. Die Menschen wollen neu davon überzeugt werden, warum es sinnvoller ist den immerhin anspruchsvollen „christlichen Weg" zu gehen.

Wäre die „Option für die Armen", also der Verkündigungsweg von Me-dellin (1968) und Puebla (1979), konsequent gegangen worden, Lateinamerika würde jetzt nicht zur leichten Beute nordamerikanischer Sekten.

Politische und militärische Kreise in Nordamerika fördern die Zer-störungderkatholischen Kirche durch diese Sekten, es ist dies Bestandteil der Ideologie einer „neuen Weltordnung" in ihrem Sinne. In Diözesen, die sich an Medellin und Puebla als historische Konkretion der Verkündigung angesichts der Ungeheuerlichkeit des Elends auf dem Subkontinent orientieren, sind solche Einbrüche kaum wirksam geworden. Ich kann es aus eigener Erfahrung berichten.

In Europa steht der mühevolle und viel Geduld fordernde Verkündigungsweg an, Menschen von der einmaligen Bedeutung und der großen Vision des christlichen Weges neu zu überzeugen. Von Einzelgesprächen bis zu den Massenmedien sind neue Wege zu gehen. Zukunftsfähig macht diesen Weg der Geist Gottes, der unser Sprechen leitet und der uns die Dynamik weisen wird - fernab jeglicher ängstlicher Restauration.

Der Autor ist Ordinarius für Religionspädagogik an der Universität Salzburg.

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