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Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens

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Warum ist die Firmung oft das Sakrament des Abschieds aus der Kirche? Ein Theologiestudent macht sich Gedanken.

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Warum ist die Firmung oft das Sakrament des Abschieds aus der Kirche? Ein Theologiestudent macht sich Gedanken.

Jugend und Kirche - „Ich kann das Thema schon gar nicht mehr hören”, meinte erst vor kurzem ein Wiener Universitätsseelsorger. Beim Blättern in Zeitschriften findet man vor allem Meldungen, die Probleme der Kirche mit jungen Menschen hervorheben. Die Kirche spreche nicht ihre Sprache, sie rede nur von Verboten und habe kein Verständnis für ihre Probleme. Daher, so der einfache Schluß, können viele Jugendliche mit der Kirche nichts mehr anfangen. Auch der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner stellte fest: „Die Kluft zwischen der Jugend und der Kirche wird immer größer.” Er untermauerte diese Diagnose anhand einer seiner zahlreichen Umfragen. So haben nur mehr 15 Prozent der Österreicher unter 20 Jahren Vertrauen in die Kirche. Der Rest, also 85 Prozent, haben sich in Zulehners nüchterner Analyse von der Gemeinschaft der Gläubigen entfernt.

Kirche nein! Christus nein!

Es ist noch nicht lange her, als in unserer Gesellschaft die Parole laut zu hören war: „Christus ja! Kirche nein!” Vor allem die junge Generation äußerte mit diesem Spruch ihren Protest gegen die Kirche — aber ihre Sympathie für Christus. Heute scheint eine andere Tendenz zu dominieren: „Kirche nein! Christus nein!” Doch es sind nicht nur Junge, die sich vom Glauben abwenden, die Christus und das christliche Leben radikal in Frage stellen. Die Krise des Glaubens betrifft auch die Erwachsenen. Sie ist zu einem gesellschaftlichen Phänomen unserer Zeit geworden.

In unzähligen Artikeln und Vorträgen hat man schon versucht, die Ursachen dafür zu ergründen, warum sich immer mehr Jugendliche von Christus verabschieden. Die Ergebnisse sind nicht neu. Als 21jähriger Theologiestudent, der selbst schon viele Höhen und Tiefen in seinem Glaubensweg erlebt hat, wurde ich gebeten, einige Anregungen zu diesem Thema zu machen. Es geht mir nicht um die Erzählung meiner eigenen Lebensgeschichte, sondern um die nüchterne Betrachtung einiger Aspekte, die mir in der Begegnung mit Altersgenossen aufgefallen sind.

Zuerst scheint es mir wichtig, sich mit der Bedeutung der Jugendzeit zu befassen. Was ist die Jugendzeit? Sie ist nicht nur eine Lebensphase, die eine bestimmte Anzahl von Jahren umfaßt, sondern zugleich ein Abschnitt, in dem der junge Mensch Antwort auf die grundlegenden Fragen sucht. Er forscht nicht nur nach dem Sinn des Lebens, sondern auch nach einem konkreten Plan, mit dem er beginnen kann, sein Leben einzurichten. Man sucht nach einem Platz in der Welt, der den jeweiligen Talenten und Begabungen entspricht. Angefangen von den Eltern muß jeder Erzieher und auch jeder Seelsorger diese Kennzeichen sehr gut kennen.

In dieser Zeit braucht die junge Generation Antworten, um eine orientierende Ausrichtung zu erfahren. Hier steht die Kirche aber vor gewaltigen Schwierigkeiten. Sie muß nämlich Ideale und Inhalte vermitteln, die so gar nicht in diese Welt zu passen

scheinen. Da ist einerseits das Problem des Klimas und der Umgebung. In Konkurrenz zum sonntäglichen Gottesdienst stehen heute Fernsehen und Videowelt. Die Teilnahme an einer Liturgie muß für junge Leute, an Hektik und Nervosität mehr gewöhnt als jede Generation zuvor, zu einem Erlebnis werden. Sie streben nach Ac-tion und Stimulation. Dieser Zustand ist für viele Erwachsene und besonders auch kirchlich geprägte Menschen wie eine Zumutung. So finden junge Menschen schwerlich Platz unter den Gläubigen einer Pfarre und wissen mit der Kirche, die sie nicht versteht, nichts anzufangen. Sie gehen auf Distanz oder wandern aus und organisieren sich in eigenen Zirkeln.

Problemkreis Sexualität

Da ist weiters das Problem der Sexualität. Wenn der Mensch auch in jedem Abschnitt seines Lebens Selbstbestätigung und Liebe sucht, so ist diese Suche hier am stärksten ausgeprägt. Leider ist die Jugendszene in-diesem Bereich zu einem riesigen Sumpf abgründiger Möglichkeiten geworden. Aus Filmen und Zeitschriften beziehen junge Menschen Vokabular und Begrifflichkeit, die oft aus der untersten Schublade stammen. Magazine führen Pubertäre, die noch keinen „Vollkontakt” hatten, als zumindest bedenklich vor. Aufklärungsschriften tragen pornographische Züge. An Männer und Frauen mit mehreren gleichzeitigen sexuellen Beziehungen scheint man sich in unserer Gesellschaft zu gewöhnen.

In dieser Situation tun sich die Heranwachsenden mit der kirchlichen Sexualmoral besonders schwer. Das ist verständlich, denn gerade hier fordert die Kirche von Menschen, die noch keine besondere Verantwortung in Beruf und Familie tragen müssen, und zugleich Zärtlichkeit und Liebe entdecken, ein Verhalten, das den Neigungen und Interessen des Zeitgeistes völlig zuwiderläuft.

Will man nun den Wert der katholischen Moral erklären, so gestaltet sich dies schon deshalb vielfach als un -möglich, weil es an geeigneter Literatur fehlt. Denn der Großteil der kirchlichen Verlautbarungen und moraltheologischen Traktate sind für Pubertierende in der Sprache eines fernen Planeten abgefaßt.

Somit wird Sexualität in eine Sphäre gehoben, in der sie junge Menschen nicht ansiedeln wollen und schon gar nicht können. Man fragt sich ernsthaft, ob nicht der Inhalt katholischer Sexualmoral eine sprachlich viel nüchternere und pragmatischere Form annehmen könnte. Eine Sprache, die auch Jugendliche verstehen

und nachempfinden können. Noch viel wichtiger ist es jedoch, den Heranwachsenden zu erklären, daß das Christentum nicht nur aus Sexualmoral besteht. Die um das sechste Gebot schwirrenden Fragen wie Pille und Kondom dürfen einfach nicht zum Gradmesser der Katholizität werden. Im Gegenteil, sie muß die frohe und befreiende Botschaft des Evangeliums verkünden.

Vor einigen Wochen habe ich einen Kollegen im Studentenheim gefragt, wie er sich Gott vorstelle. Er antwortete, soviel er erkennen könne, sei Gott „wie die Menschen, die ständig herumschleichen, um zu sehen, ob sich jemand amüsiert, und dann versuchen, es ihm zu vermiesen”. Ich fürchte, die gleiche Vorstellung haben noch viele andere Altersgenossen. Die Heranwachsenden möchten die Welt selbst ohne Zwang und in Freiheit erobern. Heute stehen ihnen dafür besonders viele Möglichkeiten offen. Man kann es ihnen nicht verdenken, daß sie sich mit allem auseinandersetzen und verschiedene Möglichkeiten selbst einmal ausprobieren möchten. Sie lernen - wie alle Menschen auch - durch Versuch und Irrtum. In der Eroberung der Welt, wird man verschiedene Erfahrungen machen, auch fehlerhafte. Gerade negative Erlebnisse können zur Orientierung dienen. Junge Leute sind meist wißbegierig und prüfen genau. Das Problem ist nur, daß kirchliche Amtsträger bisweilen so erscheinen, als ob sie meinten, Fehler dürfen gar nicht vorkommen, die jungen Erwachsenen müßten von Anfang an perfekt sein. Das Leben dieser Menschen kann aber im Sinne der Kirche gelingen, wenn sie unter guter seelsorglicher Begleitung und in Ruhe die Angebote der Lebensbewältigung betrachten

dürfen, um dann auszuwählen. Es kommt schließlich darauf an, daß die jungen Leute die Normen der Kirche in ihrem eigenen Leben als gültig erfahren und sie nicht nur für gültig halten, weil andere es so erwarten. Zukunftsforscher haben prognostiziert, daß im Jahr 2030 nur mehr 30 Prozent der Menschen auf der Welt den Großkirchen angehören werden. Zur katholischen Kirche bekennen sich heute etwa elf Prozent, im Jahr 2030 nur mehr geschätzte sechs Prozent. Dabei sollen die Jugendlichen die ersten sein, die die Kirche verlassen werden. Bei allem Verständnis für derartige Zahlenspielereien ist doch Skepsis angebracht, ob solche Berechnungen auch eintreten werden.

Das Beispiel Taize

Statt Resignation gibt es Grund zur Hoffnung. Zwar wird dies in den Medien oft sträflich vernachlässigt, doch es gibt viele Aufbrüche. Manche junge Menschen haben sich in kleinen Gemeinschaften zusammengefunden oder orientieren sich an der spirituellen Ausstrahlung bestimmter Orte und Personen. Besonders erwähnenswert ist hier der europäische Pilgerweg des Vertrauens der Ökumenischen Mönchsgemeinschaft von Tai-Tß und die Weltjugendtreffen von Papst Johannes Paul II. Erst im Jänner 1995 fand auf den Philippinen zum zehnten Weltjugendtag der größte Gottesdienst in der Weltgeschichte statt. Rund vier bis fünf Millionen Menschen feierten mit dem

Papst die Eucharistie. Nur wenige Wochen zuvor fand in Paris das Jugendtreffen von Taize statt. Auch diesmal konnte man einen Rekord melden. Mit 250.000 Teilnehmern war es das größte Jugendereignis in der Geschichte Frankreichs.

Taize - der kleine Ort in Burgund - steht symbolisch für den Aufbruch der Jugend. Woher kommt es, daß so viele heranwachsende Christen in diesem schlichten Dorf ein Stück weit den Sinn ihres Lebens finden? Diese Frage hatte einmal ein TV-Journalist dem Gründer der ökumenischen Mönchsgemeinschaft, Frere Roger Schutz, gestellt. Der Ordensmann zögerte kurz und antwortete dann: „Sie erhalten einen Sinn-Schock!” Darin kommt gut zum Ausdruck, was für viele Jugendliche der Aufenthalt in Taize bedeutet. Sie finden ein Stück Lebenssinn. Nicht nur den Sinn ihres eigenen Lebens, sondern auch einen Sinn für die Kirche, für die Gemeinschaft im Leib Christi, eine wache Aufmerksamkeit für die dringenden Fragen der Menschheitsfamilie.

Die Erwartungen der jungen Besucher sind so vielfältig wie ihre Sprachen und Herkunft. Manche leben seit vielen Jahren als engagierte Christen, andere stehen am Anfang ihres Glaubensweges. Doch alle finden sie zur Gemeinschaft mit Gott, dem Ursprung und Ziel unserer Existenz. Die Jugendlichen, die nach Taize kommen, um Antworten auf ihre Fragen zu finden, haben nicht den Boden unter den Füßen verloren und bauen sich auch keine Scheinwelt auf. Im Gegenteil, sie sind oft kritisch und stellen an die anderen und an die Kirche sehr hohe Anforderungen. Doch sie werden in ihrem Durst nach dem Sinn des Lebens gestillt. Und darauf kommt es an.

In Taize wird niemand gezwungen, eine Lehre anzunehmen. In völliger Freiheit lassen sich die jungen Menschen auf Christus ein. Es geht um die umwerfende und zugleich erschütternde Erfahrung mit dem Gottessohn, der den Glaubenden in seinem Innersten berührt. Das Beispiel von Taize zeigt, daß die Kirche die Jugend nicht zu verlieren braucht.

Man darf den jungen Menschen durchaus etwas zutrauen. Sie sind reif genug, um auch etwas Ehrfurcht vor dem Sakralen, Verantwortung vor Gott, von Sakramenten, von Schuld und Eschatologie zu erfahren. Von der Größe und Härte der Entscheidung, vor die Christus jeden einzelnen stellt. Denn die Jugendlichen wollen in der Kirche ernst genommen werden.

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