Interview - © Illustration: Rainer Messerklinger
Religion

Julia Knop zu Kirchenreform: Was um Jesu willen zu verändern wäre

1945 1960 1980 2000 2020

Vom „Aggiornamento“ des II. Vatikanums bis zum Synodalen Weg in Deutschland und der jüngsten vatikanischen Instruktion: Dogmatikerin Julia Knop zum Ändern-Leben in der Kirche.

1945 1960 1980 2000 2020

Vom „Aggiornamento“ des II. Vatikanums bis zum Synodalen Weg in Deutschland und der jüngsten vatikanischen Instruktion: Dogmatikerin Julia Knop zum Ändern-Leben in der Kirche.

Ecclesia semper reformanda – Kirche lebt beständig im Reform-Modus: Die katholische Kirche scheint sich mit derartigem Leitwort besonders schwer zu tun. Die Erfurter Dogmatikerin Julia Knop über „Du musst dein Ändern leben“ in Bezug auf ihre Glaubensgemeinschaft.

DIE FURCHE: Die Prämisse des Themas der Salzburger Hochschulwochen lautet: Ändern ist etwas Notwendiges. Wo sehen Sie den größten Änderungsbedarf für Kirche und katholisches Christsein?
Julia Knop: Das II. Vatikanische Konzil lebt von der Idee des „Aggiornamento“, d.h. der Verheutigung des Glaubens. Das ist gar nicht weit weg vom Motto der Hochschulwochen: „Du musst dein Ändern leben.“ Gemeint ist, in einem guten Sinne zeitgemäß zu sein und zu prüfen, welche Standards, Werte und Gepflogenheiten einer Zeit für die Kirche maßstäblich sind. „Zeitgemäß“ zu sein, ist in der Kirche allerdings nicht gut gelitten. Ich erlebe eine ganz merkwürdige Entgegensetzung von „Zeitgeist“ und „Zeichen der Zeit“. Der „Zeitgeist“ ist stets verdächtig. Er scheint nur wenig mit den „Zeichen der Zeit“ zu tun zu haben, von denen Johannes XXIII. und das Konzil gesprochen haben. Ich finde diese Entgegensetzung falsch und konstruiert. Zeichen der Zeit sind umfassende und unumkehrbare gesellschaftliche Erkenntnisse und Entwicklungen. Sie bedeuten etwas und erfordern innere und äußere Umstellungen, auch in der Kirche. Es sind Zeichen, die das Evangelium neu erschließen. Johannes XXIII.
nannte 1963 das Selbstbewusstsein der Arbeiter, die Würde der Frau und das globale Streben nach Frieden und Gerechtigkeit.
Wenn wir diese Spur verfolgen, sind wir schnell in der Gegenwart und den Zeichen unserer Zeit. Werden sie nicht oder nur halbherzig aufgegriffen, kommt es zu enormen Plausibilitätskrisen. Wir beobachten zum Beispiel seit Jahrzehnten, dass Gerechtigkeits- und Partizipationsfragen, wie sie in modernen, offenen Gesellschaften behandelt werden, und kirchliche Realität auseinanderfallen. Autonomie in Fragen der Lebensform und Sexualität und das große Thema Geschlechtergerechtigkeit sind andere Beispiele. In Deutschland war die MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch durch Kleriker ein wichtiger Impuls, der Entwicklungs- und Korrekturbedarf unabweisbar gemacht hat. Denn sie hat das Gefährdungspotenzial überkommener kirchlicher Realitäten ins Bewusstsein gehoben. Dass man endlich diese „alten“ Themen aufzugreifen bereit ist und nach systemischen und konzeptionellen Problemen fragt, ist neu. Das ist der Reform-Impuls, den wir in Deutschland gerade sehr stark erleben. Natürlich ringen wir darum, wie das geht.

DIE FURCHE: Das ist ja jetzt auch der große Streitpunkt zwischen der vermutlich mino­ritären, aber sehr lauten, konservativen Strömung, die versucht, all diese Diskussio­nen zu verhindern, und einer reformorientierten, die das jetzt endlich angehen will.
Knop: Man sieht zumindest, dass es große Unterschiede gibt, mit welcher Grundeinstellung man an die Themen herangeht: Ob man die Kirche vor allem als hierarchisches System denkt, als Lehrerin einer von Zeit und Geschichte unabhängigen Wahrheit, als Verwalterin des Heiligen, mit sakrosankten Ämtern und Strukturen. Oder ob man die Kirche als eine geschichtliche Größe versteht, die auch immer in Relation zur umgebenden Kultur steht, die sich als Teil dieser Welt entfaltet und in dieser Welt bewähren muss. Zwischen diesen beiden – sicher plakativ gezeichneten – Grundoptionen Kommunikation zu ermöglichen, ist schwierig. Es braucht eine Verständigung darüber, was warum bewahrt werden soll und was man auch verändern (können) muss, um dem Auftrag Jesu auch in unseren Tagen gerecht zu werden.