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Katholikentag — Ein Jahr danach

1945 1960 1980 2000 2020

Dieser Katholikentag '83 hat sich als Fest ereignet. Der Ertrag lag auf dem Gabentisch: Fünf große Pakete sind es, die es jetzt sorgfältig zu öffnen gilt, damit nichts zerbricht.

1945 1960 1980 2000 2020

Dieser Katholikentag '83 hat sich als Fest ereignet. Der Ertrag lag auf dem Gabentisch: Fünf große Pakete sind es, die es jetzt sorgfältig zu öffnen gilt, damit nichts zerbricht.

Es war eine glückliche Entwicklung, daß sich am Ende der gründlichen und so mühevollen Vorbereitung des Katholikentags '83 die Erwartung durchgesetzt hat: Dieser Tag wird ein Fest werden. Tatsächlich hat er sich als Fest ereignet.

Der wesentliche Ertrag des Festes war nicht das Ergebnis der zähen und konsequenten Vorbereitung allein, sondern er lag auf dem Gabentisch. Jetzt gilt es, die Pakete sorgfältig zu öffnen, damit nichts zerbricht.

Erstes Paket: Es gibt mehr Kirche als wir meinen.

Nach einer Anekdote kam einmal ein sehr dicker Kapuziner in die Sakristei einer Kirche und wollte Messe lesen. Ein kleiner Ministrant ging einmal um ihn herum und fragte ihn dann staunend: „Bist das alles du?“

So ähnlich fragten wir Ministranten alle, die Bischöfe und Priester, die Organisatoren und Sekretäre, die vielen kleinen und großen Helfer: Bist das alles du, Kirche in Österreich?

Wir müssen mit mehr Kirche rechnen als in unserem kirchlichen Alltagsbetrieb vorkommt. Wir müssen uns vor allem lösen von allen „Prinzipien“, die immer wieder den Blick auf die ganze Kirche einengen: das Pfarrprinzip, das „Prinzip Gemeinde“, das Monopol der Katholischen Aktion, eine einseitige Betonung der Hauskirche u. a. m. Wir brauchen funktionierende Pfarrämter, lebendige Gemeinden, ein organisiertes Apostolat und eine Kirche, die tief verwurzelt ist im Haus und in der Familie.

Wenn man jedoch daraus Prinzipien macht und Prinzipien reitet, wird der Blick auf das größere Ganze jeweils verstellt. Sobald eine pastorale Leitidee oder Methode absolut gesetzt wird, schadet und zerstört sie.

Österreich ist ein Land, in dessen Geschichte und Kultur sich das Christliche tief eingegraben hat. Es gibt klar erkennbare Züge eines spezifisch österreichischen Katholizismus und eine tiefe Einbettung des kirchlichen Lebens ins Brauchtum. Es kann und soll gar nicht das spezifisch Christliche wieder herausgefiltert und in reinen Kulturen angelegt werden. Der Sauerteig gehört unters Mehl, das Salz in die Suppe.

So notwendig apostolische Gruppen sind, so wertvoll die Mitarbeiter in Pfarre und Gemeinde: sie dürfen sich nicht für die ganze Kirche halten.

Die Kirche darf damit rechnen, daß es sie auch außerhalb des kirchlichen Betriebes gibt; daß es Apostolat auch außerhalb des organisierten Apostolates gibt; daß es kirchliche Elemente auch außerhalb des erkennbaren Gemeindelebens gibt.

Zweites Paket: Die Kirche hat eine eigenständige Aufgabe.

Keine andere Institution der Gesellschaft wäre imstande, einen Vorgang einzuleiten, der dem Katholikentag vergleichbar wäre. Spätestens bei der Papstmesse im Donaupark haben das alle erkannt. Dabei hat sich nur einmal besonders eindrucksvoll gezeigt, was sich jeden Sonntag ereignet.

Mit dem Thema „Hoffnung“ kam ebenso die eigenständige Aufgabe der Kirche in den Blick. Dieses Thema ist nicht zu behandeln und aufzuschließen ohne die Dimension der Transzendenz, ohne Rückgriff in die Schatzkammer der Kirche, und das nicht nur um eine Theorie oder Theologie der Hoffnung.

Viele Menschen im Lande wissen und haben es erfahren, daß

die Kirche Hoffnung vermittelt, indem sie oft noch dort steht, wo sich niemand anderer mehr hinstellen will, zu den sogenannten hoffnungslosen Fällen.

Die Kirche soll in erster Linie das tun, was ihre eigenständige Aufgabe ist. Sie muß wohl mehr als bisher um ihre Identität besorgt sein, um es einmal mit diesem Modewort zu sagen.

Der Kirche ist nichts Menschliches fremd, hat das Konzil erklärt. Man wird kaum einen Bereich der Welt und des menschlichen Lebens finden können, der nicht auch ein legitimes Interesse der Kirche beanspruchen kann. Doch in welcher Weise sich die Kirche interessiert und engagiert, muß sich wohl doch von anderen Institutionen der Gesellschaft unterscheiden.

Die Kirche muß sich wohl nicht so sehr fragen, was sie noch alles tun könnte, als vielmehr, was sie nicht unbedingt und in erster Linie tun muß.

Die Kirche wird in erster Linie von dem reden müssen, wovon Jesus Christus in erster Linie geredet hat: vom Reich Gottes, von Glauben und Unglauben, von Himmel und Hölle, von Kreuz und Auferstehung. Es wird immer wieder um die Feier der Sakramente gehen und um konkrete Dienste an den Menschen. Die Kirche darf jedoch keine Allzuständigkeit beanspruchen.

Drittes Paket: Die Jugend sieht in der Kirche eine Hoffnung.

Was sich bei der Jugendfeier im Stadion ereignet hat, das hat kaum jemand vorher für möglich gehalten. Die Geladenen sind gekommen, und zwar in einer Zahl, wie man sie nur erträumt hatte. Doch die kirchliche „Jugendarbeit“ steckt schon längere Zeit in einer argen Krise.

Die Kirche wird sich auch hier an Jesus orientieren müssen. Er hat die Kinder gestreichelt und die Alten geehrt; er hat mit den Professoren gestritten und ist unerschrocken den Machthabern entgegengetreten. Verbündet haben sich mit ihm vor allem junge Menschen. Auch wenn sie wenig von dem begriffen haben, was er eigentlich wollte, so sind sie ihm doch am ehesten treu geblieben und hatten nach seinem Tod Vitalität genug, um seine Botschaft weiterzutragen. Eine Kirche, die nicht in erster

Linie von der Jugend getragen ist, wird erstarren. Der Katholikentag hat gezeigt, daß die Kirche mit der Jugend rechnen kann. Wird es auch gelingen, dieses Kapital zu nutzen und die Jugend nicht zu enttäuschen?

Viertes Paket: Die Kirche wird auch von außerkirchlichen Medien getragen.

Wenn ein wichtiges Blutgefäß verengt ist oder gar zu reißen droht, bringt man heute mit Erfolg einen „Bypass“ an: Man überbrückt das verengte Stück mit einem anderen. Als ein solcher Bypass für den kirchlichen Apparat haben sich für den Katholikentag die nichtkirchlichen Medien erwiesen.

Der Katholikentag wurde nicht einfach von der Kirche veranstaltet und vom Rundfunk übertragen, sondern er wurde schon in einer sehr frühen Phase der Vorbereitung gemeinsam mit Rundfunk und Fernsehen geplant. Die nichtkirchliche Presse hat — natürlich auf verschiedene Weise — in ausgiebiger Weise bei der Aufbereitung des Themas und der Veranstaltung mitgewirkt. Ohne ihr ehrliches und anhaltendes Engagement wäre der Katholikentag in dieser Form gar nicht möglich gewesen.

Man kann an das Wort Jesu denken: „Wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.“ Die Kirche hat in den Medien viele unerwartete und tatkräftige Helfer bekommen.

Fünftes Paket: Kirche in Osterreich.

Auf dem Katholikentag '83 hat sich die Kirche in Österreich in ihrer vielfachen Verflochtenheit und ihren vielen Dimensionen gezeigt. Durch den Besuch des Papstes wurde auch die Identität der römisch-katholischen Kirche in Österreich deutlich bestätigt und in Erinnerung gebracht. In dieser Verbundenheit mit Rom und der Weltkirche hat die Kirche in Österreich auch ihre Bedeutung für das Land.

Freilich wirft man der Leitung der Kirche in Österreich manchmal vor, es sei ihr mehr darum zu tun, die Anliegen Roms in Österreich durchzusetzen als die Anliegen Österreichs in Rom zu vertreten. So hat z. B. die österreichische Bischofskonferenz sich von einigen Beschlüssen des österreichischen Synodalen Vorgangs distanziert und sie nicht mit Empfehlung nach Rom weitergeleitet. So wurde auch das Dokument des Katholikentags '83 „Perspektiven der Hoffnung“ vor der endgültigen Beschlußfassung auf Wunsch der Bischöfe entschärft. Heikle Fragen, die in aller Welt aktuell sind und diskutiert werden, durften nicht oder so nicht enthalten sein: das Problem der wiederverheirateten Geschiedenen, die Weihe von bewährten verheirateten Männern zu Priestern, die Rolle der Frau in der Kirche.

Die Teilnehmer des vorbereitenden Delegiertentages in Salzburg waren überrascht, wie schwierig das Gespräch der Katholiken in Österreich miteinander war. Gerade der unbefriedigende Verlauf dieses Delegiertentages machte jedoch deutlich, wie notwendig dieses gemeinsame Gespräch der Katholiken in Österreich ist, wie notwendig der Wille, einander zuzuhören und aufeinander einzugehen. Als ein Instrument dafür wird es wohl immer wieder Katholikentage brauchen.

Bei der Europa-Vesper auf dem Heldenplatz zeigte sich auch die europäische und weltkirchliche Bedeutung der Kirche in Österreich. Dieses Land und die Kirche in ihm haben eine kommunikative und integrative Sendung. Der Kontakt mit dem Osten und Westen, mit dem Norden und Süden ist für ihre Bedeutung konstitutiv. In Österreich gibt es keine Tendenzen zu einer Nationalkirche. Das Internationale, Katholische und Weltweite gehören hier zur nationalen Identität.

Neben diesen fünf Paketen lagen natürlich noch viele andere auf dem Gabentisch des Katholikentages. Es hat sich gezeigt, daß die Katholiken in Österreich die Kraft und Fähigkeit zu Pluralität und Toleranz besitzen. Es hat sich gezeigt, daß Kirche zündet. Ob der Motor auch angesprungen ist und rund laufen wird?

Der Autor ist Pastoraltheologe an der Katholisch-Theologischen Hochschule Linz. Auszug aus dem Beitrag „Wie geht's weiter nach dem Fest“, erschienen in: ÖSTERREICHISCHER KATHOLIKENTAG 1983. Eine Dokumentation. Hrsg. Kraxner/Ploier/ Schaffelhofer. Verlag Styria, Graz 1984. 340 Seiten, 16 Abb., Ln., öS 290,- (Subskriptionspreis bis 31.12.1984)

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