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Kirche als Debattierklub?

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Die Zahl der Kirchenaustritte steigt. In manchen Diözesen sind im Jahre 1970 doppelt soviel Katholiken aus der Kirche aus- . getreten wie im Jahre 1969. Die Gründe für die Kirchenaustritte sind mannigfacher Art. Hier soll einmal von denen abgesehen werden, die auf Verhältnisse und Umstände zurückzuführen sind, die außerhalb der Kirche liegen, und das Augenmerk allein auf jene gerichtet werden, die in der Kirche selbst ihre Wurzel haben. Und auch unter diesen sollen jene unberücksichtigt bleiben, die immer und zu allen Zeiten wirksam sind, wie Unzulänglichkeit der Amtsträger der Kirche, Sichver- schließen der Menschen gegen die Botschaft Gottes — es soll nur von denen die Rede sein, die spezifisch für unsere Zeit sind und dementsprechend heute die Hauptschuld an dem zunehmenden Schwund der Kirchenglieder haben. Ich sehe zwei neue, von der Kirche selbst verschuldete Gründe für die wachsende Gleichgültigkeit vieler Katholiken gegen die Kirche.

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Die Zahl der Kirchenaustritte steigt. In manchen Diözesen sind im Jahre 1970 doppelt soviel Katholiken aus der Kirche aus- . getreten wie im Jahre 1969. Die Gründe für die Kirchenaustritte sind mannigfacher Art. Hier soll einmal von denen abgesehen werden, die auf Verhältnisse und Umstände zurückzuführen sind, die außerhalb der Kirche liegen, und das Augenmerk allein auf jene gerichtet werden, die in der Kirche selbst ihre Wurzel haben. Und auch unter diesen sollen jene unberücksichtigt bleiben, die immer und zu allen Zeiten wirksam sind, wie Unzulänglichkeit der Amtsträger der Kirche, Sichver- schließen der Menschen gegen die Botschaft Gottes — es soll nur von denen die Rede sein, die spezifisch für unsere Zeit sind und dementsprechend heute die Hauptschuld an dem zunehmenden Schwund der Kirchenglieder haben. Ich sehe zwei neue, von der Kirche selbst verschuldete Gründe für die wachsende Gleichgültigkeit vieler Katholiken gegen die Kirche.

Der erste Grund ist die Verwandlung der Kirche aus der „Säule und Grundfeste der Wahrheit” (1 Tim 3, 15) in einen Debattierklub.

Die Kirche ist die Trägerin der Offenbarung Gottes, des Lebens und der Wahrheit Christi, die eine und einzige Stiftung des fleischgewordenen Gottessohnes, die ihren Rang und ihre Sendung mit niemandem teilt und der die Verheißung gegeben ist: „Wer euch hört, hört Mich” (Lk 10, 16). Entsprechend diesem Auftrag und diesem Anspruch darf der Katholik von seiner Kirche verbindliche Lehre und verpflichtende Weisung, klare Worte und feste Führung, ein Ja für ein Ja und ein Nein für ein Nein erwarten.

In der jüngsten Zeit aber wird diese Erwartung nicht mehr oder wenigstens nicht mehr in genügendem Maße erfüllt. Wer heute nach zielbewußter Führung und eindeutiger Weisung aiusschaut, wird enttäuscht, und wer heute Kirchenmänner nach einer bestimmten Glauibens- und Sittenlehre fragt, erhält so viele verschiedene Antworten, wie Personen befragt werden. Diese Entwicklung hat oben begonnen und ist nach unten weitergegangen. Ich erinnere an das Verhalten gewisser Bischöfe, als der Papst die unveränderliche Lehre der Kirche zur Geburtenregelung einschärfte. Da wurde taktiert und finessiert, ausgewichen und umgebogen, so daß auch dem kirchenfremdesten Katholiken Mar werden mußte: Diesen Bischöfen paßt die Entscheidung des Papstes nicht, sie möchten sie entschärfen. Und dieser Elindruck war richtig. Mit diesem Verhalten der Bischöfe, wurde aber ein Präzedenzfall gesetzt oder, besser gesagt, eine Lawine ausgelöst. Was den einen recht war, schien den anderen billig. Was die Bischöfe mit dem Papst taten, das widerfuhr ihnen von ihren Geistlichen. Wenn die Bischöfe mit dem Papst nicht einig sind, brauchen sie sich nicht zu wundem, wenn die Geistlichen nicht hinter dem Bischof stehen. In einer

Pfarrei begann ein Priester den Kommentar zu dem Hirtenbrief des Bischofs, den er soeben verlesen hatte, mit den Worten: „Ich bin anderer Ansicht.” Die Verwirrung setzte sich fort bei den Religionslehrern. Statt des Lehramts des Papstes, das man beiseite setzte, etablierte man das Ersatzlehramt zahlloser selbsternannter Träger von „Lehrautorität”. Die Folgen zeigten sich rasch. Ein Religionsunterricht, in dem ziel- und planlos diskutiert und nicht gelernt wird in dem unausgegorene Aufstellungen irgendeines wildgewordenen Modernisten vorgetragen werden und die Lehre der Kirche hintangesetzt wird, macht sich selbst überflüssig. Auf Grund all dieser Erscheinungen entsteht der Anschein, in der Kirche gebe es keine eindeutige und allgemeingültige Lehre mehr, sondern nur viele einander widersprechende private Meinungen. Diese aber sind unwichtig, weil sie unverbindlich sind Um persönliche Ansichten zu hören, fragt man nicht die Kirche. Für die Vertretung eigener Einfälle braucht nicht eine kostspielige Organisation aufrechterhalten zu werden. Zumindest der an der Peripherie stehende Katholik sieht nicht ein, weshalb er einen derart diffusen und konfusen Verband mit seinen Beiträgen unterhalten soll. Diese Einstellung ist, wenn sie in vollem Umfang zuträfe, durchaus folgerichtig. Eine Kirche, die schwankt, unsicher ist, nur noch debattiert und nicht mehr führt, die Rebellion gewähren läßt, ist kein Halt mehr. Eine Kirche, die nicht mehr kalt und verbindlich spricht, erfüllt ihre Fünktion nicht mehr und wird überflüssig.

Es darf auch nicht der Anteil vergessen werden, den der ökumenis- mus an der zunehmenden Indifferenz gegenüber der Kirche hat. In demselben Maß, in dem die Pro- testantisierung der Kirche fortschreitet, lockert sich die Bindung der Katholiken an die Kirche. Denn diese werden pausenlos belehrt, von den evangelischen Brüdern zu lernen Die ökumenische Betriebsamkeit hat auch — ob gewollt oder ungewollt, ist hier unerheblich — die fast allgemeine Überzeugung geschaffen, es sei nicht wichtig, ob man katholisch oder protestantisch sei, ja

— im Zusammenhang mit der Ideologie von den „anonymen Christen”

— Ob man überhaupt etwas ‘glaube oder nicht. Die allgemeine Verbrüderung mit der ganzen Welt, der unterschiedlos betriebene „Dialog”, die Einebnung der Unterschiede zwischen den Konfessionen und Religionen, die Beiseitesetzung der Wahrheitsfrage überhaupt zugunsten der Aktion („Tun, was uns eint!”),, das alles mußte zu dem beherrschenden Lebensgefühä führen, die Zugehörigkeit zu der katholischen Kirche sei weder notwendig noch viel wert. So wächst die Geneigtheit, dieser Kirche aus gegebenem Anlaß den Rücken zu kehren. Wer die Wahrheitsfrage in dem Gespräch zwischen den Konfessionen und in dem Verhältnis dieser zueinander in den Hintergrund ‘treten läßt, erzeugt Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit. Die Folge ist nicht die Annäherung der Konfessionen, sondern die Verachtung jeder Religion. Sie schlägt sich bürgerlich-rechtlich nieder im Kirchenaustritt.

Unaufhörliche Reformen

Der zweite Grund für die Zunahme der Kirchenaustritte in jüngster Zeit ist der Bruch der Kontinuität in der Kirche infolge unaufhörlicher „Reformen”. Ich spreche hier, wohlgemerkt, nicht nur und nicht zuerst von den unzulässigen Grenzüberschreitungen durch Theologen, die innerlich mehr oder weniger mit dem Glauben der Kirche gebrochen haben. Ich meine hier vor allem und hauptsächlich jene Änderungen, die von den Hirten der Kirche angeordnet worden sind. Sie reichen von der Weise der Kommunionspendung bis zu der Einführung des Rätesystems und greifen tief in das religiöse und sittliche Leben der Gläubigen ein. Diese „Reformen” haben den Katholiken auf den verschiedensten Gebieten tiefgehende Bewußtseinsänderungen abverlangt. Zum Beispiel: Gestern war die Einzelbeichte ein unerläßliches Mittel zur Befreiung von Schuld. He’*e wird sie als überflüssig hingestellt oder durch Bußandachten ersetzt. Vor wenigen Jahren warnte die Kirche eindringlich vor der Häresie und vor dem Umgang mit Häretikern. Jetzt gilt solches Verhalten als verdienstvoll. Gestern wurde die katholische Kindererziehung in der Mischehe mit scharfen Strafdrohungen zu sichern versucht. Heute assistieren katholische Priester bei Ehen, in denen die nichtkatholische Erziehung der Kinder sicher ist. Diese wenigen Beispiele genügen; zahllose andere ließen sich anschließen. Sehr viele dieser Änderungen stehen in diametralem Gegensatz zu der früheren Lehre beziehungsweise Disziplin. Die Begründung für das eine schließt entweder die Begründung für das andere auf Grund der Logik aus, oder es wird zumindest in der Art und Weise, wie das „Neue” propagiert wird, der Anschein erweckt, das „Alte” sei mit dem „Neuen” unverträglich. Wer nun die überkommene Lehre beziehungsweise Disziplin auf Grund von Einsicht bejaht hat, sieht sich nicht in der Lage, auch die veränderte anzunehmen. Denn nur eine kann richtig sein. Gründe sind nicht gleich gewichtig und nicht beliebig ver- tauschbar. Wer auch nur einen Funken intellektueller Redlichkeit besitzt, kann die fortwährenden Bewußtseinsänderungen, die ihm von den Hirten und Theologen der Kirche zugemutet werden, nicht guten Gewissens mitmachen.

Abfall der Priester

Man unterschätze auch nicht den Einfluß, den die steigende Zahl von Priestern, die ihrem Stand untreu werden, auf die Festigkeit der Verbundenheit der Laien mit der Kirche hat. Denn die Priester haben nun einmal die Pflicht der Verbindlichkeit, und jedermann neigt dazu, die Funktionäre einer Organisation weitgehend mit dieser zu identifizieren. Wenn nun zu erfahren ist, daß seit 1964 in der gesamten Kirche 24.000 Priester abgefallen sind, dann fragt sich auch der beste Katholik, was denn eigentlich mit der Kirche los sei. Der abständige Katholik aber wird sich dadurch in dem Urteil bestätigt sehen, daß es mit der Kirche zu Ende gehe und daß man sich besser rechtzeitig von diesem dem Untergang geweihten Unternehmen trenne. Ich bin sicher, daß diese Analyse der Zunahme der Kirchenaustritte in jüngster Zeit keine ungeteilte Zustimmung finden wird. Aber die Ablehnung des Ergebnisse einer Überlegung ist dann unbeachtlich, wenn sich die (psychologischen) Gründe dieser Ablehnung angeben lassen. Ich halte dafür, daß dies hier möglich ist. Bekanntlich braucht es zum Erkennen nicht nur Verstand, sondern auch Mut und Demut. Nur wer furchtlos bereit ist, eventuell auch der Tatsache des eigenen Versagens ins Auge zu blicken, wird dieses Versagen zu erkennen vermögen. Der Eitle und Feige wird Gründe und Ursachen für Zusammenbrüche und Katastrophen überall sonst, nur nicht bei sich selbst suchen. Es ist also die Frage, ob die Urheber des gigantischen Zerfalls in der Kirche die menschliche Größe besitzen, einzusehen und einzugestehen, was sie angerichtet haben.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß irr- und halbgläubige Theologen und schwache Bischöfe die Kirche in einen Zustand versetzt haben, die sie immer mehr unfähig macht, den ihr von Christus gegebenen Auftrag zu erfüllen. Man kann sich gewiß mit Einzelheiten dessen, was in den letz ten Jahren an Änderungen in der Kirche erfolgt ist, einverstanden erklären. Aber angesichts des im Gesamt notwendig negativen Urteils fällt es schwer, von diesen viel Aufhebens zu machen. Denn wenn das Wort gilt „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen”, dann steht heute schon umunstößlich fest: Die sogenannten „Reformen”, mit denen wir in den letzten Jahren überschüttet wurden, sind im Ganzen gesehen keine Verbesserungen, sondern Verschlechterungen. Sie bauen den Leib Christi nicht auf, sondern ab. Sie stärken die Kirche nicht, son dem schwächen sie. Daß die Bischöfe besten Willens waren, als sie die „Reformen” begannen, ist nicht zu bezweifeln. Aber es ist ebensowenig zu bezweifeln, daß die „Reformen” fehlgeschlagen sind. Sie haben keinen Aufschwung der Religion gebracht, sondern ihren Ruin herbeigeführt.

Was ist zu tun?

Nun ist bekanntlich eine Sache erst verloren, wenn man sie aufgibt, und Gottes Sache gar kann nie ganz verloren sein. Was ist zu tun?

Den Bischöfen ist die Vokabel „Umkehr” vertraut. Sie sollten jetzt zeigen, daß sie auch die damit gemeinte Sache kennen. Die Bischöfe müssen eine entscheidende Wendung vollziehen. Sie müssen offen erklären, daß sie in den letzten Jahren in die Irre gegangen sind, daß modernistische Theologen, denen sie allzu vertrauensselig gefolgt sind, sie in die Irre geführt haben. Letzteres ist vielleicht sogar ein -mildernder Umstand. Vor dieser Erklärung brauchen sich die Bischöfe nicht zu fürchten. Es ist keine Schande, zuzugeben, daß man sich geirrt hat, wenn es auch Demut braucht. Falls sich die Bischofskonferenzen nicht zu einer gemeinsamen Retraktation entschließen können, dann muß dies der einzelne Bischof tun, der die Kraft zu dieser Verdemütigung findet. Von diesem öffentlichen Bekenntnis des Irrens wird eine befreiende und heilende Wirkung ausgehen. Ohne sie ist die Entgiftung des Blutkreislaufes der Kirche nicht zu erreichen. Wird sie unterlassen, wird der abschüssige Weg des Nachgebens, Vertuschens und Abbauens weitergegangen.

Dem Eingeständnis des Irrens kann dann der Neubeginn auf dem Trümmerfeld folgen, das der Modernismus geschaffen hat. Unerläßliche Ziele des Aufbaus — wie jede Reform, die diesen Namen verdient — sind die präzise Fassung des Glaubens der Kirche in einem unzweideutigem Glaubensbekenntnis, das jeder abzulegen hat, der sich katholisch nennt, unnachsichtige Entfernung von Irrlehren, eindeutige Glaubensverkündigung, Schaffung eines wirksamen Kirchenrechtes und einer strengen Bußdisziplin, Beendigung des endlosen Geschwätzes auf allen Ebenen -und Beginn einer missionarischen Seelsorge, straffe Führung und Erneuerung der weithin zusammengebrochenen Frömmigkeit. Wenn das geschieht, entfallen die beiden Gründe, die ich für die Häufung der Kirchenaustritte in der Gegenwart in der Hauptsache verantwortlich mache.

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