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Der Irrtum der Attraktivität

Der drohendste Feind des Glaubens ist nicht der Atheismus. Mit den Atheisten hat man, wenn nicht die Diskussiansebene, so doch wenigstens den Gegenstand des Streits gemeinsam. Aber was soll man mit jemandem anfangen, der geradeheraus erklärt, daß er keine bestimmte Meinung über die transzendenten Dinge hat, daß sie ihn „nicht interessieren“?

Die heutige Welt wird nicht von jenen metaphysischen Leidenschaften bewegt, die im Mittelalter große Heilige und große Ketzer hervorbrachten, sie ist eher lauwarm — ihre Duldsamkeit gegenüber den verschiedenen Bekenntnissen und Glaubensrichtungen entspringt in hohem Grade der Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit, fügen wir hinzu, gegenüber dogmatischen Fragen. Denn der heutige Mensch, für den der Zwist über „Filioque“ etwas völlig Unbegreifliches ist, verknüpft seine außerpraktischen Leidenschaften vor allem mit der Ethik. Wie soll man leben? Wo ist das Gute, wo das Böse? Diese Fragen nehmen die Gemüter im gleichen Grade gefangen wie im 14. Jahrhundert das Problem der heiligmachenden Gnade.

Sogar der praktizierende Katholik denkt gewöhnlich in erschreckend irdischen Kategorien, wenn schon nicht in egoistischen und weltlichen, so doch in Kategorien, die grundsätzlich des metaphysischen Elements beraubt sind. „Wertvoll“, „praktisch“, „vernünftig“ — das sind die Attribute, mit denen Menschen oder ihre Handlungen positiv bewertet werden. Sogar, wenn so ein Verhalten voll und ganz christlich wäre, käme es niemanden in den Sinn, es als „gottgefällig“ zu bezeichnen: Gottes Willen gefügig. Gott wurde so weitgehend zu einer privaten Angelegenheit, daß man es in gewissen Kreisen als taktlos empfindet, über ihn zu' sprechen. Im Ergebnis haben wir in der Kirche statt einer Gemeinschaft von Gläubigen eine zersplitterte Menge „privat Praktizierender“.

Diese Tatsache, die jeder nicht engagierte weltliche Beobachter, der übrigens nicht unbedingt ein Feind der Kirche sein muß, sieht, gelangt offensichtlich zuwenig zum Bewußtsein der Geistlichkeit. Natürlich wäre es übertrieben, zu behaupten, daß Geistliche diese Erscheinung überhaupt nicht wahrnehmen. Der Klerus nimmt also die Verweltlichung der Gesellschaft wahr, wenn auch vielleicht nicht ihr Wesen und ihr Ausmaß, reagiert darauf aber auf zweierlei Art: entweder, was das leichteste ist, er verdammt auf alle Fälle die „sündhafte Welt“ (welche er oft nicht versteht) und ruft die Gläubigen auf, ihr den Rücken zu kehren — die Abgewandtheit von der Wirklichkeit hat dazu geführt, daß wir so oft ins Leere sprechen — oder er modernisiert seine Arbeitsmethoden unter den Weltlichen. Auf die Belehrung der die Welt verachtenden Priester reagieren die Gläubigen geduldig und gleichgültig mit Achselzucken wie auf nichtverstan-dene liturgische Abschnitte und Texte: „Anscheinend muß es so sein; es gehört zum Ritual, aber man braucht es sich nicht zu Herzen zu

nehmen. Das Leben ist ganz anders.“ Es sind dies gleichsam Sendungen auf Wellen, die vom Empfänger nicht aufgenommen werden. Für ihn existieren sie daher nicht; ihre integrierende Rolle ist gleich null.

Die „Fortschrittlichen“ in der Kirche

Verbleiben wir jedoch eine Weile bei diesen „Modernen“, „Fortschrittlichen“. Die Eigenschaftswörter setze ich zwischen Anführungszeichen,

weil ich mit dieser Bezeichnung nicht Menschen umfassen möchte, die von dem Problem der Erneuerung der Kirche tief bewegt sind und deren Reihen sich von Jahr zu Jahr mehren. Ich möchte die Aufmerksamkeit auf die ziemlich zahlreiche Gruppe von Geistlichen und weltlichen aktiven Katholiken lenken, die geneigt sind zu glauben, daß die Erneuerung der Kirche vor allem auf der Erneuerung und Modernisierung der seelsorgerischen Tätigkeit beruhe. Ihr Hauptvorwurf gegenüber den im vergangenen Jahrhundert herausgebildeten Formen der Seelsorge lautet daher, daß diese Formen zuwenig „attraktiv“ seien. Und hier liegt meines Erachtens der Fehler: Wenn wir beginnen, darüber nachzudenken, ob dieser oder jener Gottesdienst für die Gläubigen „attraktiv“ ist, dann stellen wir die Religion unbewußt auf eine Ebene mit Kino und Sport. Die Heranziehung der Menschen zur Kirche (im Sinne des Gotteshauses, nicht der Institution) wird dann leicht zum Selbstzweck. In Amerika zum Beispiel nimmt diese Haltung oft geradezu komische Formen an: die Bekanntmachungen der Pfarrei erinnern an Leucht-schriftreklamen.

Der Rückzug in das „katholische Getto“

Die „Modemen“ veranstalten — um zu beweisen, daß die Kirche „mit dem Geist der Zeit geht“ — „katholische Ferienlager“, „katholische Ka-jakausflüge“, „katholische Diskussionen über die Kunst“ — es fehlen nur noch „katholische Brigde-Wett-kärnpfe“. Es kommt ihnen nicht in den Sinn, daß ihre in gewisser Beziehung sympathischen und sogar erfolgreichen Unternehmungen offen gesagt nur eine nebensächliche Bedeutung haben, da diese naturgemäß nur einer Auswahl zugänglich sind, nur in der großstädtischen Intelligenz Chancen haben; sie könnten geradewegs zu einem „katholischen Ghetto“ führen, könnten Individuen Zuflucht gewähren, die keine Chance haben, sich woanders auszuleben und sich zu einer Art Kuriosum entwickeln würden: zu „christlichen Funktionären“.

Die Teilnehmer dieser von den „Modernen“ organisierten Aktionen können sich auf zweierlei Art verhalten: entweder nach einer schönen „Kajakwanderfahrt“ so zu ihrem täglichen Stil im Leben und Denken zurückkehren, als ob nichts geschehen wäre, ohne die geringste Spur des Aufenthaltes in einem Milieu, das sich ex officio als katholisch anpreist, oder sich näher mit den Organisatoren der Aktion zu verbinden, aber dadurch in gesellschaftlichem und gemeinschaftlichem Sinne sich von ihrem früheren Milieu entfernen; dann kann man schon nicht mehr auf ihren integrierenden Einfluß auf die „privaten Katholiken“ rechnen. Sie sind wie Rekordsportler, deren Leistungen die Leistungsfähigkeit der Allgemeinheit heben, aber nur in den Statistiken.

Deshalb scheint mir, daß der Weg

zur Integration der Gläubigen nicht darauf beruht, daß wir von der Welt ihre „Attraktivität“ übernehmen, sondern ihre Unruhe, nicht darauf, daß man mit Attraktionen verlockt, sondern Aufgaben stellt, die übrigens die „Modernen“ selbst als die wichtigsten ansehen.

Denn die Jagd nach Attraktionen ist im Grunde genommen eine Jagd nach Fühlung oder Pseudofühlung mit dem Nebenmenschen, eine Auf-

hebung des bedrohlichen Mangels an Wohlwollen, den die Psychologen und Soziologen heute als Hauptursache der psychischen Unruhe unserer Epoche ansehen. Diese Psychologen und Soziologen sind der Ansicht, daß gegenseitiges Wohlwollen und Uneigennützigkeit das einzige Heilmittel gegen jene Unruhe ist, und ihre Patienten stimmen ihnen gewiß zu.

Eine Haltung jedoch, die sich auf die Voraussetzung „sei nett, denn das lohnt sich“ gründet, ist ebenfalls erfolglos, obwohl oder gerade weil sie an den mächtigsten Gefühlsbereich, nämlich den Egoismus, appelliert. Der Mensch zieht meistens eine sofortige Genugtuung durch eine explodierende Aggression dem Nächsten gegenüber den erst in unbestimmter Zukunft zahlbaren Zinsen seines individuellen Wohlwollens vor. An-

ders jedoch verhält sich die Sache, wenn er fremde Launen erträgt und Hilfsbereitschaft nicht aus psychischer Hygiene praktiziert, sondern aus tieferer, seine ganze Persönlichkeit durchdringender Überzeugung, wenn er unter dem Einfluß des Evangeliums handelt.

Die christliche Barmherzigkeit

Die christliche Lehre von der Nächstenliebe enthält Weisungen und Grundsätze, die der Mensch in“,4er einsamen Menge“ so schmerzlich vermißt. Sie stellt jenes dauernde System der Verhältnisse dar,

ohne das eine Umgestaltung der sporadischen — je nach Zufall und Laune — Äußerungen des Zusammengehörigkeitsgefühls mit dem Nebenmenschen in die beständige Haltung des Mitgefühls und der Hilfsbereitschaft unmöglich ist. Die christliche Barmherzigkeit kann, durch neue Formen und Bedingungen wiederbelebt, zu einer Ebene der Integrierung für die Gläubigen werden und dadurch das Gespenst eines katholischen Gettos bannen.

Die christliche Barmherzigkeit ist auch ein Arbeitsfeld für das Apostelamt weltlicher Menschen, wo sie bessere Ergebnisse erzielen können als die Geistlichen. Pascal, Vertreter einer von dogmatischer Unruhe be-

herrschten Epoche, konnte sagen: „Wenn du Zweifel hast — praktiziere.“ Der Mensch des 20. Jahrhunderts zieht aus dem Praktizieren allein für die Seele unverhältnismäßig geringeren Nutzen als zu erwarten wäre. Gehorsam kniet er nieder, wenn geläutet wird; loyal hört er die Predigten an; mehr oder weniger freigiebig spendet er für die Sammlungen und kehrt im Gefühl der getanen Pflicht nach Hause zurück. Damit dieses behagliche Gefühl nicht der einzige (dazu noch zweifelhafte) Wert sei, den er aus der Kirche heimträgt, damit er über sein Christentum auch außerhalb der Schwelle der Kirche nachdenke, muß man ihm, bildlich gesprochen, „Hausarbeiten aufgeben“. Aufgaben, die er in dem alltäglichen, banalen Trott seiner Tätigkeit und Pflichten ausführen könnte und müßte. Indem wir vcn den Gläubigen das verlangen, was für sie einfach und verständlich ist, was ohne weitere Erläuterungen zu ihrer pragmatischen Mentalität dringt, öffnen wir den Weg zum tieferen Begreifen der Religion.

Daß diese „Hausarbeiten“ eine Festigung der Haltung christlicher Barmherzigkeit fördern sollen, ist klar. Wenn der Katholik in den Sonntagspredigten statt „Beispiele“ (mittelalterliche exempla), die längst durch die internationale Foikloristik den Märchenthemen zugereiiht wurden, konkrete Hinweise der Erfüllung von Taten hört, deren Wert für ihn unbestritten ist (dazu eben gehören Akte der Herzlichkeit), so wird es für seinen sporadisch guten Willen eine allgemeinere Motivierung und eine Stütze finden im Gefühl, daß er in seinen Taten nicht allein ist. Die Überzeugung von der Identität der Hinweise der Kirche mit der eigenen Erfahrung wird die Identifizierung des Einzelmenschen mit der Gemeinschaft stärken.

In der heutigen Zeit führt — wenn es auch paradox klingt — der Weg zum Glauben nicht von den Dogmen zum christlichen Leben, sondern umgekehrt — von christlichen Taten zur Liebe zum Evangelium, zum Verständnis seiner Größe und zum Erleben des Dogmas als einer von Gott geschenkten Wahrheit.

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