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„Wir spielen nicht mit Utopien”

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Unsere Botschaft ist sehr einfach, sie ist aber gleichzeitig so eindringlich, so fordernd, daß sie verletzend erscheinen könnte. Besteht denn nicht schon der Friede? Was kann man noch anderes und mehr tun als das, was für den Frieden schon getan worden ist und immer noch geschieht? Schreitet die Geschichte der Menschheit nicht bereits durch eigene Kraft einem weltweiten Frieden entgegen?

Ja, so ist es; oder besser, so scheint es. Aber der Friede muß „geschaffen” werden, muß ständig geweckt und verwirklicht werden. Er resultiert aus einem flexiblen Gleichgewicht, das nur die Bewegung gewährleisten kann und im Verhältnis zu deren Schnelligkeit steht. Die Institutionen selbst, diė in der Rechtsordnung und im internationalen Zusammenleben die Aufgabe und das Verdienst haben, den Frieden zu verkünden und zu erhalten, erreichen ihre providen- tielle Aufgabe, wenn sie sich ständig darum bemühen, wenn sie es verstehen, in jedem Augenblick den Frieden zu wecken, den Frieden herbeizuführen.

Diese Notwendigkeit ergibt sich hauptsächlich aus dem Werdegang des Menschen, aus dem ständigen Entwicklungsprozeß der Menschheit. Menschen folgen auf Menschen, Geschlechter auf Geschlechter. Auch wenn keine Veränderung sich in den bestehenden juridischen und geschichtlichen Situationen ergeben sollte, wäre trotzdem ein ständiger Einsatz notwendig, um die Menschheit dahin zu führen, den grundle-- genden Rechten der Gesellschaft treu zu bleiben. Diese müssen gewahrt bleiben und werden die Geschichte auf unbegrenzte Zeit hin führen unter der Voraussetzung, daß die unbeständigen Menschen und die Jugendlichen, die an die Stelle der verstorbenen Vorfahren treten’, unablässig zu Zucht und Ordnung für das Allgemeinwohl und für das Ideal des Friedens erzogen werden. Den Frieden schaffen, bedeutet unter diesem Gesichtspunkt, zum Frieden erziehen. Und das ist keine kleine noch eine leichte Aufgabe.

Wir wissen aber, daß sich nicht nur die Menschen auf dem Schauplatz der Geschichte ändern. Auch dia Dinge ändern sich. Nämlich die Probleme, von deren ausgewogener Lösung das friedliche Zusammenleben der Menschen untereinander abhängt. Keiner kann den Standpunkt vertreten, daß die Organisation der bürgerlichen Gesellschaft und des internationalen Zusammenlebens schon vollkommen sei. Es bleiben möglicherweise immer noch viele, sehr viele Probleme offen. Es bleiben jene von gestern und es ergeben sich die von heute. Morgen werden neue entstehen, und alle warten auf eine Lösung. Die Lösung, so betonen Wir, kann nicht und darf niemals mehr durch egoistische oder gewalttätige Konflikte und noch viel weniger durch todbringende Kriege unter den Menschen herbeigeführt werden. So haben es einsichtige Menschen gesagt, die die Geschichte der Völker studieren und im Wirtschaftsleben der Nationen erfahren sind. Auch Wir, die Wir wehrlos den Auseinandersetzungen der Welt gegenüberstehen, jedoch stark sind durch ein göttliches Wort, haben es ausgesprochen: Alle Menschen sind Brüder. Endlich scheint die gesamte Kulturwelt dieses Grundprinzip angenommen zu haben. Wenn also, die Menschen Brüder sind; unter ihnen aber immer noch Konfliktsursachen bestehen und sich solche noch bilden, so ist es notwendig, daß der Friede wirksam und in kluger Weise verwirklicht werde. Den Frieden muß man schaffen, man muß ihn herbeiführen mit stets wachem Geist, mit immer neuem und unermüdlichem Willen. Wir sind deshalb alle von dem Grundsatz überzeugt, den der heutigen Gesellschaft die Erkenntnis vermittelt, daß der Friede weder passiv noch aufdringlich sein darf; er muß erfinderisch, zuvorkommend und aktiv sein.

Wir sind erfreut, daß diese Leitgedanken für das Gemeinschaftsleben in der Welt heute wenigstens grundsätzlich allgemein angenommen werden. Wir fühlen Uns verpflichtet, den verantwortlichen Männern und den Institutionen, die heute die Aufgabe haben, den Frieden auf Erden zu fördern, zu danken, sie zu loben und zu ermutigen, daß sie diesen Grundsatz als Ausgangspunkt für ihr Wirken gewählt haben: Nur der Friede erzeugt den Frieden.

Laßt Uns, Ihr Menschen alle, die Botschaft des kürzlichen ökumenischen Konzils bis an die Enden der Erde prophetisch wiederholen:

„Mit allen unseren Kräften müssen wir jene Zeit vorbereiten, in der auf der Basis einer Übereinkunft zwischen allen Nationen jeglicher Krieg absolut geächtet werden kann … Der Friede muß aus dem gegenseitigen Vertrauen der Völker erwachsen, statt den Nationen durch den Schrecken der Waffen auferlegt zu werden.

Die Staatsmänner, die das Gemeinwohl ihres eigenen Volkes zu verantworten und gleichzeitig das Wohl der gesamten Welt zu fördern haben, sind sehr abhängig von der öffentli- schen Meinung und Einstellung der Massen. Nichts nützt ihnen ihr Bemühen, Frieden zu stiften, wenn Gefühle der Feindschaft, Verachtung, Mißtrauen, Rassenhaß und ideologische Verhärtung die Menschen trennen und zu Gegnern machen. Darum sind vor allem eine neue Erziehung und ein neuer Geist in der öffentlichen Meinung dringend notwendig.

Wer sich der Aufgabe der Erziehung, vor allem der Jugend, widmet und wer die öffentliche Meinung mitformt, soll es als seine schwere Pflicht anseihen, in allen eine neue Friedensgesinnung zu wecken.

Wir alle müssen uns wandeln in unserer Gesinnung und müssen die ganze Welt und jene Aufgaben in den Blick bekommen, die wir alle zusammen zum Fortschritt der Menschheit auf uns nehmen können”

Darauf gerade zielt Unsere Botschaft in ihrem eigentlichen und zentralen Anliegen, indem sie bekräftigt, daß der Friede soviel gilt wie er danach trachtet, sich — noch bevor er äußere Wirklichkeit wird — im Innern zu verwirklichen. Man muß die Herzen entwaffnen, wenn man die Zufluchtnahme zu den Waffen, die den Körper verwunden, wirksam verhindern will. Man muß den Frieden allen Menschen, ihnen die geistigen Wurzeln einer gemeinsamen Weise zu denken und zu lieben geben. Es genügt nicht, schreibt Augustinus, der Schöpfer einer neuen Polis, es genügt nicht die Gleichheit in ihrer Natur, um die Menschen untereinander zu verbinden; man muß sie lehren, eine gleiche Sprache zu sprechen, einander zu verstehen, eine gemeinsame Kultur zu haben, dieselben Gefühle zu teilen; andernfalls „wird der Mensch es vorziehen, lieber mit seinem Hund zusammen zu sein als mit einem fremden Menschen”.

Diese Verinnerlichung des Friedens ist echter Humanismus, ist echte Zivilisation. Sie ist glücklicherweise bereits im Gange. Sie reift mit dem Fortschritt der Welt. Sie findet ihre Überzeugungskraft in dem weltweiten Ausmaß der vielfältigen Beziehungen, die die Menschen unter sich hersteilen. Es ist ein langwieriges und schwieriges Unterfangen, das sich aber durch viele Gründe von selbst aufdrängt; die Welt schreitet auf ihre Einheit zu. Dennoch können wir uns keine Illusionen machen. Während sich die friedliche Eintracht unter den Menschen ausbreitet — und das durch die fortschreitende Entdeckung der gegenseitigen Ergänzung und Abhängigkeit der Länder, durch wirtschaftlichen Austausch, durch die Verbreitung einer gleichen Sicht des Menschen, die jedoch stets den ursprünglichen Charakter und die Besonderheit der verschiedenen Kulturen achtet, ferner durch die Erleichterungen der Reisen und der sozialen Kommunikationsmittel usw. —, müssen wir feststellen, daß sich heute neue Formen eifersüchtiger Nationalismen behaupten, die sich auf Grund der Rasse,’der Sprache und der Tradition in eigenbrötlerischer Weise abkapseln. Es bleiben weiterhin überaus traurige, durch Elend und Hunger gekennzeichnete Verhältnisse bestehen; es entstehen mächtige multinationale Wirtschaftsgebilde, die voller egoistischer Gegensätze sind; exklusivisti- sche und herrschsüchtige Ideologien sind dabei, sich gesellschaftlich zu organisieren; mit beängstigender Leichtigkeit brechen territoriale Konflikte aus; vor allem aber wachsen die für mögliche katastrophale Zerstörungen geeigneten mörderischen Waffen an Zahl und Gewalt, wobei man dem Schrecken sogar den Namen Frieden gibt. Gewiß, die Welt geht auf ihre Einheit zu, währenddessen vermehren sich jedoch die erschreckenden Vermutungen, die eine größere Möglichkeit, größere Leichtigkeit und auch ein schrecklicheres Ausmaß von fatalen Zusammenstößen in Aussicht stellen. Diese werden in gewisser Hinsicht sogar als unvermeidlich und notwendig angesehen, als ob sie von der Gerechtigkeit selbst-gefordert würden. Wird also die Gerechtigkeit eines Tages nicht mehr die Schwester des Friedens, sondern des Krieges sein?

Wir spielen nicht mit Utopien, weder mit optimistischen noch mit pessimistischen. Wir wollen uns an die Wirklichkeit halten. Diese weist uns mit den Phänomenen illusorischer Hoffnungen und beklagenwerter Verzweiflung erneut darauf hin, daß in der monumentalen Maschinerie unserer Zivilisation irgend etwas nicht gut funktioniert. Diese könnte durch einen Fehler in ihrer Konstruktion zu einem unbeschreiblichen Weltbrand explodieren. Wir sagen Fehler, nicht Mangel; der Fehler nämlich des geistigen Koeffizienten, von dem wir jedoch zugeben, daß er in der allgemeinen Ökonomie der friedlichen Entwicklung (der jetzigen Geschichte schon vorhanden und wirksam ist und jede wohlwollende Anerkennung und Ermutigung verdient. Haben Wir nicht selbst der UNESCO unseren Preis zuerkannt, der nach Papst Johannes XXIII., dem Autor der Enzyklika „Pacem in ter- ris”, benannt ist?

Doch wagen Wir zu sagen, daß es noch mehr zu tun gilt. Man muß den geistigen Koeffizienten so aufwerten und zur Geltung bringen, daß er fähig wird, nicht nur die Konflikte unter den Menschen zu verhindern und sie für friedfertige und gesittete Gefühle empfänglich zu machen, sondern die Versöhnung unter den Menschen selbst herzustellen, um den Frieden berbeizuführen. Es genügt nicht, die Kriege einzudämmen, die Kämpfe • ein zu stellen, Feuerpausen und einen Waffenstillstand aufzuerlegen, Grenzen und Beziehungen zu regeln, Bereiche gemeinsamer Interessen zu schaffen; es genügt nicht, die Möglichkeit radikaler Auseinandersetzungen durch den Schrecken vor unerhörten Zerstörungen und Leiden zu bannen. Es genügt kein aufgezwungener Friede, kein zweckbedingter und provisorischer Friede. Wir müssen nach einem Frieden trachten, der geliebt wird, frei und brüderlich ist und in der Versöhnung der Menschen gründet. Wir wissen, daß es schwierig ist; schwieriger als jedes andere Bemühen. Aber es ist nicht unmöglich und auch nicht illusorisch. Wir haben Vertrauen in eine grundsätzliche Güte der Menschen und der Völker. Gott hat nämlich die Geschöpfe zum, Heil befähigt. Das umsichtige und beständige Bemühen um die gegenseitige Verständigung unter den Menschen, den sozialen Klassen, den Staaten, den Völkern und den Zivilisationen untereinander bleibt nicht ohne Frucht. Wir freuen Uns, insbesondere jetzt, an der Vigil des Internationalen Jahres der Frau, das von den Vereinten Nationen ausgerufen worden, ist, über die immer stärkere Beteiligung der Frauen am Löben der Gesellschaft, zu dem sie dank der ihnen von Gott gegebenen Eigenschaften einen spezifischen Beitrag von grb- ßem Wert leisten. Ihre Gesinnung, schöpferische Veranlagung, ihr Einfühlungsvermögen, ähr Sinn für Frömmigkeit und Anteilnahme, ihre große Fähigkeit zum Verstehen und Lieben, ermöglichen es den Frauen, in einer ganz besonderen Weise die Vermittler der Versöhnung in den Familien und in der Gesellschaft zu sein. Ebenso bereitet Uns eine besondere Freude, feststellen zu können, daß die Erziehung der Jugend zu einer neuen weltweiten Gesinnung im menschlichen Zusammenleben, zu einer Geisteshaltung, die nicht skeptisch, weder gemein noch anmaßend ist und auch die Gerechtigkeit nicht vergißt, sondern von Hochherzigkeit und Liebe bestimmt ist, schon begonnen hat und weiter voranschreitet. Sie besitzt ungeahnte Schätze für die Versöhnung und vermag den Weg zum Frieden in der Wahrheit, in Ehrenhaftigkeit, in der Gerechtigkeit und Liebe der Menschheit zu zeigen.

Versöhnung! Denkt ihr daran, ihr Jugendlichen, Menschen, die ihr Einfluß ausübt und Verantwortung tragt, die ihr von Hochherzigkeit beseelt seid? Könnte dieses magische Wort nicht auch in den Wortschaft eurer Hoffnungen und eurer Erfolge Eingang finden?

Dies also ist Unsere zuversichtliche Botschaft für euch: die Versöhnung ist der Weg zum Frieden!

Die Botschaft über die Versöhnung als Wag zum Frieden verlangt noch eine Ergänzung, auch wenn diese euch schon bekannt und gegenwärtig ist. Diese ist nicht nur ein integrierender, sondern ein wesentlicher Bestandteil Unserer Botschaft, wie ihr wißt. Denn sie ruft euch allen in Erinnerung, daß die erste und unerläßliche Versöhnung, die es zu erlangen gilt, jene mit Gott ist. Für uns Gläubige kann es keinen anderen Weg zum Frieden geben als diesen. In der Bestimmung unseres Heiles fallen vielmehr die Versöhnung mit Gott und unser Friede zusammen, die eine ist die Ursache des anderen. Dies ist das. Werk Christi. Er hat den Bruch behoben, den die Sünde in unseren lebenswichtigen Beziehungen mit Gott hervorruft. Wir erinnern unter den vielen (diesbezüglichen Worten des hl. Paulus nur an dies eine: „Das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt hat.”

Das Heilige Jahr, das wir soeben beginnen, möchte uns wieder neu zu dieser ersten und glücklichen Versöhnung aufrufen: Christus ist unser Friede; er ist der Ausgangspunkt für unsere Versöhnung in der Einheit seines mystischen Leibes. Wir würden zehn Jahre nach Abschluß des

1 Vatikanischen Konzils gut daran tun, den theologischen und ekklesio- logischen Gehalt dieser Grundwahrheit unseres Glaubens und unseres christlichen Lebens gründlich zu überdenken.

Daraus ergibt sich eine logische und verpflichtende Konsequenz, die zugleich auch leicht ist, wenn wir wirklich in Christus sind; wir müssen das Gespür für unsere Einheit vervollkommnen; für die Einheit in der Kirche, die Einheit der Kirche; erstens, für die mystische und konstitutive Gemeinschaft; zweitens, für die ökumenische Wiederherstellung, der Einheit unter allen Christen (vgl. Konfliktsdekret Unitatis redintegra- tio); die eine wie die andere erfordern eine ihnen eigene Versöhnung, die der christlichen Gemeinschaft jenen Frieden vermitteln soll, der eine Frucht des Geistes ist, diie seiner Liebe und seiner Freude folgt. Auch in diesen Bereichen müssen wir „Frieden schließen”! Euch wird sicherlich Unser ,Apostolisches Schreiben über die Versöhnung innerhalb der Kirche” erreichen, das in diesen Tagen veröffentlicht worden ist. Wir bitten euch inständig im Namen Jesu Christi, dieses Dokument überdenken zu wollen und daraus Vorsätze zur Versöhnung und zum Frieden zu ziehen. Möge keiner meinen, diese unbeugsamen Forderungen der Gemeinschaft mit Christus mißachten zu dürfen; sorgen wir im Gegenteil dafür, daß alle und jeder einzelne zu der vertrauensvollen, demütigen und positiven Auf erbauung dieser unserer Kirche einen neuen und loyalen Beitrag leisten. Erinnern wir uns etwa nicht der letzten Worte des Herrn zur Verteidigung seines Evangeliums: „Laß sie vollkommen eins sein, damit die Welt erkenne, daß du mich gesandt hast.” Werden wir nicht die Freude haben, unsere geliebten Brüder, die sich von uns entfernt haben, zur alten und frohen Eintracht zurückkehren zu sehen?

Wir müssen beten, daß dieses Heilige Jahr der katholischen Kirche die unausrottbare Hoffnung auf die Wiederherstellung der Einheit mit einer Gruppe von Brüdern gebe, die schon so nahe bei dem einen Schafstal sind, jedoch noch zögern, die Schwelle zu überschreiten. Wir werden auch für diejenigen beten, die aufrichtigen Herzens anderen Religionen angeboren, auf daß sich der freundschaftliche Dialog, den wir mit ihnen begonnen haben, sich weiterentfalte und wir gemeinsam für den Weltfrieden Zusammenarbeiten können.

Vor allem aber müssen wir von Gott für uns selbst die Demut und die Liebe erbitten, um dem lauteren und beständigen Bekenntnis unseres Glaubens die Anziehungskraft der Versöhnung und das bestärkende und frohe Charisma des Friedens zu geben.

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