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Brücken in Europa

1945 1960 1980 2000 2020

Der Mensch im Mittelpunkt, Europa vom Atlantik zum Ural und nicht nur als Politikum: Angelpunkte der Aufgaben für Christen heute, von einem erfahrenen „Kircheneuropäer” einprägsam formuliert.

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Der Mensch im Mittelpunkt, Europa vom Atlantik zum Ural und nicht nur als Politikum: Angelpunkte der Aufgaben für Christen heute, von einem erfahrenen „Kircheneuropäer” einprägsam formuliert.

Wenn man das Geschehen der letzten Jahre in Europa ein wenig verfolgt, sei es auf kirchlicher, sei es auf kultureller, wirtschaftlicher oder politischer Ebene, könnte man geradezu von einem geschichtlichen Kairos in den Bemühungen um ein neues Europa sprechen. Dieses neue Europa, das man, je nach eigener Vorstellung und eigenem Konzept aufbaüen möchte, hat verschiedene Namen. Man spricht von einem geeinten Europa, von einem Europa der Menschen, von einem christlichen oder nachchristlichen Europa, vor allem aber von einem freien und friedlichen Europa.

Gemeinsam sind allen diesen Bestrebungen vor allem drei Dinge: die Überzeugung, daß der Mensch im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen muß; die Ansicht, daß es sich um ganz Europa vom Atlantischen Ozeanrbis zum Ural, vom Nordpol bis zum Mit-

telmeer handelt, und die Meinung, daß bloß wirtschaftliche, politische oder militärische Maßnahmen für ein neues Europa nicht genügen.

Die Aufgabe oder besser einige Aufgaben, die wir Christen im Hinblick auf Europa haben, wird mit einem Bild angedeutet: Brük- ken zu bauen über Abgründe und Schluchten. Daß es auf dem konfessionellen, kulturellen, nationalen und erst recht wirtschaftlichen, politischen und militärischen Gebiet Europas mehr als genug trennende Abgründe gibt — wer könnte dies leugnen?

Daß die meisten Glaubensspaltungen in Europa ihren Ursprung und ihre sehr spürbare Auswirkung haben, läßt sich durch keine geschichtlichen Erklärungen oder ökumenische Bemühungen zu- decken oder bagatellisieren. Nicht weniger schlimm ist die Tatsache, daß zusammen mit der Verkündigung des Evangeliums auch die Gläubensspaltungen in die neue Welt exportiert wurden.

Wenn sich Europa heute auf seine Stellung und seine Rolle in der Welt besinnt, könnte man meinen, daß es sich auch seiner besonderen ökumenischen Verantwortung neu bewußt’wird. Doch läßt sich dies kaum behaupten, vor allem, weil das Christentum in der geistigen Landschaft Europas seine Gestaltungskraft zum großen Teil verloren hat.

Angesichts dieser Lage und dieser Problematik haben die Christen in Europa auf dem Gebiet des Glaubens und der Kirche, der Ökumene und der Einheit, vor allem eine doppelte Aufgabe. Sie müssen sich erstens der Glaubens- und Kirchenspaltung wie auch der Konflikte und Konfrontationen in der eigenen Kirche als einer schmerzlichen und zum Willen Gottes im Widerspruch stehenden Tatsache bewußt bleiben oder neu bewußt werden. Die Spaltung im Glauben ist etwas, was nicht da sein dürfte, womit man sich nicht abfinden darf, was man unbedingt zu überwinden und zu beseitigen suchen muß.

Und die zweite Aufgabe: mit vollem persönlichem Engagement und auf alle Weisen unter den getrennten christlichen Kirchen und den europäischen Christen zu suchen, Gemeinsames zu entdecken und Brücken zu schlagen. Diese Aufgabe haben sowohl die Kirchenleitungen wie auch die Theologen, sowohl die einzelnen Gemeindemitglieder wie auch kleinere und größere Gruppen und Basisgemeinschaften, die dafür besonders sensibilisiert sind.

Nicht ist es Aufgabe der Christen in diesem Kontinent, und nicht einmal ihr Recht, einem vergangenen Europa nachzutrauern, das ideologisch nie so eins und einheitlich war, wie man sich das bei der heutigen Zerrissenheit gerne vorstellt. Aber es ist auch nicht ihre Aufgabe oder ihr Recht, von einem zukünftigen Europa zu träumen, in dem ideologische Gegensätze verschwinden oder zumindest geglättet und gemildert sein werden. Es seien drei Aufgaben genannt:

Die erste ist das Bemühen um Toleranz, Verständigung untereinander und Achtung voreinander bei aller Verschiedenheit der Überzeugungen, Weltanschauungen und gesellschaftlichen Systeme. Wenn Europa überleben will, sind die Menschen auf diesem verhältnismäßig kleinen und dicht besiedelten Kontinent geradezu dazu verurteilt, miteinander friedlich auszukommen, einander zu achten und verständnisvoll zu begegnen.

Man könnte meinen, daß in einem Europa, in dem alles von Humanismus, Demokratie und Frieden spricht, in dem es so feierliche Erklärungen wie die Akte von Helsinki gibt und so häufige Beteuerungen, Menschenrechte respektieren zu wollen, dies kaum ein Problem sein dürfte. Die Wirklichkeit sieht ziemlich anders aus…

Die zweite Aufgabe ist das Suchen und Entdecken jener gemeinsamen Überzeugungen, Werte und Grundlagen, die trotz aller ideologischen Verschiedenheit doch die gleichen sind. Geht man vom Menschen aus, von seiner Personenwürde, Geistigkeit und Freiheit, von seinem Verlangen nach Wahrheit und Liebe, nach Frieden und Glück, dürfte es nicht zu schwer sein, viel mehr grundlegende Gemeinsamkeiten als oberflächliche Unterschiede zu entdecken.

Als dritte Aufgabe könnte man den Dialog als den einzig gangbaren Weg und die einzig mögliche Form, in einem ideologisch so zer-N rissenen Europa Brücken zu bauen und Gemeinsames zu entdek- ken, bezeichnen. Wenn im wirtschaftlichen und politischen Bereich kein anderer Weg besteht, wieviel mehr wird man den Dia log auf dem geistigen Gebiet suchen und pflegen müssen! Natürlich ist der Dialog mehr als bloß organisierte Konferenzen und unverbindliches Reden ohne persönliches Engagement für das Wahre, Gute, Edle. Vermutlich liegt gerade hier der Prüfstein eines echten Dialogs.

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Angesichts der kulturellen, sprachlichen, nationalen und völkischen Verschiedenheit in Europa ergeben sich noch einmal zwei Folgerungen bzw. Forderungen:

1. Trotz aller pragmatischen und technischen, wirtschaftlichen und organisatorischen Schwierigkeiten soll die Vielfalt, die Originalität, die Eigenart und die Gleichberechtigung aller Kulturen und Sprachen erkannt, anerkannt, bejaht und gefördert werden. Es gibt keine Kultur und keine Sprache, die für sich einen Herrschaftsanspruch stellen und einen privilegierten Stellenwert behaupten könnte.

Auch wenn in der Geschichte Europas einige Kulturen und Sprachen dominiert und eine besondere Sendung erfüllt haben, folgt daraus nicht, daß im heutigen Europa kleinere Völker, Sprachen und Kulturen keine Daseinsberechtigung hätten oder nur noch in der Form einer folklo- ristischen und musealen Kuriosität zu erhalten wären. Es gibt keinen kulturellen und sprachlichen Paneuropäismus, Panromanis- mus, Pangermanismus oder Panslawismusin Europa. Nur die volle

Gleichberechtigung aller Kulturen und Sprachen entspricht der Würde des Menschen und den fundamentalen Menschenrechten.

2. Es geht nicht nur um die theoretische und politische Anerkennung der Gleichberechtigung, sondern auch um die praktische und effektive Förderung im Sinn des Subsidiaritäts- und Solidaritätsprinzips. Die größeren Völker, Kulturen und Sprachen sollen den kleineren helfen, ihre Eigenart zu entfalten und ihre Authentizität zu behaupten.

Vor allem sollen die Staaten innerhalb ihrer politischen Grenzen sprachliche und kulturelle Eigenformen nicht unterdrücken oder einebnen, sondern ihnen das volle Lebensrecht anerkennen und ermöglichen, ob es sich um Kroaten im Burgenland, um Slowenen in Kärnten, um Österreicher und Ladiner, Friauler oder Aostataler in Italien, um Basken in Spanien, um Valonen und Flamen in Belgien oder um die vielen Völker, Sprachen und Kulturen in Jugoslawien und noch mehr in der Sowjetunion handelt.

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Man darf wohl sagen, daß kein anderer Kontinent in seiner Geschichte und in seiner gegenwärtigen geistigen Ausprägung so sehr den Menschen in den Mittelpunkt gestellt hat und ihn auch heute betont als Europa. Der Humanismus ist eines der wichtigsten Hauptwörter, das Bemühen um das humane Leben, um humane Lebensbedingungen und Ge sellschaftsverhältnisse eines der wichtigsten Anliegen. Wenn es gelingen würde, den Blick für das Gemeinsame am Menschen zu schärfen, es immer mehr ans Licht zu bringen und ins Bewußtsein zu heben, wäre sehr viel gewonnen.

Die Entwicklung in Europa und in der westlichen Welt und die verschiedenen Auseinandersetzungen haben das Thema Friede in den letzten Monaten mit neuer Dringlichkeit in den Vordergrund gestellt. Man weiß, daß gerade das Bemühen um den Frieden viele Menschen in den Kampf gegeneinander bringt. Weil aber der Friede ein so fundamentales Gut und ein so allgemeines Anliegen ist, bleibt nichts anderes übrig, als im Namen dęs Friedens, für den Frieden und im Frieden immer wieder Wege zueinander zu suchen.

Wie das Thema Friede ein uraltes Thema der Menschengeschichte ist, so auch das Thema Dialog, das in den letzten Monaten ebenfalls auch in Europa und unter den Christen eine neue Aktualität gewonnen hat. Zur Vermutung, daß der Dialog die Menschen in Europa einander wirklich näherführen würde, berechtigt auch eine gemeinsame Grundhaltung, die man überall feststellen kann: die Hoffnung.

Gegen alle Hoffnungslosigkeit und allen Pessimismus werden Menschen gerade in Europa von den Kirchen immer wieder zur Hoffnung aufgerufen und ermuntert. Es sei hier nur an die Europa- Erklärung der europäischen Bischofskonferenzen vom 28. September 1980 und an die gemeinsame Botschaft des 2. europäischen ökumenischen Treffens in Lo- gumkloster in Dänemark im November 1981 erinnert.

Ohne Zweifel kann die Hoffnung als gemeinsame Grundhaltung die Menschen in Europa in ihren Bemühungen um ein neues geistiges, menschliches und gesellschaftliches Gesicht dieses alten Kontinents stark animieren und ihnen neuen Lebenswillen und Lebenskraft geben. Deshalb gilt es überall, vor allem aber unter Jugend, gegen alle Resignation und Müdigkeit, gegen allen lähmenden Lebensüberdruß und fatalistische Flucht in irgendwelche Ersatzformen diese Gemeinsamkeit der Hoffnung zu entdek- ken und zu stärken, zu nähren und sie durch immer neue Beweggründe zu entfalten.

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