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Europas Leib und Seele

1945 1960 1980 2000 2020

Von Christen hört man oft: "Gebt Europa eine Seele!" Auch wenn man das Anliegen dieses Slogans schätzt, stellt er ein arrogantes Klischee dar.

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Von Christen hört man oft: "Gebt Europa eine Seele!" Auch wenn man das Anliegen dieses Slogans schätzt, stellt er ein arrogantes Klischee dar.

Das Thema "Europa und Religion" ist sehr aktuell. Das hat auch mit Ereignissen außerhalb Europas zu tun: Die Anschläge in den USA und Amerikas unglückselige Intervention im Irak setzen die Welt dem Risiko einer neuen Spaltung aus: Die sozialen und kulturellen Gegensätze können in einen gewaltsamen Konflikt münden.

Man muss hoffen, dass die Verantwortlichen im Westen erkennen, dass die Existenz von Terroristen und diktatorischen Regimen nur Ausdruck der tiefen Spannung zwischen dem Westen und der früheren Dritten Welt ist, und dass diese Spannung nicht mit Waffengewalt beseitigt werden kann.

Sollen Länder mit verschiedenen Staats- und Wirtschaftssystemen, die in unterschiedlichen historischen und politischen Kontexten entstanden sind, friedlich koexistieren, dann ist ein interkultureller Dialog notwendig. Kürzlich war ich an der Pariser Sorbonne, um über die Aufgabe der Universität im Zeitalter der Globalisierung zu diskutieren. Dort war man sich schnell einig, dass der Dialog mit dem Islam ein vordringliches Thema ist. Doch dann stellte ein Teilnehmer die einfache Frage, wer denn der geeignete europäische Partner in den Diskussionen mit dem Islam sein sollte: Atheisten und Agnostiker oder doch Christen und Juden? Welches Gesicht will der Westen den Muslimen zeigen? Was geschieht, wenn der Westen seine christliche und jüdische Identität neu betont? Wird das nur die Spannung erhöhen, indem der Geist vergangener Religionskriege neu beschworen wird, oder wird das den Rahmen schaffen, den Muslimen auf dem Boden des gemeinsamen "Erbes Abrahams" zu begegnen?

Und ist es da nicht auch möglich, dass der Westen sieht, dass sein säkularer Charakter nicht notwendig antireligiös sein muss, sondern dass er eine legitime Weiterentwicklung von Christentum und Judentum ist und nicht nur den Rahmen bietet, die ethischen Werte der Religion in die Praxis umzusetzen, sondern auch, dass die Menschen verschiedener Überzeugungen in Frieden leben können? Ist es denkbar, dass - zumindest für bestimmte Strömungen innerhalb des Islam - diese Trennung in Kombination mit einer möglichen Zusammenarbeit von Religion und Politik inspirierend und akzeptabel sein könnte? Warum klingt diese Idee für viele naiv utopisch? Weil die meisten annehmen, eine Trennung von Religion und Politik sei innerhalb des Islam unmöglich, oder weil sogar in Europa dieses Modell mehr Ideal als Wirklichkeit ist?

Ist solch ein Modell ein größeres Problem für die Glaubenden von heute sowie für deren Kirchen und Religionsgemeinschaften oder für die Anwälte des Säkularismus?

Nation und Konfession

Seit der Aufklärung gilt im Westen die Trennung von Kirche und Staat als ideal für die Beziehung zwischen Religion und Politik. Dieses Modell war das Ergebnis eines historischen Dramas mit vielen Akten. Es gibt gute Argumente für die Beibehaltung dieses Modells. Wer aber die Beziehung von Religion und Politik heute verstehen will, kann das nicht ausschließlich vom Gesichtspunkt der Beziehung zwischen Kirche und Staat tun.

Heute hat der Staat kein Monopol mehr aufs politische Leben, und die Kirche hat ihr Monopol auf die Religion verloren. Mit der Neuzeit zerfiel der Corpus christianorum, die Epoche der Nationalstaaten und der getrennten christlichen Konfessionen begann. Für die meisten Europäer waren die Zugehörigkeit zu einer Nation und einer Konfession die Hauptpfeiler ihrer Identität, und nicht selten führte die fanatische Anbindung an eine Konfession/ Nation unter Dämonisierung der anderen zu mörderische Kriegen.

Es gibt immer noch Nationalstaaten und Kirchen, aber ihr Einfluss ist spürbar geringer geworden. Das politische Leben wird zunehmend durch neue soziale Bewegungen, die oft international operieren, angetrieben, während das religiöse Lebens zunehmend durch verschiedene religiöse Bewegungen, die oft über die Konfessionsgrenzen hinweg tätig sind, unterstützt wird.

Zeit der Fundamentalismen

Jeder zivilisatorische Paradigmenwechsel verlangt eine "Rekontextualisierung" - ob in der Religion oder der Politik - und ist ein langwieriger, dramatischer Prozess der Suche nach neuen Formen und Stilen. Früher wurde man mit Institutionen wie dem Nationalstaat oder einer Konfession identifiziert. Heute sehen viele diese Institutionen nicht mehr als dauernde Heimat an, sondern mehr als "Markstände", an denen sie vorbeigehen und aus deren Angebot sie wählen. Ähnlich verhalten sich viele gegenüber Institutionen wie Ehe oder Familie.

Dieser Trend ruft eine Gegenreaktion hervor: Religiöser und nationaler Fundamentalismus strebt nach Rückkehr in eine Zeit, wo alles nicht so kompliziert war, nach einer Rückkehr zu grundlegenden "Sicherheiten"; das Sicherheitsgefühl, das diese Fundamentalismen vermitteln, indem sie sich mit einer mächtigen Institution identifizieren, führt aber nicht nur dazu, alle Andersdenkenden, zu dämonisieren, sondern auch die "Häretiker" und "Liberalen" in den eigenen Reihen, die nicht einer Schwarz-Weiß-Sicht anhängen.

Aber es gibt keinen Weg zurück, weder zum mittelalterlichen Corpus christianorum noch zur Epoche von Säkularisierung und Nationalstaat, in der die Religion zu einer Lebensphilosophie unter anderen und die Kirche nur eine Institution unter anderen wurde. Es wäre aber falsch, daraus abzuleiten, die Menschen seien weniger religiös, bloß weil sie weniger an institutionellen oder doktrinären Aspekten der Religion interessiert sind.

Die Aufklärung war ein Zeitalter der Vernunft, genauer: der Vorherrschaft einer Art Rationalität, die dahinterliegende Leidenschaft war das Einordnen und Beschreiben von Phänomenen. Ein typisches Erbe der Aufklärung sind Museen und Galerien, in denen die Exponate zu unserer Aufklärung eingeteilt und etikettiert sind. In ähnlicher Weise hat die Neuzeit das ganze Wissen klassifiziert. Vor mehr als 50 Jahren verglich der tschechische Philosoph Emanuel Rádl in seinem "Trost der Philosophie" die Naturwissenschaft mit einem Pathologen: Rádl erzählt die Geschichte eines der ersten Ärzte, der eine Autopsie durchführte; einmal, als dieser begann, eine vermeintliche Leiche zu sezieren, und sie mit dem Skalpell berührte, setzte sie sich erstaunt auf. Danach begab sich der Arzt auf eine Bußwallfahrt nach Jerusalem.

Rádl prophezeite, dass auch die Natur noch nicht ganz tot, sondern imstande ist, sich im Fortgang der wissenschaftlichen Forschung wieder zu erheben und dagegen zu protestieren, was ihr angetan wird. In welches "heilige Land", fragte Rádl, werden wir unsere Bußwallfahrt machen?

Europas stille Anziehungskraft

Europa unterliegt einem tiefgehenden Wandel. Die Integration der Mitglieder und Kandidatenländer der EU ist in einer heißen Phase. Während die Geburtenrate in vielen Ländern Europas sinkt, nimmt die Zahl von Migranten zu und verändert die ethnische und religiöse Struktur der europäischen Bevölkerung. Von Christen hört man oft die Forderung: "Gebt Europa eine Seele." Auch wenn ich das Anliegen dieses Slogans schätze, betrachte ich ihn als ein etwas arrogantes Klischee. Ist Europa wirklich seelenlos? Und wenn es so wäre, gibt es irgendjemanden, der Europa mit einer Seele ausstatten kann? Verbreiten jene, die Europa "eine Seele" zu geben versprechen, in Wirklichkeit nicht bloß eine Ideologie?

Natürlich liegt in der derzeitigen Phase der Europäischen Integration der Schwerpunkt beim "Leib Europas", die Frage nach der geistigen Identität scheint sekundär zu sein. Aber ist nicht der große Mut, diese kühne Arbeit am "Leib" auszuführen und die EU zu erweitern, von der Voraussetzung abgeleitet, dass es etwas gibt, das Europa einen Sinn verleiht? Dass da ein tief sitzendes, einigendes Prinzip existiert, die stille eigentliche Anziehungskraft, die Europa trotz allem Wandel zusammenhält? Ja, der starke politische Wille zur Europäischen Integration - wie äußerlich deren unmittelbare Motive sein mögen - schließt den Glauben an eine "europäische Seele" ein. Europa braucht uns weder, noch erwartet es von uns, dass wir ihm "eine Seele geben"; aber wir Europäer müssen lernen, seine Seele zu verstehen und zu hegen.

Mein Lehrer, der tschechische Philosoph und Menschenrechts-Märtyrer Jan Patočka war der Ansicht, das Wesen Europas sei die "Sorge um die Seele": Europa sei zu einer Zeit entstanden, als in Griechenland "Sorge um die Seele" als Hauptziel der menschlichen Existenz und als Sinn der Gemeinschaft, der Polis, betrachtet wurde. Meiner Meinung nach ist das Urbild, das die Triebkraft der europäischen Zivilisation nachhaltiger beeinflusst hat, die Idee "auf einer Reise" zu sein, jenes Lebensverständnis als Antwort auf den Ruf Gottes, wie sie in der biblischen Geschichte von Abraham, der als ein Heiliger von den drei großen Glaubensfamilien verehrt wird, deren Anhänger lernen müssen, auf dem Gebiet des heutigen Europa nach den dramatischen Konfrontationen der Geschichte zusammenzuleben.

Ohne Abrahams Erbe

Europa besteht heute aber nicht nur aus Christen, Muslimen und Juden, sondern vor allem aus jenen, die in keiner der Gemeinschaften von Abrahams Erben ihre Heimat gefunden haben. Die Stimme dieser Menschen scheint am lautesten in und aus Europa zu tönen. Es sieht so aus, als ob die "Europäische Verfassung" keinen Hinweis auf das "Erbe Abrahams" enthalten wird, und dass Europa mit Begriffen der säkularen Kultur definiert wird, der Nachfolgerin jener Jahrhunderte alten Epoche, in der "Europa" und "Christentum" praktisch synonym waren.

Vor einigen Jahren hat der kanadische Philosoph Charles Taylor die Frage aufgeworfen, ob die katholische Christenheit nicht ähnlich die Synthese von Glauben und moderner Kultur wagen sollte, wie der Jesuitenmissionar Matteo Ricci zu Beginn der Neuzeit die Inkulturation des Christentums in Lebens- und Denkweise der asiatischen Völker versucht hat. Taylor zeigt, warum das so schwer ist: Die moderne Kultur ist eine seltsame Mischung aus Christentum und Werten der Moderne, die oft gegen das Christentum durchgesetzt wurden, sodass das, was in der europäischen Kultur nichtchristlich ist, oft als antichristlich angesehen wird. So ist etwas Paradoxes festzustellen: Einige Werte, die eindeutig aus dem Evangelium abgeleitet sind, kamen in Europa erst nach dem Ende der christlich dominierten Epoche zum Tragen. So verschaffte erst der moderne Liberalismus den universellen Menschenrechten Geltung und setzte so die Vision des Paulus um, nach der die Grenzen zwischen Völkern, Kulturen oder Geschlechtern unwichtig sind.

Taylor führt weiter aus, dass das, was die Einbringung vieler dieser Werte behinderte, nicht "Religion" oder "Christentum" als solches war, sondern vielmehr die "Vermählung" des Glaubens mit einer bestimmten Kultur. Jede menschliche Gesellschaft übt Druck zur Konformität und dahingehend aus, hehre Ideen zugunsten von Augenblicksinteressen und vielen Kompromissen zu opfern. Es kann daher nie eine vollkommene Vermählung von Glauben und einer spezifischen Gesellschaft geben. Die Versuche, das Christentum durch andere Anschauungen zu ersetzen - Jakobinismus, Marxismus... - hatten noch viel tragischere Folgen.

Taylor ist überzeugt, dass die ambivalente Natur der modernen Kultur genau studiert werden muss und die Paradoxa zu identifizieren sind, die in den geschichtlichen Transformationen verschiedener Strömungen geschahen. Die Zeiten, die vor uns liegen, eröffnen so einen Raum für neue Allianzen und Kooperationen: Wir müssen die alten Grenzen des Misstrauens überwinden.

Redigierter Auszug aus dem Vortrag "Europa und Abrahams Erbe", den Tomáš Halík Mitte September in Prag im Rahmen des Mitteleuropäischen Katholikentags hielt. Aus dem Englischen von Otto Friedrich.

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