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Wildwuchs der Feindbilder

Unwissen und plakative Zuschreibungen prägen - abseits islamistischer Terrorakte - das Verhältnis zwischen dem Westen und der Welt der Muslime.

"Wir und die Muslime": Was macht uns beide so anfällig für Feindbilder und Vorurteile? Warum fragt der Westen mit Blick auf den Islam: "Warum hassen sie uns?" Und warum fragen Muslime zurück: "Warum versteht ihr uns nicht?"

Auf der Suche nach Antworten stoßen wir auf vier Beziehungs- und Konfliktebenen, die auch in unsere Bewertung aktueller Ereignisse mit einfließen:

? Der "Westen" und der "Islam"

? Europa und der Islam

? Das Christentum und der Islam

? Österreich und der Islam

Alle vier Ebenen sind tief in uns verankert und lösen verschiedene, auch widersprüchliche Erfahrungen und Emotionen aus. Ihre Gleichzeitigkeit erklärt viele unserer Ratlosigkeiten. Versuchen wir, die Begriffspaare getrennt zu betrachten.

1. Der Westen und der Islam: Zunächst: Den "Westen" im traditionellen Wortsinn gibt es nicht mehr, er hat sich mit dem Ende des Ost-West-Konflikts aufgelöst: Eine westlich geprägte Globalisierung überzieht heute den Globus. Noch sagt der Begriff "Islam" Wesentliches über den Zustand der muslimischen Welt aus. Groß ist die Bandbreite islamischer Herrschaftssysteme - vom Gottesstaat bis zu sozialistischen Regimen. Jede zentrale religiöse Autorität fehlt. Die erträumte Gemeinschaft aller Muslime ist Utopie - so bleiben auch panislamische Aufrufe zum "Heiligen Krieg" ohne Wirkung.

Auf beiden Seiten sind die dominierenden Feindbilder aus ähnlichen Quellen gespeist: aus der Religion, aus den Erfahrungen der Kolonialzeit - und aus aktuellen Entwicklungen.

Im religiösen Gedächtnis des "Westens" lebt die jahrhundertelange Verketzerung des Islam - als "Notwehr" gegen eine neue Religion, die zwar Judentum und Christentum mit einbindet, zugleich aber als defizitär erklärt.

In uns lebt auch der Anspruch früherer Kolonialmächte, die arabisch-islamische Welt "zivilisieren" zu müssen (als Vorwand für eigene Machtansprüche und Ausbeutung).

Und: Neu aufgeheizt hat sich dieses belastende Erbe seit 1979 mit dem Aufstieg Khomeinis im Iran; mit der Angst vor dem radikalen, gewaltbereiten Islam. "Mullahs mit Koran und Maschinengewehr" - dieses Bild überlagert seither viel an islamischer Wirklichkeit: Denn die große Mehrheit der Muslime erlebt ihren Glauben unter oft schwierigsten sozialen und politischen Bedingungen weit mehr als Aufruf zum Seelenfrieden denn als Kampfauftrag.

Wir im "Westen" sollten uns auch fragen, wie weit das "Feindbild Islam" mit dem Ende der "roten Gefahr" des Kommunismus zu tun hat: Brauchen unsere zunehmend individualisierten Gesellschaften am Ende den Kitt solidarisierender Stereotypen?

Auch die Muslime leben unter dem Eindruck generalisierender Feindbilder:

Religiös sehen sie im Christentum trotz mancher Nähe einen Verrat am Eingottglauben (Stichwort Dreifaltigkeit) - und in Jesus einen Propheten, aber nicht Gottes Sohn.

Auch die Erbschaft der Kolonialzeit (falsche Grenzziehungen, importierte Regime, wirtschaftliche Ausplünderung) lastet noch schwer über dem Orient.

Und im Zeichen der Globalisierung fühlen sich Muslime von einer dominanten, unmoralischen aber enorm erfolgreichen fremden "Zivilisation" bedroht.

Letztlich aber ist vor allem der Nahostkonflikt - die westliche Einäugigkeit im Konflikt Israel-Palästina -, der zentrale muslimische Fokus aller Sünden des Westens.

2. Europa und der Islam: Während die USA trotz Obama unter dem Grundverdacht der reinen Interessenpolitik (Öl!) und der bewussten Demütigung islamischer Werte stehen, ist das Bild der Muslime von Europa weit differenzierter. Hier geht es weniger um Interessen, als um ein Wechselbad von Distanz und Nähe, von Begegnung, Bedrohung und Befruchtung.

Rund 30 Millionen Muslime leben heute in Europa (vom Atlantik zum Ural), 15 Millionen in der EU, 500.000 in Österreich. Tendenz steigend. Das schafft Konflikte, aber auch Annäherungen. EU-Europa weiß, dass es sein Sozialsystem angesichts von Überalterung und Geburtenarmut nur mit massiver Einwanderung - auch aus der islamischen Welt - aufrechterhalten kann. Zugleich ist es von jeder Krise im Orient unmittelbar berührt. So ist Europa gut beraten, sich - bei aller Nähe zu den USA - nicht auf die Rolle des allzeit getreuen "Geleitbootes" amerikanischer Interessen zu reduzieren.

Probleme im Umgang miteinander

3. Christentum und Islam: Offenkundig ist, dass sich der "Islamismus" (der politische Islam) nicht nur aus den Fehlern des "Westens" nährt, sondern auch aus Defiziten der eigenen Regime: aus Diktatur und einer "verstümmelten Moderne" - ohne wirklich freie Rede, freies Denken und Forschen. Muslimische Regime - religiös oder gottlos - missbrauchen den Glauben als politische Zuchtrute und verstecken sich hinter einem "religiösen" Mandat.

Unter solchen Vorzeichen finden gerade jene Gruppen Zulauf, die behaupten: "An unserer Rückständigkeit ist nicht der Islam schuld. Nein, schuld ist vielmehr der Verrat an der wahren Lehre, wie sie uns vor mehr als 1000 Jahren geschenkt wurde." Diese These aber blockiert und bedroht das Nachdenken über drängende Reformen. Etwa: Ist eine Trennung - besser: eine deutlichere Aufgabenteilung - zwischen Politik und Religion möglich? Sind Koran und Überlieferung für zeitgemäße Interpretationen offen? Sind bestehende Menschenrechts-Defizite (Gleichberechtigung Mann-Frau, Religionsfreiheit, absolutes Tötungsverbot usw.) nur kulturbedingt oder auch religiös verfestigt?

Christen und Muslime teilen auch viele gravierende Probleme im Umgang miteinander: Ein enormes gegenseitiges Nichtwissen. Verzerrte und falsche Schreckbilder - auch durch selektive Zitierung heiliger Texte. Und: Bei Religions-Dialogen treffen zu oft nur jene aufeinander, die keinen Dialog bräuchten. Nicht aber jene, die einander misstrauen. Beiderseits mangelt es auch an respektvoller Kritik - und Selbstkritik

4. Österreich und der Islam: Österreich und die islamische Welt waren in hellen und dunklen Stunden enger miteinander vernetzt als viele andere Länder Europas. In uns leben die Schrecken der Türkenbelagerungen, aber auch der Stolz auf viel Gemeinsames. Nach wie vor hat unser Land (neutral und ohne koloniale Last) einen legendären Ruf im Orient - auch dank seiner großen Brückenbauer (Kreisky, Waldheim, Kardinal König). Aber: Mit dem Ende des Kommunismus, der Neuentdeckung Zentraleuropas und unserer Einbindung in die EU-Außenpolitik ist viel von dieser alten Nähe verloren gegangen. Als Vermittler in Nahost sind wir kaum mehr gefragt.

Die Hausaufgaben beider Seiten

Und der Umgang mit den Muslimen, die mit uns leben? Die Voraussetzungen wären besonders gut: Seit 1912 (Annexion Bosniens) ist der Islam anerkannt. Und mit der "Islamischen Glaubensgemeinschaft" besitzen wir einen kompetenten öffentlich-rechtlichen Verhandlungspartner, um den uns viele Länder beneiden (der aber eben jetzt einen schwierigen Prozess der Demokratisierung durchläuft).

Trotzdem ist das Miteinander schwierig. Mit der "Angst vor dem Fremden" lässt sich auch hierorts schrecklich gut Politik machen. Ausgrenzung und Alltags-Unmenschlichkeiten aber könnten manche hier lebenden Muslime in das Lager von Islamisten treiben, die mit sozialer Wärme und finanzieller Hilfe locken. Dieser Dynamik müssen wir uns bewusst sein.

So müssen beide Seite ihre Hausaufgaben erfüllen:

? Die Muslime die Anerkennung unserer säkularen Gesellschaft und ein klares Bekenntnis zum Pluralismus und zur Sicherheit Österreichs, das ihnen einen Vorschuss an Vertrauen geschenkt hat.

? Und die Nicht-Muslime ein Ende der Ghettoisierung islamischer Bevölkerungsgruppen und die Akzeptanz ihres Andersseins - so schwierig das auch ist. Versteckte Beträume und Hinterhöfe sind die gefährlichsten Integrations-Hemmer!

Auch am "Schauplatz Österreich" könnten die hier lebenden Muslime - und über sie die islamischen Welt - erfahren,

? dass unsere Form der Aufgabenteilung zwischen Religion und Staat keine Schwäche, sondern eine Stärke ist.

? dass unsere "Wertegemeinschaft'' gar nicht so verdorben ist und der Grundwasserspiegel des Glaubens und der Mitmenschlichkeit nicht dem Zerrbild entspricht, das "wir" (die "Westler", Europäer, Christen...) oft selbst von uns zeichnen.

Selbsternannte Unglückspropheten halten - wie der Blick in Buchhandlungs-Regale beweist - einen "Kriegs der Zivilisationen" für unvermeidlich. Die Erfahrung der Geschichte aber sagt uns: Nichts ist zwangsläufig. Die Zukunft ist immer offen - und wir gestalten sie mit.

Überall fallen kleine Alltags-Entscheidungen - für ein Miteinander, Nebeneinander oder Gegeneinander. Diese Entscheidungen treffen wir täglich neu -im Reden und im Handeln. Und manchmal würde es schon genügen, sich in die Gefühle Anderer hinein zu versetzen.

Nur Untätigkeit nimmt uns die Zukunft aus der Hand!

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