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Differenzierungen der Diskussion

1945 1960 1980 2000 2020

Während im Wahlkampf offen oder verhohlen mit Islamisierungs-Ängsten Politik gemacht wird, halten einige neue Bücher dagegen -und den rationalen Diskurs hoch.

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Während im Wahlkampf offen oder verhohlen mit Islamisierungs-Ängsten Politik gemacht wird, halten einige neue Bücher dagegen -und den rationalen Diskurs hoch.

Unter den zahlreichen Neuerscheinungen zum Thema Islam gibt es Bücher, die man gelesen haben muss, wenn man sich ernsthaft mit der Religion(spolitik) der Muslime auseinandersetzen will. Der deutsche Religions- und Politikwissenschafter Michael Blume legt im Band "Islam in der Krise" eine derartige exzeptionelle Analyse vor, die keine Seite in der Auseinandersetzung ausnimmt und viele gängige (Vor-)Urteile über den Islam gegen den Strich bürstet. Die Grundthese Blumes nimmt bereits der Buchtitel auf, dass nämlich der Islam nicht auf dem Vormarsch, sondern in der größten Krise seiner Geschichte ist. Der Autor belegt dies mit zahlreichen Beispielen defensiver Reaktionen von wesentlichen Vertretern des Islam auf globale Entwicklungen, er beklagt insbesondere, dass in der islamischen Welt seit Jahrhunderten intellektuelle Defizite vorherrschen, die den Anschluss an die technologischen und sozialen Errungenschaften des Westens verloren haben.

Seit Langem intellektuelle Defizite

Ähnliches hat zwar schon der Islam-Kritiker Hamed Abdel-Samed 2010 in seinem "Untergang der islamischen Welt" prognostiziert, aber Blumes Zugang ist -obwohl er die islamischen wie die nichtislamischen Player mit Kritik nicht verschont -keiner, der dem Islam per se abspricht, reformierbar zu sein. Dieser Autor bemüht sich, Reformideen und -forderungen, die es im Islam gibt, ein wenig sichtbar zu machen. Gleichzeitig macht Blume klar, dass die westliche Sicht auf Muslime oft der Vergleich von Äpfeln mit Birnen ist: Niemals würde man säkular Lebende in Europa als Christen benennen, wenn sie nicht Mitglied einer Kirche seien. Um hierzulande als Muslim kategorisiert zu werden, müsse man nur muslimische Eltern haben -völlig unabhängig davon, ob man sich persönlich zum Islam bekenne

Eine weitere Neuerscheinung ist gleichfalls ans Herz zu legen: Der von Rainer Nowak und Erich Kocina herausgegebene Sammelband "Gehört der Islam zu Österreich?" erweist sich als erfrischend differenzierte und auch viele Facetten aufs Tapet bringende Kompilation von Fragen rund um den Islam und die Muslime in Österreich. Die von Redakteurinnen und Redakteuren der Presse gestalteten Beiträge reichen von demografischen Fragen über Politik, Schule, Kindergärten, Wirtschaft und auch heiße Themen wie Kopftuch oder die Diskussion um Islamophobie. Dass das Buch mitten im Wahlkampf, der von Islam-Bashing durch alle großen politischen Mitbewerber gekennzeichnet ist, erscheint, kann als Hoffnungszeichen für einen rationaleren Diskurs verstanden werden. Denn wenn die Auseinandersetzung auf der Ebene des Bauchgefühls bleibt, scheint eine Perspektive fürs Zusammenleben kaum in Sicht.

Muslime gehören zu Österreich

Es ist den Autorinnen und Autoren des Bandes zu danken, dass sie dies in Würdigung aller Positionen des Islam-Diskurses in Österreich darzustellen versuchen. Prototypisch dafür der Beitrag von Anne-Catherine Simon über "Islam und die Frauen", der natürlich auch um die Kopftuchdebatte kreist und versucht, die Gründe und Positionierungen muslimischer Kopftuchträgerinnen zu verstehen und zu referieren und gleichzeitig die Widersprüche in deren Argumentation aufzuzeigen -wie auch die Widersprüche im den Diskussionen von Nichtmuslimen zur Kopftuchfrage. Die provokante Titelfrage erübrigt sich erst recht nach der Lektüre des Bandes, zumindest eine Abwandlung davon: "Gehören Muslime zu Österreich?", muss eindeutig bejaht werden.

Auch das neue Buch des französischen Politologen und Terror-Experten Olivier Roy gehört auf den Büchertisch wacher Zeitgenossen. Der französische Kenner des politischen Islam analysiert in "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod" den dschihadistischen Terror und die Motive vor allem junger Leute, sich ihm zu verschreiben. Wie auch bei seinen letzten Büchern wird Roy mit Widerspruch rechnen müssen, aber seine Argumente und Differenzierungen haben mehr für sich, als dass man sie einfach abtun könnte.

Roy versucht zum einen nachzuweisen -meist gelingt ihm das auch -, dass die mit dem Islam argumentierenden Attentäter der Anschläge in Europa und Nahost viel weniger mit religiösen als psychologischen Augen zu betrachten sind. Er ortet in den terroristischen Handlungen weniger tatsächliche religiöse Motive als eine Todessehnsucht, die überdies im Widerspruch zur islamischen Glaubenslehre stehe. Interessant auch, dass Roy den Salafismus nicht mit dem terroristischen Dschihadismus in einen Topf werfen will, weil der Salafismus jedenfalls in seinem Anspruch auf Leben und Heil aus sei, der Terrorismus hingegen viele Züge eines apokalyptischen Nihilismus aufweise. Auch Roys Thesen sind wertvolle Beiträge zur Differenzierung der Diskussion.

Denn wenn die Auseinandersetzung mit dem Islam auf der Ebene des Bauchgefühls bleibt, scheint eine Perspektive fürs Zusammenleben kaum in Sicht.

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