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Feuilleton

Zur Zukunft der islamischen Theologie

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Um die Vereinbarkeit islamischer Grundsätze mit dem Muslimsein in Europa zu beurteilen, ist eine theoretisch theologische Grundlagen dringend nötig.

Obwohl der Islam in Deutschland als Glaubensgemeinschaft noch nicht anerkannt ist, plant der deutsche Staat an zwei bis drei Standorten des deutschen staatlichen Hochschulsystems den Aufbau von großen, autonomen Organisationseinheiten für Islamische Studien. An diesen soll sich die islamische Theologie neben der Islamwissenschaft etablieren.

Diese Unterscheidung zwischen „Islamischer Theologie“ auf der einen Seite und „Islamwissenschaft“ auf der anderen Seite ist notwendig. Während sich die Islamwissenschaft aus der Außenperspektive mit dem Islam beschäftigt, setzt sich die islamische Theologie mit religiösen Inhalten aus der Innenperspektive des Islam auseinander. Beide Disziplinen können und sollen sich gegenseitig befruchten.

Islam im Alltag

Betrachtet man den Alltagsbezug der Religion, dann lassen sich für viele Muslime drei Bezugspunkte unterscheiden. 1. der spirituelle Bezug, der sich in der Gestaltung der Beziehung des Einzelnen zu Gott manifestiert; 2. der normative Bezug: Was darf ein Muslim, was darf er nicht? Lässt sich der Islam mit rechtsstaatlichen Prinzipien, mit modernen Geschlechterrollen, mit den Menschenrechten usw. vereinbaren? 3. der Identitätsbezug.

Im Lebensalltag der meisten Muslime spielt der normative Aspekt der Religion eine zentrale Rolle und für sehr viele sogar eine viel wichtigere als der spirituelle. Während meiner Tätigkeit als Imam wurde ich u. a. mit Fragen konfrontiert, die folgende lebensnahe Aspekte betreffen: interreligiöse Eheschließungen, speziell muslimischer Mädchen mit nichtmuslimischen Partnern. Typische Fragen der Jugendkultur sind: Darf ich mich tätowieren lassen, Pearcings oder als Bub Ohrringe tragen? Darf ich in die Disco gehen?

Ein wesentlicher Aspekt betrifft die Speisevorschriften: Vor Kurzem saß ich mit meinem Sohn im Fast-Food-Restaurant, als ein Mann mit nordafrikanischem Akzent auf uns zukam und auf Arabisch fragte, ob wir denn Muslime seien. Nach meiner Bestätigung fragte er ziemlich wütend, was wir uns denn dabei gedacht hätten, als Muslime nicht geschächtetes Fleisch zu essen. Mein Versuch, ihn an Sure 5:5 zu erinnern, wonach das Fleisch von Christen und Juden den Muslimen erlaubt ist, aber auch das Rechtsgutachten der in der islamischen Welt anerkannten religiösen Autorität, Alqaradawi, nutzten nichts.

Und wie oft höre ich Jugendliche sagen, sie dürfen keine Süßigkeiten essen, weil vielleicht Gelatine drin ist, und dies sei ein Produkt aus Schweinebestandteilen. Im Fastenmonat Ramadan vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht mit Fragen konfrontiert werde wie: Ich spiele im Verein XY Fußball und muss auch im Ramadan zum Training, sonst werde ich ausgeschlossen; ich schaffe es aber nicht, beim Training nichts zu trinken, darf ich daher zu einem anderen Zeitpunkt fasten?

Theologischer Diskurs nötig

Das sind einige der Alltagsfragen, die viele Muslime, vor allem Jugendliche, im Zusammenhang mit ihrer Religion, stellen.

Mir geht es in diesem Beitrag nicht darum, Antworten auf diese Fragen zu geben, sondern auf die Notwendigkeit eines islamisch-theologischen Diskurses, der auf akademischer Ebene geführt werden muss, hinzuweisen. Es genügt nicht, dass Imame die eine oder andere praktische Antwort geben. Eine theoretisch theologische Grundlage ist dringend notwendig. Diese soll Antworten liefern, die einerseits mit den Grundsätzen des Islam und andererseits mit dem Muslimsein im europäischen Kontext vereinbar sind.

Während Deutschland auf dem Weg der Etablierung eines islamisch-theologischen Diskurses ist, scheint dieser Gedanke in Österreich weder bei der Politik noch bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft angekommen zu sein. Dass etwa im aktuellen Lehrgang der Volkshochschulen „Islam in Wien“ zwar Muslime, jedoch Nichttheologen, Lehrveranstaltungen mit islamisch-theologischen Schwerpunkten halten, ist ein Beleg fehlenden Willens, einen zeitgemäßen islamisch-theologischen Diskurs in Österreich zu etablieren. Und wenn die Muslime selbst kein Interesse daran haben, wer soll diese Aufgabe sonst erfüllen?

Um die Vereinbarkeit islamischer Grundsätze mit dem Muslimsein in Europa zu beurteilen, ist eine theoretisch theologische Grundlagen dringend nötig.

Obwohl der Islam in Deutschland als Glaubensgemeinschaft noch nicht anerkannt ist, plant der deutsche Staat an zwei bis drei Standorten des deutschen staatlichen Hochschulsystems den Aufbau von großen, autonomen Organisationseinheiten für Islamische Studien. An diesen soll sich die islamische Theologie neben der Islamwissenschaft etablieren.

Diese Unterscheidung zwischen „Islamischer Theologie“ auf der einen Seite und „Islamwissenschaft“ auf der anderen Seite ist notwendig. Während sich die Islamwissenschaft aus der Außenperspektive mit dem Islam beschäftigt, setzt sich die islamische Theologie mit religiösen Inhalten aus der Innenperspektive des Islam auseinander. Beide Disziplinen können und sollen sich gegenseitig befruchten.

Islam im Alltag

Betrachtet man den Alltagsbezug der Religion, dann lassen sich für viele Muslime drei Bezugspunkte unterscheiden. 1. der spirituelle Bezug, der sich in der Gestaltung der Beziehung des Einzelnen zu Gott manifestiert; 2. der normative Bezug: Was darf ein Muslim, was darf er nicht? Lässt sich der Islam mit rechtsstaatlichen Prinzipien, mit modernen Geschlechterrollen, mit den Menschenrechten usw. vereinbaren? 3. der Identitätsbezug.

Im Lebensalltag der meisten Muslime spielt der normative Aspekt der Religion eine zentrale Rolle und für sehr viele sogar eine viel wichtigere als der spirituelle. Während meiner Tätigkeit als Imam wurde ich u. a. mit Fragen konfrontiert, die folgende lebensnahe Aspekte betreffen: interreligiöse Eheschließungen, speziell muslimischer Mädchen mit nichtmuslimischen Partnern. Typische Fragen der Jugendkultur sind: Darf ich mich tätowieren lassen, Pearcings oder als Bub Ohrringe tragen? Darf ich in die Disco gehen?

Ein wesentlicher Aspekt betrifft die Speisevorschriften: Vor Kurzem saß ich mit meinem Sohn im Fast-Food-Restaurant, als ein Mann mit nordafrikanischem Akzent auf uns zukam und auf Arabisch fragte, ob wir denn Muslime seien. Nach meiner Bestätigung fragte er ziemlich wütend, was wir uns denn dabei gedacht hätten, als Muslime nicht geschächtetes Fleisch zu essen. Mein Versuch, ihn an Sure 5:5 zu erinnern, wonach das Fleisch von Christen und Juden den Muslimen erlaubt ist, aber auch das Rechtsgutachten der in der islamischen Welt anerkannten religiösen Autorität, Alqaradawi, nutzten nichts.

Und wie oft höre ich Jugendliche sagen, sie dürfen keine Süßigkeiten essen, weil vielleicht Gelatine drin ist, und dies sei ein Produkt aus Schweinebestandteilen. Im Fastenmonat Ramadan vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht mit Fragen konfrontiert werde wie: Ich spiele im Verein XY Fußball und muss auch im Ramadan zum Training, sonst werde ich ausgeschlossen; ich schaffe es aber nicht, beim Training nichts zu trinken, darf ich daher zu einem anderen Zeitpunkt fasten?

Theologischer Diskurs nötig

Das sind einige der Alltagsfragen, die viele Muslime, vor allem Jugendliche, im Zusammenhang mit ihrer Religion, stellen.

Mir geht es in diesem Beitrag nicht darum, Antworten auf diese Fragen zu geben, sondern auf die Notwendigkeit eines islamisch-theologischen Diskurses, der auf akademischer Ebene geführt werden muss, hinzuweisen. Es genügt nicht, dass Imame die eine oder andere praktische Antwort geben. Eine theoretisch theologische Grundlage ist dringend notwendig. Diese soll Antworten liefern, die einerseits mit den Grundsätzen des Islam und andererseits mit dem Muslimsein im europäischen Kontext vereinbar sind.

Während Deutschland auf dem Weg der Etablierung eines islamisch-theologischen Diskurses ist, scheint dieser Gedanke in Österreich weder bei der Politik noch bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft angekommen zu sein. Dass etwa im aktuellen Lehrgang der Volkshochschulen „Islam in Wien“ zwar Muslime, jedoch Nichttheologen, Lehrveranstaltungen mit islamisch-theologischen Schwerpunkten halten, ist ein Beleg fehlenden Willens, einen zeitgemäßen islamisch-theologischen Diskurs in Österreich zu etablieren. Und wenn die Muslime selbst kein Interesse daran haben, wer soll diese Aufgabe sonst erfüllen?