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"Muslime als Partner in Europa"

"Man ist hier auf dem richtigen Weg", antwortet Außenministerin Benita Ferrero-Waldner auf die Frage, was von muslimischer Seite getan werden kann, um Ängste und Befürchtungen in Europa gegenüber dem Islam zu zerstreuen. Im Sommer letzten Jahres initiierte Ferrero-Waldner die europäische Imame-Konferenz in Graz. Zu den Ergebnissen dieser Premiere, zu Österreichs Vorzeigemodell in Sachen Islam und zum französischen "Schleierverbot" nimmt die Außenministerin in diesem Gespräch Stellung.

Frau Bundesminister,

Frankreich wird ein Gesetz beschließen, das die Verwendung "auffälliger religiöser Symbole" in Schulen verbietet. Dieses "Schleierverbot" hat auch in Österreich eine rege Diskussion über das Tragen von Kopftüchern verursacht. Welche Position nehmen Sie in der Debatte ein? Ist der französische Weg richtig?

Bundesministerin Benita Ferrero-Waldner: Ob der französische Weg richtig ist, möchte ich nicht beurteilen. Die Verhältnisse in Frankreich sind in vielerlei Hinsicht anders als bei uns. Die "Laizität", die ja etwas anderes ist als unsere bloße Trennung von Kirche und Staat, die eine größere Abwendung von jeder Religion bedeutet, gilt als Errungenschaft der Französischen Revolution und wird entsprechend verteidigt - gegenüber allen Religionsgemeinschaften. Dazu kommt, dass im Verhältnis zu den Muslimen soziale Komponenten mitspielen, deren Wurzeln in die französische Kolonialgeschichte reichen.

Deshalb, und wegen unserer als vorbildhaft empfundenen Haltung gegenüber den Muslimen schon in der Monarchie, ist die Situation in Österreich viel entspannter, wie die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich selbst gerne sagt. Wir müssen nur sicherstellen, dass das Tragen des Kopftuchs nicht mit einer in manchen islamischen Gesellschaften anzutreffenden Haltung einhergeht, die Intoleranz und Unterdrückung der Frau bedeutet. Dies kann am Besten durch die hier lebenden muslimischen Frauen selbst geschehen, indem sie am öffentlichen Leben soweit wie möglich teilnehmen. Damit werden auch die mitunter noch in Österreich bestehenden Vorurteile abgebaut.

In Österreich ist der Islam seit 1912 anerkannt - hat sich dieses Modell des Zusammenlebens Ihrer Meinung nach bewährt?

Ferrero-Waldner: Die Förderung der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich geht schon auf die Einsetzung eines eigenen Oberhaupts, das in Sarajewo residierte, durch Kaiser Franz Joseph, 1882, zurück. Die staatliche Anerkennung als fünfte Religionsgemeinschaft war ein Novum in Europa und ist bis heute mit ein Grund für das gute, vertrauensvolle Verhältnis, das in Österreich besteht.

Inzwischen gibt es mehrere europäische Länder, die sich für das Modell interessieren, nicht zuletzt auch die Franzosen, die allerdings aus oben genannten Gründen die staatliche Anerkennung einer Religion nicht kennen.

Die letztjährige Konferenz europäischer Imame in Graz plädierte dafür, dass österreichische Modell auf Europa auszuweiten - unterstützen Sie die Forderung?

Ferrero Waldner: Das müssen die betreffenden Länder, ihre Regierungen, Gesetzgeber und religiösen Gemeinschaften selbst bestimmen. Ich kann auf diesbezügliche Fragen meiner europäischen Ministerkollegen nur antworten, dass wir mit unserem Weg gute Erfahrungen machen. Ich selbst habe die Grazer Konferenz europäischer Imame angeregt, weil sich das österreichische Modell der Achtung von Traditionen religiöser Gemeinschaften und Integration durch eine Anerkennung als Gemeinschaft bewährt.

Jeder achte Europäer ist Muslim - soll auf EU-Ebene mehr als bisher für die Integration des Islams in

Europa getan werden?

Ferrero-Waldner: Integration ist keine Einbahnstraße und nicht allein eine Bringschuld der europäischen Länder. Diese - notwendige - Integration muss von beiden Seiten betrieben werden. Handelt es sich um die Integration einer so bedeutenden Glaubensgemeinschaft wie die der Muslime, dann müssen staatlicherseits die für die Ausübung notwendigen Bedingungen geschaffen werden - freilich unter Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse - und allgemein das Wissen über den Islam auf breitere Basis gestellt werden. Hier könnte die EU sehr hilfreich sein. Darüber hinaus müssen die Muslime aber selbst die Integration anstreben und sich für Eigenarten und Werte dieses Kontinents interessieren, die sie ja anerkennen, respektieren und mittragen müssen.

Gibt es für Sie so etwas wie einen Islam europäischer Prägung? Was wären dessen Besonderheiten?

Ferrero-Waldner: Die islamischen Glaubensvertreter lehnen in der Regel diesen Begriff ab. Freilich ist aber ein Islam, der den Menschenrechtskatalog für vereinbar, ja für verbindlich für Muslime ansieht, ein anderer wie der, der in einzelnen islamischen Ländern Afrikas und des Nahen und Mittleren Ostens praktiziert wird und immer wieder für leidvolle Schlagzeilen sorgt. Hier ist in Europa ein Prozess im Gang, der durch Schlagworte wie "Europäischer Islam" nicht gestört werden sollte. Ich bin mir aber sicher, dass sich unsere hier relevanten Grundwerte wie Demokratie, Gleichheit von Mann und Frau, Trennung von Religion und Staat durchsetzen werden.

Die entsprechende Infrastruktur schaffe sozialen Frieden,

sagen die europäischen Imame und treten daher für die Errichtung von mehr Moscheen und

die Einrichtung muslimischer Friedhöfe ein. Haben die Imame mit dieser Einschätzung Recht?

Ferrero-Waldner: Das kann ich nicht generell beantworten. Das können die örtlichen Behörden am Besten im Einzelfall beurteilen. Wichtig scheint mir vor allem zu sein, dass das Wissen voneinander wächst, wozu einige Anstrengungen notwendig sind. Unbekanntes ist befremdend und wirkt beängstigend. Je mehr man sich kennt, vertraut ist miteinander, desto weniger Probleme wird es geben. Moscheen sind ja, so wie die christlichen Kirchen und auch die Synagogen, nicht nur Orte des Gebets, sondern auch der Kommunikation und des Dialogs.

Gerade bei baulichen Maßnahmen wie Moscheen und Friedhöfen muss man oft mit Unmut und Unverständnis der Bevölkerung rechnen ? Wie kann hier aufgeklärt und den Ressentiments entgegengewirkt werden?

Ferrero-Waldner: Wie gesagt: durch Information, beginnend auf der Ebene des Schulunterrichts. Kommt gegenseitige Rücksichtnahme hinzu, wie sie in jedem Gemeinwesen ständig geübt werden muss, dann dürfte es keine gravierenden Probleme geben.

Was soll auf muslimischer Seite getan werden, um die Ängste und Befürchtungen des christlichen, heute mehrheitlich agnostischen Europas zu zerstreuen?

Ferrero-Waldner: Ich glaube, man ist hier auf dem richtigen Weg. Erstens schließen sich die Muslime in Europa in zunehmendem Maß zu repräsentativen Gemeinschaften zusammen, die Ansprechpartner für die jeweiligen staatlichen Stellen sind. Die Gläubigen sind also im öffentlichen Bewusstsein keine diffuse Personengruppe mehr, sondern haben ihre klare Struktur. Auch hier sind wir in Österreich vorbildlich gewesen. Und zweitens gehen diese gewählten Vertreter zunehmend an die Öffentlichkeit und nehmen zu relevanten Fragen Stellung. Dabei steht deren große Mehrheit fest auf dem Boden unserer europäischen Zivilisation und ihrer Errungenschaften.

Wie kann es gelingen, jede Form von muslimischen Extremismus zu verurteilen, ohne Pauschalverunglimpfungen zu erliegen?

Ferrero-Waldner: Indem man eben nicht pauschal verunglimpft, sondern das jeweilige Problem, dem ja in der Regel kein glaubensdogmatisches sondern ein soziales und politisches zugrunde liegt, klar anspricht und auf die Möglichkeit verweist, als Muslim friedlich und respektiert - wie z.B. in Europa - zu leben, allerdings zu gewissen Bedingungen, zu denen vor allem Achtung der Menschenrechte zählt.

Zur Vielgestaltigkeit des Islam

in Europa: Wünschen Sie sich mehr Klarheit, was die konkreten muslimischen Ansprechpartner betrifft, oder sind die Zuständigkeiten und Instanzen klar

genug geregelt?

Ferrero-Waldner: In Österreich ist die Sache recht einfach, da die Muslime durch die Islamische Glaubensgemeinschaft vertreten werden, die klare Statuten, ihre "Verfassung", hat. Im größeren Rahmen gibt es die Europäische Islamische Konferenz mit Sitz in Paris, die aber keine allgemeine Vertretungsbefugnis hat. Die Imamkonferenz in Graz, letzten Juni, hat die Gründung eines Ständigen Rats der Europäischen Imame und muslimischen Seelsorger/innen beschlossen. Diese Einrichtung soll in Wien beheimatet werden, was Österreich nur begrüßen kann. Vorausgesetzt, dieser Rat ist repräsentativ, hätten wir hier einen Ansprechpartner für Islamfragen für ganz Europa.

In der "Grazer Erklärung" sprechen die Imame von Männern und Frauen als "gleichwertige Partner". Die Konferenz drückt sich aber um eine eindeutige

Positionierung zur gesellschaftlichen Stellung der Frauen.

Würden Sie sich in Hinkunft

in dieser Frage mehr Klarheit wünschen?

Ferrero-Waldner: Man muss verstehen, dass hier sehr viel mitschwingt. Auch das christliche Europa hat sich lange schwer getan, sowohl mit der Idee als auch mit der Praxis der geschlechtlichen Gleichberechtigung. Was wir immer noch mit viel Mühe erkämpfen müssen, können wir nicht von anderen als selbstverständlich fordern. Die "Grazer Erklärung" war ein sehr großer, ein entscheidender Schritt seitens der muslimischen geistlichen Führer in diese Richtung. Weitere Veranstaltungen werden folgen müssen um zu definieren, klarzustellen, den europäischen Standard zu festigen. Ich sehe auf Seiten der allermeisten Muslime in Europa Partner auf diesem Weg.

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