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Die Waffe der Kultur

Die Christen im Orient sind wenige geworden - und haben dennoch wichtige Aufgaben.

Spätestens seit Beginn des amerikanischen Feldzugs gegen den Irak sind es vor allem die christlichen Minderheiten in den Ländern des Nahen Ostens, die immer mehr in die Schusslinie der beiden verfeindeten Machtblöcke - des westlich geprägten Kapitalismus einerseits und des immer mehr selbstbewusst auftretenden Machtblocks arabisch-islamischer Länder andererseits - geraten.

So wurde zum Beispiel auch im Februar vergangenen Jahres in der Türkei ein italienischer Priester von einem jungen Muslimen ermordet. Kurz darauf wurden zwei weitere Ordensmänner in der Türkei mit dem Messer bedroht. Im Jänner 2007 wurde schließlich der armenische Journalist und Schriftsteller Hrant Dink in Istanbul ermordet.

Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. hat während seines jüngsten Besuchs in Wien darauf hingewiesen, dass die Arbeit des Patriarchats von Konstantinopel "aus den bekannten Umständen", unter denen die griechisch-orthodoxe Kirche in der Türkei wirken muss, "nicht erleichtert, sondern vielmehr erschwert wird". Der Patriarch wollte damit andeuten, mit welchen Schwierigkeiten die griechisch-orthodoxe Kirche, aber auch alle anderen christlichen Minderheiten, in der Türkei zu kämpfen haben. Der türkische Staat erkennt die Kirchen nicht als Rechtspersönlichkeiten an und gesteht ihnen keine Eigentumsrechte zu.

Von der Türkei bis Ägypten

Papst Benedikt XVI. hat während seiner Türkei-Reise im vergangenen November 2006 von der türkischen Regierung die Respektierung der religiösen Freiheit und der Menschenrechte eingefordert. Die Regierung muss jedoch erst beweisen, ob sie die Worte des Papstes ernst nimmt und in die Tat umsetzt.

Im September 2006 haben die Reaktionen aus der muslimischen Welt auf die inzwischen so oft zitierte "Regensburger Rede" von Papst Benedikt XVI. das Bild von einem "friedlichen Islam" in der westlichen Welt etwas zurechtgerückt und die Frage nach einem ehrlichen, auf der Vernunft basierenden, interreligiösen Dialog erneut aufgeworfen. Es ist eine schwierige Aufgabe, aber die einzig mögliche!

Welche aktive Rolle könnten bei diesem Dialog die Christen und besonders auch die orientalischen Christen spielen? Werden sie in diesem Spannungsverhältnis zwischen östlicher und westlicher Hemisphäre überhaupt noch wahrgenommen? Haben sie die Möglichkeit, ihre Stimme zu erheben, oder gerät ihre schwindende Präsenz in den Ländern des Nahen Ostens immer mehr unter den Mühlstein verschiedener Machtinteressen?

In Israel, das nicht nur für Christen, sondern auch für Juden und Muslime "heilig" ist, beträgt der Bevölkerungsanteil der Christen nur noch knappe 2 Prozent, während vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges noch 18 Prozent Christen im Heiligen Land lebten. Bis vor kurzem beteuerten arabische Christen, dass sie "keine Probleme" mit ihren muslimischen Nachbarn hätten. Doch seit einiger Zeit kommt es auch in Israel und in den besetzten palästinensischen Gebieten zu Zwischenfällen, die arabische Christen - neben ihrem ohnehin schon schwierigen Verhältnis zur israelischen Regierung - dazu veranlassen, ihre Heimat zu verlassen.

In Ägypten gibt es noch acht bis neun Millionen Kopten. Sie üben jedoch keinerlei Einfluss auf die Politik des Landes aus, während bei den letzten Wahlen die von der ägyptischen Regierung bisher verbotene fundamentalistische Bewegung, die "Muslimbrüder", mit 20 Prozent der Stimmen den Einzug ins Parlament geschafft hat. Nicht nur die Kopten, sondern auch die demokratischen Kräfte des Landes befinden sich seither in starker Bedrängnis.

Libanon - die Ausnahme

Die Situation im Libanon bleibt hingegen eine Ausnahme: Von den 4,5 Millionen Einwohnern des Landes sind immerhin noch zwei Millionen Christen, die unterschiedlichen Riten angehören. Die Christen haben eine entscheidende Rolle während des Aufbaus des Landes gespielt und sich auch in der Politik aktiv beteiligt. Es konnte ein kluges und ausgewogenes politisches System ausgehandelt werden, wobei alle im Libanon ansässigen Religionsgruppen in der Regierung vertreten sind. Die Christen sind jedoch seit über 30 Jahren einem ständigen Druck von außen ausgesetzt. Mit der Ermordung von Ex-Minister Rafik Hariri im Jahre 2005 wurde das prekäre Gleichgewicht der politischen Lager erneut durcheinander geworfen. Die Situation ist seitdem sehr angespannt. Der Einfluss von prosyrischen, islamistischen Gruppierungen, wie der Hisbollah, nimmt ständig zu. Die Lage der Christen hat sich durch den letzten Krieg im Sommer 2006 noch weiter verschlechtert. Der Exodus der Christen ist auch hier unaufhaltbar geworden.

Trotz dieser ständig blutenden Wunde gibt es im Libanon noch 11 christliche Kirchen mit unterschiedlichem Ritus. Im Gegensatz zu anderen arabischen Ländern genießen die Christen im Libanon (noch!) die Presse- und Meinungsfreiheit: interreligiöse Dialoge zwischen Muslimen und Christen finden in der Schule, in der Universität oder auch im Fernsehen statt. Die Christen genießen zwar im Libanon noch politische und religiöse Rechte, aber ihre Position ist geschwächter als je zuvor. Ihre Zukunft hängt nicht so sehr von der religiösen Freiheit, als vielmehr von der demographischen Entwicklung ab.

Die "Schutz"-Befohlenen

In den anderen arabischen Ländern islamischer Prägung hat sich die christliche Minderheit schon seit Jahrhunderten mit dem "Dhimmi"-Dasein abgefunden, das heißt, die Christen zahlen der islamischen Regierung eine Kopfsteuer und verfügen über keinerlei Rechte. In Saudiarabien und einigen anderen arabischen Ländern dürfen sich die Christen nicht einmal privat zum gemeinsamen Gebet treffen.

Die christlichen Minderheiten in den Gebieten von Marokko bis in den Irak haben die lange Zeit des Osmanischen Reiches dank der Schutzfunktion europäischer Länder überlebt. Doch als sich Frankreich, England, Italien, Deutschland und auch Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihren Kolonialländern wieder zurückzuziehen begannen, verloren die orientalischen Christen an Einfluss und ihren westlichen "Schutzherren".

Der arabisch-israelische Konflikt, der nun schon seit beinahe 60 Jahren schwelt, hat die Situation der Christen keineswegs erleichtert. Er hat vielmehr dazu beigetragen, dass sich orientalische Christen mit neuen Vorwürfen seitens der muslimischen Bevölkerung auseinandersetzen müssen, wie vor allem dem Vorwurf, pro-westlich und pro-israelisch eingestellt zu sein.

Welche Aussichten gibt es?

Menschlich gesprochen, gibt es keine guten Aussichten. Aber die Christen sind eine Gemeinschaft von Gläubigen, die Gemeinschaft ist die Kirche, und "die Kirche ist in Christus gleichsam Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit", wie der Heilige Vater, Papst Benedikt XVI., in seinem jüngsten Apostolischen Schreiben "Sacramentum caritatis" gesagt hat.

In diesem Sinn bleibt die Hoffnung bestehen. Ja, die Hoffnung ist groß. Aber leider spielt nicht immer nur die Qualität der gläubigen Christen eine wichtige Rolle, sondern auch die Quantität, das heißt die Anzahl der Christen. Wir müssen versuchen, einem demographischen Rückgang der Christen im Nahen Osten entgegenzusteuern.

Die Presse und die Medien bringen jeden Tag Nachrichten von Terrorismus im Namen des Islam. Nichtsdestotrotz können Gewalt und Terrorismus nicht anders als mit Mut und Kultur besiegt werden. Mut, sich der Gewalt entgegenzustellen, und Kultur, um den Menschen beizubringen, dass Gott nicht "ein Gott des Todes", sondern ein "Gott des Lebens" ist, wie es in der Bibel steht.

Die einzige Waffe, die gegen den Terrorismus wirksam sein kann, ist die Waffe der Kultur. Die Kultur aber braucht Zeit, Menschen und Geld. Es fehlt nicht an Zeit, Menschen und Geld. Das Problem ist, sie werden falsch eingesetzt. Es fehlt der Eifer, die Geduld und die Hoffnung, dass der Samen sterben muss, um Frucht zu bringen.

Heute ist jedoch nicht alles negativ. Die Medien, die schnelle Kommunikation und auch die Globalisierung sind Mittel für den Fortschritt. Die muslimische Welt, auch die radikalsten unter den Muslimen, können sich dieser kulturellen Revolution nicht entziehen. Die kulturelle Revolution besteht jedoch nicht nur aus Technik, Wirtschaft und Industrie. Die menschliche, demokratische Revolution braucht immer auch eine Seele, eine Transzendenz, einen Einblick in die Geheimnisse Gottes. Dies kann nur eine rationale und geistliche Philosophie schaffen, wie sie das Christentum mit sich bringt.

Europa muss Rolle finden

Die Welt der Muslime und des Nahen Ostens trifft mit viel Kraft und Überzeugung auf die westliche Welt. Die muslimische Welt ist religiös motiviert. Die Muslime sind überzeugt, dass Allah ihnen das neue Land zur Eroberung gegeben hat. "Ihr sollt Allah in dem Land wieder herrschen lassen", heißt es im Koran. Oder auch: "Ihr seid die beste Nation (Umma), die Allah geschaffen hat." Die islamischen Terroristen glauben, Allah mit ihren Attentaten und Anschlägen zu gehorchen.

Wenn die europäische Welt, die Gesellschaft, Kultur, Politik und Forschung nicht ihren transzendentalen Ursprung wiederfindet, so wird sich der radikale Islam in Europa ausbreiten und in diesen Bereichen großen Einfluss ausüben. Dies wird jedoch kein Vorteil sein, weder für Europa, noch für den Islam selbst. Der Islam selbst muss lernen, keine Angst vor Selbstkritik zu haben. Er darf sich einer historisch-kritischen Methode nicht entziehen.

Die kleine christliche Gemeinde im Nahen Osten kann dazu auf besondere Weise ihren Beitrag leisten. Die orientalischen Christen haben keinen Komplex, mit Muslimen über unterschiedliche Fragen zu diskutieren und, wenn notwendig, auch zu polemisieren. Sie brauchen jedoch einen Anker, damit ihre Reise auf hoher See sicher verlaufen kann. Sie sind jedoch enttäuscht, wenn die Europäer ihre religiösen und politischen Fragen auf naive und oberflächliche Weise beantworten.

Europa muss seine Mission, seine geschichtliche Rolle und kulturelle Dynamik wiederfinden. In Europa, wie überall in der Welt, ist es richtig, Staat und Kirche zu unterscheiden. Aber Religion und Gesellschaft kann man nicht voneinander trennen. Sie gehören zusammen, sie reisen zusammen durch das ganze Leben.

Die Christen des Orients sind für diese Reise vorbereitet. Wenn man ihnen hilft, sie stimuliert und sie in ihrer Würde schätzt, werden sie einen wichtigen Beitrag zum Dialog mit dem Islam leisten können. Es wird im Interesse der Kultur und der Religion, aber auch im Interesse der Laizität des Staates, der Demokratie und der Verständigung der Völker sein.

Der Autor ist Apostolischer Nuntius in Österreich. Er ist gebürtiger Libanese und war Vertreter des Papstes unter anderem in Algerien, Tunesien und bis 2005 in der Türkei. 1970-89 war Edmond Farhat Professor für Islamisches Recht an der Universität Sassari/Italien.

Gekürzte und überarbeitete Version des Vortrags, den der Nuntius am 12. April 2007 im Kardinal-König-Haus in Wien-Lainz gehalten hat.

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