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Gespenst islamische Revolution

Der islamische Hauch vom Kaftan der Mullahs wehte zu Beginn dieser Dekade über die arabische Welt und weiter in die moslemische Welt Asiens und Afrikas. Der islamische Integrismus ist ein brennendes Problem in Nordafrika, denn der Großteil der Bevölkerung dort ist moslemisch. Er beunruhigt die Regierungen und bedroht das schwache soziale Gleichgewicht sowie die nationale Einheit.

Auch das Afrika südlich der Sahara ist nicht gefeit vor diesem religiösen Aufflackern. Die Funda-

mentalisten treten immer offener auf und bedrohen die Laizität vieler Länder. Doch dominieren in den schwarzafrikanischen Ländern die Marabuts mit ihren Moslembruderschaften.

Diese haben religiöse und politische Bedeutung. Sie bringen den Politikern die Stimmen ihrer Anhänger. Die internationalen Kontakte ihrer Bruderschaften helfen manchmal dem Staat bei der Zusammenarbeit mit den arabischen Ländern.

Viele afrikanische Politiker, Moslems und Andersgläubige, konsultieren Marabuts oder haben ihre eigenen Marabuts, die manchmal sogar bei der Besetzung wichtiger Posten mitreden. In Benin hat Präsident Ahmed Kerekou, ein Katholik, seinen Marabut und Ratgeber zum Innenminister ernannt.

In Niger machte der verstorbene Präsident Seyni Kountche seinen Marabut, der weder französisch noch arabisch lesen und

schreiben konnte, zum Polizeipräsidenten. Die Rolle der Marabuts ist heute vielleicht noch wichtiger, denn der islamische Integrismus iranischer Prägung wendet sich an die Marabuts um ihre Unterstützung.

Wenn sie es auch schaffen, das drohende Gespenst einer islamischen Revolution fernzuhalten, so .beeinflußt der Integrismus doch ihre Politik. Für sich genommen stellt der Islam für schwarzafrikanische Politiker keine Bedrohung dar. Die Allianz zwischen Politikern und religiösen Oberhäuptern billigt ersteren die Macht zu.

Das traditionelle islamische Oberhaupt hat kein Interesse, den Staat zu schwächen; auch fühlt es sich durch den Integrismus bedroht. Diesen brachten die Absolventen der Universitäten Nordafrikas — zu Beispiel der Al-Az-har-Universität in Kairo oder der Universitäten des Nahen Ostens — in ihre Heimatländer.

Die Studenten treten für die Einführung der Scharia (der moslemischen Gesetzgebung) ein und fordern die Errichtung einer islamischen Republik.

Im Sudan wechselte der ehemalige Präsident Dschafar Numeiri unter dem Einfluß der „moslemischen Brüder“ von einem laizistischen Staat zu einer islamischen Republik. Die Scharia wurde zum allgemeinen Gesetz, die Rechte der Minderheiten - Christen und Animisten - wurden mißachtet.

Die neue Regierung versucht jetzt, dem Staat wieder ein demokratisches Gesicht zu geben. Die Scharia wurde aufgehoben.

In Burkina Faso, in Ghana und Benin leben Christen, Moslems und Animisten zumindest nach außen hin in Harmonie. Unter dem Einfluß der Integristen bleiben in Mali während des Fastenmonats Ramadan Bars, Night Clubs und andere Lokale geschlossen.

Kenia hat 6,7 Prozent Moslems, die im Osten des Landes leben. Im November 1987 staunten viele Beobachter, als es in der „moslemischen Hauptstadt“ Mombasa zum ersten Mal Demonstrationen mit der Losung „Allah Akbar“ gab. Die häufigen Reisen des Imam von Mombasa in den Iran stimmten die örtlichen Behörden besorgt.

Sogar im Land der Apartheid, in Südafrika, kam der Islam in Bewegung. Unter dem Einfluß ihrer Ikhwan (Iraner) haben Organisationen wie das „Moslem Judi-cial Council“ oder „The Call of Islam“ seit 1986 neben der „Union Democratie Front“ gegen die Apartheid gekämpft.

Für zwei Länder stellt der islamische Integrismus eine echte Bedrohung dar: 49 Prozent der Einwohner Nigerias sind Moslems. Sie leben hauptsächlich im Norden des Landes. 80 Prozent der Bevölkerung Senegals sind Mohammedaner. Der Senegal ist bekannt für Ökumene, doch gab es

in den letzten Jahren wiederholt Beispiele religiöser Intoleranz.

1986 haben die Moslems Katholiken, die eine Kirche weihen wollten, aus der Hauptstadt der Bruderschaft Tidjania, Tivaoua-ne, verjagt und sie enteignet. Ti-vaouane — so sagten die Moslems — sei eine heilige islamische Stadt.

In Nigeria waren die Anhänger der moslemischen Bewegung Maitatsine zu Beginn der achtziger Jahre Urheber blutiger Demonstrationen. Im März des Vorjahres führte die Intoleranz der Fundamentalisten wieder zum Aufruhr, dessen Opfer die christliche Bevölkerung war. Im Bundesland Kaduna wurden mehr als 150 Kirchen angezündet, man zählte mehr als 100 Tote.

Die zentrale Militärregierung hat diesen Aufruhr als „zivilen Umsturzversuch“ interpretiert. Die islamischen Zentren in Nigeria sind die Universitäten Kano, Zaria und Sokoto. Studenten und Professoren fordern die Gründung einer islamischen Föderation und sind ungeachtet des staatlichen Verbotes von religiösen Organisationen an Universitäten und in Gymnasien tätig.

Die Christen fürchten die Ausweitung der Scharia auf andere Lebensbereiche als Ehe, Scheidung und Erbrecht - für die sie heute schon gilt.

In Senegal empfinden die Integristen die Laizität des Staates als Häresie und fordern die Aufhe-

bung, der geltenden Verfassung. Nur die Lehren des Koran sollten die Gesellschaft leiten. 1979 gab es sogar für kurze Zeit eine Partei Gottes — „Hezbollah“ —, die mit den iranischen Mullahs engen Kontakt hielt.

Die Universität in Dakar, früher als Keimzelle der afrikanischen marxistischen Linken bekannt, ist heute ein Zentrum des islamischen Integrismus. Sowohl Senegal als auch Nigeria haben Presse- und Versammlungsfreiheit. Das hilft den Integristen, die in anderen Ländern im Untergrund arbeiten müssen.

Die anderen Religionen in Afrika reagieren bereits auf diesen arabischen Fundamentalismus. Im vergangenen Jahr haben die franko- und anglophonen Bischöfe Westafrikas die Christen und Moslems zu einem brüderlichen Verständnis „in Achtung und gegenseitiger Hilfe“ aufgerufen. In Nairobi haben die Räte der christlichen Kirchen in Afrika beschlossen, Komitees für einen Dialog zwischen Christen und Moslems zu schaffen.

Viele erklären den Aufstieg des Integrismus mit der ökonomischen Krise und all ihren Folgen: Arbeitslosigkeit, Prostitution, unklare Zukunft der Jugend. Der Integrismus hat seine Anhänger vor allem in städtischen Bereichen. Man glaubt, nur der Koran könne die Gesellschaft „reini-gen .

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