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Zum Dialog gibt es keine Alternative

1945 1960 1980 2000 2020

Indonesien, Pakistan, Sudan - der Islam hat verschiedene Gesichter. Sicher ist: Für Christen in moslemischen Staaten sind harte Zeiten angebrochen.

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Indonesien, Pakistan, Sudan - der Islam hat verschiedene Gesichter. Sicher ist: Für Christen in moslemischen Staaten sind harte Zeiten angebrochen.

Das Salz in der Suppe der diesjährigen Missionsstudientagung (11. bis 15. Juli) steuerte vor allem ein verspätet eingetroffener Referent bei: Hilary Borna Omol, Bischofsvikar für die Vertriebenen in der Erzdiözese Khartoum im Sudan. Er gab den Teilnehmern zu bedenken: „Eine riesige Kluft liegt zwischen den schönen Worten des Korans und der Wirklichkeit."

Obwohl im Koran betont werde, daß es „in der Religion keinen Zwang gibt", sei es im Sudan (74,1 Prozent Moslems, 7,5 Prozent Katholiken, 3,2 Prozent andere Christen, 13,8 Prozent afrikanische Naturreligionen) praktisch unmöglich, daß ein Moslem zum Christentum konvertiert. In dieser von den Männern dominierten Gesellschaft dürfe zwar ein Moslem eine Christin heiraten, doch eine Ehe zwischen einem Christen und einem Moslemmädchen sei nur in wenigen Regionen als Ausnahme möglich.

Das islamische Recht (Scharia), ein nur am Islam orientiertes Bildungssystem, moslemische Bekleidungsvorschriften werden Nicht-Moslems aufgezwungen. Glaubensfreiheit besitzt im Grunde nur der Islam. Der Bürgerkrieg zwischen dem islamischen (vorwiegend arabischen) Norden und dem christlichen (vorwiegend schwarzafrikanischen) Süden, häufige Ermahnungen zum Dschihad (heiliger Krieg) und Vorwürfe gegen Ungläubige - Juden und Christen werden von Heiden kaum unterschieden -

belasten den interreligiösen Dialog. Dieser Dialog finde statt, aber nicht in Freiheit, sondern als „Dialog zum Uberleben", sagte Borna, der den Christen in den Industrieländern vorwarf, sich kaum um ihre Glaubensbrüder im Sudan zu kümmern.

Die Tagung auf Schloß Seggau bei Leibnitz, veranstaltet von Missio Austria (Päpstliche Missionswerke) und vom Missionsreferat der Österreichischen Superiorenkonferenz, stand im Zeichen der Frage, wieweit Dialog mit dem Islam möglich sei, wieweit Christen vor einem wachsenden Einfluß dieser Religion Angst haben müssen.

Diözesanbischof Johann Weber, „Hausherr" des Gutes und Bildungszentrums Seggau, hob bei einem Kamingespräch die allgemeine Wichtigkeit von Dialog (mit Hinweis auf den „Tag der Steiermark") hervor und schärfte wichtige Dialogregeln ein (ins Auge schauen, etwas zu sagen haben, dem anderen zuhören und ihn ernst nehmen). Für einen weiteren Dialog mit dem Islam trat der neue Missio-Austria-Nationaldi-rektor, der Zisterzienser P. Gregor Henckel-Donnersmarck, ein. Er betonte dabei den gemeinsamen Glauben an den einen Gott, wobei der Islam, wie die deutsche Theologin Barbara Huber-Bu-dolf ausführte, den Monotheismus „radikaler" vertrete als das Christentum. Außerdem sei, so Huber-Rudolf, im Islam der Begriff „Gerechtigkeit", die Uberzeugung, Gott werde beim Jüngsten Gericht jeden streng nach seinen Taten belohnen oder bestrafen, sehr prägend, während im Christentum die Vergebung der Sünden durch den Kreuzestod Jesu im Zentrum stehe.

Nicht so dramatisch wie im fundamentalistisch regierten Sudan ist die Lage in anderen Ländern mit deutlicher moslemischer Mehrheit, wie der Franziskaner Louis Mascarenhas aus Pakistan und der Jesuit Franz Magnis-Suseno aus Indonesien berichteten. Mascarenhas wies am Beispiel Pakistan (96 Prozent Moslems, 2 Prozent Christen, davon nicht einmal die Hälfte Katholiken) auf die geringen Bechte der Frau im Islam hin, auf das Vordringen islamischer Gesetze (neu ist die Todesstrafe für Blasphemie), aber auch auf die Unterstützung von Christen durch mutige islamische Juristen und auf die Zusammenarbeit von Christen und Moslems für soziale Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Er erwartet Änderungen von einer eines Tages kommenden gewaltlosen „Frauen-Revolution".

Für Indonesien (85 Prozent Moslems, 10 Prozent Christen, davon ein Drittel Katholiken, ferner Anhänger asiatischer Religionen und von Stammesreligionen) erwartet der dort seit 1961 tätige Franz Magnis-Suseno keine Machtübernahme durch islamische Fundamentalisten, wohl aber wachsenden Einfluß der am orthodoxen Islam orientierten Santri-Moslems. Die Mehrheit stellen aber die Abangan-Moslems, die sich nicht an die islamischen Gebetsund Speisevorschriften halten und den Islam nicht als einzigen Weg zu Gott ansehen. Magnis-Suseno sieht auch für Europa nicht im Islam die große Herausforderung, sondern in der Einstellung, daß Gott in einer säkularisierten Welt irrelevant wird.

Die in diesen Seggauer Tagen durch die Zeichen setzenden Gottesdienste und Rahmenveranstaltungen (etwa ein „multikulturelles" Konzert bosnischer Studenten) zu einer Gemeinschaft zusammengewachsenen Teilnehmer sahen sich am Ende in ihrer Ablehnung von Fundamentalismus und Bereitschaft zum Dialog bestärkt. Das Vordringen des Islam mit dem Bau großer Moscheen in Europa löst aber sicher einiges Unbehagen aus, solange gleichzeitig in etlichen islamischen Ländern weder der Bau von Kirchen noch die Existenz christlicher Symbole (Kreuz, Bibel) toleriert wird.

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