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Die Politik und Gottes Namen

Darf Gott eine Rolle im politischen Leben spielen? Der Iran gilt als abschreckendes Beispiel. Doch wird Gott als Chiffre oft politisch missbraucht - und das nicht nur im Nahen Osten.

Gott in der Politik? "Bloß nicht!“, ist vermutlich die erste Reaktion, wenn man den Iran mit dieser Frage in Verbindung bringt. "Bloß nicht!“, meinte auch das Europäische Parlament, als es "Gott“ nicht in die Präambel der europäischen Verfassung aufgenommen hat, obwohl eine Reihe europäischer Länder "Gott“ in der Verfassung stehen haben. Der Iran ist aus westlicher Perspektive zum "Musterfall“ dafür geworden, wie es aussieht, wenn Gott eine dominante Rolle in der Politik bekommt. Man denkt in der Regel an Ayatollahs und Frauenunterdrückung, drakonische Gesetze und Sittenpolizei. Aber nur aus der Ferne ist es so einfach. Es gibt weder in der schiitischen Theologie noch in der staatlichen Umsetzung eine einheitliche Linie, was für eine Rolle Gott in der Politik spielen und wie sich das konkret auswirken sollte. Die Form des "Gottesstaates“, wie ihn Ayatollah Khomeini umsetzte, war nur eine der möglichen Interpretationen im schiitischen Islam. Seitdem hat sich im Iran viel verändert. Die Reformansätze von Ayatollah Khatami und seine Bemühungen um einen Dialog der Religionen gehören genauso zur schiitischen Theologie im Iran. Es gab und gibt Reformbewegungen, andere Interpretationen, praktische Veränderungen - es hängt letztlich immer davon ab, welche theologische Schule die Oberhand bekommt, wie konkret die Religion die Gesetze und die Politik bestimmt.

Verschiedene Staatsmodelle

Der Iran mit dem schiitisch geprägten "Gottesstaat“ ist in der nahöstlichen Region nur ein Modell von sehr unterschiedlichen Interpretationen dessen, welche Rolle Gott in der Politik spielen sollte. Die Variationen reichen von Syrien, das zwar nicht demokratisch ist, sich aber als säkularer, sozialistischer Staat definiert, bis zu Saudi-Arabien, das sich zwar nicht Gottesstaat nennt, aber exklusiv die wahhabitische Interpretationen des Islam in Gesetze gießt und diese (auch im sunnitischen Islam) extreme Minderheitenposition durch seine finanziellen Kapazitäten auch in andere muslimische Länder exportiert. Die von Saudi-Arabien gestützten Salafiten entwickeln sich inzwischen selbst zu den Muslimbrüdern als ernsthafte Konkurrenz. Aber auch die Muslimbrüder, die ebenfalls mit Gott in der Politik in Verbindung gebracht werden, weisen viele unterschiedliche Richtungen auf. Die al-Nahda Partei, die zuletzt in Tunesien die Wahl mit knapp 40 Prozent gewann, hat eine ganz andere Auffassung als die Mehrheit der ägyptischen Muslimbrüder und es wird spannend zu sehen, wie sich die Gruppierungen nach dem "Arabischen Frühling“ positionieren werden.

Dass Gott in der modernen Politik des Nahen Ostens eine Rolle spielt, erfanden nicht die muslimischen Staaten. Schließlich war es die internationale, vor allem westliche Gemeinschaft in der Versammlung der Vereinten Nationen, die bei der Teilung Palästinas erstmals einen Nationalstaat religiös definierten. Sie stimmten für einen jüdischen Staat Israel und einen arabischen Staat Palästina, sodass Israel seit 1948 bis heute an dem jüdischen Charakter des Staates festhält, mit allen Konsequenzen für die nichtjüdische Bevölkerung. Ich schreibe diesen Essay in Jerusalem. Auf Schritt und Tritt begegnet man hier "Gott“ in der Politik.

Göttliche Landverheißung

Dies gilt nicht nur für Israels Siedlungspolitik, die eine desaströse menschenrechtsfeindliche Politik nicht nur politisch, sondern auch mit der religiösen Überzeugung einer göttlichen Landverheißung legitimiert. Und ob Gott in einem palästinensischen Staat, der bisher immer demokratisch gedacht wurde, eine Rolle spielt und wenn ja, welche, das wurde und wird immer noch in der religiös pluralen palästinensischen Gesellschaft diskutiert. Der Alltag, die Kleidung, die Wohnviertel, die Feiertage, alles verweist auf Gott. Und obwohl der Konflikt in Israel und Palästina nicht primär in der Religion begründet liegt, sondern ein Konflikt um Land und seine Ressourcen ist, wird er insbesondere seit dem Sechs-Tage-Krieg religiös aufgeladen. "Gott“ verstellt so den Blick auf die eigentlichen Konflikte und macht alles nur noch schlimmer. Erst dieser Tage bezeichnete niemand geringerer als der frühere Präsident Ehud Barak die "Haredim“, die ultraorthodoxen Juden und Jüdinnen, als eine Bedrohung für den Staat Israel. Frauenorganisationen in Israel protestieren schon lange gegen deren schleichende religiöse Vormacht und liberale Israelis wandern zunehmend aus. Bei dem diesjährigen Fest "Simchat Tora“ (die Herabsendung der Tora) wurden Soldatinnen daran gehindert, mit ihren männlichen Kollegen zu feiern. Und die Siedler haben mit ihrer politisierten national-religiösen Ideologie immer mehr Einfluss im Militär. Die linksliberale israelische Zeitung Haaretz ist voll von solchen Artikeln. Dann entstünde auf lange Sicht neben dem schiitischen Gottesstaat ein jüdischer Gottesstaat mit konsequenter Geschlechtertrennung hier wie dort. Noch ist es nicht soweit. "Bloß nicht!“, ist man wieder geneigt zu rufen.

Es wäre nun allerdings völlig verfehlt, wenn man sich im "Westen“ schaudernd abwenden und für "fortschrittlicher“ halten würde. In den USA nehmen die fundamentalistischen christlichen Bewegungen zu und beeinflussen zunehmend politische Entscheidungen. Und die eigene europäische Geschichte erlebte viele Variationen von "Gott in der Politik“. Auch diese waren meist mit Leiden verbunden. Kriege, Verfolgung und Vernichtung der je "anderen“, gegenseitige Verurteilungen, Korruption - das Ausmaß des verursachten Leids ist fast unübersehbar, aber längst noch nicht aufgearbeitet. Und keineswegs herrscht in ganz Europa heute überall völlige Religionsfreiheit oder Gleichheit zwischen Menschen unterschiedlicher religiöser Überzeugungen. Ertönt nicht immer stärker der Ruf, das "christliche Abendland“ zu retten? Erleben muslimische Frauen nicht, dass ihnen auf offener Straße in den Kinderwagen gespuckt wird? Gibt es nicht Anschläge auf Menschen anderer Herkunft und Religion? Müssen in manchen Ländern nicht immer noch Polizisten vor neu eröffneten Synagogen Wache stehen?

Religion und Gewalt

Kein Wunder also, dass das europäische Parlament für die Zukunft solche Szenarien verhindern wollte und erschreckt und abgeschreckt Gott aus der Politik oder zumindest aus der Präambel der Verfassung verbannte. Betrachtet man die Geschichte unter diesem Blickwinkel, dann scheint die These Jan Assmanns plausibel, dass insbesondere die monotheistischen Religionen untrennbar mit Gewalt verbunden seien. Dieser These ist mit vielen Forschungsprojekten nachgegangen, zugestimmt und auch widersprochen worden. Dennoch bleibt bei aller Relativierung und Differenzierung die Frage: Warum verbindet sich mit "Gott in der Politik“ so viel Gewalterfahrung und Gewalterinnerung? Warum geht Gott in der Politik so oft eine Verbindung mit Macht bis zur Gewalt ein? In den Schriften der monotheistischen Religionen stehen andere Erfahrungen mit "Gott“ im Zentrum: Gerechtigkeit, Parteinahme für Arme, Verfolgte und Benachteiligte, Gleichheit aller in der Schöpfungsordnung, Barmherzigkeit! Diese anderen Erinnerungen setzen besonders diejenigen um, die unter "Gott in der Politik“ leiden: in Armutsbewegungen, in Gospeltexten, in den Überlieferungen von Frauen, in Theologien des Leidens oder der Befreiung, sie alle vertrauen diesen Aspekten Gottes. Sie arbeiten für die Menschen, entschärfen ungerechte Verhältnisse, so gut sie können, engagieren sich im Bildungs-, Erziehungs- und Diakoniebereich. Sie alle machen klar: Es ist Vorsicht geboten, wenn "Gott“ in Verbindung mit Macht und Politik in Anspruch genommen wird.

Man spricht wohl besser nicht von "Gott in der Politik“, sondern von der Inanspruchnahme der Chiffre "Gott“ in der Politik. Wenn Gott wirklich daran interessiert sein sollte, wie Menschen sich kleiden, mit wem sie (keinen) Umgang haben, oder wenn Gott gar an der Vernichtung derer interessiert ist, die wechselweise je anders glauben, dann tun die Regierungen gut daran, Gott aus der Politik zu verbannen. Dass hier bestenfalls ein kleinkarierter Götze, nicht aber Gott am Werk ist, das ist jedenfalls die Hoffnung vieler Glaubender. Man sollte vielmehr ernst nehmen, woran der islamische Ruf zum Gebet tagtäglich mehrmals erinnert: "Allahu akbar!“ - Gott ist größer!

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