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Wird Israel ein Gottesstaat?

DISKURS
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Bleibt Israel eine Theokratie?

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Israel ist das einzige Land der Welt, in dem die jüdische Religion eine Sonderstellung gegenüber allen anderen Religionen einninunt. Obwohl offiziell religiöse Freiheit herrscht, ist die jüdische Religion hier Staatsreligion für alle Bürger jüdischen Glaubens. Im Heiligen Land sind Politik und Religion derart miteinander verquickt, daß für viele religiöse Erscheinungen nur eine politische Erklärung möglich ist. Das trifft vor allem auf den besonderen Status der jüdischen Religion zu.

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Israel ist das einzige Land der Welt, in dem die jüdische Religion eine Sonderstellung gegenüber allen anderen Religionen einninunt. Obwohl offiziell religiöse Freiheit herrscht, ist die jüdische Religion hier Staatsreligion für alle Bürger jüdischen Glaubens. Im Heiligen Land sind Politik und Religion derart miteinander verquickt, daß für viele religiöse Erscheinungen nur eine politische Erklärung möglich ist. Das trifft vor allem auf den besonderen Status der jüdischen Religion zu.

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Von den 13 Millionen Juden, die es auf der Welt gibt, sind maximal 20 Prozent religiös. Auch im Staat Israel ist die Zahl der orthodoxen Juden nicht größer. Um ihre religiösen Interessen vertreten zu können, bildeten die orthodoxen Juden in Israel und in der Diaspora drei Parteien, unter denen die religiösnationale Partei die weitaus wichtigste ist und auch die weitaus größte Anhängerschaft vereinen konnte.

So konnte es die religiös-nationale Partei erzwingen, daß im Staat Israel bis heute das veraltete Zivilrecht gilt, demzufolge nur orthodoxe Rabbiner Trauungen und Scheidungen durchführen oder Alimentationsverhandlungen betreuen können. Eine standesamtliche Heirat oder Scheidung gibt es im Staat Israel nicht. Auch wenn ein Zivilgericht über Alimente entscheidet, tut es dies erst, nachdem bereits ein Urteil des Rabbinatsgerichtes vorliegt.

Aus diesem Grund ist auch in den meisten Städten des Landes der öffentliche Transport am Samstag, dem Ruhetag der Juden, verboten, obwohl 80 Prozent der Bevölkerung dieses Gebot der Heiligung des Sabbats nicht einhält und der Pkw- Verkehr gerade an Samstagen besonders rege ist. (Das Autofahren wird von den Frommen als Arbeit angesehen und ist deshalb am Sabbat, dem Ruhetag, verboten.)

Aus dem gleichen Grund sind auch am 9. Av alle Kinos, Theater und Restaurants geschlossen und im Rundfunk werden nur Trauerweisen gespielt. An diesem Tage wurde im Jahre 70 n. Chr. der Tempel zu Jerusalem zerstört. Deshalb gilt dieser Tag auch als ein Fasttag, der heute von etwa 10 Prozent der jüdischen Bevölkerung des Landes eingehalten wird.

In der schwierigsten religiösen Position befinden sich die konservativen und liberalen Strömungen innerhalb der jüdischen Religion. Die Mehrheit der Juden in der Diaspora gehört diesen beiden Strömungen an und in Israel tendiert auch die Mehrheit der Bevölkerung eher in diese als in die religiöse Richtung. Beide Strömungen erhalten weder finanzielle noch andere Unterstützungen seitens des Religionsministeriums. Im Gegenteil: da bisher an der Spitze der Religionsministerien ein religiös-nationaler Minister stand, wurde inoffiziell versucht, Schritte dieser beiden Richtungen so weit wie möglich einzuengen und die Neugründung konservativer und liberaler Gemeinden zu unterbinden.

Das Innenministerium war bei fast allen Koalitionsregierungen in den Händen der religiös-nationalen Partei und wurde dazu benützt, der Definition, wer nun eigentlich Jude ist, eine orthodoxe Auslegung zu geben. Nach dem Rückkehrergesetz hat jeder Jude das Recht, nach Israel einzuwandern und hier die israelische Staatsbürgerschaft zu erhalten. In der Nachkriegsgeneration nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Mischehen in der gesamten Diaspora unter den Juden überhand genommen und in vielen Ländern erreichen sie heute bereits 40 bis 50 Prozent. Ein Großteil der Ehepartner ist zum Judentum übergetreten, doch da der Übertritt in vielen Fällen durch liberale oder konservative Rabbiner vollzogen wurde, wird er von den orthodoxen Rabbinern, die diese beiden Strömungen ignorieren, nicht anerkannt. Da die Orthodoxie in Israel zumeist in der Regierung vertreten ist, will sie nun bewirken, daß solche Konvertiten nicht als Juden anerkannt werden und ihnen deshalb auch nicht die

Rechte zugesprochen werden, die ein Jude, der Neueinwanderer ist, erhält.

Es gibt heute im Staate Israel 2,9 Millionen Juden, die gezwungen sind, in bezug auf Religion einen theokratischen Status zu akzeptieren, weil es für die jüdische Religion keine Trennung zwischen Staat und Kirche gibt.

Da die Orthodoxie sich exklusiv mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, steht sie anderen Religionen sehr großzügig gegenüber, solange diese nicht den Versuch machen, sich in das jüdische orthodoxe Leben einzumischen. Die Zahl der Nicht-Juden beläuft sich im Staate Israel auf eine halbe Million, deren Mehrheit aus 400.000 Mohammedanern besteht.

Die mohammedanische Religion hatte während der jahrhundertelangen türkischen Okkupation des Landes eine Vorzugsstellung, die ihr nach der Vertreibung der christlichen Kreuzfahrer eingeräumt wor-- den war.

Die britische Mandatsregierung übernahm die religiöse Situation von den Türken und räumte den Mohammedanern des damaligen Mandats Palästina völlige religiöse Freiheit ein. Es wurde der Höchste Moslemische Rat gebildet, an dessen Spitze der Mufti von Jerusalem stand. Die Aufgabe dieses Rates war es offiziell, für religiöse Erziehung, für Wohlfahrtsinstitute und für die Personenrechte der Mohammedaner zu sorgen. Während der britischen Mandatszeit wurde auch eine größere Anzahl religiöser Schulen gegründet. Nach kurzer Zeit jedoch begann der Oberste Moslemische Rat politische Funktionen auszuüben und stand alsbald an der Spitze der arabischen Nationalbewegung Palästinas. Kurz vor der Aufhebung des britischen Mandats widersetzte sich der Oberste Moslemische Rat der Teilung Palästinas und proklamierte 1948 den Heiligen Krieg gegen den Zionismus, später gegen den Staat Israel. Als sich die jüdische Bevölkerung jedoch behaupten konnte, ordnete der Oberste Arabische Rat den Exodus aller Moslems an. Die moslemischen Religionsfürher waren die ersten, die das damalige Palästina verließen. Die verbliebene ara^ bische Minderheit Israels, damals 200.000 Menschen, blieb aus diesem Grund fast ohne politische und reli giöse Führung. Es war besonders schwer, eine neue religiöse Führung heranzubilden, da es in Israel keine mohammedanischen Akademien gibt und Absolventen der mohammedanischen al-Aksar-Universität in Kairo, sowie der religiösen Akademie in Damaskus, sich weigerten, in das „besetzte Palästina” zu gehen, um hier als religiöse Richter (Kadis) zu amtieren. Denn bis zum 6-Tage-Krieg sah die mohammedanische Welt in den Arabern Israels Verräter, die dem zionistischen Feind dienten.

Das Religionsministerium in Israel gab den wenigen arabischen Richtern vollste Unterstützung, um auch weiterhin ein religiöses mohammedanisches Leben in Israel zu ermöglichen. Von den 100 Moscheen in Israel wurden 20 erst unter israelischer Herrschaft errichtet Nach langwierigen Vorbereitungen konnten noch vor dem 6-Tage-Krieg vier religiöse Bezirksgerichte der Mos- lims in Israel gebildet werden.

Nach dem 6-Tage-Krieg kam auch der mohammedanische Religiöse Rat in Jerusalem, der vorher unter jordanischer Oberherrschaft stand, zu Israel. Doch bis auf den heutigen Tag wurde jegliche Kooperation mit dem Staate Israel verweigert, so daß auch heute noch die Ehen, die in Ost-Jerusalem geschlossen werden, teilweise von dem israelischen moslemischen Oberrichter in Jaffa bestätigt werden. Jedenfalls überließ der israelische Staat das moslemische Religionsleben den Richtern in den besetzten Gebieten, die noch zur jordanischen Zeit eingesetzt worden . waren, in der Annahme, daß es sich . hier um ein Provisorium handle.

Eine der wichtigsten religiösen Forderungen für einen Mohamme- i daner ist die Pilgerfahrt nach i Mekka. Die Bewohner der von Israel besetzten Gebiete erhalten, wie vor dem 6-Tage-Krieg, von der Regierung von Saudi-Arabien das Recht, Mekka zu besuchen. Die Araber Israels (nicht der besetzten Gebiete) sind jedoch in den Augen der saudiarabischen Regierung immer noch Verräter und dürfen auch heute noch nicht den Heiligen Felsen von Mekka, die Kaaba, besuchen.

Von Israel werden die Mohammedaner jedenfalls in der Ausübung ihrer Religion nicht eingeschränkt — im Gegenteil, auch verschiedene kleinere mohammedanische Sekten haben hier Freiheiten, die ihnen in arabischen Ländern nicht überall zustehen.

Zu einer Kontroverse zwischen der jüdischen und der mohammedanischen Religion kam es nur, als im Laufe der Jahre einige hundert jüdische Mädchen mohammedanische Männer heiraten wollten. Die jüdischen Instanzen versuchten mit allen Mitteln, diese Mädchen von solch einem Schritt abzuhalten,

doch ohne Erfolg. So gibt es heute 500 mohammedanisch-jüdische Mischehen, in denen die Frauen automatisch mohammedanisch geworden sind, obwohl laut jüdischer Religion ihre Kinder Juden sind...!

Das weitaus heikelste Problem sind die 105.000 Christen der verschiedenen Konfessionen, die im Heiligen Land leben. Es handelt sich hier um 38.000 griechisch-orthodoxe, 25.000 römisch-katholische, 25.000 griechisch-katholische Christen und 5000 Protestanten der verschiedenen Konfessionen, sowie um fast 10.000 Anhänger der Ost-Kirchen (Kopten, Syrer, Maroni ten). Insgesamt gibt es etwa 30 verschiedene christliche Konfessionen in Israel, die zum größten Teil hier auch Klöster- und Mönchsorden unterhalten. 13.000 von ihnen leben in Ost-Jerusalem. Da Jerusalem, Bethlehem und Nazareth zu den bedeutendsten Stätten des Christentums gehören, ist die Zahl der hier ansässigen Patriarchen und Erzbischöfe verhältnismäßig groß. Es residieren hier Erzbischöfe des römisch-katholischen Glaubens, des griechisch-orthodoxen, des griechisch-katholischen und des armenisch-orthodoxen Glaubens. Außer den genannten Gemeinden sind die Maroniten mit 3000, die armenisch-orthodoxe Kirche mit 2500, die koptische Kirche mit 1000, die syrisch-orthodoxe Glaubensgemeinschaft mit 1000 Gläubigen vertreten. Alle anderen Glaubensgemeinschaften zählen jeweils einige hundert Seelen.

Nach der Gründung des Staates Israel verblieben hier 45.000 Christen, die zum größten Teil Araber sind. 25.000 Christen lebten in den besetzten Gebieten. Die heutige Zahl beruht auf der natürlichen Vermehrung, wobei 70 Prozent in Israel und 30 Prozent in den besetzten Gebieten leben. Ein Teil der arabischen Christen wanderte kurz vor der Staatsgründüng und nach der Staatsgründung nach Amerika und dem Libanon aus.

Die Position der arabischen Christen innerhalb ihrer moslemischen Umgebung war immer sehr heikel. Aus diesem Grund schloß sich eine Minderheit ultra-nationalen Bewegungen an. Der Führer der Front zur Befreiung Palästinas, Dr. George Habbasch, sowie der Führer der demokratisch-nationalen Front, Naiv Chawatme sind griechisch-orthodoxe Christen. Doch die Mehrheit versuchte, abseits dieser nationalen Bestrebungen zu stehen. Im Libanon, wo bis vor einigen Jahren die Christen die Mehrheit bildeten, trachteten diese, dem Nah-Ost-Konflikt gegenüber neutral zu bleiben. Dagegen unterstützt die heutige moslemische Mehrheit im Libanon zum größten Teil die Freischärler.

Die arabischen Christen im neugegründeten Staat Israel versuchten, eine christliche Partei zu gründen und sich voll zu integrieren. Doch die israelischen Regierungen verkannten diese Bestrebungen und warfen alle Araber — Moslems oder Christen — in einen Topf, in der falschen Annahme, daß man sie fürs erste mit Mißtrauen behandeln müsse. Als der jüdische Staat sich allmählich mit seiner arabischen Minderheit abgefunden hatte, war es bereits zu spät und heute sind die christlichen Araber Israels ein Teil der arabischen Minderheit und fühlen dementsprechend auch arabischnational. Kurz nach dem 6-Tage- Krieg versuchten Christen der besetzten Gebiete und Israels gemeinsam, in Jerusalem eine christliche Universität zu errichten. Doch die Vielfalt der christlichen Konfessionen in Irsael, die Kontroversen, die zwischen ihnen bestehen, setzten diesem Vorhaben ein jähes Ende, noch ehe man die Zustimmung der verschiedenen arabischen Notabein für solch ein Projekt einholen konnte.

Der Staat Israel ermöglicht es allen christlichen Konfessionen, ihrem religiösen Leben nachzugehen. Da aber das religiöse Zivilrecht für alle Juden und an Stelle eines staatlichstandesamtlichen Rechtes gilt, herrscht eine ähnliche Situation auch bei den Christen. Christliche Paare können nur innerhalb ihrer Kirche getraut und geschieden werden. Dabei entstehen große Probleme, wenn das Paar verschiedenen Kirchen angehört oder ihre Konfession zufällig im Heiligen Land nicht vertreten ist.

In bezug auf die Heiligen Stätten heftet sich der Staat Israel an seinen status quo, der 1757 zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen ausgehandelt worden ist und seither mit Hilfe der regierenden weltlichen Mächte beibehalten wurde. Nur bei irgendwelchen Übergriffen mischt sich die israelische Polizei ein. Zum letztenmal geschah das, als römisch-katholische Mönche den Versuch unternahmen, die Fenster der Geburtskirche von Bethlehem zu putzen, was griechisch-orthodoxe Mönche mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln vereiteln wollten.

Kontroversen zwischen der christlichen und der jüdischen Religion entstehen nur in den ganz seltenen Fällen, in denen die Juden Missionierung vermuten. Missionstätigkeit ist in Israel zwar nicht verboten, weil aber ein orthodoxer Jude an der Spitze des Religionsministeriums steht, versucht man, sie nach Möglichkeit zu verhindern...

Das religiöse Leben im Heiligen Land ist vielfältig und wer heute durch die Gassen von Ost-Jerusalem wandert, trifft diese Vielfalt auf Schritt und Tritt Auf der einen Seite läuten die Kirchenglocken, auf der anderen Seite ruft ein mohammedanischer Muezzin die Gläubigen zum Gebet (heute zumeist schon mit Hilfe eines Lautsprechers) und nicht weit davon kann man Juden in einer Synagoge sehen, wie sie, in den Gebetsmantel gehüllt, monoton das Nachmittagsgebet sprechen.

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