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Wieso heute noch Antisemitismus?

FURCHE: Herr Prof. Dr. Schubert, Sie sind der Vorstand des Institutes für Judaistik der Universität Wien und außerdem Initiator und Vorsitzender des christlich-jüdischen Koordinierungsausschusses. Seit wann besteht dieser Ausschuß, wer sind seine Mitglieder und was sind dessen Zielsetzungen und Aufgabenbereiche?

SCHUBERT: De jure besteht der Ausschuß seit 1964, de facto aber bereits seit 1949, als die ersten Arbeiten unter dem Namen „österreichisch-israelische Kutlurgesellschaft“ getan wurden. Dann hat die „Pax Christi“ eine Arbeitsgruppe gegründet und aus dieser Arbeitsgruppe ist dann der Koordinierungsausschuß hervorgegangen und aus diesem Grunde ist bis zum heutigen Tage das Sekretariat der „Fax Christi“ identisch mit dem Sekretariat des Ausschusses.

Zuerst wurde der Verein als Vertretungsorgan der drei Religionsgemeinschaften geplant, mit Vertretern der Katholiken, der Protestanten und der Juden. Dies jedoch scheiterte aus technischen und organisatorischen Gründen. Daher gehören zwar heute dem Ausschuß Persönlichkeiten aller drei Religionsgemeinschaften an, jedoch nicht als deren offizielle Vertreter. Die finanziellen Mittel sind sehr beschränkt und daher mußte die Tätigkeit im Rahmen der bestehenden Organisationen durchgeführt werden Die Verbreitung fand hauptsächlich im katholischen Bildungswerk und den Volks-bildungsstätten in Österreich statt. Intern haben kleine Arbeitskreise gearbeitet und als Ergebnis dieser sind insgesamt drei Bücher erschienen, und zwar: „Judentum und christlicher Glaube“, „Auf den Trümmern des Tempels“ und als drittes Werk ein Buch von Dr. C. Thoma, früher mein Assistent und derzeit Ordinarius für Bibelwissenschaft und Juda-istik an der Universität Luzern, das man als Anhängsel an den Holländischen Katechismus betrachten kann. Weiters wurde ein Memorandum verfaßt und dem Erabischof von Wien unterbreitet, welches die Darstellung des Judentums in der christlichen Katechese behandelt. Dieses Memorandum wurde sehr positiv aulgenommen. Die schönste Frucht dieser Arbeit war, daß während der Wiener Diözesansynode ein eigenes Kapitel christlich-jüdischer Zusammenarbeit im Plenum behandelt wurde und daß dies ein Tagungs-ordnuogspunfct war, der ohne Gegenstimme und mit nur zwei Stimmenthaltungen angenommen wurde. Als Folge dieses Beschlusses wurde die Informationstätigkeit in den Pfarren über christlich-jüdische Zusammenarbeit intensiviert und ich selbst wie auch meine Mitarbeiter, vor allem Schwester Frau Dr. Hedwig Wahle von Notre Dame de Sion, wurden immer wieder eingeladen, Vorträge zu halten.

FURCHE: Die Frage, die ich jetzt Ihnen stellen möchte, ist schon teilweise beantwortet worden, aber ich möchte näheres über die konkreten Ergebnisse der Arbeiten des Koordinierungsausschusses erfahren und wie weit diese im die breite Masse durchgedrungen sind.

SCHUBERT: Der größte Erfolg war der, daß uns die Manuskripte zu den neuen Religionsbüchern vorgelegt wurden und daß in einigen dieser Bücher der Passus aufscheint: „Gedruckt nach Durchsicht durch den christlich-jüdischen Koordinierungsausschuß in Österreich.“ Alle anderen Erfolge sind Erfolge, die sich kaum buchen lassen, denn wenn man Vorträge hält, so kann man nie mit Sicherheit sagen, welchen Einfluß man auf die Zuhörer nehmen konnte und wie sie vom Gesagten beeindruckt wurden.

FURCHE: Inwieweit unterstützen die Religionsgemeinschaften die Bemühungen des Ausschusses?

SCHUBERT: Die Bemühungen des Ausschusses werden zunächst finanziell von der Erzdiözese Wien, die zwischen 60 bis 70 Prozent der Jahresausgaben deckt, unterstützt. Im letzten Jahr wurde eine Tagung für Religionspädagogen und Religionsschulinspektoren durchgeführt, wofür wir natürlich separate Mittel sowohl seitens der Diözesen wie auch der Landesregierungen bekamen. Nach meinem Dafürhalten ist die effektvollste Form der christlich-jüdischen Zusammenarbeit bei der Information von Christen über die Juden durch den Verein Österreichisch-Jüdisches Museum in Eisenstadt möglich geworden. In den Statuten ist nämlich verankert, daß er der Begegnung zwischen Mensch und Mensch und dem Abbau von Vorurteilen dienen soll. Die Einfügung des Passus wurde seinerzeit vom Vertreter der steirlschen Landesregierung fast als Conditio sine qua non gefordert.

Dieser Verein wird zeigen, was die jüdische Kultur für die gesamte Weltkultur bedeutet Es werden daher nicht nur lokal begrenzte Exponate über das burgenländische und österreichische Judentum oder solche mit folkloristischem Charakter gezeigt werden, sondern der Werdegang der Diaspora und seine Geschichte, weiter die Entstehung der Vorurteile gegen die Juden und wie diese abgebaut werden könnten, ohne neue zu bilden. Weiters wollen wir zeigen, welche Leistungen das Judentum im Rahmen der Gesamtkultur erbracht hat Für das Jahr 1973 hatten wir eine Ausstellung unter dem Titel: „Das Judentum im Revolutionsjahr 1848“ vorbereitet, die uns etwa 70.000 Schilling in der Vorbereitung gekostet hat, die aber dann wegen des Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche in weiten Gebieten Ostösterreichs nicht stattfinden konnte. Ich hoffe, daß diese Ausstellung im Februar gezeigt werden wird können Die Exponate werden dann im Rahmen einer Kulturwoche an der Bar-Ilan-Universität in Israel gezeigt werden und in Wien im pädagogischen Institut der Stadt Wien.

Weiters haben wir für dieses Jahr eine Großausstel'lung mit dem Thema „Spätantikes Judentum und frühchristliche Kunst“ eingeplant und da wollen wir zeigen, wie wichtige v Motive der frühchristlichen Kunst auf Beeinflussung durch talmudische und midrachische Legendentradition zurückgehen.

FURCHE: Im Handbuch der Synode 1969 bis 1971 über „Leben und Wirken der Kirche von Wien“ kommt im Absatz 836 unter anderem folgender Satz vor:

„Die Kirche von Wien erwartet von den Katholiken, daß sie nichts unversucht lassen, um die zwischen ihnen und den Juden bestehende und durch traditionelle Mißverständnisse genährte Entfremdung zu überwinden.“

In welchem Ausmaße, Herr Professor, ist diese Absichts- und Grundsatzerklärung in die Tat umgesetzt worden?

SCHUBERT: Vor allem möchte ich sagen, daß diese Erklärung de facto für die Kirche von Wien nichts Neues gebracht hat, sondern* nur einen Status quo legalisiert hat Tatsache ist weiters, daß heutzutage gerade diejenigen katholischen Österreicher, die ihre Solidarität mit dem Judentum ganz eindeutig bekunden, gerade deswegen in verschiedene Gremien gewählt werden.

FURCHE: Gibt es in dieser Hinsicht noch innerfcirchlicfce Widerstände zu überwinden?

SCHUBERT: Ja, denn Widerstände gibt es natürlich immer. Es ist ja leider völlig ausgeschlossen, daß ein Virus wie der antisemitische von heute auf morgen beseitigt werden kann. Man hört manchmal zaghafte Gegenstimmen und es werden noch immer anonyme Briefe geschrieben, die nicht so zaghaft sind, aber diese Leute halte ich persönlich für Psychopathen und für die öffentliche Meinung des katholischen Kirchem-volkes in Wien und Österreich absolut irrelevant.

FURCHE: Sind entsprechende Richtlinien an die Pfarren, die Schuldechanten usw. erlassen, die darauf abzielen, den antisemitischen Virus zu bekämpfen und wird auf deren Einhaltung geachtet?

SCHUBERT: Richtlinien sind von den Schulämtem erlassen worden, zumindest im Bereich der Erzdiözese Wien. Weitere Einzelheiten müßte man mit Herrn Dr. Chorherr, dem Leiter des Schulamtes, besprechen.

FURCHE: Sind ähnliche Beschlüsse von den Synoden der anderen Diözesen Österreichs gefaßt worden?

SCHUBERT: Die Erzdiözese Wien ist die einzige auf der ganzen Welt, wo ein solcher Beschluß gefaßt wurde und wo die Synode sich mit dieser Thematik befaßt hat.

FURCHE: Vor kurzem tuurden in der Öffentlichkeit die Resultate einer Meinungsumfrage publiziert, woraus sich die bestürzende Tatsache ergab, daß die Mehrzahl der Österreicher noch immer antisemitische Tendenzen verfolgt, obioohl die Gesomt-zahl der in Österreich lebenden Juden nur etwas mehr als 10.000 ist. Wodurch erklären Sie sich diese Tatsache? ]... .„„,

SCHUBERT: Zunächst würde ich eine boshafte Bemerkung machen. Ein bekannter jüdischer Gelehrter, der Prof. Weizmann hieß, aber nicht ident ist mit dem ersten Staatspräsidenten Israels, hat uns einmal in Weinlaune die Steigerungsstufen von „Lügner“ gesagt. Also „Lügner“, „infamer Lügner“, „Statistiker'“. Ich möchte dadurch die Statistiker nicht abwerten, aber persönlich halte ich diese Statistik für falsch. Entweder bewege ich mich in einer Welt, die atypisch ist, aber dann reicht diese Welt vom Ministerium hinunter bis zur kleinsten Landpfarre und von der Wiener Urania bis zur letzten Volkshochschule, oder es gelingt mir, wenn ich Leuten gegenübersitze, sie tatsächlich davon zu überzeugen, keine antisemitische Äußerung zu machen. Gänzlich wird der Antisemitismus nie auszurotten sein, aber von einem militanten Antisemitismus ist derzeit in Österreich überhaupt nichts zu spüren. Ich glaube auch nicht, daß es viele Menschen gibt, die einen persönlichen Kontakt mit jüdischen Mitbürgern ablehnen würden.

FURCHE: Was muß Ihrer Meinung nach geschehen, um die bestehenden Vorurteile gegen die Juden abzubauen und ein besseres, toleranteres Verhältnis gegenüber den Andersgläubigen herzustellen?

SCHUBERT: Kürzlich habe ich in einer CV-Verbindung einen Vortrag gehalten und anschließend mit den Studenten diskutiert. Das Thema lautete: „Die christlichen Wurzeln des Antisemitismus“. .

Ich habe dabei nur eine Frage gehört, und zwar, wie es möglich war, daß man gegen Mitmenschen so eingestellt sein konnte und wie es möglich ist, daß es heute noch Antisemitismus gibt. Etwas allerdings bedrückt mich sehr. Ich habe in Deutschland in der Eisenbahn einen linken Studenten getroffen, der zwar im Laufe des Gespräches jedem kleinsten Völkchen das Recht auf Selbstbestimmung zuerkannte, jedoch nicht dem jüdischen Volk. Die Juden brauchten keinen Staat und sie sollten auch nicht den Wunsch nach einem solchen äußern. Diese Auffassung hat ihn soweit gebracht, zu sagen, daß, wenn es für die „friedliche“ Regelung des Nahostkonfliktes notwendig ist, Millionen von Juden ins Meer zu drängen und dadurch die arabischen Völker zum Sozialismus bekehrt werden könnten, dieses Opfer gebracht werden müßte. Da sagte ich ihm wütend: „Bis jetzt mußte einer schamrot werden, der nationalsozialistische Ideologien vertrat, Sie haben sich damit begnügt, rot zu werden und glauben, daß Sie sich die Scham ersparen können.“ Wir müssen also feststellen, daß der AntiZionismus zumindest in gewisser Hinsicht die Funktion des alten Antisemitismus übernommen hat. Beide haben eine Mißachtung der Lebensrechte des Judentums gemeinsam.

FURCHE: Herr Professor, ich möchte noch ein bis zwei Fragen stellen, die unmittelbar Bezug auf den letzten Nahost-Krieg nehmen. Für mich persönlich hat dieser Krieg eine wirklich bestürzende Erkenntnis gebracht. Wie Sie wissen, wird dieser Krieg auch der „Jom-Kippur-Krieg“ genannt, weil er von den arabischen Staaten am Jom-Kippur, am Versöhnungstag, also am heiligsten Tag des Judentums, begonnen wurde. Diese Tatsache wurde eigentlich in der ganzen Welt nicht beachtet. Es waren fast keine Proteste zu hören. Ich könnte mir vorstellen, welcher Entrüstungsschrei durch die ganze Welt gegangen wäre, wenn die israelische Armee einen Angriffskrieg, sagen wir am Heiligen Abend oder am Karfreitag, begonnen hätte und wie man mit Pauschalurteilen gegen das jüdische Volk, gegen Israel nicht gespart hätte.

Warum sind Ihrer Meinung nach, Herr Professor, die Verurteilungen dieser Tatsache, daß eben dieser Krieg am heiligsten jüdischen Tag begonnen wurde, ausgeblieben?

SCHUBERT: Diese Verurteilungen sind meines Erachtens deswegen ausgeblieben, weil sehr viele Christen sich unter dem Begriff „Jom-Kippur“ nichts vorstellen können und keine Querverbindung zum Beispiel zum Heiligen Abend herstellen können Natürlich ist dadurch die Schuld von den Christen nicht genommen.

FURCHE: Der Staat Israel ist der einzige Staat in der ganzen Welt, der seit seiner Gründung noch keine einzige von seinen Nachbarn anerkannte und gesicherte Grenze hat. Die sogenannten Grenzen, die bis jetzt existiert haben, waren ja doch nur Waffenstillstandslinien.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, Herr Professor, für eine reale Zusammenarbeit zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarstaaten und wie sehen Sie die Chancen der Weiterentwicklung des jüdischen Staates?

SCHUBERT: Ich habe darüber eine bis ins Detail gehende Meinung und will diese gern zusammenfassen. Auch wenn das in manchen jüdischen Ohren hart klingen mag, der Sechstagekrieg wurde als Verteidigungskrieg begonnen, hat aber für die Araber die Folgen eines Angriffskrieges gezeitigt Niemand wird bestreiten können, daß Israel diesen Krieg begonnen hat, um sein kleines Gebiet zu retten, aber dennoch sind große arabische Territorien und zum Teil sehr dicht besiedelte Territorien unter israelische Militärverwaltung gekommen, denen eine eigene politische Autonomie im Sinne einer Eigenstaatlichkeit fehlt. Das heißt, daß nach meinem Dafürhalten es nur dann zu einem Frieden kommen kann, wenn zwei Bedingungen zugleich erfüllt werden Erstens, daß dem israelischen Sicherheitsbedürfnis Rechnung getragen wird und zweitens, der arabische Nationalismus nicht weiter verletzt wird. Letzteres scheint mir nur möglich zu sein, wenn Israel großzügige Angebote macht und wenn Israel der Meinung ist, daß ein dauerhafter Friede von überragender Bedeutung ist und wenn die faktischen ethnischen Grenzen, die die Bevölkerungsgruppen heute voneinander trennen, respektiert und eingehalten werden. Von entscheidender Bedeutung wird sein, daß Israel integriert wird im Gebiet des Nahen Ostens, der letztlich zu einer einzigen wirtschaftlichen Einheit wird. Wenn Israel dies nicht gelingt, wird es mit immer neuen und immer blutigeren Kriegen zu rechnen haben.

Jetzt muß die Chance ergriffen werden, einen wirklichen Frieden zu erreichen. Konkreter, wenn man so will, kann man sagen, daß keine Grenzen unter dem Gesichtspunkt gezogen werden dürfen, daß an diesen Grenzen wieder einmal gekämpft wird.

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