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Eine traurige österreichische Tradition

1945 1960 1980 2000 2020

Das Zweite Vatikanische Konzil hat das gemeinsame Erbe von Christen und Juden unterstrichen und jedem Antisemitismus eine deutliche Absage erteilt. Sind diese Aussagen heutigen Katholiken genügend bekannt? Macht der christlich-jüdische Dialog seither Fortschritte?

1945 1960 1980 2000 2020

Das Zweite Vatikanische Konzil hat das gemeinsame Erbe von Christen und Juden unterstrichen und jedem Antisemitismus eine deutliche Absage erteilt. Sind diese Aussagen heutigen Katholiken genügend bekannt? Macht der christlich-jüdische Dialog seither Fortschritte?

Bis vor kurzem habe ich geglaubt es sei übertrieben, in Österreich noch immer allzuviel Antisemitismus zu vermuten. Seit ich aber am Nationalfeiertag in Mariazell darüber predigte, wie unchristlich eigentlich Antisemitismus sei, bin ich eines anderen belehrt worden. Persönlich gleich nach der Messe, später in Briefen und per Telefon erhielt ich kräftige Vorwürfe über meine Aussagen. Wir Christen hätten ganz und gar nichts mit den Juden zu tun. Man müsse die Schuld am Antisemitismus ganz allein bei den Juden suchen. Uber den Antisemitismus zu reden, rufe diesen nur neu hervor. Einer verstieg sich sogar zur Behauptung, die immer wieder erwähnten Greueltaten in Auschwitz seien nur eine Geschichtslüge.

Es scheint also wieder notwendig zu sein, den Wurzeln des Antisemitismus nachzugehen und zu fragen: War er wirklich noch da, oder ist er wieder neu entflammt?

Allzu lange wurde kritiklos weitergegeben und gepredigt: „Die Juden haben Christus verworfen“ und „Die Juden haben Christus ans Kreuz geschlagen“. Als kleiner Bub habe ich in einem Kloster zu ministrieren begonnen. Dort wurden nach der Wandlung stets jene Worte gebetet, die Jesus sterbend am Kreuze sprach: „Vater, vergib ihhen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34)

Wen hat Jesus damit eigentlich gemeint? Etwa nur die Juden, oder gar alle Juden? Waren da nicht auch die Römer, die das Todesurteil ermöglichten und vollstreckten? Waren damit nicht auch sogar seine ganz Getreuen,

also sozusagen die ersten Christen gemeint, die ihn im Leiden schmählich verlassen hatten? Waren andererseits nicht die treuen Frauen unter dem Kreuz und Johannes hervorragende Gestalten aus dem Judenvolke?

Anscheinend ist noch viel zu wenig bekannt, daß die Kirche im II. Vatikanischen Konzil ganz feierlich und offiziell bekannt hat, daß man die Ereignisse des Leidens Christi weder „allen damals lebenden Juden ohne Unterschied, noch den heutigen Juden zur Last legen“ kann. Man dürfe auch keinesfalls die Juden als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. „Darum sollen alle“, so sagt das Konzil, „dafür Sorge tragen, daß niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht.“

Dasselbe Konzil streicht nachdrücklich das gemeinsame Erbe von Christen und Juden hervor, bekennt, daß alle Christgläubigen als Söhne Abrahams dem Glauben nach in der Berufung dieses Patriarchen eingeschlossen sind und eben aus diesem Volk und seinem Glauben die Offenbarung des Alten Testamentes empfangen haben.

In Osterreich ist ein kirchlicher und gesellschaftlicher Antisemitismus bis zurück ins Mittelalter nachweisbar, wie die Texte alter Osterspiele und vieles andere zeigen. Es war nicht verwunderlich, daß in Wien, selbst zur Zeit, da Joseph II. sein Toleranzpatent erließ, nur 500 jüdische Familien wohnten, während sie im Osten der Monarchie viel zahlreicher waren. Und als im Wien des Vormärz aufklärerisches Denken mehr Toleranz forderte, haben re-staurative Tendenzen innerhalb der Kirche gegengesteuert.

Erst als die liberalen Gesetze 1868 den Juden mehr persönliche und berufliche Entfaltung ermöglichten, kamen sie in großer Zahl aus den Ostgebieten nach Wien und erlangten alsbald großen Einfluß an den Universitäten, in den Zeitungen, als Arzte, Rechtsanwälte und auch in der Politik. Eine neue Welle des Antisemitismus begann. Es wurde sogar populär, gegen die Juden zu sein. So sei Bürgermeister Karl Lueger, wie Johannes Hawlik in seinem Buch über den „Bürgerkaiser“ schrieb, nicht im Herzen antisemitisch gewesen, sondern aus pragmatischen Gründen, weil es seiner Politik zu helfen scheint.

Eine antisemitische Grundstimmung ging sogar über die Parteigrenzen hinaus. Man fand sie nicht nur im Kreise Christlich-Sozialer oder bei den Deutsch-Nationalen unter Georg Ritter von Schönerer, sondern auch in der sozialdemokratischen Partei, obwohl gerade dort unter den Intellektuellen sehr viele Juden waren. Otto Bauer verschmähte es nicht, „dieser Grundstimmung entgegenzukommen, wenn er sich in seiner Polemik gegen den Kapitalismus des Begriffes jüdisches Finanzkapital' bediente“ (Walter Pollak).

Liegt in dieser österreichischen Tradition etwa der Grund, daß sich gegen die so brutale Judenverfolgung 1938, die die Menschenwürde zutiefst mißachtete, kaum öffentlicher Widerstand regte?

Theologisches Umdenken, offizielle Weisungen durch das Konzil, unermüdliche Arbeit vieler in christlich-jüdischen Vereinigungen und nicht zuletzt eine junge Generation, die von der Tradition nicht mehr so belastet war und weltweit und toleranter dachte, haben den Antisemitismus in den letzten Jahren weitgehend zum Verschwinden gebracht. Solches attestiert auch Heinz Barazon (Die Presse, 24725. Oktober 1987).

Wenn trotz alledem insbesondere in den beiden letzten Jahren das Phänomen des Antisemitismus in Österreich wieder zu einem zentralen Thema geworden ist, dann hängt das sicherlich damit zusammen, daß politisch Verantwortliche in Österreich wie auf internationaler Ebene in großer Sorglosigkeit zur Erreichung vordergründiger Ziele mit laten- • ten Emotionen gespielt haben. Dazu kamen „unberechtigte und unbegründete Angriffe des Jüdischen Weltkongresses“ (Barazon), die den in der österreichischen Bevölkerung noch latent vorhandenen Antisemitismus reaktivierten.

Statt das Feuer einzudämmen, fachen einzelne österreichische Politiker in verantwortungsloser Weise den Brand immer wieder neu an. Sind dadurch zu den früheren Wurzeln des Antisemitismus nicht neue dazugekommen?

Mit Schweigen und Zuwarten wird man den Antisemitismus nicht zum Verschwinden bringen. Nötig ist, sich neuerlich mit den Wurzeln auseinanderzusetzen und sicher zuerst sich selbst zu fragen, wo es Schuld und Versagen gegeben hat.

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