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Stadt ohne Juden?

Zum vierten Mal fand kürzlich das Internationale Theodor-Herzl-Symposion im Wiener Rathaus statt, mittlerweile fester Bestandteil des geistigen Lebens dieser Stadt. Die Veranstaltung war heuer dem Thema der Diaspora (Zerstreuung) des jüdischen Volkes vom babylonischen Exil bis zur Staatsgründung Israels gewidmet. Die furche dokumentiert - stark gekürzt - die Vorträge von Kurt Scholz, Ernst Ludwig Ehrlich und Kurt Schubert. Ende Juni erscheint ein Dokumentationsband des Symposions, zu bestellen bei Peter Weiser, 1010 Wien, Opernring 1R, 3. Stock.

Sehen wir dieses kleine Österreich von heute an. Wer hat die Presse und damit die öffentliche Meinung in der Hand? Der Jude! Wer hat seit dem unheilvollen Jahr 1914 Milliarden auf Milliarden gehäuft? Der Jude! Wer kontrolliert den ungeheuren Banknotenumlauf, sitzt an den leitenden Stellen der Großbanken, wer steht an der Spitze fast sämtlicher Industrien? Der Jude! Wer besitzt unsere Theater? Der Jude! Wer schreibt die Stücke, die aufgeführt werden? Der Jude! Wer fährt Automobil, wer prasst in den Nachtlokalen, wer füllt die Kaffeehäuser, wer die vornehmen Restaurants, wer behängt sich und seine Frau mit Juwelen und Perlen? Der Jude!"

Diese Worte legt der Schriftsteller Hugo Bettauer (1872-1925) in seinem Roman "Die Stadt ohne Juden" dem österreichischen Bundeskanzler in den Mund. Der heißt hier "Schwertfeger" und trägt deutliche Züge von Ignaz Seipel.

"Ja, meine Damen und Herren", fährt Schwertfeger fort, "ich bin ein Schätzer der Juden ..., ich bin jederzeit bereit, die autochthonen jüdischen Tugenden, ihre außerordentliche Intelligenz ..., ihren vorbildlichen Familiensinn, ihre Internationalität, ihre Fähigkeit, sich jedem Milieu anzupassen, anzuerkennen, ja zu bewundern! Trotzdem, ja gerade deshalb wuchs im Laufe der Jahre in mir mehr und mehr und stärker die Überzeugung, dass wir Nichtjuden nicht länger mit, unter und neben Juden leben können ... Verehrte Anwesende! ... Entweder wir oder die Juden! Entweder wir, die wir neun Zehntel der Bevölkerung ausmachen, müssen zugrunde gehen oder die Juden müssen verschwinden! ... Brausende Bravo-Rufe. Sehr richtig! So ist es!"

"Kloakentier"

"Die Stadt ohne Juden. Ein Roman von übermorgen" war 1922 erschienen - und er erweckte sofort jene Leidenschaften, die seinem Autor fast immer gewiss waren. Denn die einen nannten ihn einen "roten Parteidichter" oder gar ein "perverses Kloakentier", den anderen war er aufgrund seines Eintretens für die Frauenemanzipation, eine Änderung der Abtreibungsbestimmungen und die Straffreiheit für homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen ein "Apostel der neuen Moral".

Schwertfegers Beschreibung der Juden ist wie aus dem Lehrbuch der Tiefenpsychologie: Schätzung und Überschätzung des anderen, Gefühl der eigenen Minderwertigkeit, Unterlegenheit - und daraus erwachsende Aggression.

Die Diskussion um seinen Roman wurde aber von einer anderen, ungleich heftigeren, überschattet - der um seine Zeitschrift Er und Sie. Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik. Es handelte sich nach den Diskussionen um die Uraufführung des "Reigen" 1921 um den zweiten großen Skandal der zwanziger Jahre. Die Gründe lagen im Eintreten Bettauers für eine Reform der Strafbestimmung für Homosexualität unter Erwachsenen und ein modernes Scheidungsrecht. Überdies gab es in Er und Sie heute harmlos erscheinende Annoncen von Kontaktsuchenden (beileibe übrigens nicht als einziger Zeitschrift). Das war der Anlass, dass das Wiener Städtische Jugendamt unter dem weltberühmten Anatomen Julius Tandler der Polizeidirektion mitteilte, dass "dieses Druckwerk" beschlagnahmt werden solle. Schon damals gab es allerdings unterschiedliche Auffassungen unter Parteifreunden, denn der Wiener Bürgermeister Karl Seitz trat im Nationalrat vehement gegen die Beschlagnahmung auf. So richtig tobte die Diskussion im Wiener Gemeinderat: "Wir lassen uns nicht durch den Bürgermeister (Seitz; Anm.) den Juden Bettauer aufdrängen, der unsere Kinder versauen will mit jüdischem Gift und jüdischer Schweinerei!", so etwa der christlichsoziale Abgeordnete Anton Orel (AZ, 22. 3. 1924).

Der "Bettauer-Prozess" endete schließlich, trotz der Tendenzjustiz der Ersten Republik, mit einem überraschenden Freispruch. Damit war aber die Gefahr für Bettauer nicht vorbei. Bettauer erhielt konkrete Morddrohungen, lehnte aber einen Polizeischutz ab. Am 10. 3. 1924 wurde er in seinen Redaktionsräumen in der Langegasse 7 erschossen. Der Attentäter kam vor Gericht und wurde dort vom nachmaligen Chef der österreichischen Nationalsozialisten, Otto Riehl, verteidigt. Nach wenigen Jahren kam er frei und überlebte sein Opfer um Jahrzehnte. Es ist eine kulturpolitische Schande, dass keine Gedenktafel an Bettauer erinnert. Sehr wohl gibt es eine solche für seinen erbitterten Gegner Anton Orel (1190, Nußwaldgasse 18).

Murray Hall hat in seiner scharfsinnigen Untersuchung des Falles Bettauer festgehalten, die "Stadt ohne Juden" sei kein judenfreundliches Buch. Denn immerhin tritt in derselben Parlamentssitzung, in der der christlichsoziale Bundeskanzler die Ausweisung der Juden ankündigt, der "einzige zionistische Abgeordnete, Ingenieur Minkus Wassertrilling" auf und stimmt dem Gesetzesvorschlag zu: "Jawohl, meine Herren, ich stimme mit Ihnen in den Ruf Hinaus mit den Juden!' ein ... Wir Zionisten begrüßen dieses Gesetz, das ganz unseren Zielen und Tendenzen entspricht. Von der halben Million Juden, die das Gesetz trifft, wird sich wohl die Hälfte unter dem zionistischen Banner vereinigen, die anderen werden, wie ich weiß, in Frankreich und England, in Italien und Amerika, in Spanien und den Balkanländern willig Aufnahme finden."

Gängige Stereotypen

Anderseits beschreibt der Roman die Juden in den gängigen Stereotypen, wie sie auch in der antisemitischen Propaganda auftauchen: Die Juden sind Bankiers und Journalisten, Kaffeehausbesitzer und Künstler, sie sind die Besucher erotischer Etablissements, in denen die "Wiener Madln" noch lange nach der Vertreibung "von der Sinnlichkeit der Juden und der Vielfältigkeit ihrer erotischen Neigungen (erzählen), im Gegensatz zu den gut christlichen, sehr braven aber weitaus weniger amüsanten arischen Freunden". Überhaupt hätten "die christlichen Frauen als Mätressen der Juden" gut gelebt. Man sieht: Die Nationalsozialisten brauchten ihre Bilder nicht zu erfinden, sie fanden sie vor, auch bei Bettauer. Natürlich gibt es in dem Roman auch eine Liebeshandlung: Ein junger Jude, Künstler, liebt ein "Wiener Madl" aus guter Beamtenfamilie, der Jude ist schlank, dunkelhaarig und schön, und natürlich ist das arische Mädchen blond und fesch. Von hier bis zum unverhohlenen Sexualneid späterer Stürmer-Karikaturen ist es nur ein Schritt.

Noch schärfer tritt dieses Judenbild in der Verfilmung des Romans (1924) hervor: Der reiche jüdische Bankier in London, zigarrenrauchend, diktiert einem starr neben ihm stehenden Sekretär: "Werfen Sie ein paar Millionen Kronen auf den Markt!" - um die österreichische Währung zu ruinieren.

Am tragischsten mutet dem heutigen Leser der optimistische Schluss des Romans an: Nach der Vertreibung der Juden fällt der Wert der Krone, die trinkgeldgebenden Juden fehlen ebenso wie die jüdischen Bankiers und Industriellen, Wien versumpert. Die Sozialdemokratie ist im Aufwind, die Arbeiterschaft marschiert gegen das Parlament und erzwingt Neuwahlen. Den "Hakenkreuzlern" ist der Gegner (die Freimaurer und das internationale Judentum) abhanden gekommen, ihre Versammlungen bleiben leer. Bei den Neuwahlen feiern die Sozialdemokraten einen Triumph, das Judengesetz fällt, die Arbeiterzeitung triumphiert, und die Juden kehren nach Wien zurück.

1945 hat sich die junge Republik - entgegen einem weitverbreiteten Stereotyp - inhaltlich und juristisch sehr wohl um eine Entnazifizierung bemüht. Inhaltlich schrieb man das, was man damals über die Verbrechen des Nationalsozialismus wusste (die Lektüre des Neuen Österreich 1945 und 1946 ist eine Illustration dafür). Verwaltungstechnisch arbeitete ein hoher Prozentsatz der - ohnehin überforderten - Nachkriegsbürokratie mit beachtlichem Aufwand an der Entnazifizierung. Als geeignetes Mittel erschienen die Hochverratsprozesse wegen illegales NS-Mitgliedschaft: Es war sozusagen das "Breitbandantibiotikum" der ersten beiden Nachkriegsjahre - wenn man alle Illegalen bestraft, dann trifft man sicher auch die Verbrecher.

Dass die Entnazifizierung schon 1947 deutlich erlahmte, ist eine Tatsache. Sie ist aus heutiger Sicht schwer entschuldbar, aber mit dem opportunistischen Ringen jeder Politik um Wählerstimmen erklärlich.

Zum Geistesgeschichtlichen muss man sagen: So sehr es ein Aderlass für Wien war, so sehr hat die Emigration natürlich zur Weltgeltung mancher Wissenschaften (Psychoanalyse, Musikformen, Formen der Orchesterkultur) beigetragen. Was das NS-Wien nicht mehr wollte, wollte die Welt. So gesehen haben jüdische Intellektuelle Österreich nicht mehr bereichert, wohl aber die Welt. Die vielbeklagte Provinzialisierung des österreichischen Geisteslebens nach 1945 mag sicher mit der Absenz jüdischer Wissenschafter zu tun haben; man kann dem aber auch eine andere These entgegenstellen: die der Armut nach 1945 (trifft aber auch auf 1918 zu) und auch der Universitäten bis weit in die sechziger Jahre hinein.

Wie ist die Situation heute?

Wir erleben derzeit gerade die dritte Phase der Geschichtsaufarbeitung.

* Erste Phase 1945/46: Man hat alles gesagt und geschrieben, was man damals gewusst hat und sich gleichzeitig als Opfer beschrieben (was nur staatsrechtlich korrekt war).

* Zweite Phase: Deutliche Verschiebung des Opferbegriffs im Rahmen der breiten Aufarbeitung des Holocaust. Hand in Hand geht damit in der öffentlichen Diskussion das, was man die "Monopolisierung des Opferstatus" (die ja nicht von jüdischen Opfern ausgegangen ist) genannt hat: Diese wird derzeit in einer

* Dritten Phase aufgebrochen: Welchem Bedürfnis das entspricht, zeigen die Seherreaktionen auf Guido Knopps "Die große Flucht" und Günter Grass' "Im Krebsgang". Ich sehe darin einen sehr positiven Vorgang, wenn er nicht zur "Gegenverrechnung" führt. Positiv auch deshalb, weil diese millionenfachen privaten Erinnerungen und Traumatisierungen bisher vor allem von weit rechtsstehenden Organen thematisiert wurden. Jetzt erfolgt durch die Befassung seriöser Historiker eine Herauslösung aus dieser Ecke.

Einige Schlagworte zur österreichischen Situation:

* "Amerikanisierung": Es lässt sich eine zunehmende "politischen Korrektheit" konstatieren. Dazu ein vielleicht peripher erscheinendes Beispiel: "Judenwitze" sind weitgehend verschwunden. Sprache und Symbolik erreichen eine international übliche politische Korrektheit. Unqualifizierte Entgleisungen ("Ariel") finden ihre Richter und stoßen auch auf Abscheu, Entschuldigungen.

Die Amerikanisierung gibt es auch in anderer Hinsicht: Geld beendet die Debatten. Das mag auch der Grund sein, weshalb die österreichische Regierung so bereitwillig auf Kompensationszahlungen eingegangen ist: Debatten sollten beendet sein. Das mag aber auch der Grund dafür sein, dass manchmal auch jüdische Verhandlungspartner Einigungen in die Länge ziehen: Weil sie spüren, dass hier mit der Bezahlung und Restitution auch ein Ende der Debatte erhofft wird. Das ergibt dann in der konkreten Situation manchmal eine ironische Umkehr der Nachkriegsformel "Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen".

* "Fehlende Normalität": Sie gibt es meines Erachtens auch dort, wo man in bester philosemitischer Absicht keine klaren Antworten mehr gibt. Natürlich war es eine Ungeheuerlichkeit, dass die Ankündigung des früheren Wiener Bürgermeisters, ein Jüdisches Museum aufbauen zu wollen, in einer jüdischen Zeitschrift mit der Schlagzeile "Der Bürgermeister schenkt den Juden ein Museum" (in kaum verhohlener Analogie zum Propagandaflim "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt") quittiert worden ist. Niemand traute sich, zur Gleichsetzung Gründung eines Museums - Vorbereitung zur Massenvernichtung in Theresienstadt offene Worte zu sagen.

Wenn die Wiener Philharmoniker in New York ein Gedenkkonzert für die Opfer des 11. September geben und im Programm der langsame Satz aus Bruckners 7. Symphonie erklingt und dann in einer New Yorker Rezension angemerkt wird, dass genau dieser Trauersatz auch bei der Nachricht von Hitlers Tod gespielt worden sei, dann ist das historisch ebenso richtig wie als Analogie schmerzhaft.

Eine Normalität wird dann eingetreten sein, wenn es eine Streitkultur ohne die Keulen und die Last der Vergangenheit gibt, und auch ohne die latente philosemitische Angst, missverstanden zu werden. Es ist am leichtesten, ja zu sagen. Es ist nicht leicht, nein zu sagen. Es ist am schwersten, Freunden gelegentlich nein zu sagen. Dahinter steckt in Wirklichkeit Angst, dass einer Kritik und einem Nein immer noch latenter Antisemitismus unterschoben wird, und aus dieser Angst kann langfristig Aggression wachsen.

Es ist eine offene Frage, ob die Menschen aus der Geschichte lernen; und selbst wenn wir geneigt sind, das mit Ja zu beantworten, bleibt die Frage, was sie aus der Geschichte lernen. Ob es nicht eher der Hass als das Verzeihen ist.

Die Geschichte Österreichs hat Bettauer bestätigt und widerlegt. Bestätigt in den traurigen Deportationsbildern des Filmes, widerlegt im politischen Verlauf der Geschichte der Zweiten Republik. Ein christlicher Bundeskanzler weist heute Juden nicht aus und denkt nicht an Sondergesetze - im Gegenteil: Er bemüht sich um Gesten der "Wiedergutmachung". Ein Kardinal ist heute kein antisemitischer Einflüsterer christlicher Politiker, sondern er nennt die Dinge beim Namen (auch wenn es sich um wunde Punkte der eigenen Religionsgeschichte handelt), und er stellt sich (siehe Judenplatz) klar vor die mosaische Glaubensgemeinschaft.

Sie alle wiederlegen Bettauer und verdienen Respekt. Die erfolgreichste Falsifizierung der "Stadt ohne Juden" erfolgte aber durch die Geschichte selbst. Dass mit Bruno Kreisky keine 50 Jahre nach dem Erscheinen des Romans der wahrscheinlich bedeutendste österreichische Politiker des 20. Jahrhunderts Jude war, ist eine solche Widerlegung. Politik kann komischer als eine Operette (wir erleben das tagtäglich), Geschichte aber auch melodramatischer als der kolportageartigste Sensationsroman sein.

Bettauer hätte bei all seiner literarischen Phantasie seinen Lesern vieles, aber nie ein Romanende mit einem jüdischen Bundeskanzler vorzusetzen gewagt. Das wäre wohl allen zu weit hergeholt, konstruiert, zu unwahrscheinlich erschienen. Bei Nestroy heißt es einmal: "Wirklichkeit ist immer das schönste Zeugnis für die Möglichkeit". Die österreichische Wirklichkeit hat Bettauers Vorstellungskraft überholt. Freuen wir uns darüber.

Der Autor ist Restitutionsbeauftragter der Gemeinde Wien.

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