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In den Gemeindebauten ging es noch halbwegs geordnet zu

Gut 50.000 Wohnungen gingen ab 1938 von jüdischen auf „arische" Mieter über - allein in Wien. Im Grauen des Massenmordes trat die traditionelle Verbindung von Judenhaß und Rereicherungssucht etwas in den Schatten. Nationalsozialismus hieß nicht nur Nationalismus, Haß, Mord, Expansion. Nationalsozialismus hieß auch Reraubung des jüdischen Nachbarn, Vernichtung jüdischer Konkurrenten, Diebstahl in jüdischen Geschäften, Karriereschübe durch Vertreibung jüdischer Kollegen aus ihren Jobs, und für einen erheblichen Teil der Wiener Nazis war das überhaupt die Hauptsache am Nationalsozialismus.

Drei Autoren legen in einem Ruch des Picus-Verlages die Ergebnisse einer wichtigen Forschungsarbeit vor: „Kündigungsgrund Nichtarier - Die-Vertreibung jüdischer Mieter aus den Wiener Gemeindebauten in den Jahren 1938 - 1939". Es ist deshalb so wichtig, weil es den Nationalsozialismus auf das Niveau eines seiner wichtigsten Motive herunterholt. Und weil die Opfer noch einmal aus dem Schatten treten. Ein großer Teil ist der Erinnerung an die Ermordeten und Vertriebenen gewidmet.

Quelle der Forschungsarbeit waren 2.064 Kündigungsakten, die in der Registratur der Wiener Magistratabteilung 52 erhalten geblieben sind. Dabei kommt außerordentlich viel zutage - aber es bleibt auch manches auf der Strecke, was ebenso wichtig wäre, und ebenso gründlich vergessen und verdrängt wurde. Nämlich die Brutalität, die den Alltag der frühen Nazizeit in Österreich kennzeichnete und die nicht unmittelbar aus den Akten spricht. Zumindest nicht aus diesen. Der Autor dieser Besprechung ist zufällig in der Lage, hier ergänzend einzuspringen. In einer Reihe von Prozessen der frühen Nachkriegszeit wurde die ganze Brutalität des frühen Wiener Nazi-Alltags noch einmal lebendig.

Da die Lainzer „Gemeindesiedlung Ljockerwiese ... in erster Linie für den Standort des Ortsgruppenheimes in Betracht kommt", ersucht die NSDAP-Ortsgruppenleitung Neu-Lainz in einem der Akten den Wiener Nazi-Vizebürgermeister Kozich, „für die Zwischenzeit der Ortsgruppe die im Hause XIII., Faistauergasse 59 befindlichen Geschäftsräume a) der städtischen Sammlung, Volksbücherei, b) des Juden Amster, c) des Juden Kar)' freizumachen und zuzuweisen."

Emil Kary und dessen Frau flogen zunächst aus der Wohnung, wurden sodann am 1. Oktober 1942 nach The-resienstadt und von dort am 18. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert. Von Amsterist nicht einmal mehr der Vorname bekannt.

Aber die Praxis dieser „Delogierungen"! Es gab, was heute kaum mehr bekannt ist, eine eigene „NSKK-Räumungstruppe". Diese Sondereinheit des „Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps" (das eine Parallele zur Reiter-SA und ähnlichen Gruppierungen bildete) stellte blitzschnell den gesamten Inhalt von „Judenwohnungen" auf den Gang oder beförderte ihn überhaupt in den Hof oder auf die Straße - wodurch die Juden gezwungen wurden, ihre Habe für einen Pappenstiel an die Nächstbesten zu verschleudern. 45 Mark bekommt ein jüdisches Gärtnerehepaar für seinen gesamten materiellen Re-sitz, nachdem es von einem illegalen Nazi, einem Finanzangestellten, buchstäblich auf die Straße geworfen worden war.

1938 versuchte ein angesehener Wiener Cafetier, der plötzlich vom „großen Schwarzen" zum „Großen Braunen" geworden war, die Wohnung einer mit einem Juden verheirateten Frau (der Mann war bereits ausgezogen, die Tochter nach London emigriert) an sich zu bringen. Er kam in Begleitung eines Herrn Ortsgruppenleiters, auch ein angesehener Wiener Geschäftsmann, und eines dritten Nazis. Gemeinsam versuchten sie die Frau zur Aufgabe der Wohnung auf dem Kohlmarkt zu „überreden", indem sie sie vor ihrer Wohnungstür erwarteten, sich sofort auf sie stürzten, auf die Frau einschlugen, der in das obere Stockwerk Flüchtenden nachliefen, sie an den Haaren über die Stiege zerrten, sie mit Füßen traten, brüllten und tobten, so daß alles vom Parterre bis zum letzten Stock vor die Türen kam. Zu helfen wagte niemand, denn hier war ja die Partei am Werk. Als ihnen doch ein Mann entgegentrat, drohten sie ihm mit der Verhaftung, falls er sich weiter in die Amtshandlung einmenge. Nazi-Alltag anno 38. 1945 mimte der Cafetier den Freiheitskämpfer und setzte sich sofort in eine leere Naziwohnung.

Ein anderes Beispiel: Eine Wienerin, illegales NSDAP-Mitglied seit 1931, holt sich 1938 einfach zwei SA-Leute und wirft mit deren Hilfe eine Jüdin aus ihrer Wohnung. Die eingeschüchterte Frau überläßt ihr widerspruchslos auch gleich die ganze neue Einrichtung. Die Illegale erzählt diese Erfolgsgeschichte einer befreundeten Friseurin. Die hätte auch gern eine schöne neue Wohnung, drauf macht sich die Illegale mit den SA-Ieuten eben noch einmal auf den-Weg, und die Friseurin hat auch eine neue Wohnung.

Tatsache ist, daß die "Delogierung jüdischer Mieter in den Gemeindebauten formal geordneter, das heißt bürokratischer, verlief — freilich mit genau demselben Effekt. Allein aus dem Karl-Marx-Hof wurden zwei Dutzend jüdische Mieter vertrieben, aus anderen Gemeindebauten noch viel mehr. Es ist eine lange, eine sehr lange Liste

Die aufgearbeiteten Akten spiegeln eine Fülle tragischer Schicksale. „Nicht zugänglich," schreiben die Autoren, „waren uns die Akten, die 1988 der ,Siedlungs-Union' zur Verwaltung der Siedlungen ,Kagran' und ,Neustraßäcker' übergeben wurden." Da wüßte der mißtrauische Leser schon gerne, warum diese Akten nicht zugänglich waren. Ergänzt wurden die 2.060 zugänglichen Kündigungsakten durch die Recherche der Schicksale der Opfer. Fast die Hälfte des Buches ist Apparat: Ein Denkmal für das jüdische AVien. Mit der Kündigung fing es an. Das Ende war für so gut wie alle, die nicht emigrieren konnten, oder es nicht wollten, weil sie nicht glauben mochten, daß die Nazis tatsächlich konsequente Massenmörder waren, der Tod.

Zeitgeschichte also im Kontext der Wiener Nachbarschaftsgeschichte und der individuellen Schicksale. Allein deswegen ein sehr wichtiges und berührendes Buch. Aber auch, weil es miterleben läßt, wie die gekündigten Juden in ihren Aufschub- und Ausnahmeansuchen davon ausgehen, es mit für Argumente und Gefühle zugänglichen Menschen zu tun zu haben, während sich die Empfänger dieser Gesuche und ein großer Teil ihrer Umgebung bereits schlagartig (dies war übrigens ein Lieblingswort der Nazis) von jeder Menschlichkeit verabschiedet hatten.

Jüdische Weltkriegs-Offiziere verweisen auf ihre Verdienste und Orden, jüdische Beamte auf ihre in Jahrzehnten bewiesene Staatstreue, kranke Juden verweisen auf ihre Not, andere auf ihre Leistungen - daß das alles überhaupt nichts wog, überhaupt nicht zählte, weiß man heute, damals war es noch nicht im vollen Ausmaß zu erkennen. Nur, wer beweisen konnte, daß er irrtümlich für einen Juden gehalten worden war, hatte eine Chance. In einem der Kündigungsakten schrieb ein Herr im Rathaus an den Rand: „Laut telefonischer Auskunft des zuständigen Be-amten gilt die Rosa K. (Kürzung: Red.) in der Tivoli-Siedlung als Jüdin, weil sie mit den dortigen Juden verkehrte. Ihr Vater ist Arier, über ihre Mutter fehlen die Nachweise, sie selbst hat keine besonderen jüdischen Rassenmerkmale oder typisches Be-nehmen. In dubio pro reo, Hol's der Kuckuck!"

Für eine Jüdin gehalten, weil sie mit den Juden verkehrte: Das kennzeichnet schlaglichtartig die Atmosphäre im Wien von 1938. Jude darf man heute, sechs Jahrzehnte später, in Wiens Gemeindebauten wieder sein. Ein jüngst eingebürgerter Österreicher in manchen Augen nicht.

KUNDIGUNGSGRUND NICHTARIER

Die Verlreibung jüdischer Mieter aus den Wiener Gemeindebauten in den Jahn;, 19)8-19)9.

Von Herbert Kxenberger, Johann Koß, Brigitte Ungar-Klein, Verlag Picus, Wien 1996. )84 Seiten'69 Abb., Lil, öS )60,-

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