lueger - © Illustration: Rainer Messerklinger

Antisemitismus unter Karl Lueger und Oskar Helmer: die Koalition der Räuber

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn das Denkmal von Karl Lueger so unerträglich ist – warum hat die Diskussion darüber so spät eingesetzt? Über die Legitimation eines gigantischen Raubzugs.

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn das Denkmal von Karl Lueger so unerträglich ist – warum hat die Diskussion darüber so spät eingesetzt? Über die Legitimation eines gigantischen Raubzugs.

Die Forderung, den „Dr. Karl Lueger-Platz“ im ersten Wiener Bezirk umzubenennen und den durch ein Denkmal Geehrten von seinem Sockel herunterzuholen, markierte wohl einen neuen Höhepunkt im langsam, aber beharrlich laufenden öffentlichen Strafverfahren gegen den einst Gefeierten. 2009 hatte die Universität für Angewandte Kunst einen Wettbewerb ausgeschrieben, in welcher Form man das Denkmal in ein Mahnmal gegen alle Formen von Rassismus umgestalten könnte; 2012 wurde der „Dr. Karl Lueger-Ring“ in „Universitätsring“ umbenannt; 2014 wurde die Gedenktafel an Luegers Geburtsstätte im Zuge der Renovierungen übermalt und 2016 durch eine Zusatztafel ergänzt. Dem Denkmal widerfuhr das Gleiche – beide Texte verwiesen auf den Antisemitismus des „großen Bürgermeisters“.Und jetzt scheinen sich die Ereignisse zu überschlagen – und ein mit ungewöhnlichen Mitteln handelndes politisches und künstlerisches Wollen agiert am gleichen Platz wie rechtes Rabaukentum.

Späte Fragen

Damit ist die Reputation eines bis heute nicht nur in Wien geehrten österreichischen Helden nachhaltig beschädigt. Doch angesichts der augenblicklichen emotionalen Intensität stellt sich die Frage, warum es so lange gedauert hat, bis Lueger in die Schlagzeilen geriet. Zwischen 1945 und 2009 sind keine neuen Fakten bezüglich seines Antisemitismus aufgetaucht, alles lag buchstäblich am Bücher-Tisch – in populären Publikationen und wissenschaftlichen Untersuchungen. Recht spät dominierte das Bild vom Antisemiten, der seine perfide Weltanschauung als Ansatzpunkt erfolgreicher politischer Kampagnen verwendet hatte, Luegers Image. Mit der Konsequenz, dass das permanent im öffentlichen Raum sichtbare, staatlich gepflegte und geschützte Denkmal den Charakter eines provozierenden Statements erhielt.

Die Forderung, den „Dr. Karl Lueger-Platz“ im ersten Wiener Bezirk umzubenennen und den durch ein Denkmal Geehrten von seinem Sockel herunterzuholen, markierte wohl einen neuen Höhepunkt im langsam, aber beharrlich laufenden öffentlichen Strafverfahren gegen den einst Gefeierten. 2009 hatte die Universität für Angewandte Kunst einen Wettbewerb ausgeschrieben, in welcher Form man das Denkmal in ein Mahnmal gegen alle Formen von Rassismus umgestalten könnte; 2012 wurde der „Dr. Karl Lueger-Ring“ in „Universitätsring“ umbenannt; 2014 wurde die Gedenktafel an Luegers Geburtsstätte im Zuge der Renovierungen übermalt und 2016 durch eine Zusatztafel ergänzt. Dem Denkmal widerfuhr das Gleiche – beide Texte verwiesen auf den Antisemitismus des „großen Bürgermeisters“.Und jetzt scheinen sich die Ereignisse zu überschlagen – und ein mit ungewöhnlichen Mitteln handelndes politisches und künstlerisches Wollen agiert am gleichen Platz wie rechtes Rabaukentum.

Späte Fragen

Damit ist die Reputation eines bis heute nicht nur in Wien geehrten österreichischen Helden nachhaltig beschädigt. Doch angesichts der augenblicklichen emotionalen Intensität stellt sich die Frage, warum es so lange gedauert hat, bis Lueger in die Schlagzeilen geriet. Zwischen 1945 und 2009 sind keine neuen Fakten bezüglich seines Antisemitismus aufgetaucht, alles lag buchstäblich am Bücher-Tisch – in populären Publikationen und wissenschaftlichen Untersuchungen. Recht spät dominierte das Bild vom Antisemiten, der seine perfide Weltanschauung als Ansatzpunkt erfolgreicher politischer Kampagnen verwendet hatte, Luegers Image. Mit der Konsequenz, dass das permanent im öffentlichen Raum sichtbare, staatlich gepflegte und geschützte Denkmal den Charakter eines provozierenden Statements erhielt.

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Sicher: Heute wird mit anderen Maßstäben gemessen, und der Blick auf die Geschichte des Landes ist in den diskursiv dominierenden Milieus um einiges schärfer geworden. Das Gerede über den „Zeitgeist“ und über die generelle Ambivalenz des Wiener Fin de siècle – um zwei Buchtitel zu kombinieren: „Wittgensteins Wien“ war eben auch „Hitlers Wien“ – greift heute ebenso wenig wie das Gegenrechnen mit den Verdiensten des Pioniers einer modernen Stadtverwaltung. Doch reicht diese Erklärung dafür, dass das Denkmal und der Geehrte so lange in einer gewissermaßen geschützten Zone standen?

Oskar Helmer, der von 1945 bis 1959 am längsten amtierende österreichische Innenminister, ist heute ungeachtet der zahlreichen ihm gewidmeten Straßen, Schulen, Gemeindebauten und Kindergärten weitgehend vergessen. Auch als eine der wichtigsten Figuren des Klüngels von Antisemiten in der Führung der Nachkriegs-SPÖ ist er ein wenig aus dem Fokus der Historiker gerutscht, doch mit einem Satz hat sich der eher mediokre Politiker in die Geschichtsbücher eingeschrieben: „Ich wäre dafür, dass man die Sache in die Länge zieht.“ Das sagte Helmer bei der Ministerratssitzung vom 9. November 1948 zum Thema der Entschädigungen überlebender jüdischer Remigranten für erlittene materielle Verluste. Das Konzept hat sich durch Jahrzehnte bewährt: Beamte und Richter entwickelten eine erstaunliche Meisterschaft darin, die „Sache“ in die Länge zu ziehen. Und so klebte diese über Jahrzehnte wie ein Kaugummi am Schuh unseres öffentlichen Lebens.

Legitimierte „Arisierungen“

Die Schutzzone rund um Karl Lueger ist eine Folge der Helmerschen Strategie. Luegers Version des Antisemitismus argumentierte im damaligen Wortsinn nicht rassistisch und knüpfte auch inhaltlich kaum an den traditionellen katholischen Antisemitismus an. Der Kern seiner demagogischen Argumentation war, was damals nobel die „Verknüpfung der sozialen mit der jüdischen Frage“ genannt wurde, und das hieß – weniger nobel formuliert –, dass jüdische Menschen das Wirtschaftsleben dominierten und diesen Status durch unfaire Methoden erreicht hätten. Und damit letztlich für das Elend ihrer Mitbürger verantwortlich wären. Dieser Antisemitismus des Neides zielte auf Ausschaltung jüdischer Menschen aus dem Wirtschaftsleben – und damit auf eine Expropriation zu Gunsten von Luegers Zielgruppe, „dem kleinen Mann“.

Der Antisemitismus des Neides zielte auf Ausschaltung jüdischer Menschen aus dem Wirtschaftsleben – zu Gunsten des ,kleinen Mannes‘.

Die Botschaft kam bei vielen Adressaten an und führt uns zur „Sache“ des Oskar Helmers: Luegers Agitation legitimierte vorab die das gesamte Wirtschaftsleben durchziehenden sogenannten Arisierungen nach der Annexion 1938 – ein gigantischer Raubzug definierte sich so als Wiedergutmachung erlittenen Unrechts. Auf einem Sektor scheint das „Arisieren“ geradezu volkssporthaften Charakter gehabt zu haben: Allein in Wien wurden in der Zeit nach der Annexion über 50.000 Wohnungen mehr oder minder „wild“ – also unter Ausschaltung des Rechtsweges – „arisiert“. Selbst wenn wir den Durchschnittsbelag einer Wohnung mit nur 3,5 Personen annehmen, haben etwa zehn Prozent der damaligen Wiener Bevölkerung ihre Wohnsituation auf Kosten ihrer verfolgten jüdischer Mitbürger verbessert. Und damit war das große Versprechen des Luegerschen Antisemitismus scheinbar erfüllt: Durch ein „energisches Vorgehen“ gegen jüdische Menschen hatte sich auch die Lebenslage vieler „kleiner Leute“ verbessert.

Und was geschah, als der Spuk zu Ende war? Der Historiker Herbert Steiner, der 1938 als 15-jähriger Sohn jüdischer Eltern, die in der Shoa umkamen, nach Großbritannien geflüchtet war, berichtete, dass es ihm nach seiner Rückkehr ins besetzte Wien nach Überwindung zahlreicher Widerstände gelungen war, die Wohnung seiner Kindheit zu besuchen. Zu seinem Erstaunen hatten die Profiteure nichts geändert – da standen die elterlichen Möbel in der dem Vertriebenen vertrauten Ordnung.

„Große Koalition“ der Räuber

Wenn wir diese Geschichte spekulativ fortspinnen und ihr einen einigermaßen repräsentativen Charakter geben, wirft sie einige Fragen auf: Wie erklärten sich die Arisierer in der Folgezeit nach außen? Wie wurde der schuldbeladene Wohnungswechsel innerfamiliär zwischen den Generationen kommuniziert und wie ging es nach 1945 mit dieser Wohnung weiter? Haben Kinder, die denkbar vielleicht sogar in dieser Wohnung gezeugt wurden, ihre Eltern gefragt, seit wann die Familie hier lebe, warum man so schöne oder so hässliche Möbel hätte? Was hat man ihnen geantwortet, hat man sie zu Mitwissern gemacht, hat man die „Sache“ klein geredet und wie haben sie darauf reagiert? Ist, weitergesponnen, eines der Kinder in den – gesichert durch den „Friedenszins“ – extrem günstigen Mietvertrag „eingetreten“? Oder hat man sich diesen gar vom Hausbesitzer „ablösen“ lassen?

Wenn man die „Sache“ klug „in die Länge zog“, dann profitierten nicht nur die Täter, sondern auch ihre Kinder und Kindeskinder noch lange vom großen Raubzug. Wie auch immer - hier finden wir den christlichsozialen Lueger und den Sozialdemokraten Helmer in einer Art großer Koalition, die Jahrzehnte hielt: Der Bürgermeister hat die Räuber angestiftet und der Innenminister hat ihre Beute geschützt. Und solange das Wissen um Beute und Profit da war, galt die Omertà – und die verdunkelte Luegers Schuld.

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