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Opposition gegen den Vater

1. Stud. med A. F.: Vater Sanatoriumsbesitzer, ehemaliger Waffenstudent; Mutter Leiterin eines von der Krise erfaßten Gewerbebetriebes. Elternhaus atmet kultivierte Leere. Oberflächlichste Einstellung zum häufig im Munde geführten Christentum, trotz Konversion beider Eltern vom Protestantismus zum Katholizismus. Romantisch-großdeutsche, „gutbürgerliche“ Gesinnung. — A. F., geboren 1922 (erster von drei Söhnen), im offenen Aufstand gegen die Eltern, beflügelt durch die Bündische Jugend. Seit dem zwölften Lebensjahr in der illegalen Hitler-Jugend. Die „verspießten Eltern“ müssen durch „eigene Taten“ der Kinder beschämt, in den Schatten gestellt werden, allerdings unbewußt auf dem von ihnen selbst verfolgten Weg. Knapp vor dem „Umbruch“ Hilfsdienste für die illegale SS. Mit dem „Umbruch“ (1938) zunächst außer Rand und Band. Sexuelle Abenteuer, Geldgeschichten. Nach Kriegsbeginn (1939) als noch Siebzehnjähriger (!) durch Protektion zur Wehrmacht, da ihn eine von den Eltern gewünschte Berufsvorbereitung in keiner Weise lockt. 1940 Beginn des Medizinstudiums. „Man muß nebenbei (!) an seinen künftigen Beruf denken!“ Zugleich leise Anzeichen einer inneren Besinnung. Neigung zu Gesprächen über das Christentum. Ende 1940 urteilt A. F. über den Nazismus: „Wir haben uns geirrt, aber wenn wir den Krieg gewonnen haben, werden wir mit diesen Verbrechern schon fertig werden.“ Die inzwischen erlangte Uniform eines Leutnants und der damit verbundene flottere Lebensstil bleiben leider nicht ohne Einfluß auf seine Entwicklung. Seit 1942 wieder tastende Versuche zur religiösen Verinner-lichung. Zugleich aber eruptive Verachtung der Eltern. In Gesprächen kommt immer mehr eine erschütternde Weltangst, Einsamkeit und Menschenverachtung zum Ausdruck. 1944 gefallen.

2. Dr. jur. S. N., geboren 1912. Sein Vater wurde um 1900 Offizier gegen den Willen seiner Eltern, nach 1918 Freikorpsführer, später Polizeioffizier. Christlichsozialer des rechten Flügels, nach 1938 wegen oppositioneller Haltung vorzeitig pensioniert. Katholische Ehe mit übergroßer Strenge gegen die zwei Söhne. S. N. kam verspätet in eine verlängerte Pubertät. Bündische Jugend. Antiklerikalismus und Opposition gegen den Vater. Jusstudium auf Befehl des Vaters, ebenso Einrückung zur Wehrmacht, obwohl seit 1936 illegal bei der SS. Um 1943 Schwankungsperiode zwischen Rechts- und Linksradikalismus, entscheidet sich schließlich für gemäßigt links. 1945 als Feldwebel in Alliierten-Kriegsgefangenschaft. Nach Heimkehr allmähliche „Verspießerung“. Lieblingslektüre zwischen dem 16. und dem 30. Lebensjahr: Möller van den Bruck, Wyneken. Köbel. Ernst Jünger; Carossa, Ernst Wiechert. Aus dem Tagebuch, Juli 1928: „Von Haus aus läßt man mich ja leben. Bis auf die andauernden Pflichten. Was soll all die Ordnung? Vater braucht sie wohl. Aber wir Jungen? Und Mutter besänftigt immer. Das ist aber doch nicht Friede! Kurt und

Willi fahren mit dem Wandervogel nach Griechenland. Ich habe nicht zu wollen, denn Vater will nicht. Ich habe auch nicht zu denken, denn Vater denkt. Zu beten habe ich auch aufgehört. Vater betet.“ August 1928: „Traurig, daß der gestrenge Herr Vater zur Köchin rücksichtsvoller ist als zu mir. Heute kam ich zu spät zum Essen. Kino. ,Von mir aus können Sie kommen, wann Sie wollen, junger Herr!' Vater aber sagt: ,Ich kann mich nicht immer mit dem Pöbel herumstreiten deinetwegen!' Man müßte endlich von hier wegkönnen. Vielleicht sähe Vater dann ein, daß es so nicht geht?“ November 1931: „Arnulf ist mein einziger Freund. Er hat mich in den letzten Wochen immer wieder in meinen Denkleistungen anerkannt! Ich will versuchen, Ihm mehr von mir zu erzählen. Vielleicht weiß er Rat? Wie gern studierte ich Philosophie! Von Vater aus gesehen ein Blödsinn. Arnulf findet das nicht sehr christlich. Ich auch nicht. Aber Vater läßt ja nicht mit sich reden. Arbeitet ,nur für die Familie' und hat keine Zeit für mich und .solchen Blödsinn'...“ Jänner 1932: „Heute blätterte ich in alten Briefen. Vor drei Jahren schrieb mir mein Vater: ,Als standesgemäße Ausbildung für Dich habe ich Jus in Aussicht genommen (!)'. Vater hat immer für mich gedacht. Warum hat er nie an mich gedacht?“

3. Dr. jur. L. S., geboren 1913. Aus begüterter deutschnationaler Beamtenfamilie sudetendeutscher Abkunft. — Typus des ehrgeizigen Stürmers und Drängers von hohen Geistesgaben. Schwärmer mit unbändigem Selbstbewußtsein. Arroganz, asoziale Regungen. Frühe Beziehung zum anderen Geschlecht. Neigung zum Trinken. Sehr belesen, zugleich ziemlich kritiklos. Reflexion um ihrer selbst willen. Keine Unmittelbarkeit und Echtheit im Leben. Zu den Kameraden und in der Burschenschaft bis zu einer gewissen Grenze verläßlich, über die Gemeinschaftsgrenze hinaus Menschenverächter. — Schon in der Mittelschule begeisterter Deutschnationaler. In der Klassengemeinschaft Bildung eines Patriziates mit zwei andern Vorzugsschülern. Jusstudium nioht aus Interesse oder innerer Verpflichtung, sondern um „graduiert“ zu sein. Ab Jänner 1938 in der illegalen SS. Nach dem „Umbruch“ rasch Beurlaubung durch hohe Protektion. Während des Krieges in der Rüstungsindustrie, keine Einrückung. Aus Briefen: „In einem ähnlichen Sinn wie Luther ist der Führer sprachschöpferisch“ (1937). „Man irrt sich, wenn man meint, ohne den Geist auskommen zu können. Organisation ist ein Werk des Geistes, außer in Deutschland“ (Ende 1943). „Ich bin glücklich, frei zu sein. Ich bin hier dem unendlichen Reich der Natur sehr nahe. Ich bin stets aufs neue begeistert von der Fülle und Macht des Geistes, die uns auf Schritt und Tritt begegnet. B.s christliche Haltung berührt mich sympathisch. Es ist notwendig, aus der Fülle der Möglichkeiten irgendeinen (!) Weg zu wählen und ihn klar zu Ende zu gehen“ (Ende 1945).

4. Dr. jur. A. S., geboren 1912. Aus Großindustriellenfamilie. Schon von dort her deutschnational und rassistisch. Nominell protestantisch. Hochmütig, sehr intelligent, arrogant, satirisch-ironisch. Glaube an persönliche und familiäre Auser-wähltheit. Guter Kunstgewerbler aus Liebhaberei. Begeisterter Wagnerianer ohne eigene Musikausübung. Schwärmertum. „Weiberfeind“.

Seit dem 16. Lebensjahr in der Bündischen Jugend. Blondheit als Maß aller Dinge. Gegenüber Nichtblonden ist alles erlaubt. „Odi pro-fanum vulgus“ als Devise. Großer Einfluß auf Jüngere in der Jugendbewegung. Die Blonden sollen zu „den künftigen Offizieren“ erzogen werden. (Anlehnung an den Gedanken der „Totalen Mobilmachung“ von Ernst Jünger). Zugleich Verachtung des Nazibegriffes „Volksgemeinschaft“, der als „Volksgemeinheit“ gedeutet wird. Seit 1936 in der illegalen SS. 1942 als höherer Verwaltungsbeamter in die „besetzten Ostgebiete“. 1942 freiwillig eingerückt, bald darauf gefallen.

5. Dr. phil. B. F., geboren 1911. Aus taufscheinkatholischer, gemäßigt sozialistischer Beamtenfamilie mit nationalem Einschlag. — Durchschnittsintelligent, häufig asoziale Regungen. Menschenscheu, kontaktarm. Routinierter Wissenschaftler ohne Elan und wirkliches Interesse. Man hat das Gefühl, ständig nur einem Teil seines Ichs gegenüberzustehen, während der Rest gelangweilt und doch lauernd im Hinterhalt liegt. — Seit 1932 SS-Angehöriger. Nimmt teil an den Vorbereitungen zum Juliputsch 1934, exponiert sich aber selbst nicht. Bei der illegalen SS großer Einfluß auf die Jüngeren aus dem Umstand, daß er länger dabei ist und wegen seiner distanzierten Gefühlskälte überlegen wirkt. Erlebt „Umbruch“ weniger mit Begeisterung als mit Berechnung im beruflichen Bereich. Wird Vertrauensmann im SS-Sicherheitsdienst. Brutaler Schnüffleramateur. Kein Frontdienst, sondern „Sonderdienst“ ... Nach dem Kriege bald auf sehr einträglichem Posten in der Privatwirtschaft. Innerlich unverändert leer.

6. Dr. med. W. N. und Dr. med. O. N., geboren 1915 und 1918. Vater Hochschulprofessor, Sudetendeutscher mit deutlich jüdischem Einschlag und tschechischem Namen, Nationalliberaler. Beide Brüder sehr ehrgeizig, voll großbürgerlichen Standesdünkels auch zu den „SS-Kameraden“, ohne wirkliche Kameradschaft. Bilden mit zwei anderen Hochschulprofessorssöhnen in der SS-Schar eine Aristokratie im kleinen. Der jüngere exerziert mit SS-Neulingen aus freizeitgestaltendem Sadismus. Nach dem „Umbruch“, der mit gemachter Begeisterung erlebt wird (zu echter Begeisterung keine Befähigung vorhanden), bald Beurlaubung von der SS durch höhere Protektion, Einrückung zur Wehrmacht. Bis 1945 „treu zum Führer“, da zum Ausbruch aus der NS-Süchtigkeit nicht befähigt. Die geistige Enge, die gettohafte Abgeschlossenheit in einem kleinen Kreis einander unbewußt kontrollierender und zugleich fixierender Gesinnungsfreunde hat zur Voraussetzung die ausgesprochen innerfamiliär begründete Kontaktarmut.

Dieser kleinen biographischen Auswahl seien ein paar ergänzende Feststellungen angefügt. Es war von Österreich hier nicht die Rede. Das hat seinen guten Grund. Von den meisten mir bekannten SS-Angehörigen wurde der „Anschluß“ zwar so empfunden, als habe man begeistert den kleinen Finger gereicht, doch nur genötigt die ganze Hand gegeben. Aber es war nicht etwa gute Miene zum bösen Spiel, sondern nur aufkeimendes Unbehagen. Man schickte sich rasch. „Der Führer hat immer recht!“ Es konnte und durfte nicht sein, daß man so viele Jahre nach einer falschen Richtung gehofft hatte. Also setzte man nach kurzem, zumeist innerlichem Zögern den Weg fort. Von Österreich wurde zunächst schlecht und dann nicht mehr geredet. Nicht einmal dort, wo man sich unter dem Eindruck schwerster Verfehlungen der Nazis und aus natürlicher seelischer Widerstandskraft vom neuen Regime abgewendet hatte. Und nur ein sehr, sehr geringer Prozentsatz der SS entschloß sich zu diesem radikalen Weg. Österreich wurde in vielen Fällen erst wieder genannt, als die Alliierten in Yalta und Moskau seine Wiederherstellung beschlossen hatten.

Ich hoffe aber, einsichtig gemacht zu haben, daß die Nennung des österreichischen Namens dabei nicht so wichtig ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Die braune Rebellion hatte sich gegen Österreich gerichtet, weil es als geistiges Gebilde von Reife und Vielfalt der nationalistischen Regression in die Vormenschlichkeit provozierend im Wege stand. Der Nationalsozialismus erwies sich vor unseren Augen erst sekundär als politischer Extremismus; primär war er ein gegen die Menschenwürde, gegen die Mitmenschlichkeit gerichteter Affektstoß, der seine Hauptnahrung erhielt aus dem von Generation zu Generation überlieferten Versagen vor den Anforderungen der innerfamiliären Intimkontakte. In dem Maße, als der Krieg bei Österreichern Einsicht und Umkehr brachte, stellte sich die Disposition oder gar der Wunsch nach Rückkehr ins Vaterhaus auf neuer und bewußterer Ebene von selbst ein, wenn es gut ging, in dreifacher Hinsicht: zum leiblichen Vater, zum Vaterland und zu Gottvater. Freilich nur dort, wo es wirklich zu Einsicht und Umkehr kam...

Wer heute, vom Ausland kommend, in Österreichs Politik, Justiz und Kulturleben Einschau hält, wird von steigendem Unbehagen erfüllt. Wir haben als auffälligste Symptome schwerer Störungen im Gesellschaftskörper den beschämenden Ausgang bestimmter Verhandlungen gegen Judenmörder, die Erzeugnisse einer ebenso primitiven wie unverhüllten „Publizistik“ im Stil von „damals“ und die mehr als unbekümmerte vereinsmäßige und sogar parlamentarische Aufwertung jener „Weltanschauung“ zu nennen, die 1945 von den Demokraten einstimmig in den Bereich des Verbrechens verwiesen worden ist. Es geht aber nicht nur um die Apostrophierung der Symptome, so notwendig, ja unerläßlich sie für einen Staat ist, der auf sich hält. Was ich hoffe, ist, mit meinen Berichten ein Tor geöffnet zu haben zur Bewältigung der eigentlich österreichischen Problematik.

Es geht darum, daß sich möglichst viele Menschen in diesem Lande ehrlich dazu bereit finden, ihr von Natur und Kultur mit so reichen Möglichkeiten ausgestattetes Verhältnis zu Mitmensch und Umwelt durch Umkehr und Besinnung zu erneuern und alle Entfremdungen der Österreicher von sich selbst und von Österreich aus innerster Uberzeugung aufzuheben.

Die Annahme der Mitwelt und des Mitmenschen beginnt bei der Annahme und beim Bekenntnis unserer Schuld. Indem wir vor aller Welt mit ihr einswerden, werden wir endlich mit uns selbst eins. So gibt es ohne sie keinen Weg zu neuem Wirken im Dienste des Lebens.

Als einziger Weg der Heimholung der Rebellen, die schon wieder und noch immer unter uns sind, erweist sich der entschlossene christliche Weg im nationalen und sozialen Bereich: die Liebe zu Juden, Slawen, Arbeitern; im Großen, im Kleinen und im Kleinsten. Man kann ihn nicht gehen ohne verzeihende Liebe und stellvertretende Sühne für jene im Herzen, aus deren Liebesunfähigkeit der Mord gewachsen ist und aus deren Unbußfertigkeit sich weiteres Morden vorbereitet

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