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DER MANN AUS VRPOLJE

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Wien um die Jahrhundertwende. Ein schmaler, sehniger Bursche, kunstbesessen, tut sich in der reichen, glänzenden Hauptstadt des Vielvölkerstaates um: Ivan Mestrovic nennt er sich. Sein Blick ist sanft, aber zupackend, leidenschaftlich, doch gleichzeitig bäurisch ruhig, aufmerksam und durchaus nicht bescheiden. Er ist nicht der einzige Kroate damals in Wien, nicht der einzige zumal, der den Zweikampf mit der Kunst aufnehmen will — doch, etliche Jahrzehnte später weiß man es, er ist der einzige unter seinen Kollegen, der es zu einem in die Welt dringenden Ruhm bringen wird.

Aus dem Dörfchen Vrpolje an der kroatisch-bosnischen Grenze kam er, aus einer Welt, in der die mythengewordenen Gestalten eines Kraljevic Marko, eines Mädchens vom Amselfeld (Kossovo Polje), der blutgetränkten Walstatt der Türkenkämpfe, geistige Realitäten waren, Sinngestalten des Daseinskampfes, den ein kraftvolles Bauernvolk seine ganze Geschichte hindurch gegen mächtige Feinde führen mußte. Als Hirtenbub ist er aufgewachsen in einem Leben, eingebettet in eine mächtige Natur; das

Rauschen der gewaltigen Krkafälle, vom Volk als dämonisch empfunden, mag zu seinen frühen Eindrücken gehört haben, und kleine bildnerische Kunststücke, die ihm der eigene Vater, aus alltäglicher naiver Volkskunst schöpfend, beibrachte.

Man muß diese harten Landstriche kennen und diese rauhen Bauern und Viehhändler,, in denen slawisches Volkstum, durchflochten, von mannigfachen türkischen Einflüssen, in eigentümlicher Synthese lebendig ist bis auf den heutigen Tag, will man die Kräfte verstehen, die Mestrovic formten und zu denen ein lebhafter Nationalismus gehörte. Das Volksmärchen war noch lebendig und der Volkstanz (Kolo) abends auf dem Dorfplatz, das Volkslied vor allem als Mittler von Kultur und geschichtlicher Überlieferung. Das war, verrät uns sein Gesamtwerk, ein früher und bleibender Eindruck, der ihn prägte, aus

dem er seine Kraft schöpfte und über den er niemals hinauskam: die Art und Weise, wie seine schlichten Dorfgenossen, wie sein Bauernvolk in Lied, Tanz und kleiner Bauernkunst die Erscheinungen des Daseins verarbeitete, sich Untertan machte, bannte, selbst wieder abhängig werdend von den eigenen gewohnten Handlungen, Werken, Empfindungs- und Denkmodellen. Als Bürger einer Hochzivilisation können wir vor diesen Äußerungen ungebrochener, bunter und vitaler Kräfte nur Bewunderung empfinden, wie sie zum Beispiel dem Schaffen eines Ivo Andric zuteil wird, der auf seine Weise aus denselben Quellen schöpft. Hier liegen die Wurzeln der Kraft des Ivan Mestrovic; unübersehbar jedoch und, im letzten tragisch, auch die Grenzen seiner Möglichkeiten.

Zurück nach Wien. Wie mochte es sich im Blick des Siebzehnjährigen spiegeln? Als riesenhafte Stadt und Metropole, als ungeheuerliche Macht, von der aus auch seine Heimat administrativ und militärisch beherrscht wurde, in voller Expansion befindlich, Stelldichein der Völkerschaften der großen Monarchie, bunt, überwältigend, verwirrend! Mestrovic mag unter dem ersten Anprall der Großstadt instinktiv erschrocken sein — verwirrt war er nicht. Zu stark, zu gesund war er selbst, zu selbständig war die Melodie in seinem Inneren, als daß ihn die Fremde jemals aus den Angeln hätte heben können. Er blieb, der er war.

In Paris studierte er bei Rodin, in Wien an der Akademie der Bildenden Künste. Er lernte viel, er lernte das Material beherrschen, er lernte eine Verfeinerung seiner Mittel, seine Konturen werden sensibler, seine Ausdrucksmittel reicher, er wandert durch die Museen, er begegnet Künstlern aus aller Welt, seine Bildung wächst, er reift — doch er bleibt, der er ist: der Mann aus Vrpolje. Die Welt rings um ihn kocht, gärt, zerbricht, baut sich neu auf in zahllosen Varianten des Geistes der Zeit — all dies nagt kaum am Bewußtsein seiner selbst, das bis zu seiner Todesstunde am 16. Jänner in South Bend in Indianapolis, wo er als amerikanischer Staatsbürger starb, zugleich das Gruppenbewußtsein des Dörfchens Vrpolje geblieben ist. Welch ein Weg! ist man versucht, auszurufen, wenn man sich vor Augen hält, daß dieser Mann, der 1883, im Todesjahr Manets, also fast zugleich mit Max Beckmann, geboren wurde, sich durchkämpfte bis nach Amerika, wohin er nach dem Überfall der Deutschen auf Jugoslawien 1941 ging, und wo er an der Universität Syracus und zuletzt an der Notre-Dame-Univer-sität tätig war. Seine Werke stehen in vielen europäischen und in etlichen amerikanischen Museen; er war Mitglied der Kunstakademien von Wien, Prag, Brüssel, Edinburg, Belgrad und Zagreb.

Welch ein Weg? Man könnte auch sagen: kein Weg. Die Welt hat sich bewegt, sie ist weitergerast, ziemlich schnell in unserem Säkulum — doch Ivan Mestrovic ist, ruhig und stark, selbst ein erratischer Block, stehengeblieben, wo er stand, mochten auch tausende, zehntausende Kilometer Landes unter ihm hinwegsausen, mochten auch zwei Drittel eines Jahrhunderts hinter ihm zurücksinken. Wer Trogir kennt, die steinerne Stadt an der dalmatinischen Küste, wer das Mausoleum der Familie Racic in Cavtat bei Dubrovnik kennt, ein Hauptwerk von Ivan Mestrovic, in dem sich sein Gestaltungswille geschlossen dokumentiert, mag ermessen, mit welch unfaßbarem Beharrungsvermögen dieser Mann ausgestattet war.

Setzen wir einige Vergleichsdaten neben die 78 Lebensjahre, die Mestrovic von 1883 bis 1962 durchlebte. Er war gerade ein Jahr alt, als Makart, in dem sich der Neo-Barock überschlug, starb. Barlach stand im 13., Maillol im 22. Lebensjahr, während Rodin schon dreiundvierzig war und noch fast dreieinhalb Jahrzehnte zu leben hatte. Kandinsky, auch ein Slawe, war 1866 geboren, also siebzehn Jahre älter als Mestrovic, und war 1900 aus Rußland nach München gekommen, zur gleichen Zeit, da Mestrovic zum erstenmal Wien kennenlernte; Klimt war damals eben 33 Jahre alt.

Jetzt verstehen wir schon besser, wie unberührt Mestrovic durch die Wirren einer Epoche ging, die in den Geburtswehen dessen lag, was wir gewohnheitsmäßig als moderne Kunst ansprechen. Mestrovic hat sie nicht zur Kenntnis genommen, jedenfalls nicht, soweit es sein eigenes Schaffen betrifft. Er blieb in seiner Welt, und wer ihn in den letzten Jahren sah, merkte, daß seine Physiognomie mehr denn jemals den Gesichtern der Hirten und Bauern seines Heimatbezirks glich — eine letzte Heimkehr andeutend, in eine Heimat, die er innerlich nie verlassen hatte.

Es wäre unrichtig, ihn, wie es oft geschah, zu bezichtigen, er sei von seiner Manier nie losgekommen: Er hat sie mit höchster Intensität erfüllt. Das malerische Element eines Rodin ist ebenso an ihm abgeglitten wie die Auseinandersetzungs- und Erlebnisfülle, wie die denkerische Fülle der Moderne. Die Gestalten, die er schuf, waren und blieben stets Helden und Heldinnen der südslawischen Volksepen, woran nichts änderte, daß sie zumeist religiösen Themen gewidmet waren. Kraftvoll, monumental, manchmal etwas pompös im Gestus, waren sie so dargestellt, wie das Volk sie empfand: wuchtig, leidenschaftlich bewegt oder in sich ruhend, Denkmäler in Stein, Denkmäler einer zu Stein werdenden Vergangenheit. So ist Mestrovic in einem besonderen historischen Augenblick zu einer Summe des Südslawentums geworden, nationales kämpferisches und christliches Erbe in sich vereinend.

Allein dieses Maß darf man an ihn anlegen, kein anderes, das auf ihn nicht zuträfe. Sein Schaffen stellt einen Höhepunkt dar, der zugleich ein Schlußpunkt war. Die Generation der Zeitgenossen von heute, die in den Ateliers Serbiens, Kroatiens und Sloweniens am Werk ist, sieht sich mit anderen Problemen konfrontiert. Für diese Generation ist das Tor zur Gegenwärt längst aufgesprungen, Paris und die Weltkunst von heute sind am Saveufer ebenso präsent wie im Gebiet unter dem Avala-_ gebirge.

Holzrelief: Taufe Jesu

Der Theatralik in zahlreichen von Mestrovic dargestellten Szenen (wie sehr gleicht sie derjenigen der temperamentvollen Alltagsszenen in den kroatischen Dörfern!), für die wir heute kaum noch rechtes Verständnis aufbringen, stehen in sich beruhigte statische Gebilde gegenüber (allerdings selten), direkt aus südslawischer Ikonographie entwachsen, doch geschliffen, geglättet, mit Frauengestalten zumal, die ebensowohl bäuerlich erdhaft wie schematisch idealisiert sind, bis an den Rand des Süßlichen, das dann nicht mehr echt wirkt.

Renaissancehafte Züge überwiegen, und dieser Konnex ist legitim. Denn der Geisteszustand der ländlichen Bevölkerung jener Zeit, in der er aufwuchs, hatte, sucht man unbedingt nach Vergleichen, am ehesten Ähnlichkeit mit der Verfassung, die einst die italienische Renaissance hervorbrachte. So brauchte Mestrovic keinen großen Schritt zu tun, sich das künstlerische Vokabular zu holen, das zu ihm paßte. Daß sich daraus, vor allem dann im Kontakt mit der offenen Welt, eine Klitterung ergab, war nicht zu vermeiden, und ist wohl mit Ursache der Leere, die viele seiner Formen zeichnet, Formen, die in geistige Maße vorzudringen suchen, die ihm nicht gegeben waren.

So ist Ivan Mestrovic, der Mann aus der Enklave, zwischen den Zeiten stehengeblieben. Von ihm her. führt kein Weg ins Morgan, er konnte der künstlerischen Jugend seines Volkes kein Führer in die Zukunft, die stets Neuland ist, werden. Was ihn, den Kämpfer für die nationale Befreiung seines Landes, mit tiefem Schmerz erfüllt hatte, die Flucht vor den Deutschen in die. USA, mag ihm manche bittere Enttäuschung erspart haben. Denn er hätte erleben müssen, daß die geistige Zäsur zur neuesten Zeit im Erleben der jungen Generation seines Volkes just in seine zweite Lebenshälfte fiel — eine Zäsur, die er nie begriffen hätte. Die Mythen, Märchen und Motive der Volkskunst, die ihn in seiner Kindheit prägten, sind mittlerweile eines natürlichen Todes gestorben und museal geworden. Die künstlerische Elite aber sucht nicht die museale, sondern die lebendige, zeitgenössische Konfrontation, aus der allein sie die Kräfte schöpfen kann, das Kommende geistig zu bändigen.

■yj^Tas bleibt von Mestrovic? Es bleibt die Erinnerung an seine “ Kraft, die etwas Titanenhaftes hatte, eine Kraft, die die Südslawen, vielfach von der großen Welt (nicnt aber von ihren engsten Nachbarn) unterschätzt, in ihrer an Wechselfällen reichen Geschichte immer wieder zu erstaunlichen menschlichen und politischen Leistungen befähigt hat. Daß es diese Südslawen als eigenständige Völkerschaften noch gibt, daß sie nicht zerrieben wurden auf dem balkanischen Schlachtfeld, daß sie ihre Eigenständigkeit erhielten zwischen Türken, Madjaren und Österreichern, im Spannungsfeld russischer, allslawischer und italienischer Politik, trotzig und selbstbewußt als Verteidiger ihrer Ehre und besonderen Wahrheit - dies alles sind Züge, die sich im Charakter und Wesen des Ivan Mestrovic finden.

Aus solcher Sicht ist es ohne Belang, ob er sich der Modernität seines Zeitalters öffnete oder nicht, ob er den Gipfel der Kunstkraft erklomm oder andere Wege ging. Was bleibt, ist ein ganzer, starker Mann, sich selbst und dem Wesen seines Volkes treu, ein ehrenhafter Kämpfer, einer, der mit Marmor, Granit, Kalkstein und Bronze umging als Junak (Held), nicht als Ästhet. — Er liebte den Stein über alles, er verstand den Stein, der in seiner Heimat gewachsen ist. Wer eines Tages das Mausoleum der Reederfamilie Racic in Cavtat betritt, wird verstehen, wie ihm der Stein zum Symbol des Dauerhaften, Bleibenden, zum Gleichnis der Schöpfung in der Schöpfung wurde.

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