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ROMANAUTOREN UND KRITIKER

"Von den namhaften Romanautoren, die alle etwa zehn Jahre älter als ich waren, kannte ich Hugh Walpole am besten. Wir waren gute Freunde, besonders in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren. Wir arbeiteten gemeinsam an einem romanartigen Buch mit dem Titel „Farthing Hall“. Die Geschichte wurde in Briefen erzählt, die ein Gelehrter mittleren Alters und ein enthusiastischer junger Mann miteinander wechselten. Obwohl ich weder mittleren Alters noch ein Gelehrter war, zog ich diese Rolle vor und überließ Walpole den jugendlichen Eifer und die Schwärmerei. Vielleicht ist nicht viel zugunsten dieser Methode als literarische Form zu sagen, doch sie erleichterte die Zusammenarbeit zwischen zwei vielbeschäftigten Männern, die durch mehrere hundert Meilen voneinander getrennt waren. In seiner bemerkenswert sachkundigen Biographie Walpoles schreibt Rupert Hart-Davis: „Das Ziel des Vorhabens war, Priestley (dessen Anteil am Honorarvorschuß dank Hughs Namen beachtlich sein würde) genügend materielle Freiheit und Muße zu verschaffen, damit er den langen Roman, den er plante, schreiben konnte.“ Das ist ganz richtig, und er hätte noch hinzufügen können, daß der erste Vorschlag von Walpole kam, der bei solch einer Gemeinschaftsarbeit nichts zu gewinnen hatte. Den Roman selbst habe ich vergessen — es ist mehr als dreißig Jahre her, daß ich hineinsah—, aber nicht den Akt der Freundlichkeit.

Ohne Zweifel ist das literarische Schaffen wichtiger als Akte der Freundlichkeit, doch viele der Leute, die über Walpole lächelten, sind zu keinem von beiden fähig. Er war ein populärer Geschichtenerzähler, nicht der große Romancier, der er zu werden hoffte, doch die lautesten Schreier waren nicht nur keine großen Romanciers, sie waren nicht einmal populäre Geschichtenerzähler.

Eigentlich hatte Walpole mit mir weniger gemeinsam als mit Maugham. Es war eine Freundschaft der Gegensätze. Er war immer sehr darauf bedacht, Wohlwollen zu schaffen, ich hingegen habe ein Talent, fast schon eine geniale Gabe, alle bis auf jene Menschen, die mir nahestehen, zu verstimmen.. Er liebte es, seinen Kalender für viele Monate im voraus mit Verabredungen zum Mittagessen, Tee, Dinner oder Souper zu füllen, was mir als Sklaverei erscheint. Er war ernsthaft mit allem beschäftigt, was in der Welt des Buches geschah, was Smith über Brown geschrieben hątte, was Green auf einer Party über Jones gesagt hatte, warum Robinson seinen Verlag wechselte, wie Grey sich in Amerika verkaufte. Er erstellte eine Art Börsenrapport des literarischen Ansehens, wo die Anteile dieses Romanautors stiegen, die jenes Kritikers fielen. Ich hörte mir seine Berichte mit Interesse und Erheiterung an, konnte sie aber nicht ernst nehmen, weil es mich keinen Pfifferling kümmerte, wer drinnen oder draußen, oben oder unten war.

Soweit habe ich diese Vergleiche natürlich völlig zu meinen Gunsten gewendet. (Wir tun das immer, wenn wir uns nicht dagegen in acht nehmen.) Jetzt will ich hinzufügen, daß Walpoles harmlose, warmherzige Eitelkeit besser war als meine kühleren Gedankenspiele. Ihm eignete weitaus mehr echte Bescheidenheit als mir. Er war rücksichtsvoller, großzügiger und viel freundlicher, als ich jemals gewesen. Ich denke nun gar nicht an die augenfälligeren Akte seiner Großzügigkeit, wie zum Beispiel die Hilfe, die er dem Heldentenor Lauritz Melchior angedeihen ließ. Ich denke an all die kleinen guten Taten, die man nur entdeckte, wenn man ihn sehr genau kannte, all die Besuche bei verdrießlichen alten Männern oder leidenden alten Frauen, die von fast allen Leuten vergessen worden waren, all diese undankbaren Obliegenheiten, für die er kein Lob erwarten konnte. Er mag wohl schrecklich darum bemüht gewesen sein, Erfolge einzuheimsen, dennoch war er viel weniger egoistisch, als es die meisten Schriftsteller sind. Er beeilte sich, neue Talente in allen Kunstgattungen willkommen zu heißen. Das Verzeichnis der Schriftsteller, denen er half, ist wie eine Appelliste der zeitgenössischen britischen Autoren. „Ich glaube mcht“, sagte Osbert Sitwell[— und er sprach für uns alle — „daß es irgendeinen jüngeren Schriftsteller von einigem Rang gibt, der nicht dann und wann zu einem entscheidenden Zeitpunkt tatkräftige Hilfe von Hugh empfing.“ Und dies war der Mann, der in dem erbärmlichsten Nachruf, den ich je in der „Times“ las, als „bei seinen Schriftstellerkollegen nicht beliebt“ bezeichnet werden konnte. Der letzte der geistigen Meuchelmörder kam heran, um den Leichnam zu durchbohren.

Es gibt Leute, die jeden Glücklichen mit Haß verfolgen. Wenn sie leuchtende Augen oder ein strahlendes Lächeln sehen, schärfen sie sofort ihre Messer. (Habe ich deshalb in der Öffentlichkeit immer so finster dreingesehen?) Niemand hat es mehr genossen, ein erfolgreicher Schriftsteller zu sein, als Hugh Walpole. Er war wie ein Schuljunge, der sich plötzlich in die englische Kricketnationalmannschaft versetzt findet. In seinem Wesen gab es einen femininen Zug, der ihn in die Lage versetzte, sich in der Rolle zu sehen und auch das zu genießen. Doch in Wahrheit gab es drei Walpoles. Hinter dem großen, rosigen, lächelnden, erfolgreichen Schriftsteller auf dem Weg von einem literarischen Lunch zu einem Rugby-Match war ein von Furcht erfüllter, zitternder Neurotiker, von Alpträumen geplagt seit der Kindheit, da er eine halbe Welt von seinen Eltern entfernt war und in einem üblen Internat erbarmungslos schikaniert wurde. Das ist jetier Walpole der Düsternis, des Grauens und der bis zum Zerreißen gespannten Nerven, der all dies in seinen besten Geschichten zum Ausdruck bringt.

Die Zusammenarbeit mit Walpole bei „Farthing Hall“ war nicht mein erster Versuch auf dem Gebiet der erzählenden Literatur. Ich hatte bereits zwei „Annäherungsversuche ‘ gemacht, und zwar mit „Adam in Moonshine“ und „Benighted“ („Von der Nacht überrascht"), letzteres am besten bekannt als Film unter dem amerikanischen Titel des Buches: ..The Old Dark House“. Ich zögerte nicht nur, weil ich so viele andere bindende Verpflichtungen zu erfüllen hatte, obwohl es sich io verhielt, so daß „Benighted“ spät abends geschrieben werden mußte, als Fleißaufgabe nach einem schweren Tagespensum. Ich hielt mich nicht für einen geborenen Romanschriftsteller. Wäre ich einer, dann hätte ich sicherlich von Anfang an Romane geschrieben, und nichts hätte mich davon abhalten dürfen. Doch dies war keine literarische Form, in der ich instinktiv und innerlich frei arbeiten konnte, wie etwa beim Essay und wie es sich schließlich bei Büchern ergab, die Beschreibendes mit Autobiographischem verbinden, zum Beispiel „English Journey“ („Englische Reise“) und „Midnight on the Desert“, oder wie ich es — das stellte ich später zu meinem Erstaunen, fest — bei der als komplizierter betrachteten .Form des, Dramas vermochte. Ich finde Gefallen an der vernachlässigten kleinen Kunst des Fabu- lierens, des einfachen Geschichtenerzählens, seien es nun meine eigenen oder die eines anderen. Ich kann eine Szene in der direkten dramatischen Weise bewältigen. Es fällt mir leicht, jene überleitenden Schilderungen zu schreiben, die bei den meisten Romanen nötig sind. Was ich schwierig und mühevoll finde, ist genau das, worüber der geborene Romanschriftsteller nicht einmal nachzudenken braucht.

Ich meine den Kunstgriff,-die. Erzählung in einem gleichmäßigen Fluß zu halten, der sich stetig weiterbewegt, ungeachtet der Fülle, die er zu bergen mag. Wenn ein Mann dies instinktiv beherrscht — und, so muß ich einfügen, sehr wenige vermögen es —, dann hat ihn Gott zum Romanschriftsteller geschaffen. Es ist eine sehr seltene Gabe, jene Fähigkeit, das ganze Geschehen ohne Erschütterungen und Brüche in Fluß zu halten, als müsse man eine Tube Zahnpaste entleeren, indem man die Masse in einem ununterbrochenen Streifen auspreßt. Doch hier muß ich einschränken.

Hier werden viele Kritiker die Erörterungen mit einem Achselzucken abtun. Sie werden das Gefühl haben, daß solche Erwägungen einer altmodischen Auffassung von Roman entspringen. Ich glaube, solche Kritiker irren. Sie sehen die erzählende Literatur aus einem verkürzten Blickwinkel, vielleicht deshalb, weil sie die Dinge nie mit Distanz betrachten mußten. Sie wurden durch etwa fünfundzwanzig Jahre des Experimehtierens allzusehr beeinflußt, fast ausschließlich auf eine bestimmte Richtung festgelegt, wobei es am Ende den Anschein hatte, als gäbe es nichts Derartiges wie einen Roman und keine Romanschriftstellerei. Entweder war der Autor ein Genie und wollte etwas Eigenständiges, Einzigartiges aussagen oder nicht, dabei blieb es. Aber es ist möglich, mit den Experimentalisten und Umgestaltern der Form zu sympathisieren und sie anzuerkennen, wie ich es immer tat, und dennoch diese kurzsichtige Betrachtungsweise scharf anzufechten. Der Roman ist und bleibt eine besondere Form, obwohl diese Form viele Abwandlungen zuläßt, und der Romancier bleibt ein Schriftsteller besonderen Gepräges, dazu befähigt, den besten Gebrauch von dieser Form zu machen. Bestimmte Wertmaßstäbe und besondere Maximen bestehen noch immer, ebenso wie die Regierung als Notwendigkeit weiterbesteht, nachdem sich Staub und Rauch der Revolution verzogen haben.

Betrachten wir zwei Männer von wahrer Genialität, Proust und Joyce. Nach meiner Ansicht war Proust ein geborener Romancier, so großartig für erzählende Prosa begabt, daß er in jedem Zeitalter Flervorragendes. geschaffen hätte. Er gab der Form eine scharfe Wendung, um sie seinen ureigensten besonderen Absichten und seinem Temperament anzupassen, nichtsdestoweniger steht er in der direkten Linie der Entwicklung, was er voranträgt, ist noch immer der Roman. Auf Joyce, dessen komisches Genie ich nie bestreite, scheint mir das nicht zuzutreffen. Immer wieder habe ich gelesen, daß die moderne Romanliteratur in Wahrheit mit Joyce beginnt, der einen neuen Weg eröffnete, auf dem ihm andere Schriftsteller folgen konnten, und so weiter. Keine überzeugenden Beweise wurden erbracht, um diese Feststellungen zu untermauern, und ich glaube kein Wort davon. Wo sind all die Romanschriftsteller, die Joyce so viel verdanken? (Selbst die zutiefst subjektive Methode der Erzählung wurde von anderen versucht, namentlich von Dorothy Richard- son, einem kühnen, wenn auch ziemlich weitschweifigen und schöpferischen Talent.) Mit voller Absicht und von plötzlichen Eingebungen beherrscht, gab Joyce der Form keine neue Wendung, sondern ging daran, sie kurz und klein zu . schlagen, um sie schließlich als fahle Ruine am Ende einer Sackgasse zu lassen. Ich bezweifle, ob es ihn auch nur im mindesten kümmerte, was mit dem Roman als Kunstform geschah. Er war ein genialer Mann, doch kaum ein wirklicher .Romanschriftsteller. Statt in der direkten Entwicklungsreihe zu stehen, erhebt er sich abseits da

„Vor kurzem erklärte ein junger Kritiker, ein ziemlicher Dummkopf, daß ich veraltet sei. Ich bin sogar noch veralteter, als er sich vorstellen kann, denn in der Einstellung zu meinem Schaffen gehöre ich dem 18. Jahrhundert an, als man von Berufsschriftstellern erwartete, daß sie alles schreiben konnten, von Predigten bis zu Possen.“ Dieser Ausspruch in ‘ seiner Mischung von Bissigkeit, trockenem Humor und echter ‘ Überzeugung von den ethischen Aufgaben eines Autors charakterisiert J. B. Priestley und die Vielfalt seines Lebenswerkes als Romancier, Dramatiker und wacher kritischer Geist. Priestley, in der Industriekleinstadt Bradford in Yorkshire geboren und aufgewachsen, ist der Sohn eines Lehrers, der, idealistischer Sozialist der achtziger und neunziger Jahre, an den Aufstieg der Massen durch bessere Bildungsmöglichkeiten glaubte. Wie der Autor selbst bekennt, unterschied er sich während seiner Jugendjahre in dieser stillen Umwelt von seinen Altersgenossen nur dadurch, daß er seine Freizeit damit verbrächte, in einer Dachkammer emsig Gedichte und Kurzgeschichten zu schreiben. Die Tage waren durch die Arbeit im Büro eines Wollversandhauses angefüllt.

Bei Beginn des ersten Weltkrieges meldete er sich freiwillig ztiV’ArmjįE, käift dl) die Weffftonif’würde mehrYnals!verii’üh- def;- machte1 die OJfiiiersdu’sbiiSung mit ündließ’.sich ‘ 1919’ deniikntisieken. n9mMfk’ iP ävrfiiPldge, ddBPl!§iUg efb nMf1 London, um sich der freien Schriftstellerei zu widmen. Er arbeitete als Lektor und Rezensent, schrieb Essays und literaturkritische Abhandlungen, schrieb, schrieb Tag und Nacht. Langsam faßte er Fuß, begegnete den bedeutenden Autoren der Epoche. Mit dem älteren, erfolgreichen Hugh Walpole schloß er enge Freundschaft, die in dem gemeinsam verfaßten Briefroman „Farthing Hall“ (1929) ihren literarischen Niederschlag fand. Im gleichen Jahr erschien sein erster großangelegter, eigener Roman „The Good Companions“, der ihn rasch zum Bestseller-Autor machte und eine Zeit fruchtbaren Schaffens einleitete. Bereits 1930 trat er wieder mit einem Roman in Erscheinung, es ist das vielgelesene Werk „Angel Pavement“, das als eine seiner besten Arbeiten gilt. Dann wandte er sich der Bühne zu und schrieb das Schauspiel „Dangerous Corner“. Darin setzt er sich bereits in seiner spezifischen Weise mit dem Begriff und der Relativität der Zeit auseinander, ein Motiv, das er immer wieder aufgriff, am prägnantesten in „Time and the Conways“. Priestley gibt unumwunden zu, daß ihm der Theaterbetrieb mit all seinen hektischen Begleitumständen schrecklich auf die Nerven fiel, dennoch gründete er, um der Sache willen, selbst ein Ensemble, brachte seine eigenen und die Stücke anderer Autoren. Zu den besten “Würfen aus der Frühzeit seines dramatischen Schaffens gehört die köstliche, viel zu wenig gespielte Gaunerkomödie ,,Laburnum Grove“, die man dem „Biberpelz“ würdig an die Seite stellen kann.

ln diesen dreißiger Jahren war Priestley bereits ein arrivierter Schriftsteller, dessen Romane, Dramen und Lustspiele in viele Sprachen übersetzt wurden. Er fuhr rund um die Welt, kannte Arizona und Tahiti fast ebensogut wie den Trafalgar Square, kurzum: er führte das Leben eines erfolgreichen Autors, ohne dabei der Eitelkeit und Selbstbespiegelung zu verfallen. Davor bewahrte den John-Bullgesichtigen Bradfcrder seine urwüchsige Unkompliziertheit. Während der Kriegszeit zog die BBC Priestley heran, zwecks Hebung det Moral in der Heimat. Seine Sendung, betitelt „Postscripts“, kleine Plaudereien über Beobachtungen im, Kriegsalltag, machten ihn bei allen Schichten in England ungemein populär.

1947 entstand sein auf der ganzen Welt vielgespieltes Drama „An Inspector Calls“. Enttäuscht mußte er feststellen, daß der umfangreiche humoristische Roman „Festival at Farbridge“, ein Panorama Englands um 1950, wenig Anklang fand. Als kritischer Geist nahm er zu Zeitfragen Stellung, sein Eintreten gegen die Atombombe und seine offenherzigen Äußerungen über die britische Politik im allgemeinen wurden ihm übel vermerkt. Das offizielle Großbritannien reihte ihn unter die unbequemen Zeitgenossen ein. J. B. P. zog sich zwar in den Schmollwinkel zurück, doch er schwieg nicht.

Er ist nun neunundsechzig und hat rund neunzig Werke geschrieben. Längst schon zählt man ihn zu den großen alten Männern der europäischen Literatur. „Eine Persönlichkeit von solch vielfältiger Begabung und Erfahrung in der Kunst des Schreibens gehört keiner ,Schule’ an“, meint sein Biograph Ivor Brown. „Er schafft und verarbeitet auf seine eigene Weise. Einstufungen erfassen ihn nicht. Er ist in gewaltigem, ja unerhörtem Maß er selbst.“ Günther Martin von, eine monumentale Gestalt am Rand der Straße, wie einer der Memnonkolosse.

Tch hoffe, damit sind die wichtigsten Punkte geklärt. Der Roman ist eine fortbestehende, wenn auch nicht unveränderte Form, und es gibt Schriftsteller, die ihrem ureigensten Wesen nach Romanciers sind, ebenso wie es andere gibt, die voll und ganz Lyiiker sind. Doch ein großer Teil der Rezensionen in den Wochenzeitschriften und der einflußreichen Buchkritik in den Tageszeitungen wurde schließlich von Männern verfaßt, die jegliches Interesse an der erzählenden Prosa als solcher verloren hatten. Sie hatten nicht die Absicht, Romane zu lesen oder über sie zu schreiben. Jedwede Ausflucht, die sich bot, war ihnen recht. Sie konnten das Genie nicht übersehen, doch sie erhoben es aus dem Strom der erzählenden Literatur, die sie sehr wohl ignorierten. Das Ergebnis war, daß seriöse, einflußreiche Rezensenten und wahrscheinlich eine große Anzahl ihrer Leser dem Fortschritt des Romans keinerlei Beachtung schenkten. Wenn sich darin nicht die Gestaltungskraft eines Genies offenbarte, gehörte er in die Bibliothekslisten der Frauen. Obwohl es in Wirklichkeit viel schwerer ist, einen einigermaßen guten Roman jeglichen Umfangs und inneren Gehaltes zu schreiben, als die gleiche Seitenanzahl mit kritischen Essays und Rezensionen zu füllen, bildete sich die Auffassung, ein Romanschriftsteller sei ein intellektueller Leichtgewichtler, ein Mann, der angenehmen Zeitvertreib für die Teestunde bietet. Vielleicht hatte ich eben Pech, doch ich fand unter diesen Kritikern niemals einen intellektuellen Riesen, während die meisten guten und mittelmäßigen Romanautoren, die ich kenne, weitgespannte Interessen.

Mangel an anderweitiger Arbeit, denn ich hatte eine ganze Menge zu tun und wurde auch recht anständig bezahlt. Wenn ich nicht Glück hatte — und ich hielt mich nie für einen Glückspilz —, mußte ich bei einem Roman schlechter abschneiden, Seite für Seite und Stunde um Stunde. Es war keine leichtere, sondern schwierigere, wenn auch schließlich anregendere Arbeit. Ich wandte mich dem Prosaschrifttum zu, weil ich eine Menge Ideen hatte, die mir keine Ruhe ließen, und weil ich der Versuchung nicht widerstehen konnte, und dies erklärt auch, wieso ich so viele verschiedene Dinge probiert habe. Ich wurde niemals wirklich ermutigt, etwas zu schreiben — die geistige Sphäre von West Riding, wo ich aufwuchs, besaß geradezu die geniale Gabe, einem die Courage zu nehmen, es war, als liefe man gegen eine Mauer aus Stein —, und wann immer ich mich auf einem bestimmten Gebiet als Schriftsteller durchsetzte und Anerkennung fand, gab man mir zu verstehen, dies sei wohl alles, was ich zu schaffen vermöge. Ich könne wohl einen Essay schreiben, doch keinen Roman. Ich könne einen Roman schreiben, doch kein Theaterstück; und wenn ich nun Stücke schriebe, folgere daraus nicht, daß ich wisse, wie man mit dem Rundfunk umgehe, dem im Krieg wichtigsten Medium; und so ging es weiter. Immer wieder trat eine Aufgabe an mich heran, und ich konnte eben nie widerstehen.

Eine verhältnismäßig kurze Erzählung wie „Benighted” kann man Abend für Abend schreiben, nachdem man den ganzen Tag lang mit anderen Dingen beschäftigt war. Doch bei einem langen Roman ist das nicht möglich. Und es ist falsch, zu glauben, ein langer Roman — zumindest lange Romane jener Art, wie ich sie schrieb — sei einfach das Äquivalent mehrerer Romane normaler Länge, die aneinandergereiht werden. Es geht nicht nur darum, Handlungsfaden stur abzuspulen. Natürlich gibt es Romane, in denen die Begebenheiten schon der Reihe nach geschildert werden, in einem unbeirrbaren Marsch von der Wiege bis zur Bahre, doch die haben mich nie gereizt, weder als Schriftsteller noch als Leser. Meine Art von langem Roman ist in Wahrheit ein außerordentlich breit angelegter Roman, bei dem die ganze Szenerie weiträumiger ist als in einem Roman normalen Umfangs. Im allgemeinen folge ich darin nicht den Geschicken einer einzelnen Zentralfigur, sondern einer ganzen Gruppe von Menschen. Eine Schilderung von solcher Breite kann man nicht ohne strengste monatelange Konzentration durchhalten. Sie kann nur mit ungeheurer schöpferischer Anstrengung weitergeführt werden.

Während der Arbeit an den ersten Kapiteln hat man jeden Morgen das Gefühl, als hebe man einen Elefanten vom Schreibtisch. Gewiß, wenn man dabeibleiben kann und eine lange Unterbrechung vermeidet — ich mußte während der Arbeit an einem späteren Roman eine Pause einschalten und das war katastrophal —, dann beginnt man Schwungkraft zu sammeln, man reitet auf dem Elefanten, befindet sich wohl in einer Art von Trance und schreibt fünftausend Worte pro Tag, bessere Worte als jene, die man früher so langsam und mühevoll zusammenfügte. Geduld und Fleiß mögen dabei förderlich sein, doch das wichtigste bei diesem ganzen Wagnis ist Vitalität, und ein Schriftsteller, der sich nicht im klaren darüber ist, wieviel Energie er aufwenden kann, sollte sich nicht an einem langen Roman versuchen. Wenn er nicht einer jener wenigen Meister ist, für die alle meine Ratschläge belanglos wären, wird ihm nichts anderes übrigbleiben, als sich im Schweiße seines Angesichtes durchzubeißen. Der Klumpen muß jeden Tag durchgeknetet werden. Daraus erklärt sich, weshalb — abgesehen von den Werken jener Meister — den meisten langen Romanen das Edle und Subtile mangelt und sie gleichsam eine Grobkörnigkeit des Gefüges haben, eine derbere Strichführung der Zeichnung. Das mißfällt Schöngeistern, die gern Essays über den genius loci in der Toskana lesen oder selbst welche schreiben — wenn sie dazu Zeit haben.

Mein Honoraranteil an „Farthing Hall“ verschaffte mir die finanzielle Unabhängigkeit für die Zeit, die ich zur Abfassung eines langen Romanes brauchte. Ich wußte, was für einen Roman ich schreiben wollte. Ich war immer schon fasziniert von dem, was wir, nicht die Spanier, das Pikareske nennen, breit angelegte

Erzählungen, in denen sich die handelnden Personen auf Wanderungen begeben — Don Quijote (dieses unübertreffliche Meisterwerk), Gil Blas, Tom Jones, Wilhelm Meister (zum Teil), Pickwick. Ich sah keinen Grund, warum der abenteuerliche Roman mit der Postkutsche dahinschwinden sollte. Warum nicht einen Roman über mein England der zwanziger Jahre? Kein Versuch, eine Art von Weihnachtspostkarten-Vergangenheit zu schaffen — das wäre eine Verfälschung gewesen —, doch als Hintergrund das England, das mir vertraut war, ziemlich realistisch dargestellt. (Was ich auch wirklich tat — doch man bedenke, daß ich noch immer vom Hintergrund spreche, nicht von der Geschichte selbst.)

Ich darf hier hinzufügen, daß ich das nicht wußte, nie so tat, als wüßte ich es, und ich bezweifle, daß ich in den vierzig Jahren meiner schriftstellerischen Tätigkeit auch nur eine halbe Stunde damit verbrachte, nachzudenken, was die Leserschaft oder das Theaterpublikum wünscht. Ich habe manche wertlose Einfälle gehabt und zuweilen etwas in aller Eile und ohne Sorgfalt geschrieben, doch nie, weil ich nicht versuchte, mich selbst damit zu unterhalten, sondern eine Menge fremder Leute. Verleger, Theaterdirektoren, Redakteure und Agenten scheinen über den Publikumsgeschmack Bescheid zu wissen, aber für mich blieb er immer ein Geheimnis. Wie sollte ich auf eine Scheibe zielen, die mir nicht sichtbar war? Es ist schon länger her, da fand ich mich als schlauer Mann aus Nordengland beschrieben, der genau wisse, wie man die Neugierde des Publikums reize. Das ist weit gefehlt. Ich bin nicht schlau — ich wollte, ich wäre es — und die einzige Neugierde, von der ich weiß, wie man sie reizen kann, ist meine eigene. Ich habe immer auf das entschiedenste die Meinung vertreten, daß ein Schriftsteller, der seinem Roman oder Theaterstück so viel Zeit widmen muß, ein Narr ist, wenn er sich nicht zuerst selbst daran erfreut, bevor er Leser oder Zuschauer in Betracht zieht. Daraus erklärt sich, weshalb es den Schriftstellern bei Massenmedien so übel ergeht, wo sich zehn kluge Personen täglich zusammensetzen und zu entscheiden versuchen, wie man eine Unzahl dummer Leute unterhält, mit denen sie nie in Berührung kommen.

Eine seltsame Begleiterscheinung, die sich bei der Arbeit an Romanen und Erzählungen einstellt, ist der Erwähnung wert. Wir erinnern uns an Szenen, die wir schrieben, lange nachdem wir unser alltägliches Leben in jener Zeit vergessen haben, manchmal müssen wir uns selbst vergegenwärtigen, daß wir nicht an jenen Orten waren, außer in der Phantasie. Wenn wir einen Roman beginnen, was die meisten von uns erst tun, wenn sie keine Ausreden mehr wissen, um nicht anfangen zu müssen, dann zögern wir und haben kein Vertrauen zu uns selbst und schreiben den ersten Absatz wahrscheinlich immer wieder um. Wir sind wie kleine Kinder, die zum Meeresufer krabbeln, eine Zehe ins Wasser stecken und sich dann rasch in Sicherheit bringen. Doch sobald wir ständig schreiben, kehren wir am Morgen auf die dunkle Straße, in das strahlend erhellte Zimmer voll Menschen, auf das Schiff zwischen den fliegenden Fischen, oder welche Szene wir immer am Abend vorher verließen, zurück, und binnen fünf Minuten scheint die Geschichte, die in uns weiterwirkte, zum Leben gewandelt zu sein, während alles wirkliche Leben, das uns umgibt, so spinnwebdünn und verflimmernd wie ein Traum ist. Dann, Jahre später, wenn wir durch unsere Erinnerungen wandern, stehen wir wieder auf jener dunklen Straße, blicken auf jenen strahlend erhellten Raum voll Menschen hinunter, schauen wir noch einmal, über die Reling gelehnt, den fliegenden Fischen zu. Der Kreis unserer Erfahrungen wurde durch die Gedankenschöpfungen unseres Berufs erweitert und bereichert. Niemand, der uns erblickt, könnte ermessen, was wir alles sahen und erlebten. Wir haben mehr als nur ein Leben gelebt.

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