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KULTUR KOMMT NACH AMERIKA

Wie oft wünschen wir uns, Zeugen einer vergangenen Epoche gewesen zu sein, um dem sprudelnden Element einer Renaissance ein wenig näherzukommen. Wir wachsen in einer bestimmten Tradition auf, und wir nehmen Dinge heute für selbstverständlich, die gestern noch umwälzend revolutionär erschienen. Es ist erregend, den Wechsel der Szenen in den Landschaften des Lebens zwischen Europa und Amerika zu beobachten, ihm nachzuspüren und das Wesentliche zu formulieren.

Man soll aber weder Menschen noch Ereignisse auf eine Formel zu bringen versuchen. Es gibt keine Formel für die Beziehung von Mensch zu Mensch, ebensowenig wie für die Beziehung zwischen verschiedenen Kulturen. In Amerika blickt man selten zurück, sondern meistens vorwärts. Aber als aufmerksamer Beobachter Europas und der Beziehungen zwischen den zwei Kontinenten ist vielleicht die Form einer Betrachtung des „Zurückdenkens“ angebracht, um von der Glückhaftigkeit zu berichten, Zeuge einer Renaissance zu sein. Nennen wir es das Beginnen einer sichtbaren Kultur und Kulturempfänglichkeit in Amerika, die ganz plötzlich, so scheint es, die Werte erschließt, die dem Europäer durch Traditionsverbundenheit so gut bekannt sind.

Ein Universitätsprofessor in Chicago beklagte sich einstmals daß er eine herrliche Lösung eines psychologischen Problems gefunden habe. Eine Lösung, die — wie er erst später herausfand — von Sigmund Freud so einfach und klar dargestellt war. „Immerhin“, sagte er, „ich hatte das Glück des Nachdenkens, des Grübelns und Forschens. Das einzige, um was mich Freud brachte, war der Anspruch, als erster etwas Neues gefunden zu haben.“

Gibt es überhaupt etwas Neues? Vielen Amerikanern kommt der „Zug ins Geistige“ wie Neuland vor. Das heutige Amerika ist in seiner Begeisterung für die Kunst, die Literatur, die Malerei, die Bildhauerei, die Musik und die Wissenschaften auf einem Weg, seinen Platz neben den älteren traditionsgebundenen Ländern einzunehmen . . . Und das nach nur einigen Jahrhunderten seines Bestehens.

Der Geist des Pioniers bewegt Amerika. Auch der neu Einwandernde wird davon erfaßt. Was manchmal dem europäischen Besucher in den USA als eine unnötige Hast erscheint oder ihm die Idee eingibt, daß die Amerikaner keine Zeit hätten, Zeit zu haben, ist im Grunde genommen die Begeisterung einer immer jung bleibenden Nation für die Aufgaben, die zu erfüllen sind. Der berufstätige Mensch hat keinen Beruf, der Beruf hat ihn, besitzt ihn voll und ganz, er ist der Ansporn zum Erfolg, zur Karriere im Wettbewerb mit dem Element, das in Amerika in vollem Übermaße vorhanden scheint: den anderen Menschen unter nahezu 185 Millionen Bewohnern.

Mit dem Pioniergeist hat Amerika Werte der Zivilisation geschaffen. Es ist aber das erste Mal in der bewegten und turbulenten Geschichte der Neuen Welt, daß man sich Zeit nimmt, das Musische zu genießen. So stehen jetzt auch die Künstler im Vordergrund der kulturellen Geschehnisse, sie bahnen durch ihre Werke den Weg zum rechten Verständnis der Künste. Es geht eine Welle der Begeisterung vom mittleren Westen aus, die alle Nachbarstaaten erfaßt. Früher war das Kunstinteresse lediglich in New York konzentriert, und New York war und ist nicht typisch für die Vereinigten Staaten. Es ist eine Insel, dieses Manhattan, die dem europäischen Kontinent nicht unähnlich ist und fast wie eine gute Imitation europäischer Sitten und Gepflogenheiten anmutet. Alles, was hier auf kulturellem Gebiet geschah, lockte die Reisenden an, und der Motor der New Yorker Aktivitäten wurde von Europäern angetrieben.

Um die Ursache des amerikanischen Erwachens, der amerikanischen „Naissance“ zu ergründen, braucht man nur ein Vierteljahrhundert, vielleicht knapp 30 Jahre zurückzugehen. Damals ging ein Sturm der Entrüstung durch die akademische Welt, als ein 28jähriger junger Mann zum Präsidenten einer der größten Universitäten Amerikas, der University of Chicago, ernannt wurde. Sein Name: Robert Maynard Hutchins. Dieser Name ist wahrscheinlich auch in den deutschsprechenden Ländern Europas bekannt, zumal Hutchins der erste Pädagoge war, der, unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg, zusammen mit der Universität von Frankfurt am Main, den Austausch akademischer Lehrkräfte und Studenten startete.

Hutchins' Eintritt in eine der jüngsten Pionierstädte Amerikas, Chicago, war wie von der Vorsehung bestimmt. Chicago war gerade 100 Jahre jung, eine Stadt, die durch ihre dramatische Entwicklung sehr mit Unrecht in der ganzen Welt den Beinamen „Gangstertown“ erhielt, aber eine Stadt, die mit Vitalität geladen, den schöpferischen Geistern fruchtbare Anregung gab. Hutchins, Jurist von Haus aus, brachte mit sich einen jungen Professor der Jurisprudenz, Mortimer Adler. Adler sollte ursprünglich Vorlesungen über das Gebiet der Rechtsphilosophie halten. Dazu kam er aber nicht. Er hatte mit Hutchins zusammen eine für die Vereinigten Staaten fast revolutionierende Idee.

Er wollte Amerika die Grundlagen des Humanismus erschließen, er wollte den Gedanken der Philosophie, der Literatur, der Religionsgeschichte, nachgehen, um die großen Ideen der westlichen Welt, wenn immer sie neu waren und neu das erste Mal geäußert wurden, einem ausgewählten Publikum zur Diskussion darbieten. Hutchins und Adler gründeten mit Studenten, Arbeitern, Geschäftsdirektoren Diskussionsgruppen, die einen bestimmten Abschnitt eines klassischen Werkes, wie zum Beispiel der „Bekenntnisse des heiligen Augustinus“, zu lesen hatten. Dann sollte alles in wöchentlichen Abendsitzungen analysiert werden. Der Mentor der Gruppe äußerte keine Meinung, er gab jedem Mitglied eine vorgeschriebene Sprechzeit, und am Ende der zweistündigen Sitzung faßte er die Resultate der Gedanken zusammen.

Auf diese Weise wurden Homer, Schopenhauer, Thomas von Aquin, Kant, Hegel, Pascal, Äschylos und viele andere einer Gruppe bekannt, die aus sich heraus eine andere Gruppe bildete. Sie nannten sich die „Great Books Discussion Groups“ und sind heute von der atlantischen bis zur pazifischen Küste bis in die kleinsten Dörfer hinein organisiert. Menschen aller Berufsgruppen lesen und diskutieren die großen Gedanken der westlichen Welt. Damit wurde eine Lücke in der Schulerziehung ausgefüllt. Das amerikanische Schulsystem befaßt sich nur mit den notwendigen Fächern, um den Schülern ein Rüstzeug für die Erfordernisse des praktischen Lebens zu geben.

Robert Maynard Hutchins und Mortimer Adler fühlten, daß die Erziehung und vor allem die Umwandlung in den Erziehungsmethoden mit den Erwachsenen beginnen müsse. Sie wollten ein diszipliniertes Denken, die ernste Einübung ins Denken. Sie befaßten sich im Laufe der Jahre mit ungefähr 180 Büchern der westlichen Weltliteratur, die die originalen Gedanken enthielten. Mortimer Adler sagte einmal in einer Einleitung zu seiner von ihm persönlich geleiteten Gruppe: „Wir zitieren so oft Gedanken aus einem Buch, das wieder ein Buch über ein Buch ist, von dem man gleich zehn andere Bücher produzieren könnte.“ Es gab und gibt ja unter den Schriftstellern so viele selbständig gewordene Leser, die soviel gelesen hatten, daß sie nun selbst zu schreiben anfingen.

Wie wirkte sich dieses vor dreißig Jahren begonnene Experiment aus? Es war nur eine Phase der amerikanischen Kulturmission, aber es erfaßte 48 Staaten wie ein Lauffeuer, wie eine lebendige, nie verlöschende Flamme. Während Europa von Diktatoren heimgesucht und geistig gelähmt wurde, übernahm es Amerika, die europäische Tradition weiter zu pflegen und damit eine neue und gesunde Kraft zum Denken zu entwickeln. Wie sagte doch Pascal? „Nur der Denkende ist frei.“ Das Volk der Freiheit begann sich jetzt darauf zu besinnen, daß es kein 400 Jahre junges Kind mehr war. Es fing an, erwachsen zu werden.

Die „Great Books“ waren nur ein Funke der Anregung. Die Nachfrage nach den Autoren der Weltliteratur zwang die Verlage, die klassischen Autoren und zeitgenössischen Denker in billigen Ausgaben zu niedrigen Preisen auf den Markt zu bringen. So wurden die „Paperbacks“, die 25-Cents-Editionen, geboren. Die Vier- und Fünf-Dollar-Bücher waren zu hoch im Preis, um den Absatz zu finden, den Hutchins geweckt hatte. Wenn man heute in Amerika in ein Warenhaus, eine Drogerie oder eine Buchhandlung geht, dann findet man Tausende von diesen 25-Cents-Büchern guter Literatur statt der früheren, billigen Detektivschmöker zur Selbstbedienung ausliegen. Auch die europäischen Verleger haben ja diese Idee vor einigen Jahren übernommen. Von nun an wurden die Denkmäler Schillers, Goethes, Voltaires, die die herrlichen Parkanlagen in den westlichen und südwestlichen Großstädten seit Generationen schmückten, mit einer gewissen geistigen Betroffenheit betrachtet.

Der Verlag der „Encyclopaedia Britannica“, mit dem ich vierzehn Jahre lang verbunden war, brachte die „Großen Bücher der westlichen Welt“ in 35 Bänden heraus. Musik hatte immer ihren Platz in Amerika. Durch die Verfeinerung der Aufnahmegeräte und Reproduktionsinstrumente- ist — genauso wie hier — die Hausmusik und die Selbstauswahl bestimmter Programme auf Schallplatten eine beliebte Entspannung in vielen Häusern.

In der bildenden Kunst begann man nach dem zweiten Weltkrieg all die Dinge zu entdecken, die in den zwanziger Jahren in Europa Schule gemacht hatten. Auch die amerikanischen Künstler suchten nach der Erschütterung der verwirrenden Kriegsjahre einen neuen Stil zu finden. Ähnlich wie einst in Europa fanden sich Gruppen zusammen, aber an Stelle eines „Ismus“ entwickelten sich Individualitäten, die einen persönlichen Ausdruck fanden, den man als ausgesprochen amerikanisch ansprechen kann. Früher konnte man schwerlich in einer Kunstausstellung das amerikanische Talent von dem europäischen unterscheiden. Vielleicht nur das Sujet, das das amerikanische Leben widerspiegelte. Jetzt aber sind die Ansätze zu einem amerikanischen Stilausdruck “da, der, ähnlich wie die Architektur des großen Frank Lloyd Wright, auch in Europa akzeptiert wird oder schon akzeptiert worden ist.

Vor noch 15 Jahren fand man private Kunstgalerien, die die Avantgardisten förderten, nur in dem Weltzentrum New York. Heute sprießen überall in Amerika kleine, intime Galerien pilzartig aus der Erde hervor, und die Freilichtausstellungen der Künstler in ihren Wohnvierteln finden wie in Paris ein kaufkräftiges Publikum, das begeistert der Kunst huldigt und den unbekannten Künstler durch Ankäufe unterstützt. Der Millionär als der lang gesuchte Mäzen ist verschwunden. Ein breites Publikum ist bereit, dem Künstler die verdiente Anerkennung zu geben. Es wird nicht müde, zu sehen und zu genießen.

Was früher nur wenigen Auserwählten zugänglich war, ist jetzt das Bedürfnis der Massen geworden. Alles, was Europa in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg bewegte, einschließlich Inflation und Arbeitslosigkeit, hat sich nun auch in Amerika gezeigt. Nach dem Kriege will man das Gerassel der Waffen mit einer freien Vitalität des Geistes vertauschen. Man ist willig, aufzunehmen, zu suchen und zu finden. Man sieht, daß die Jahre wohl andere Vorzeichen haben, aber daß die Menschen von dem gleichen Impuls getrieben sind. Diese Impulse in die Bahnen des Ästhetischen zu lenken, hat sich, von dem geschilderten Experiment ausgehend, auf die ganze Nation ausgewirkt. Amerika ist bereit, weiter jung zu bleiben und seinen Platt in der Weltkultur einzunehmen.

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