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Die Bestialisierung der Phantasie

1945 1960 1980 2000 2020

„Bedroht die biologische Forschung die Zukunft des Menschen?" lautete das Thema, dem sich der bekannte Molekularbiologe Erwin Chargaff für die FURCHE stellte.

1945 1960 1980 2000 2020

„Bedroht die biologische Forschung die Zukunft des Menschen?" lautete das Thema, dem sich der bekannte Molekularbiologe Erwin Chargaff für die FURCHE stellte.

Wenn ich auf die im Titel meines Vortrags mit einem Fragezeichen versehene Bedrohung der Zukunft des Menschen eingehen soll, möchte ich Sie bitten, mir einige einführende Worte zu gestatten. Seit der Zeit, als die Naturwissenschaften und die Naturforschung einen wichtigen Platz in der Welt zu beanspruchen begannen, also etwa seit dem 17. Jh., hat es immer wieder Stimmen gegeben, die Furcht oder Abscheu vor solcher Tätigkeit ausdrückten.

Daß diese Stimmen nicht sehr zahlreich waren, dafür gab es gute Gründe. Verglichen mit der Größe, der Riesenhaftigkeit der Natur, repräsentierte die Naturforschung nicht die geringste Gefahr. Sie war ein eher liebens- und lobenswerter Versuch, das den Menschen umgebende Dunkel etwas zu erhellen. Sie war ein Beruf von Sonderlingen, von Außenseitern, welche sehr oft gleichsam ein Gelübde der Armut, der Lächerlichkeit, der Ausgeschlossenheit von den Interessen der Gesellschaft auf sich nehmen mußten, bevor sie sich dieser Betätigung widmen konnten.

Außerdem war der Zusammenhang zwischen der Naturforschung und der Anwendung ihrer Ergebnisse in der Technik für lange Zeit nicht klar erkennbar. Kein Schatten von Galilei oder Newton fiel auf die Dampfmaschine. Die Technologie und die Industrie wurden von Erfindern und Ex-ploiteuren vorangetrieben, die sich gewiß nicht als Naturforscher betrachteten. Aber hinter dem abscheulichen Computer sind die Schatten eines Turing oder John von Neumann klar zu erkennen und, ich fürchte, hinter der Atombombe der des großen Einstein.

Was geschehen ist — und es ist in unserer Zeit geschehen —, ist eine mehr als revolutionäre Veränderung des Zeitausmaßes zwischen Beobachtung und Anwendung, oder, wenn Sie wollen, zwischen Entdeckung und Erfindung. Zweihundert Jahre bis zum Elektrizitätswerk, sieben Jahre bis zu Hiroshima! Die fieberhafte Hast der Anwendung steigert sich immer mehr. Das kommt sicherlich daher, daß wir im Jahrhundert der Riesenkriege, der Massenausrottungen leben. Es kommt aber auch daher, daß ein im wesentlichen geschichtsloses großes Volk, die Amerikaner, sich zum ersten Mal auf der Bühne der Weltgeschichte breitmacht.

Es ist, als wenn ein Gleichgewichtsprinzip, das die Menschheit seit der Menschwerdung geleitet hat, plötzlich außer Betrieb gesetzt worden wäre. Die Räder spinnen wie wahnsinnig und werfen wahllos Produkte und Verbrechen, Heilmittel und Bomben, Spielzeuge und Pillen, neue Kleider und neue Naturgesetze auf einen Markt, der nur davon lebt, daß alles so schlampig und schlecht gemacht ist, daß es fast sofort durch etwas noch Neueres und Schlechteres ersetzt werden muß.

Julius Caesar und Napoleon brauchten ungefähr dieselbe Zeitspanne, um von Rom nach Paris zu reisen. Jetzt fliegen die Ratlosen in der „Concorde" über ganze Kontinente und Ozeane von einer Beratung zur andern, erfüllen den Mond mit ihrer Gedankenleere und haben die ganze Erde versaut. Jetzt wartet schon das

Universum auf ihre Bierdosen. Denn wir brauchen den Weltraum, damit es noch schiefergeht.

Der Kult der Schnelligkeit, von dem meine Generation noch verschont war, hat, wie zu erwarten war, die genetische Forschung besonders ergriffen. Nur wenige Jahre nach dem ersten Hinweis, daß es möglich ist, ein Stück einer DNA auf eine fremde DNA zu pfropfen — also das zu erzeugen, was auf englisch „recombinant DNA" heißt -, gibt es allein in den Vereinigten Staaten 219 Firmen, die sich mit Biotechnologie befassen. Darunter befinden sich alle großen chemischen Aktiengesellschaften, aber unter den 219 gibt es 110 Firmen, die nur zu diesem Zweck gegründet wurden. Zwischen März und Juli 1983, also in vier Monaten, sind 23 neue Biotechnologiefirmen dazugekommen, die 450 Millionen Dollar aufgebracht haben. Die bekannte englische Zeitschrift „Nature" veröffentlicht alle paar Wochen einen speziellen Börsenbericht, der sich nur mit den wichtigsten genetischen Firmen und dem Wohl- oder, meistens, Ubelbefin-den ihrer Aktien befaßt...

Da unter den menschlichen Trieben die Habgier viel mächtiger ist als der Wissensdrang, hat die weitgehende Kommerzialisierung der modernen molekulargenetischen Forschung eine enorme Beschleunigung aller Arten von Versuchen mit sich gebracht. Vor ein paar Jahren hatte ich mir ein kleines Schreckenskabinett von Scheußlichkeiten angelegt, die ich der Tagespresse und der populär-wissenschaftlichen Literatur entnommen hatte. Als ich kürzlich wieder einmal hineinschaute, war alles nicht mehr wahr oder veraltet. Ich habe es also heute nicht mitgenommen; und was ich jetzt in der Presse finde, sammle ich nicht mehr. Es lohnt sich nicht, denn ich habe gelernt, daß es nicht so sehr auf das Vollbringen ankommt als auf den häßlichen Willen.

Ich denke nämlich, die wahre Gefahr für die Zukunft des Menschen liegt in der fortschreitenden Brutalisierung der wissenschaftlichen Einbildungskraft. Es ist die Bestialisierung der Phantasie, die es uns gestattet, die Schranken des wissenschaftlich Möglichen — und daher des ethisch Erlaubten — immer weiter vorzuschieben. Wenn die Barrieren mobil werden, hören sie auf, das Land zu beschützen.

Schon vor einigen Jahren habe ich es erkannt, daß die fortgeschrittenen Länder des Westens wie des Ostens unter der Maxime operieren: „Was gemacht werden kann, muß gemacht werden." Denn das einzige moralische Prä-zept, das die entwickelte Welt anzuerkennen scheint, ist dasjenige, welches im ekelhaften Wort „Sachzwang" ausgedrückt ist. Früher zwang der Mensch die Dinge, jetzt zwingen sie ihn.

Und wirklich, es ist in unserer Welt, wie sie konstituiert ist, schwer, ja fast unmöglich, zu erkennen, wann der Augenblick gekommen ist, Einhalt zu gebieten. Es gehören überirdische Kräfte dazu, um auf einer schiefen Ebene stehenzubleiben, wenn man einmal im Rollen ist. Woher sollen diese Kräfte kommen? Nicht aus der Vatikanischen Akademie der Wissenschaften, denn drin sitzen einige der übelsten Gen-Malträtierer.

Fast schäme ich mich, darauf hinzuweisen, daß der Fortschritt immer auch ein Wegschritt ist. In manchen Fällen hat er die Menschen weggeführt aus der Sklaverei in die Freiheit, in andern aus der Freiheit in die Sklaverei...

Alles aber läuft darauf hinaus, daß unsre Zeit als erste in der Geschichte es auf sich genommen hat, mit dem Schicksal des Menschen umzugehn wie mit einem gebrochnen Fahrrad. Früher hatte der Reduktionismus wenigstens vor dem Leben und dem Schicksal der Menschen haltgemacht. Wie anders jetzt. Bist du unzufrieden mit deinen Genen, tausch sie aus. Männer in weißen Kitteln, mit einer Maske vor dem Gesicht, um dich und sich zu beschützen, werden dir eine Musterkarte vorlegen, aus der deine Zukunft nach Wahl abgelesen werden kann. Schon vor deiner Geburt wird deine Seele im Computer stehn, abrufbar durch Tastendruck.

„Das Paradies ist eine langweilige Hölle", sicherlich hat das schon jemand gesagt und ist sich dabei geistreich vorgekommen. Wie viel langweiliger jedoch eine Welt, die von der Naturwissenschaft arrangiert worden ist. Wie lange aber, bevor wir erkennen, daß der Weg zur Hölle mit den guten Vorsätzen der Gentechnologie gepflastert ist?

Dabei glaube ich nicht einmal, daß unser Schicksal und unser Charakter in der chemisch definierbaren Erbmasse, also in der DNA der Chromosomen, enthalten sind. Dieser biologische Text umschließt wahrscheinlich die Instruktionen für alle oder zumindest für die meisten unserer physiologischen Fähigkeiten und

Erfordernisse, und wenn jemand krank ist, weil ihm ein Enzym oder ein anderer Faktor fehlt, so kann das natürlich einen Einfluß auf seine Zukunft haben.

Das ist also die Hintertür, durch die die genetischen Weltverbesserer hereinschlüpfen. Wer kann „nein" sagen, wenn befragt, ob man diesem armen, geistig zurückgebliebenen Kind nicht helfen sollte oder dieser armen, kinderlos gebliebenen Frau? Meistens wird aber diesen armen Leuten gar nicht geholfen, sondern sie dienen nur als Vorwand zur Ausstattung neuer prächtiger Laboratorien oder zur Schaffung neuer Stellungen.

Und selbst wenn die Leistungen der Wissenschaften mehr in Einklang wären mit ihren Versprechungen als sie es meistens sind, selbst dann würden sich gewichtige Fragen ergeben. Wie muß der Mensch aussehen, der es sich anmaßt, Vorsehung zu spielen? Legitimiert ihn der bloße Umstand, daß er ein Doktorat erworben hat? Viele schwere Schicksale haben die Menschen in ihrer langen Geschichte getragen, und die Sphäre ihres Leids ist so groß wie das Weltall. Jetzt aber soll es den biologischen Ombudsmann geben, und er mißt Unermeßlichkeiten mit dem Zentimetermaß. Wie muß dieser Ombudsmann aussehen, damit ich ihm nicht nur seine Kompetenz, sondern auch die Ermächtigung glaube, jene auszuüben?

Nun bin ich in meinen grüneren Jahren viel in den Wissenschaften herumgekommen, und ich kenne viele von den Genmanipulatoren. Leider kann ich Ihnen versichern, daß keiner aussieht wie der Erzengel Gabriel — im Gegenteil. Eher sehn sie aus wie bebrillte Wiesel. Und da habe ich mich oft gefragt: Wie kann der einzelne es wagen, seine Hände da hineinzustecken? Empfindet er keine Scheu vor solchen Grenzüberschreitungen?

Vielleicht besteht die größere Gefahr solcher Forschung darin, daß sie es uns bald unmöglich machen wird, unerläßliche Fragen zu fragen.

Apokalyptische Gerüche

Erwin Chargaff, weltbekannter Molekularbiologe und Biochemiker, Altösterreicher (1905 in Czemowitz geboren) und an der Columbia University in New York zu Weltruhm gelangt (er wurde dort 1974 emeritiert), sprach im Auditorium Maximum der Universität Wien.

Ein fasziniertes, vor allem jugendliches Auditorium lauschte seinen Anklagen gegen die Menschenzerstörer im weißen Arztkittel beeindruckt, besorgt, auch ein wenig skeptisch.

Manche teilten erkennbar seinen Pessimismus nicht. Aber ist er wirklich so pessimistisch? Hat er nicht als Abhilfe die freiwillige Umkehr jedes einzelnen Wissenschafters auf dem Weg ins Unheil empfohlen? Setzt das nicht ein großes Vertrauen in die moralischen Kräfte des einzelnen voraus?

Die Diskussion verlief anregend und auf hohem Niveau, Beifall gab es für eine

Wortmeldung, wonach es nicht ratsam wäre, Wissenschaftern ein Ausscheren aus dem Fachgebiet zu empfehlen, weil dort dann überhaupt niemand mehr mit Gewissen übrigbliebe.

Erwin Chargaff hat bei der von FURCHE, Zoologisch-Botanischer Gesellschaft, dem Verein zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse und dem Katholischen Akademikerverband Wien geförderten Veranstaltung seine „gute Nase für apokalyptische Gerüche" wieder einmal unter Beweis gestellt. Jetzt gilt es, die Pestilenz allgemein spürbar zu machen.

Die FURCHE wird sich in Zukunft vermehrt einem Themengebiet zuwenden, das nicht der Verteufelung, wohl aber einer sehr kritischen Begleitung bedarf, damit die Menscheit davog bewahrt wird, Opfer einer „brutalisierten Wissenschaft" zu werden.

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