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Plädoyer für die soziale Phantasie

In einer Zeit, da die Fülle der wissenschaftlichen Entdeckungen und technischen Erfindungen von Tag zu Tag wächst, ja geradezu wuchert, in einer Zeit, da so viel Neues auf die Öffentlichkeit eindringt, daß sie es entweder gar nicht mehr oder nur mit halber Aufmerksamkeit wahrnehmen kann, in dieser Zeit bleibt ein Feld fast unbestellt, fruchtlos und kahl, das der menschliche Geist einst mit ganz besonderem Eifer pflegte: das weite Gebiet zwischen Gegenwart und Zukunft, • auf dem aus tausenderlei kleinen Einfällen und Einzelfällen große Ganzheiten erwuchsen: Träume, Vorstellungen, Pläne, die von der Möglichkeit einer neuen Gesellschaft, eines schöneren Lebens, einer veränderten Wirklichkeit ahnungsvoll zu sprechen wagten.

Auch Albert Camus hat 1957 in seiner Ansprache anläßlich der Entgegennahme des Nobelpreises gesägt: „Jede Generation sieht zweifellos ihre Aufgabe' darin, die Welt neu zu erbauen. Meine Generation jedoch weiß, daß sie sie nicht neu erbauen wird. Aber vielleicht fällt ihr eine größere Aufgabe zu. Sie fegtrfö ?“r;n. der Zerteil der Welt zu verhindern.“ Schöne, noble, von Resignation getragene Worte. Aber kennzeichnen sie die Lage wirklich ganz richtig? Wir erleben doch täglich, daß um uns herum und von Menschen unserer Generation eine „neue Welt erbaut“ wird. Weshalb hat diese Generation denn nicht anders gebaut?

Es scheinen hier einmal die Enttäuschung über die erschreckende Entwicklung zweier in der Praxis erprobter gesellschaftlicher Entwürfe, die des Nationalsozialismus und Bolschewismus, zweitens die mangelnde sozialwissenschaftliche Sicherheit und drittens die unheimliche Beschleunigung des technischen Fortschritts zusammenzuwirken, um die „Clercs“ dieser Generation an ihrer vielleicht wichtigsten Aufgabe zu hindern, einer Aufgabe, die ihnen trotz aller begreiflichen Hemmungen, Bedenken und Hindernisse aufgetragen bleibt, die sogar täglich dringender und notwendiger wird, weil ihre Nichterfüllung vermutlich noch sicherer als eine ungenügende, teilweise gewiß fehlerhafte Ausführung das Chaos, vielleicht den Untergang herbeiführen müßte.

Es gilt also, die eingeschlafene Kraft der sozialen Phantasie zu wecken und zur Diskussion zu stellen. Allerdings darf diese Bemühung nun ihrerseits gewiß nicht bei der Klage, der Entschuldigung, der „Kritik der Kritiker“ stehenbleiben, sondern hat darüber hinaus selber eine Vision zu präsentieren, einen „Entwurf über das Entwerfen“, Vorschläge, wie das Entstehen „sozialer Erfindungen“ in der heutigen Zeit gefördert oder wenigstens begünstigt werden könnte.

Die erste Voraussetzung dafür wäre meiner Ansicht nach, daß die Bemühungen um das Kommende — dem Vorbild der Naturwissenschaften folgend — deutlich in zwei Bereiche aufgeteilt würden. So wie es eine zweckfreie, sogenannte „reine Forschung“ gibt, die nocljX nicht ganz ihr Herkommenajoe-der Philosophie verleugnet undsich mit Grundlagenfragen befaßt, so gibt es auch eine „angewandte Forschung“, die bereits die mögliche Nutzbarmachung der Ergebnisse in den Bereich ihrer Arbeiten einbezieht.

Das soll nun keineswegs heißen, daß die Arbeiten der zweckfreien „Zukunftsforscher“, wie wir sie einmal nennen wollen, nicht auch der Praxis der gesellschaftlichen Gestaltung wichtige, vermutlich sogar ganz entscheidende Impulse vermitteln würden. Das werden, das können, das müssen sie sogar tun, denn die Notwendigkeit des Voraus- und Weiterdenketis gerade in diesen Zeitalter der scheinbar richtungslosen Entwicklungsbeschleunigung ist brennend und verlangt darnach. Aber die Erfahrung mit den Naturwissenschaften hat gezeigt, daß gerade aus der zweckfreien Forschung, die zunächst gar nicht an Verwertbarkeit, sondern an Wahrheitssuche dachte, dann die wichtigsten, folgenreichsten, gar nicht vorhergesehenen praktischen Entwicklungen entsprangen.

Man kann nachweisen, wie arm, wie eng, wie wenig fruchtbar das heute so blühende Feld der Naturwissenschaften und ihrer Anwendungen wäre, wenn alle Forscher von Anfang an ihren Blick stets auf die praktische Nutzung ihrer Arbeiten gerichtet und von dort ihre Impulse empfangen hätten. In diese Kondition hat sich nun aber die „soziale Phantasie“ schon sehr früh drängen lassen. Darum ist sie schließlich zur Magd enger und starrer politischer Bewegungen erniedrigt worden, deshalb wagt sie es nicht, sich von den Fesseln des soziologischen Empirismus und Pragmatismus zu lösen, darum ist sie nicht imstande, in einer Zeit stürmischer Veränderungen selbst diesen Veränderungen vorauszueilen.

Wir haben von der zweckfreien sozialen Phantasie gesprochen und wollen uns nun fragen, ob die wahrscheinlichkeitsnähere „angewandte soziale Phantasie“ der sozialen Praxis Flügel verleihen kann, indem sie dort einsetzt, wo die sogenannte wissenschaftliche Prognose und Modellbildung versagen müssen.

In dem Wort „Imagination“ ist ein Charakteristikum der Phantasie gefaßt: Sie kann eine „Imago“, ein Bild, entwerfen, und vermöge dieser Eigenschaft ist sie der rein wissenschaftlichen, rechnenden Methode des Zukunftsentwurfes in vieler Hinsicht überlegen. Denn sie kann in ihre Entwürfe Qualitäten und Werte einbeziehen, die von der quantitativen Kalkulation gar nicht erfaßt oder gar dargestellt werden können und daher aus ihren „Modellen“ ausgeschlossen bleiben.

Ich kann mit Hilfe von Computern zwar sehr genaue Angaben über den Verkehrsfluß in einer Großstadt des Jahres 1970 bei wachsender Motorisierung erhalten, aber ich werde daraus keinen Aufschluß darüber bekommen, wie sich die Menschen in dieser Stadt fühlen werden und was getan werden müßte, damit sie, ohne ganz auf den gewohnten Komfort des Autofahrens verzichten zu müssen, dennoch nicht vom Verkehr „überrollt“ werden. Wenn ich nun Entwürfe einer menschenwürdigen Großstadt präsentieren will, dann kann ich das nur tun, wenn ich bewußt die Kraft der sozialen Phantasie einsetze, weil sie das Unberechenbare mit einbezieht. Später kann ich dann diese Vorschläge wenigstens teilweise von Datengeräten auf ihre Machbarkeit hin überprüfen lassen.

Denn es ist nicht nur möglich, sondern sogar empfehlenswert, die Methoden der sogenannten wissenschaftlichen Zukunftsforschung bei der praktischen Planung einzube-ziehen. Aber sie werden niemals die Arbeit der Imagination ersparen. Zum Rechner müssen sich zahlreiche andere „Spezialisten“ (der Mediziner, der Psychologe, der Künstler zum Beispiel), vor allem aber Menschen mit Phantasie gesellen. Vielleicht wartet hier sogar auf die Dichter, die sich heute, um ein Wort des Franzosen Louis Pauwels zu zitieren, an „geistige Bijouteriearbeit“ verlieren, eine neue große Aufgabe.

Eine der wichtigsten, vielleicht sogar die entscheidende Möglichkeit und Aufgabe der angewandten Phantasie liegt eben gerade darin, daß sie nicht „wertfrei“ entwerfen muß. Weit davon entfernt, die Entwicklung, wie sie sich auf Grund errechneter Prognosen und Extrapolationen als „objektiv“ und scheinbar ..unvermeidlich“ als die Zukunft schlechthin abzeichnet,kann die Phantasie das Element der humanistischen, der ethischen Forderung in die Rechnung einsetzen. Denn der „Zwang“, den die Fakten der Vergangenheit und der Gegenwart ausüben, ist viel geringer, als bisher angenommen worden ist. Gerade weil der Mensch heute eine so große und immer noch wachsende Gewalt über die materielle Welt gewonnen hat, wäre es ihm durchaus möglich, den Lauf jeder Entwicklung, die sich als lebens- und menschenfeindlich erweist, zu verändern.

So gibt es — um ein präzises Beispiel zu erwähnen — keine „fatale Entwicklung“, die zum dritten Weltkrieg führen muß. Es ist nicht richtig, daß der Abbau und das schließliche Verschwinden der Rüstungsindustrie unwiderruflich zu einer Wirtschaftskrise im kapitalistischen System führen müsse. Das kann es nur, wenn wir uns weigern, rechtzeitig Entwürfe, Modelle und schließlich konkrete Pläne für den Ubergang des Rüstungsanteils der Wirtschaft zu friedlichen Produktionsaufgaben zu formulieren. Es stimmt auch nicht, daß eine effektive Rüstungskontrolle unmöglich wäre, aber es müssen mehr Entwürfe für Kontrollsysteme gemacht und öffentlich zur Diskussion gestellt werden.

Doch selbst wenn wir bescheidener sind und von der Formulierung der „Entwürfe einer neuen Zeit“ nicht gleich einen direkten Einfluß auf den Lauf der Geschichte erwarten wollen, so können sie gewiß noch zwei andere Wirkungen ausüben. Sie würden erstens sowohl die Schwierigkeiten wie die Möglichkeiten, die jede neue Entwicklung charakterisieren, etwas greifbarer machen als dies mit den Methoden der kritischen Analyse und quantitativen Prognose allein möglich wäre.

In der Bekämpfung des Zeitgefühls der Aussichtslosigkeit schließlich sehe ich eine wichtige Nebenwirkung des Anfertigens von Zukunftsentwürfen. Die Menschheit — und ganz besonders die Menschen des sogenannten „Westens“ — leidet heute an einem „Morbus futuri“, einer Erkrankung ihres Zukunftsgefühls. Wo einst Hoffnung war, sind heute meist nur das Gefühl des Ausgeliefertseins, notdürftig durch falsche „Heiterkeit“ übertünchte Resignation oder gar Erwartung einer Endkatastrophe zu finden. Es ist, als sei das Licht aus dem Himmel gewichen, als liege nur graue Dämmerung vor uns.

Es käme also den Bemühungen, die soziale Phantasie zu neuen Entwürfen zu mobilisieren, über ihre mögliche echte Zukunftswirkung hinaus eine sofortige'mentalhygienische Bedeutsamkeit mitten, in unserer Gegenwart zu. Ein Aspekt von philosophisch vielleicht geringer, aber praktisch unter Umständen größter Wichtigkeit. .

Wir haben von der „zweckfreien sozialen Phantasie“ und von der „angewandten sozialen Phantasie“ gesprochen. Nun haben wir uns abschließend noch die Frage zu stellen, wie weit sie der „Sozialtechnik“ dienen kann und darf.

Der Beitrag, den die Wiederbelebung der „sozialen Phantasie“ zu einer „Sozialtechnik“ leisten kann, wäre, soweit sie sich mit einzelnen und Gruppen befaßt, in erster Linie pädagogischer und psychologischer Art. Sie könnte die Menschen unserer Zeit „zukunftsbevuSt“ und „zukunftsfreudig“ machen. Sie würde, wenn sie nicht nur das intellektuelle Spiel einiger Spezialisten bleibt, sondern zu einer „Übung“ wird, der sich jedermann nach bestem Wissen hingeben würde, das geistige Klima entscheidend verändern, weil sie mehr und mehr Menschen lehren würde, das Gegenwärtige nicht nur unter den kleinlichen schuld- und ressentimentbeladenen Aspekten des „Gestern“, sondern auch unter denen eines möglichen großzügigeren „Morgen“ zu sehen.

Neben die Kritik des Bestehenden hätte dann der Vorschlag für das Werdende zu treten. Ich könnte mir denken, daß Menschen jedes Berufes, Menschen in den meisten Unzufriedenheit hervorrufenden Situationen durch solche Übung der konstruktiven Phantasie wenn auch nicht Antwort auf alle ihre Schwierigkeiten, so doch den Eintritt in eine neue, produktivere Phase der Auseinandersetzung mit ihrem Schicksal finden würden.

Darüber hinaus aber könnten die Erfindungen der sozialen Phantasie den „Sozialtechnikern“ als Ideen* fundgrube für ihr Vorhaben dienen, als eine Art sich niemals erschöpfender Fonds von Alternativen, eine Quelle vielfältiger Anzipation. Es wäre denkbar, daß hervorragende Persönlichkeiten, aber auch bestellte Gremien, in denen sich die verschiedensten Spezialisten regelmäßig zu gemeinsamer Besprechung träfen, die „Herstellung“ solcher zukunftsweisender „Entwürfe“ als eine ihrer vornehmsten Aufgaben ansehen würden, als eine Übung schöpferischer Freiheit und zugleich eine Ausübung ihrer Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft. Allerdings wäre wohl die geistige Unabhängigkeit solcher sozialer Erfinder nur dann gewährleistet, wenn sie persönlich auf die Mitwirkung bei der Verwirklichung und Durchsetzung ihrer Entwürfe verzichten würden, um der weiteren Entwicklung gegenüber jene Unbefangenheit der schöpferischen Kontemplation zu bewahren, die sich auch dann, wenn sie der Praxis unentbehrliche Ratschläge erteilt, ihr niemals ausliefert. Denn wie könnte sie sonst hinter dem, was wurde, bereits wieder sehen, was neu wird?

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