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Digital In Arbeit

Nicht nur neue Technologien - ein neuer Lebensstil wird nötig

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Wieviel Pioniergeist, Intelligenz, Idealismus, Aufgeschlossenheit und Einsatzbereitschaft waren notwendig, um bisher ungeahnte Möglichkeiten zu eröffnen, wie sie von der Computersteuerung der Weltraumflüge, von der Verkehrssteuerung bis zur Computermedizin reichen, betonte Wiens Erzbischof Kardinal Dr. Franz König in einer Rede vor dem Fünften Internationalen Kongreß über „Datenverarbeitung im europäischen Raum“.

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Wieviel Pioniergeist, Intelligenz, Idealismus, Aufgeschlossenheit und Einsatzbereitschaft waren notwendig, um bisher ungeahnte Möglichkeiten zu eröffnen, wie sie von der Computersteuerung der Weltraumflüge, von der Verkehrssteuerung bis zur Computermedizin reichen, betonte Wiens Erzbischof Kardinal Dr. Franz König in einer Rede vor dem Fünften Internationalen Kongreß über „Datenverarbeitung im europäischen Raum“.

Der Computer ist eine der jüngsten Erfindungen in der Geschichte der Menschen. Sie unterscheidet sich gegenüber den bisherigen Errungenschaften der Technik dadurch, daß sie nicht nur zur Verstärkung und Nutzung der energetischen Kräfte dient, sondern die Unterstützung der geistigen Kräfte in heute noch kaum faßbarem Ausmaß anstrebt.

Was aber hat dieser moderne Industriezweig mit Religion oder einer zweitausendjährigen Institution wie der Kirche zu tun? Die Verantwortung für die Menschen unserer Zeit ist es, die uns verbindet und eint. Sie tragen diese Verantwortung als Fachleute einer technischen Entwicklung, von der viele meinen, daß sie das Leben der Menschen mehr verändert als jede technische Entwicklung je zuvor. Wir tragen diese Verantwortung als Bewahrer und Verkünder geistiger Werte, auf denen unser Menschsein zu allen Zeiten beruht. Unsere Aufgabe ist es, diese bleibenden Wahrheiten auf die konkreten Zustände der jeweiligen geschichtlichen Situation anzuwenden.

Der Gedanke, daß es in Zukunft eine Selbstverständlichkeit sein wird, alles über alles in Erfahrung zu b ringen und das nicht nur zu einem bestimmten Zeitpunkt durch eine einmalige Erhebung, sondern dauernd durch eine ständige begleitende Beobachtung, das ist faszinierend und beängstigend zugleich.

Die Utopie im Computer

Nicht selten wird der Erklärungswert von Computerergebnissen in einer Art Computergläubigkeit überschätzt. Sie als Fachleute sind über eine solche Computergläubigkeit erhaben. Aber ist es auch bei denen der Fall, die dieses Wissen zur Anwendung bringen? Führt nicht manchmal ein Verständnis des Computers als perfektes Werkzeug zu einem Glauben an strenge Gesetze auch dort, wo sie gar nicht so streng sind - zu einer Unflexibilität gegenüber Ausnahmen und zu einem Resignieren der kreativen Kräfte, wenn der Computer einmal eine Aussage gemacht hat? Sie alle kennen diese Schwierigkeiten. Es wurde von ihren Fachleuten daraufhingewiesen, daß die Ratschläge eines Computers unter Umständen geradezu hinterhältig sein können. Manche Laien aber träumen von einer besseren Welt, in der der Computer alles gut macht, was die Menschen verdorben haben.

In unserer Zeit scheint aber eine besondere Nüchternheit am Platz zu sein. Zeigen nicht zuletzt viele Computerberechnungen im Zusammenhang mit verschiedenen Weltmodellen, daß große Probleme auf die Menschheit zukommen, für deren Lösung der Computer von großem Nutzen sein wird, bei denen es aber vor allem von den Menschen abhängt, ob und wie sie die Probleme meistern.

Es wird sicher notwendig sein, Betriebsstrukturen und vielleicht auch staatliche Strukturen und Ordnungen zu verändern, so daß der Einsatz von Computern rentabel und sinnvoll wird. Wenn wir das Wort „computergerechte Organisation“ hören, wird vielleicht mancher an den vor Jahren gebrauchten Ausdruck der „autogerechten Stadt“ erinnert werden. Ein Ausdruck, der jetzt mehr und mehr von der Forderung nach einer menschengerechten Stadt abgelöst wird.

Die Gefahren des Mißbrauchs

Computergerechte Organisation? Ja, wenn sie auch menschengerecht ist! Wissen wir aber genug über die psychischen und sozialen Nebenwirkungen organisatorischer Änderungen oder bemühen wir uns zumindest, sie so gut es geht zu berücksichtigen? Dieses Problem wird besonders aktuell im Zusammenhang mit der Einrichtung zentraler Datenbanken, bei denen Fragen der Wahrung der Intimsphäre des Menschen, der Machtballung durch Informationsmonopole und des Mißbrauchs dieses Monopols auftreten können.

Wenn es im deutschen Datenschutzgesetz heißt: „Das Speichern ist zulässig, wenn es zur rechtmäßigen Erfüllung der in der Zuständigkeit der speichernden Stelle liegenden Aufgabe er-

forderlich ist“, dann erscheint dies auch dann bedenklich, wenn nicht nur den Behörden dieses Privileg der Datenspeicherung ohne Bezug auf die Belange der Betroffenen zugebilligt wird. Solche Bedenken gelten auch für die Religionsgemeinschaften. Es werden so zwar Voraussetzungen für eine computergerechte Gesellschaftsstruktur geschaffen, aber wichtiger noch ist die Frage nach einer menschengerechten Struktur. Hier stoßen wir auf ein grundsätzliches und lebenswichtiges Problem. Einerseits braucht der Mensch gesellschaftliche Institutionen, ein soziales Ordnungsgefüge, um ganz Mensch zu sein. Anderseits wird er immer wieder von diesen Systemen und Institutionen bedroht, wenn diese ein vom Menschen unabhängiges Eigenleben gewinnen.

Der Computer wäre nun imstande - wenn wir uns dieser Gefahr nicht immer bewußt sind das Eigenleben der Systeme und ihr Übergewicht gegenüber den Menschen zu verstärken. Er kann aber auch helfen, die Systeme besser zu verstehen, um sie dem Menschen dienstbar zu machen. Bei diesen Alternativen müssen wir auf Seite des Menschen stehen. Dies ist in unserer Industriegesellschaft von besonderer Wichtigkeit

Wissen ist Macht. Je größer die Macht ist, desto größer wird aber auch die Verantwortung. Kann aber der Computer bestehende Machtstrukturen, die bisher die Verantwortung für unsere gesellschaftliche Entwicklung getragen haben, nicht aus dem Gleichgewicht bringen? Dürfen wir diese Technik sich selbst überlassen und passiv oder neugierig darauf warten, wohin sie uns führen wird?

Wenn also der Computer ein wirkungsvolles Instrument bei der Bewältigung gegenwärtiger Probleme - besonders auch in der Zukunft - sein soll, so müssen wir uns rechtzeitig bemühen, seine Möglichkeiten und Grenzen zu kennen.

Die Kirche muß warnen

Die Kirche hält es für ihre Pflicht, sich immer zu Wort zu melden, wenn die Wahrheit und die Gerechtigkeit in Gefahr sind, zum Schaden des einzelnen wie der menschlichen Gesellschaft, von Fehlentwicklungen überrollt zu werden und damit das Allgemeinwohl der Menschen gefährdet erscheint.

Mit den großen Vorteilen des Computers für die verschiedenen Lebensbereiche ist aber eine Entwicklung eingeleitet, die dazu führt, daß immer mehr Daten über den einzelnen, über seine Bedürfnisse, seinen Lebensgang, seinen sozialen Status, über seine Verpflichtungen und Abhängigkeiten in den Maschinen der Informationsverarbeitung aufscheinen und festgehalten werden. Ich erachte es daher als meine Pflicht, als Vertreter der Kirche auf den möglichen Mißbrauch und auf die möglichen Gefahren, die damit verbunden sind, mit allem Nachdruck hinzuweisen. Wir müssen bei Zeiten alle Möglichkeiten ausschöpfen, um ein Höchstmaß an Sicherheit gegenüber möglichen Mißbräuchen zu garantieren. Weltweite Bemühungen sind im Gange, Gesetze zum Schutze der Daten und damit zum Schutz des einzelnen zu erlassen. Die Unantastbarkeit der persönlichen Sphäre, die Freiheit des einzelnen, ist einer der Grundpfeüer der Gesellschaftsordnung unserer freien Welt, die Basis unseres Fortschrittes, die Quelle der schöpferischen Kräfte. Wir müssen uns, um unser Leben auch in Zukunft in Freiheit weiter führen zu können, diese Freiheit erhalten. Jeder einzelne von uns muß im vollen Bewußtsein seiner Verantwortung für sich selbst und seine Mitmenschen im Zeitalter des Computers dafür eintre- ten. Dieses Bewußtsein muß in uns allen so stark verankert sein, daß wir in uns selbst die stärkste Barriere gegen einen Mißbrauch aufrichten. Es sollte uns gelingen, jeweils sicherzustellen, daß nur jene Daten bereitgestellt werden, die zu einem bestimmten Zeitpunkt für eine genau definierte Aufgabe ausschließlich von dem dafür Zuständigen und Verantwortlichen benötigt werden.

Die erste industrielle Revolution, mit der Erfindung der durch künstliche Energie getriebenen Maschine sowie die zweite industrielle Revolution, welche den Produktionsfaktor Information entdeckte und mit Hilfe des Computers ständig erweitert, haben die Industriegesellschaft zu großartigen Triumphen geführt, die vor 20 Jahren am Beginn der Weltraumflüge, der Computertechnik, der Atomenergie - von einer Fortschrittsbegeiste-

rung getragen war. Am Gipfel dieser Triumphe wurde die sie tragende Fortschrittsidee jedoch erschüttert. Diese Erschütterung erfolgte nicht zuletzt durch die Berechnungen der Computer, die in manchen Fällen geradezu zu Untergangspropheten wurden. Eine durch Jahrzehnte ungebrochene Entwicklung ist ins Stocken geraten. Versuche, die allmählich sichtbar werdenden Kräfte einfach durch Forcierung der bisherigen Trends zu überwinden und ihre Schwierigkeiten zu verdrängen, verschärfen langfristig die Situation. Fachleute sind sich einig, daß die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre große Probleme mit sich bringen werden, die vielfach ein vollständiges Umdenken verlangen. Das heißt, daß wir nicht nur. völlig neue Technologien brauchen, wir brauchen auch einen neuen Lebensstil, neue Werte, Qualitäten, Verhaltensweisen, um überleben zu können. Die Forderungen des Club of Rome gipfeln - angesichts dieser Zukunftsperspektiven - in der Forderung nach einer Wende von kopernikanischem Ausmaß, von materiellen zu den immateriellen Werten. Uns Christen kommen solche Forderungen bekannt vor. Wir besitzen sie auch in einer sehr praktikablen Form: Liebe deine Feinde - wer der erste sein will, sei der Diener aller! - Sorgt euch nicht, was ihr essen und trinken werdet, suchet zuerst das Reich Gottes und alles andere wird euch hinzugegeben!

Angesichts solcher und ähnlicher

Forderungen der Bergpredigt kommt aber ein ernster Einwand. Selbst wenn wir uns rein theoretisch einigen könnten, daß die Erfüllung solcher Forderungen die Menschheit in die Lage versetzte, die ernsten Schwierigkeiten derGegenwartund die Bedrohung der Zukunft zu bewältigen, so nützt dies doch nichts, weil sie gegen die menschliche Natur sind.

Glaube statt Resignation

Diese Feststellung führt viele zur Resignation. Bei einer der letzten Zukunftskonferenzen war man sich einig, daß die technologischen Lösungen nur eine notwendige, aber keine ausreichende Bedingung für die Bewältigung der Zukunft sind. Eine solche Bedingung würde erst erfüllt werden, wenn sich die Menschen ändern. Da dies nicht möglich sei, müsse man resignieren.

Gibt es hier keinen Ausweg? Es gibt einen Ausweg, der uns jedoch aus einer rein intellektuellen Dimension in eine andere führt. Es ist die beglük- kende Erfahrung der Religion, des Glaubens, daß die menschliche Natur sich erneuern, daß der Mensch sich ändern kann. Der Mensch kann eine neue Schöpfung werden. Der Mensch kann sich ändern und einen neuen Anfang setzen, wenn er mit seiner intellektuellen Dimension die moralischethische Wertordnung verbindet. Wenn er nicht nur den materiellen Fortschritt, sondern die Hinwendung zu geistigen Werten ernst nimmt und in der Entscheidung zwischen Gut und Böse eine wesentliche menschliche und soziale Komponente sieht. Das ist die frohe Botschaft der Bergpredigt, die in unserer zweiten industriellen Revolution erst wieder recht aktuell wird.

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