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Digital In Arbeit

Leben in einer bequemen Anonymität

1945 1960 1980 2000 2020

Das Problem der neuen Technologien ist nicht die Bewältigung der Unmengen von Daten und Informationen. Die wirkliche Herausforderung liegt in der Verschiebung von „Verantwortung”.

1945 1960 1980 2000 2020

Das Problem der neuen Technologien ist nicht die Bewältigung der Unmengen von Daten und Informationen. Die wirkliche Herausforderung liegt in der Verschiebung von „Verantwortung”.

Wenn über neue Technologien und ihre Folgen diskutiert wird, sucht man oft im Begriff „Ethik” Zuflucht. Die großen Fragen „Woher kommen wir?”, Wohin gehen wir?” und „Wie sollen wir leben?” aber bleiben die drei zentralen Fragen unserer Gesellschaft. Auf dem Weg von „woher” nach „wohin” verändert sich unsere Welt und bedarf einer laufenden Standortbestimmung des jetzigen Lebens. Unser Leben wird von ethischen und moralischen Werten bestimmt. Muß die Ethik den Weltveränderungen angepaßt werden?

Bleibt der Mensch bei all den technologischen Umweltveränderungen selbst konstant? Ist der Mensch der Antike derselbe wie der am Beginn des dritten Jahrtausends?

Wir sprechen von technologischem Fortschritt, wenn jeder aus vielen Fernsehprogrammen auswählen, über das rl elefon mit theoretisch einer Milliarde Menschen in Kontakt treten kann und über Internet blitzschnell Gemeinschaften über den ganzen Globus hinweg aufbauen kann. Ethik ist im Fortschritt aber relativ. Sie bringt Verbesserungen und Verschlechterungen und dadurch Wertverschiebungen.

Der Mensch an und für sich ist derselbe geblieben. Seine Kommunikationsfähigkeit ist fast dieselbe wie einige Generationen vorher. Die Kommunikationsmöglichkeiten haben aber enorm zugenommen. Wir stehen als derselbe Mensch wie zu Gutenbergs Zeiten den riesigen Medienmaschinen gegenüber. Diese Maschinen speien rund um die Uhr Daten aus. Eine ständig zunehmende Zahl an Journalisten verbreitet diese Daten für uns als Informationen. Wir sind es gewohnt zu konsumieren, und wir sind weniger kritisch geworden.

Mit den neuen Technologien haben wir ein Land betreten, zu dem uns noch die Fkhik fehlt. Sei es die Gentechnik, Atomtechnik, Kommunikationstechnik oder Computertechnik. Vjs fehlt uns ein noch nicht definierter ethischer Zugang. Wir messen Neues mit alten Maßstäben. Neue Technologien überschreiten bestehende moralische und ethische Grenzen. Diese Grenzen werden aufgeweicht. Neue moralische Werte entstehen in einem freien Prozeß. Diese neuen Werte sind von Minderheiten (— Eliten) definiert. Minderheiten sind es auch, die die neuen Grenzen ausloten. In Demokratien müssen es die Mehrheiten akzeptieren, daß nicht alle an diesem Neuorientierungsprozeß mitarbeiten können.

Digitale Technologien beeinflussen das heutige Menschenbild. Der Mensch des späten 20. Jahrhunderts ist stark bedroht. Einerseits von der Ökologie, die wir industriell ausbeuten und die durch unvorhersehbare Katastrophen zurückschlägt, und andererseits von der Informationslawine, der er teilweise hilflos gegenübersteht. Das Problem ist aber nicht die MewälfimülfJ der { iimenn-pn von I )a mionen, nein, es ist die

„Verantwortung”. Vieles wird mit Abstand und Entfernung - „Tele” -gelöst. Wir telearbeiten, telelernen, teleshoppen et cetera und haben keinen direkten Bezug mehr. Ein zwölfjähriges Kind hat bereits über 1.000 virtuelle Morde über Fernsehen miterlebt.

Der Tod wird unecht

Ein Mensch, der bereits Hunderte Fernsehmorde miterlebt hat, glaubt den Tod zu kennen und ist beim ersten Zusammentreffen mit dem Tod dennoch zutiefst schockiert. Mit Hilfe der Medien wird Barbarei „ästheti-siert”. Kriege, Diktaturen und Terror bekommen kulturelle Verpackungen und wirken am Bildschirm unecht. Kriege waren in den letzten Jahrzehnten auch weit weg: Vietnam, Korea, Kuwait, Israel, Afghanistan ... Erstaunt waren wir, als er im zentraleuropäischen Jugoslawien ausbrach. Die Medien schoben aber auch ihn ins Zellophan.

Das Telefon wurde erfunden, um Menschen kommunikativ näher zusammenzubringen. Der menschliche Bezugskreis hat sich zwar von sechs auf 15 Menschen erhöht. Das heißt, der durchschnittliche Erdenbürger hat heute, im 20. Jahrhundert mit zweieinhalbmal so vielen Mitmenschen Kontakt als sein Vorgänger im 19. Jahrhundert. Manche Menschen treffen an einem Tag mehr Menschen als ein Mensch vor 200 Jahren inii|inem ganzen Leben. Trotzdem nifnmt der Kontakt in der nächsten Nachbarschaft ab. Den Nachbarn der Neben wohnung kennen wir nur von zufälligen Zusammentreffen am ang oder im telefonieren wir regelmäpigmit freunden, die viele I lunderrcpmorM'ffcr entfernt wohnen.

Ähnlich ist es mit der Kenntnis unserer Umgebung. Von Safaris kennen wir Zebras, I .Owen und Krokodile und haben in Urlaubsreisen deren Verhal ten kennengelernt. Von den heimi sehen Wildschweinen wissen wir sehr viel weniger. Durch Städteflügieisen lernen wir ausländische Hauptstädte kennen. Von der eigenen Heimatstadt wissen wir sehr viel weniger. Wer besucht schon seine eigene Heimat und macht in ihr Urlaub? So wie ein Fremder? Wir sind weltweit vernetzt und kontaktieren Kollegen in Übersee, übersehen aber die Erfolge des neben uns Wohnenden.

Kommunikationspartner im Internet sind „unverbindlicher”. Man tritt in Gemeinschaften ein, die rascher als in der realen Welt entstehen, aber auch rascher wieder zerfallen. Hat man ein bestimmtes Problem zu lösen, stellt man die Frage ins Internet. Bäsch kommen unzählige Helfer.

Gesinnungsgemeinschaften entstehen unter Senioren, Teenagern, Hausfrauen, Wissenschaftern und allen nur denkbaren Gruppen. Sie sind zweckgebunden und anonym. Ihre Teilnehmer bauen keine Verbindlichkeiten auf. Virtuelle Freundschaften sind per Knopfdruck mit einem Mausklick kündbar.

Diese virtuelle Erlebniswelt beeinflußt aber auch unsere reale Welt. Mit Gemeinschaften geht man zuneh mend lockerer um. Familien, Ehen und Freundschaften haben durch den Einfluß der multimedialen Kommunikation zunehmend weniger Verbindlichkeit.

Supermarkt,

Wir bleiben gerne irr der yjrtueUen äHoTryUSh Welt. HieTniffiWBriWwir die Tugenden der Kommunikation wie „den anderen achten”, „Hilfsbereitschaft”, „zuhören” oder „Rücksicht nehmen” nicht zu befolgen. Wir bestimmen, wann wir sie anwenden und ob wir sie anwenden.

Die virtuelle Gesellschaft läßt die menschlichen Umgangsformen und Werte in Vergessenheit geraten. Wer aber mit der persönlichen Kommunikation verantwortungsvoll umgehen kann, findet sich auch in der intensivierten Welt der Medien zurecht.

In den nächsten Jahren wird sich der Kreis vom indirekten Informationskonsum hin zum direkten schließen. Heute beziehen wir über Print- und. elektronische Medien von Journalisten vorgefertigte Meinungen. Wir lesen nicht über das Geschehen selbst, sondern den Kommentar eines Berichterstatters.

Der Leser macht sich nicht eine eigene Meinung. Er übernimmt sie vorgefertigt. So wie im Supermarkt die vorgefertigten Lebensmittel. Wir überdenken und überlegen nicht mehr. Mit dem Kaufpreis des Mediums erstehen wir abgepackte Meinungen. Das Nachdenken entfällt. Diese Zeiteinsparung gibt uns mehr

Freizeit, in der wir mehr vorgefertigte Informationen beziehen können.

Die verdichtete Vernetzung aller Informationsquellen und der immer breitere Zugang zu diesen Informationen bergen aber auch die große Chance, daß wir wieder zur Primärinformation zurückfinden.

Als in den Schulen Taschenrechner eingeführt wurden, prognostizierten Technikgegner die Verdummung der nächsten Generation. Mitnichten. Heute wissen wir, daß der Taschenrechner zum integrierten Werkzeug wurde.

Schule ändert sich

Ähnliches werden die Computer und Datenbanken machen. Sie werden das Auswendiglernen von Fakten in den Schulen abschaffen. Das Wissen aus dem Datennetz erübrigt das. Umgekehrt ist die verstärkte Ausbildung beim Orientierungswissen notwendig, das Lernen, wo und wie man welche Informationen findet. Orientierungswissen kann mit Technologien nicht ersetzt werden.

Im Internet werden Millionen von Fragen beantwortet, die der Surfende gar nicht gestellt hat. Das Medium dominiert und leitet ihn. Der Surfer sollte aber aktiv bestimmen, was er gerade jetzt wissen will, und sich nicht von einem Hypertext zum nächsten muten lassen, um schlußendlich die ursprüngliche Frage vergessen zu haben.

Immer mehr und immer bessere Maschinen, Roboter und Computer wurden entwickelt, um dem Menschen die Arbeit abzunehmen, bis immer mehr arbeitslos wurden. Die Arbeitslosigkeit erzeugt Frustration und Aggressivität, die wiederum zu kriminellen Taten führen.

Eine andere Auswirkung der Arbeitslosigkeit ist Alkoholismus. Auch hier laufen Kosten für die Gesellschaft auf, die man durch „vorübergehende” Maßnahmen (= Arbeitspätze) verhindern könnte.

In unserer Industriegesellschaft treten verstärkt psychische Leiden auf. Diese sind in der Angst vor sozialem Niedergang, Verlust von Sozialprestige und Wohlstandsverlust begründet.

Anfangs haben Maschinen nur manuelle Arbeitsplätze wegrationalisiert. Mit dem Mikroprozessor wurde auch die Kopfarbeit auf Maschinen übertragen.

Handwerkliche Tugenden wie „Genauigkeit”, „ Zuverlässigkeit”, „Ausdauer”, „Fleiß”, „Pünktlichkeit”, „Ordnung”, „Sauberkeit” sind in der digitalisierten Welt durch „Verantwortung”, „Selbstwertge-fühl”, „Mobilität”, „Flexibilität”, „Kooperationsfähigkeit” und „Orientierungsfähigkeit” ersetzt.

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