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Anpassen oder verweigern

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Nüchternheit, Fundamentalismus, eine neue Romantik, Moralismus, Nihilismus oder simple Anpassung sind die gängigen Stratgien gegen die Angst.

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Nüchternheit, Fundamentalismus, eine neue Romantik, Moralismus, Nihilismus oder simple Anpassung sind die gängigen Stratgien gegen die Angst.

Manche Risiken der Moderne findet man in den Statistiken: von Autounfällen bis Lungenkre bstoten. Aber es kann natürlich keine Statistiken geben über die Gefühle der Unsicherheit, die aus der gesellschaftlichen Dynamik erwachsen; über den Streß, der aus permanenten Anmutungen des Wandels resultiert; über die Ängste, die aus einer geistigen Desorientierung stammen. Die Menschen versuchen, dieser Verwirrung, dieser Verunsicherung und diesen Ängsten zu begegnen, mit tauglichen und untauglichen Mitteln und Strategien.

Pik kkstk Strategie ist die der neuen nüchternheit: Die robusten Optimisten, die pragmatischen Technokratiegläubigen, die resoluten Karrieristen verdrängen alle Probleme. Für sie gibt es alle die wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen und anthropologischen Probleme gar nicht. Sie sind das ewige Krisengerede leid. Der Wald ist immer noch grün.

Die Gesellschaft hat bislang ihre Probleme überwunden, und es gibt keinen Grund anzunehmen, daß sie dies nicht auch diesmal wieder tun werde. Wurde nicht soeben verkündet, das Ozonloch sei letzthin nicht größer geworden? Die geistig-emotio-nellen Bedenken sind bloße Wehleidigkeiten. Das Neue Europa bietet jenen, die dynamisch, flexibel, qualifiziert und durchsetzungsbereit sind, eine schöne, neue Welt. Wer draußen ist, hat Pech gehabt. Wer unten bleibt, ist selbst schuld. Man kann sich nicht um alles kümmern. ple zweite ist die wientalisti-sche Strategie:

Man reagiert gegen die Modernisierung der Well oder gegen die „Aufweichung” des Glaubens, gegen die Anspruchslosigkeit einer weltangepaßten Kirche oder die moralische l 'nterforderung in freizügigen Milieus. Ks wird die Bückkehr zu „alten” Ordnungen und rigiden Begel-systemen verlangt: Schluß mit dem kritikgescliwätz; Ordnung muß sein; ein bißchen mehr (rellorsam; I Iierar-ehie stammt von Gott, vom Führer, \oni Guru. W ir finden das in der islamischen Welt, aber auch in christlichen Kirchen und im Judentum, und natürlich in den zahlreichen Sekten. Wo befohlen wird, was gilt, gibt es keine Unsicherheiten.

Als drittes findet sich ein modischer morausmi s, der dir überfordernde komplexität der welt kräftig reduzieren hilft:

Die Moralisierung eines Problems, die schlichte Projektion auf die Kategorien von Gut und Böse, vereinfacht die Sachlage. Sie suspendiert komplizierte Sachdiskussionen und macht das Problem handhabbar. Autobahnen sind schlecht, Radwege gut. Militär ist böse, Zivildienst ehrenhaft. Kraftwerke sind verderblich, Brüssel ist bürokratisch. Fremde sind asozial, Frauenarbeit emanzipierend.

Innerliche Betroffenheit genügt den Moralisten als Kompetenzkriterium, und gegen Betroffenheit gibt es kein Argument. Niemand kann dem anderen abstreiten, betroffen zu sein. Oft reicht es allerdings nur zu Einzel-fallmoralisierungen, und daraus resultiert ein verwirrendes Durcheinander von miteinander unvereinbaren moralischen Postulaten: So kann es durchaus geschehen, daß dieselben Gruppen einmal die Abschaffung der Gefängnisse und wenig später höhere Gefängnisstrafen für Gewalttaten gegen Frauen fordern.

Das Beservoir, an dem sich der Dauerprotest entzünden kann, ist unbegrenzt, es bietet allen, die nach „kritischem Engagement” suchen, viele „ Arbeitsmöglichkeiten ”.

Die vierte Strategie bejubelt den Nihilismus der modernen Welt: Der Zerfall der sinnstiftenden Ordnung ist in Wahrheit eine Befreiung. Das Verlangen nach einer stabilen Identität ist eine Zumutung. Die Analyse einer objektiven Wirklichkeit ist Illusion. Alles ist eine Chance. Der Verlust der Ganzheit ist Gewinn, denn Ganzheit, Sinn und Einheit sind mit Zwang und Terror gleichzusetzen. Es geht nur um eine andere Perspektive. Man muß das Leben als ästhetisches Kunstwerk nehmen, als Spiel, als ironische Inszenierung. Wenn es keinen gemeinsamen Boden von Uberzeugungen gibt, ist jeder frei für seine eigenen Überzeugungen. Man braucht sich nur einen Buck zu geben, um aus der Verunsicherung zu kommen: Alles, was als Krise angesehen wird, ist in Wahrheit eine Befreiung. Eine nette Lebensanweisung für gut abgepolsterte Künstler und pragmatisierte Intellektuelle.

A\s fünfte Reaktion finden wir romantische Gegenbewegungen: Das sind jene Programme, die sich mit den Stichworten umschreiben lassen: small is beautiful, Vernetzung, Natur, Natürlichkeit, Kreislauf, Einordnen, Harmonie, Sanftheit, Spontaneität, Kommunikation, Liebe, Mystik. Leistet Widerstand gegen die Ko-lonialisierung der Lebenswelt, sagt der eine Sozialwissenschaftler. Wehrt euch gegen die Entmündigung durch Experten, rät der andere.

Die „heile Welt”: das war seinerzeit, in den Sechzigern, ein Schimpfwort; jetzt wird die Bewahrung dieser heilen Welt vor den desaströsen Zivilisationsfolgen gefordert - oft angesiedelt zwischen östlicher Mystik und New Age, zwischen „Bruder Baum” und „Mutter Gaia”.

Die sechste Antwort ist eigentlici i eine nichtantwort - die menschen gewöhnen sich an das geschehen: Die Bisiken schreiten unmerklich, graduell, stückweise voran. Sie beschneiden die Freiheit und Gesundheit der Menschen scheibchenweise -so wie das einst mit den Flüssen passierte, die zunächst als Badegelegenheit nutzbar waren und dann langsam, von Jahr zu Jahr, immer schmutziger wurden. Die Anpassungsfähigkeit der Menschen ist nicht zu unterschätzen: Noble Blässe wird wieder modern, wenn das Ozonloch sich über dichter bevölkerte Territorien schiebt. Schon werben Freibäder in Inseraten mit der riesigen Sonnenschirmüberdachung ihres Schwimmbeckens - Badefreuden ohne „Sonnengefahr”. Die Kinder wird man bei Begenwetter zum Spielen hinaus schicken und bei Sonnenschein beim Fernseher sitzen lassen. Die Einkaufsstraßen werden ohnehin bald überdacht, zu großen Einkaufsstädten vereint. Und die Menschen finden das schön, was sie machen müssen, weil es anderes nicht mehr gibt. Vielleicht kommen sie auch mit ihrer Verunsicherung zu Rande: Virtuelle Welten lenken ab. Starke Reize von außen ersetzen die Seele.

Sechs Antworten, sechs Nicht-Antworten. Aber die Sache wird noch unangenehmer. Denn alle haben ja auch ein bißchen recht.

Die Nüchternen geben nicht zu Unrecht nicht viel mehr auf jenes Krisengewäsch, in dem das Ende der Welt schon so oft vorausgesagt wurde. Ihr Appell zum Optimismus ist beherzigenswert.

Fundamentalisten leisten einen Widerstand, dessen I lartnäckigkeit oft Bewunderung erzwingt. Haben sie nicht recht darin, daß man dem allseitigen Belativismus nur ein paar harte Kernwahrheiten gegenüberstellen kann?

Die Moralisten geben sich nicht mit einem beifallssicheren Kosten-Nutzen-Kalkül zufrieden, sondern sie stellen hartnäckig die Frage nach dem Guten. Ist das nicht so notwendig wie selten zuvor?

Der Jubel der Postmodernen hat wohl insofern seine Berechtigung, als wir zugeben müssen, daß es noch nie eine so tolerante, pluralistische und freie Gesellschaft gegeben hat. Es sehnt sich keiner nach den geschlossenen, unkritisierbaren Weltbildern.

Die romantische Wende hat uns schon vor einer ganzen Reihe von Dummheiten bewahrt, indem sie einem Modernismuswahn entgegenwirkt.

Und wie könnten wir schließlich gegen jene argumentieren, die uns daran erinnern, daß der Wandel in dieser Welt allemal eine gewisse Anpassung der Verhaltensweisen und Auffassungen erzwingt? Würden wir uns dem verweigern, gingen uns auch alle Errungenschaften der Moderne verloren.

Das ist verwirrend. Es sind Lösungen, die im Grunde keine sind. Aber irgendetwas scheint doch wieder dran zu sein. Leben ist kompliziert.

DIE ANGST VOR DER GROSSEN FREIHEIT

Professor 11. Georg Zapotozky, veriiti.teystherm'ei t, inuiviihai,-psychoixkie:

Stützen wie es früher zum Beispiel die Familie war, fallen heute weg. Ich orte eine totale Verunsicherung vor allem im mentalen Bereich. Dazu kommt, daß es vielfach wenig Aussichten auf eine kontinuierliche Karriere gibt.

Die mangelnde Sicherheit von Orientierung führt zu Konsum und Gewalt. Die große Jugendarbeitslosigkeit ist Ursache für das Ansteigen von Drogenmißbrauch. In den Arbeitsämtern sollte es mehr psychologische Beratung geben, auch gibt es für diese wichtigen Fragen viel zuwenig Beratungsstellen in Osterreich. Sekten geben den Menschen heute Sicherheit, weil eine große Ideologie hinter ihnen steht und sie von ihren Mitgliedern auch Opfer verlangen. Sicherheit kann nur in der Familie erlernt werden!

Frau Helene Karmasin, Motivkor-sciieriy

Der Mensch wird I grundlegend von zwei Motiven geleitet: Das eine ist | der Drang nach Sicherheit, das andere der nach Stimulation. Es soll einerseits alles so bleiben wie es ist und möglichst nichts passieren, andererseits will der Mensch Veränderungen, Stimulationen. Wir leben heute in einer Gesellschaft, deren oberster Wert es ist, wählen u können. Wir müssen aber auch wählen. Das führt zu einem verstärkten Erleben von Risiken.

Die Basis von Optionen ist riesengroß, jede Entscheidung kann zu einer Absicherung aber auch zu einem Risiko werden. Wir erleben aber gleichzeitig, daß sich der Staat aus vielen sozialen Sicherheiten zurückzieht und der Mensch sich vielfach gänzlich auf sich selbst zurückgeworfen findet.

Elke Semjmü.i.eu, Diplomierte Ehe-, Familien- i:xu Lebensberaterin: Wir erleben durch die Individualisierung unserer Gesellschaft einen großen Umbruchprozeß. Unsere demokratische Gesellschaft läßt doch in vielen Menschen den Wunsch nach Führung entstehen. Wir müssen erst lernen, uns für uns selbst verantwortlich zu fühlen. Die Zeiten der Monarchie und des Beamtentums haben unsere Entwicklung zur Selbstbestimmung und Freiheit erst spät beginnen lassen. Ich denke da vergleichsweise an die Vereinigten Saaten, wo es den Menschen viel leichter lallt, selbstverantwortlich zu handeln.

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