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Maskierte Anarchie

Jede soziale Lebensform hat ihre spezifischen Wege der Entartung, die sie besonders beachten muß. Wir wissen aus eigener Erfahrung, welches die Entartungen sind, die in unserer Zeit drohen, und wissen auch, wie sie mit schier unerbittlicher Logik aufeinander folgen, wenn einmal der Weg ins Unheil beschritten worden ist: den Anfang macht die anarchische Entartung der Freiheit, die Freiheit also, die nicht mehr das Ganze tragen, sondern das Ganze sein will.

Es gibt aber nicht nur Anarchie der einzelnen. Es gibt auch die weit gefährlichere Anarchie der Kollektive, der Gruppen, die organisierte Anarchie, gefährlicher deshalb, weil sie sich hinter pseudosoziale Kampfideologien verbergen kann und hinter den äußeren Formen einer „demokratischen" Freiheitsordnung. Anarchische Kollektive drängen danach, in Terror, Willkür und Despotie das grausige Zerrbild von Ordnung, Recht und Ąutoritat zu machen, und täuschen soziales Leben dort vor, wo die Anarchie, die sie selbst tragen, die Einheit der Gesellschaft zu unerträglicher Handlungsunfähigkeit verurteilt. So tötet die falsche Freiheit sich selbst, ohne einen Raum für die echte Freiheit freizugeben.

Es ist durchaus verständlich, daß die moderne „demokratische" Gesellschaft gerade für diesen Weg der Entartung besonders anfällig ist, für die als Demokratie getarnte Gruppenanarchie. Die moderne Gesellschaft und der moderne Staat wurden denn auch seit ihrem Entstehen von warnenden Stimmen begleitet, die ihnen diesen Weg der Entartung voraussagten und ihr Ende in Gewaltherrschaft auf wiesen. Wer wollte es leugnen, daß sie diesen Weg zum Teil gegangen sind, zum Teil in ständiger Gefahr sind, ihn zu gehen? Diese Tendenz zur Entartung sollte von allen Verantwortlichen — und wer ist das nicht in der „Demokratie“? — ständig beachtet und durch wirksame Gegenkräfte einer politischen und sozialen Erziehung paralysiert werden. Die politische Propaganda sollte darum in gleichem Maße wie auf die Gewinnung von Massen auf deren Erziehung zur Freiheit, das heißt zur sittlichen Verantwortung gegenüber dem Ganzen und dessen Ordnung gerichtet sein.

Sie kann nämlich ebenso die gefährlichste Einbruchsstelle der Gruppenanarchie werden, wie sie die Heilkräfte gegeįi diese bergen kann. Politische Propaganda ist eben nicht nur Stimmenfang į für die nächsten Wahlen, sondern zugleich politische und soziale Erziehung. Es scheint zuweilen schwer zu sein, diese beiden Gesichtspunkte zu vereinen, und die Versuchung scheint fast unüberwindlich, daß man den Gesichtspunkt der politischen Erziehung dem des Stimmenfanges unterordnet. Man blendet den Blick für die Verantwortung gegenüber dem Ganzen, man umgrenzt den Bereichverpflichtender Solidarität mit Gruppenschranken, man baut geistige Konzentrationslager. Das ist aber schon der erste Schritt zur Gruppenanarchie und damit der erste Schritt, die Freiheit, auch die eigene, zu verlieren. Man legt so — um mit einem österreichischen Dichter zu sprechen — den Grund für jenes „Reich der Tauben“, das keineswegs nur von einzelnen, sondern auch von Gruppen bevölkert wird. Das verständig teilnehmende Hinhören- und Mitdenken-Können ist für die Demokratie mindestens ebenso wichtig wie da» selbstgefällige Mitreden, jedoch offenbar viel schwerer.

Es ist schmerzlich, daß diese gefährlichen Symptome der Entartung in unserem öffentlichen Leben oft so stark hervorzutreten beginnen. Es ist nicht weniger schmerzlich, daß weithin die politische Propaganda gerade diese typischen Entartungserscheinungen zum Wesen „demokratischer" Freiheiten rechnet und liebevoll pflegt — ebenso wie dies vor zwei oder drei Jahrzehnten getan wurde. Es scheint oft, als wären wir auf dem Wege einer Wiederholung furchtbarer Erfahrungen. Ein geringes Symptom nur: Man verfolge etwa die Berichte über die Debatten im Nationalrat im Großteil der Tagespresse, und kann sogleich feststellen, wie die Taubheit gegenüber anderen Lagern systematisch gepflegt wird, und wie selbst klare Tatsachen, unerläßlich für die Urteilsbildung, immer nur durch den Filter doktrinären Halbdenkens gepreßt und mit Illusionen (über sich selbst) versetzt der Öffentlichkeit bekannt werden. Darum fehlt auch allenthalben die wirksame Kraft des Einheitsbezuges, von dem her auch das eigene Tun und Wollen fruchtbar gemessen und gewogen werden könnte. Die Einheit unserer politischen Existenz scheint oft nicht viel mehr zu sein als ein befristeter Kollektivvertrag zwischen gegnerischen Gruppen.

Kein Wunder, daß deshalb die Einheit vielfach als Vorübergehendes, Labiles, angesehen wird und die Gruppen mit ihren zeitgebundenen Ideologien und kurzfristigen Interessen als das Dauernde und Beständige, an das man, so möglich, seine Seele verliert. Daher die gefährliche gruppenweise Selbstvergötzung, die .Wahrheit als Partei“, von der schon Friedrich Schlegel sprach, „die Gerechtigkeit" als Partei — (der Nationalsozialismus machte ernst damit, während manche wieder damit zu spielen beginnen) — „die Autorität“ als Partei — (der Kommunismus macht ernst damit), das alles sind die bedenklichen Ansätze und Symptome der Gruppenanarchie! Daß unter diesen Umständen gerade in den entscheidenden Momenten die gesunde Selbstkritik fehlen muß, ist begreiflich.

Das gilt in besonders verhängnisvoller Weise von unserem sozialen Leben.

Wo gibt es Gruppen — als Gruppen —, die sich nicht selbst als Ausbund aller Tugenden priesen, die den Blick zuerst aufs Ganze gerichtet hielten, um an ihm das eigene Maß zu finden, die nicht nach Möglichkeit alles von anderen (in der Gestalt des Staates) und nichts von sich selbst verlangten? Das aber macht die Gesellschaft unfähig, in sich selbst die Ordnung zu tragen und überantwortet sie schließlich der organisierenden Gewalt des Staates. Die Verstaatlichung aller Ordnungsgehalte ist das Grab einer Gesellschaft, die sich selbst getötet hat, weil Ihre Gruppen den Blick aufs Ganze verloren haben, die Verantwortung für das Ganze nicht mehr sahen und das Ganze mit einem Kompromiß ver wechselten, für den gewiß niemand leben oder sterben wollte.

Es liegt in der eigentümlichen Struktur der Gruppenbildungen in der modernen Gesellschaft begründet, daß sie stärkste Kräfte der freien Integration haben müßte, wenn ihre Ordnung und ihre Freiheit gewahrt werden sollen. Die einzelnen und die Gruppen müßten in einer „demokratischen“ Ordnung ihr soziales Maß und ihre sozialen Schranken selbst und in eigener Verantwortung finden und achten. Das ist die Voraussetzung ihrer Freiheit und das Kriterium ihrer „Reife" für die „Demokratie". Sie müßten ständig den Blick aufs Ganze und seine Dauer gerichtet haben, sie müßten über ihrem Gruppenethos ein Staatset h o s haben. Darum müßte gerade in Demokratien das Bewußtsein der Solidarität und der Gemein-säriikeit des geschichtlichen Schicksals als Tatsache, als Lebenswert und als Aufgabe ständig wach und wirksam sein.

Hier müssen wir den Tatsachen, wie sie.-heute in Österreich liegen, ins Gesicht sehen und mit den Kollektivillusionen aufräumen, die uns letzten Endes hindern, uns auf jene Lebenskräfte Zu besinnen, mit denen wir allein heute die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Probleme meistern könnten. Denn: die Opferkraft, die alle für Freiheit und Zukunft aufbringen müßten, wird man nicht aus Illusion e n s ch öp f en, sondern nur aus der freien Bejahung der Zusammengehörigkeit und der Einheit. Man kann es schwer vermeiden, mit einiger Skepsis die Fragen zu stellen, ob bei all den Kompromissen, an denen wir in unserem Verbände- und Kämmerstaat überreich sind, nicht zuletzt bei den schweren Fragen der Lohn- und Preisabkommen, Österreich eine kraftvolle Realität in Hirn und Herz war oder lediglich ein Nebenprodukt — obgleich auf die Existenzfrage immer hingewiesen wurde. Es gibt sehr wichtige Dinge für. die Wirtschaft, die nur durch ein starkes Zusammengehörigkeitsbewußtsein gemeistert werden können. Das fängt bei der Kapitalflucht an, und geht bis zum Kauf im USIA-Geschäft. Lebt wirklich der notwendige, unerläßlich notwendige Wille, die Kräfte zu vereinen, in unserem politischen und sozialen Leben oder ist dieses Österreich und diese Demokratie für die vielen bloß das. Gewand für das .Neini“, das in jeder politischen, in jeder Klassenideologie steckt? Leider wird man sagen müssen, daß uns das unentbehrliche kraftvolle Staatsbewußtsein weithin fehlt oder, schlichter gesagt: gesunder Patriotismus als wirksame Kraft. Das macht viele blind- für die Gefahren der Entartung in der demokratischen Lebensform, viele verzweifeln einsam, viele fanatisch.

Es ist heute vielleicht nicht so wichtig, die Gründe für den Verlust echten Patriotismus bei uns zu analysieren. Wichtiger ist, ihm eine lebensvolle Grundlage für die Zukunft zu geben, und nicht minder' wichtig ist die allmählich um sich greifende Erkenntnis, daß die sozialen und politischen Ideologien, die im Taumel des Jahres 1918 diesem Österreich ein haßerfülltes Nein! entgegengeschleudert haben, auch Vorboten der Zersetzung, der Selbstentwürdigung und der Verknechtung waren, die weit mehr erfaßten als nur Österreich.

Wir müssen uns darüber klar sein, daß Völker, in welchen das gemeinsame geschichtliche Schicksal nicht mehr als soziale Gestaltungskraft wirksam ist, unaufhaltsam zum Opfer von Kollektivmythen oder widerstreitenden Ideologien werden. Damit ist der Boden bereitet für die Herrschaft des totalen Staates.

Gewiß gehört es heute nicht mehr, wie vor einem Menschenalter, auch in Österreich zum guten Ton „fortschrittlicher" Gesinnung, Österreichs Geschichte ins Groteske zu verzerren und ihre Träger zu verpöbeln. Die österreichische Tradition ist für die Gegenwart wieder eige verständliche Sprache geworden. Aber — nach all den Versündigungen während eines ganzen Menschenalters — was steckt noch an lebendigem Geist hinter den Worten? Daß dieses Problem auch bedeutsam ist für die soziale Befriedung, für Wirtschaftsmoral und Produktivitätssteigerung, sei neuerlich betont. Schon Friedrich List hat den Patriotismus eine „produktive Kraft“ genannt. Wir werden ohne sie auch wirtschaftlich nicht auskommen.

In engstem Zusammenhang mit der Bedrohung unserer Freiheit und Selb ständigkeit durch Gruppenanarchie steht eine andere Gefahrenlage: die Frage der Autorität im öffentlichen Leben. Eine unpopuläre Angelegenheit. Der vielköpfige Souverän der Gegenwart läßt sich weit schwerer an Gesetze und Verfassungen binden als der früherer Zeiten. Man sollte aber doch darüber nachdenken, warum die Reaktion gegen eine versagende Demokratie gerade in einer Überspannung der Autorität liegt. Es würde abermals in das Kapitel Selbstkritik gehören, den Keim sozialer Erkrankungen einmal auch in sich selbst zu suchen und nicht in dem billigen Hinweis auf ein böses Prinzip in einer anderen Gruppe. Es nützt zum Beispiel nichts, die „Faschisten“ zu hassen, wenn man sie zuerst künstlich großzieht und hernach selbst einer werden muß, um sie zu „vernichten“.

Man wird kaum leugnen können, daß wir uns in Österreich bezüglich der öffentlichen Autorität auf eine äußerst gefährliche Ebene begeben haben. Wir haben, propagandistisch zumindest und im entscheidenden Augenblick, die Autorität zur Partei gemacht. Wäre es aber ein praktisch unmögliches Verlangen, sich einmal folgendes zu überlegen:

Wenn eine freie Ordnung von jedem einzelnen getragen werden soll, so muß doch der Akt der Wahl ein Akt ernster und verantwortungsvoller Besinnung und Überlegung sein. Tatsächlich aber tut man alles, um dem einzelnen durch propagandistische Bearbeitung die Besinnung zu rauben und ihm die Voraussetzungen und die Fähigkeit zu klarer Überlegung zu nehmen, just wenn er diesen verantwortungsvollen Akt setzen soll. Wollte man der Propaganda auf der Straße Glauben schenken, so hatte das österreichische Volk im vergangenen Frühjahr nur die Wahl, entweder einen „Bürgerkriegsgeneral“ oder einen «eidbrüchigen Faschisten“ mit der höchsten Würde staatlicher Autorität zu bekleiden …

Es wäre gut, wenn sich die Verantwortlichen in Politik und Publizistik ernstlich überlegen würden, was das für das Prinzip der Autorität bedeutet, jeder Schritt auf dem Wege zur gruppenanarchischen Entartung der modernen Demokratie ist auch ein Schritt zum Verlust der Freiheit und zur Selbstaufgabe.

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