7209710-1992_26_07.jpg
Digital In Arbeit

Rio '92: Wendezeit zum „Neuen Fortschritt"

1945 1960 1980 2000 2020

War die „Klima-Konferenz" in Rio nur ein Spektakel? Oder läutete sie nicht doch eine Zeitenwende ein, die nicht mehr aufzuhalten ist? Wo können ökonomische Hebel angesetzt werden?

1945 1960 1980 2000 2020

War die „Klima-Konferenz" in Rio nur ein Spektakel? Oder läutete sie nicht doch eine Zeitenwende ein, die nicht mehr aufzuhalten ist? Wo können ökonomische Hebel angesetzt werden?

Große Umwälzungen sind fast immer durch Kanalisierung eines latent zunehmenden Druckes, durch Aktivierung schlummernder Energien, eingetreten. Daß in Millionen Menschen das Bewußtsein um die Notwendigkeit einer Revolution „von innen heraus" wächst, ist evident. Es fehlt aber nach wie vor zur immer klarer dargelegten Diagnose die überzeugende und schlüssige Therapie. Mit den Grundzügen einer solchen möchte ich mich, ein Surfer auf der geistigen Welle von Rio, hier beschäftigen. Ich beschränke mich dabei auf die Grundsätze, die wir in entwickelten Demokratien anwenden sollten.

Die Stabilisation des Zusammenlebens von Menschen wurde durch ein jahrtausendelanges Aneinander-Abschleifen der Regeln, eine Evolution der Beziehungen, im Rahmen des angeborenen Instinktsystems und der jeweils aktuellen Umweltbedingungen bewerkstelligt. Wir nennen es Ethik, oder moralische Strukturen, und die Meinungen über die Abkunft der Handlungsrichtlinien sind, je nach Weltanschauung und Religion, verschieden. Im Kern aber ist es eine Evolution der Beziehungen.

Das hat solange einigermaßen gut funktioniert, als nicht die Menschen in ihrem Biotop begannen, hart aneinanderzustoßen. Solange man sich ausbreiten, neue Räume erobern konnte, war die Welt, das Meer, das Gebirge, die Atmosphäre unendlich, unerschöpflich. Unsere moralischen Strukturen reichten aus für die Epochen einfacher Werkzeuge. Sie werden durch die neuen technologischen Möglichkeiten teilweise hoffnungslos überfordert, verzerrt und sogar pervertiert.

Geistige Mobilmachung

Der Traum von der Unendlichkeit und Unerschöpflichkeit der Welt ist ausgeträumt. Wir begegnen einander nach Umkreisung der Erdkugel, und die Stoffwechselprodukte der Menschheit beginnen die Erde zunehmend zu verändern. Wir sind in der Lage der Besatzung eines Raumschiffes - oh altes Gleichnis! - aber haben wir die ganze Lehre aus dieser schönen Metapher wirklich schon gezogen? Haben wir verstanden, daß in einem Raumschiff eine klare Ordnung, eine eindeutige Orientierung, eine Arbeitsteilung, eine Bordordnung herrschen muß?

Haben wir wirklich schon akzeptiert, daß die Bewältigung des Mangels nur in zwei Hauptrichtungen hin möglich ist - Selektion des Stärkeren oder weitestgehende Reglementierung der Arbeits- und Verbrauchsteilung? Es gibt nur diese beiden Wege in einem (fast) geschlossenen System. Da ich nun einmal davon ausgehe, in einem Szenario des Guten, der dynamischen Harmonie zu bleiben, lasse ich die krude Theorie von der Selbstregelung durch Gewalt, Krieg und Terror beiseite. Sollte sie sich verfi-zieren, sind unsere Anläufe zum menschenwürdigen Überleben gescheitert, und weiteres zu bedenken erübrigt sich vorläufig.

Dies wird ein Anlauf zu einer geistigen Mobilmachung in Richtung einer menschenwürdigen, selbsterdachten, aber nicht durchgeplanten Zukunft. Eine solche gibt es nicht; aber grobe Orientierungen tragen sehr wohl den Keim zu selbsterfüllenden Prophezeihungen in sich. Wie sollten diese beschaffen sein?

Unser bisheriges ethisches System ist, wie schon gesagt, von einer weitestgehenden Unerschöpflichkeit der umgebenden gesamten Natur geprägt. Diese gibt es nicht mehr, es ist aber bei weitem nicht mehr genug Zeit für das „Aneinander-Abschleifen", um neue Werte evolutiv zu entwickeln -und wir würden es auch sehr schlecht vertragen. Die neuen Kategorien, die uns in der Bewältigung der Endlichkeit, des Mangels, der Selbstbeschränkung helfen, können nur unserem Verstand und unserem Gefühl entspringen. Sie haben mit Sparsamkeit, Sorgfalt, Kleinräumigkeit, Abwendung vom Materiellen, so es nicht unmittelbar lebenswichtig ist, zu tun. Es ist hier bei weitem nicht Platz, die Theorien hinter diesen Feststellungen darzulegen. Ich beschränke mich daher auf das Notwendigste und fasse die wichtigsten, neu in das ethische System einzubauenden Maximen folgendermaßen zusammen:

- Begünstigung der Vieldimensiona-lität;

- Aufbau einer neuen Sparsamkeit;

- Aufbau eines neuen Idealismus;

- Schwerpunkt Qualität;

- Reintegration der Gesellschaft;

- Konzentration auf die Pädagogik. Bringt man die Inhalte dieser Maximen in eine höhere Verdichtungs- und Vereinfachungsstufe, kann man -hoffärtigerweise - drei zusätzliche Gebote daraus destillieren:

□ Du sollst alles tun, was dem Leben als Ganzes nützt;

□ Du sollst Deine Kinder lehren, sich zu freuen;

□ Du sollst mit nichts Verschwendung treiben.

Ohne eine konsequente, unermüdliche und auf allen Ebenen der Gesellschaft wirksame Verfolgung dieser Maximen wird jedes Bemühen um einzelne Erfolge in der Versöhnung des Menschen mit der ihn umgebenden Natur blanker Monodimensiona-lismus, Symptombekämpfung, oberflächliches Herumtun, Herumtappen bleiben. Die wichtigsten Werte des menschlichen Zusammenlebens müssen verinnerlicht, selbstverständlich, tabuisiert werden. Gelingt uns das mit den neuen Tafeln, die wir brauchen, um uns selbst in der umgebenden Natur zu stabilisieren, nicht ebenfalls, so werden wir mit Polizeistaatmethoden jede einzelne Gesetzesübertretung einer nie ausreichenden ökologischen Gesetzgebung ahnden müssen. Ein unmögliches Unterfangen. Die neuen Gesetze müssen auch ungeschrieben wirken, und wir müssen uns soweit motivieren und unsere Kinder soweit wachsen lassen, daß dieser Zustand eintritt. Wie aber soll das geschehen?

Es gibt im ökonomischen Geschehen einige wesentliche Hebel, um den oben angeführten Maximen zu entsprechen. In aller Kürze:

□ Künstliche Verteuerung von Energie;

□ Rückführung der Produktionsströme (Kreisläufe);

□ Umleitung des Wachstumsdruckes (Widmung eines Teiles des Mehrwertes für Umweltbelange durch Einbeziehung der ökologischen Folgekosten in die primären Kalkulationen);

□ Rückintegration des Zwischenmenschlichen (weg von der Zentralisierung des Sozialen);

□ Reintegration der Produktionsweisen (Verringerung der Transportstrek-ken).

Innerhalb eines lockeren Systems von Grundsätzen ist die individuelle Freiheit des einzelnen höher als in einer Laissez-faire-Gesellschaft oder einem totalitären reglementierten Staat. Das optimale Gleichgewicht zwischen klaren Orientierungen, ver-innerlichten Grundwerten und einem angemessenen Spielraum für den einzelnen schafft Raum für Kreativität und Entfaltung, nicht aber den eiskalten Weltraum der wertlosen Beziehungslosigkeit, des Verlorenseins. In einem solchen Wertraum kann Sinn und Wärme entstehen, der ganze Staaten und Kontinente sich stabil und in Harmonie mit der umgebenden Natur entwickeln läßt. Zur Herstellung eines solchen Zustandes scheint es nötig zu sein, unermüdlich alle Schaltstellen und sensiblen Punkte im System der Gesellschaft in die richtige Richtung hin zu trimmen - eine Art Akupunkturprozeß, bei dem man um die offen zutage liegenden, aber auch geheimen Zentren der Sensibilität, der Veränderung, wissen muß. Der Prozeß kann nur dann erfolgreich sein, wenn man sich über die Richtung einig ist, wenn die grobe Orientierung stimmt. In einer auseinanderstrebenden Gesellschaft, mit stark differenten Zielen und widerstreitenden Kulturen ist die Errichtung eines derartigen Orientierungssystems fast unmöglich. Ich rede nicht flacher kultureller Gleichmacherei das Wort - aber die angeführten Grundwerte müssen sich bei allen Passagieren des Raumschiffs finden, sonst wird es manövrierunfähig werden.

Neue „Apostel"

Die neuen Werte bedürfen einer Unterstützung durch Apostel, Jünger, Priester und Gläubige - natürlich im übertragenen Sinne. Sie können wegen der großen Aufmerksamkeit und Bereitschaft großer Mengen von Menschen auch schnell transportiert werden. Effizient werden sie allerdings nur dann, wenn sie das System verändern, wenn die gesamte Gesellschaft von ihnen durchdrungen, imprägniert, wird. Möglich wird das durch Erfassung der wichtigsten Institutionen. Diese sind:

- Pädagogisches System;

- Religiöse Gemeinschaften;

- Politische Parteien;

- Medien;

- Ämter und Behörden;

- Standesvertretungen;

- Verbände und richtlinienschaffende Körperschaften.

Die dirigistisch-planwirtschaftliche Alternative, das Zusammenleben der Menschen dauerhaft zu regeln, hat katastrophal versagt. Der schrankenlose liberale Weg - freie Bahn dem Stärkeren - war bis jetzt erfolgreicher. Der Kapitalismus ist aber gerade dabei, die Welt durch Nutzung jegliches Machbaren und Negation all dessen, was nicht in Geld meßbar ist, auszuplündern und zu veröden. Der Weg aus den Teufelskreisen von Entfremdung, schrankenlosem materiellem Wachstum, steigender Aggressivität und Sinnverlust hat zwei Hauptgeleise. Zum einen braucht es ein verstärktes ethisches Gefüge, das das Handeln von Menschen auf einer verbreiterten ethischen Basis - um die neuen Überlebensnotwendigkeiten verbreitert - ermöglicht. Das moralische Orientierungsnetzwerk muß um die Grundwerte von Sparsamkeit, Beschränkung, Ehrfurcht vor dem Leben angereichert werden.

Diese Grundhaltungen werden tragfähig genug sein, eine neue Form des Wirtschaftens - Kreisläufe, künstlich verteuerte Energie, Mehrwertrückführung in den Dienst der Natur, Dezentralisation der Sozialsysteme - begründen zu helfen. Verbunden mit einem klaren „Bekenntnis zu diesen Werten in den Programmen großer Parteien, den Ausbildungssystemen, den ethischen Richtlinien von Großfirmen und einem Marsch durch die Institutionen durch überzeugte Einzelmenschen wird das derzeitige System an zahllosen Stellen langsam in eine neue Richtung gebracht werden. Der ganze Prozeß muß den Charakter einer gewaltigen Mobilmachung haben. Er trägt auch viel von einer selbsterfüllenden Prophezei-hung, einer erfüllbar scheinenden Vision, mit all ihrer Faszination, in sich.

Das große Problem der geteilten Welt, der zunehmenden Übervölkerung, der Ohnmacht in den Schwellen- und Entwicklungsländern lösen wir damit vorläufig nicht. Wir lösen es aber sicher nicht mit einer falsch verstandenen, fehlgeleiteten rein materiellen Entwicklungshilfe. Wir lösen es auch nicht mit einem abstoßenden Moralisieren aus sicherer Distanz. Wir kommen seiner Lösung noch am ehesten dadurch etwas näher, daß wir wenigstens unsere Basis im Norden stabiliseren und selber lernen, wie man ausdauerndes Wirtschaften betreibt. Verzagen vor dem nächsten Schritt ließe den übernächsten erst recht unmöglich werden.

Der Autor ist Generaldirektor der Asea Brown Boveri AG und Umweltsprecher der Sektion Industrie der Bundeswirtschaftskammer. Ausführliche Überlegungen zu diesem Thema hat der Autor auch in seinem Buch „Der Wald, die Bäume und dazwischen", ORAC-Verlag, 1992, 208 Seiten, öS 298 - dargelegt.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau