Gehirn - © Illustration: Rainer Messerklinger
Politik

Grenzen im Raum und Grenzen im Kopf

1945 1960 1980 2000 2020

GASTKOMMENTAR. Ohne Grenzen geht es nicht. Ohne Grenzüberschreitungen aber auch nicht.

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GASTKOMMENTAR. Ohne Grenzen geht es nicht. Ohne Grenzüberschreitungen aber auch nicht.

Seit Generationen begeben sich Ostasien-Reisende zur Chinesischen Mauer, um dieses Zeitlosig- und Unendlichkeit atmende Bauwerk, das gegen die Mongolen errichtet worden war, zu bewundern, und kaum ein Besucher wird sich die Frage stellen, wieviel Baumaterial hierzu notwendig war, woher jenes herangeschafft worden war, wieviele Menschen wie lange daran gearbeitet haben usw. Wer nach Berlin fährt, wird hingegen gerne „Mauer schauen“ wollen – nicht um deren Ästhetik willen (wie bei der Chinesischen Mauer), sondern um sich in jene Menschen hineinzuversetzen, deren Alltag im Jahr 1961 von heute auf morgen schlagartig ganz anders verlief. Und wir alle entnehmen der medialen Berichterstattung in Winterzeiten laufend, dass wieder jemand in ungesichertem Schneegelände die „grenzenlose Freiheit“ suchte und dabei ums Leben kam; man bedauert den Fall und geht zur Tagesordnung über. Aus diesen wenigen Beispielen wird ersichtlich, dass wir mit dem Thema Grenze (in welchem Zusammenhang auch immer) ständig zu tun haben.

Das war schon immer so, wie aus der Geschichte bekannt ist: Bauliche Beispiele hierfür sind der Limes entlang von Rhein und Donau zur Zeit des Römischen Reiches ebenso wie die im Mittelalter errichteten Burgen, die die eine Landesherrschaft von der nächsten abgrenzen sollten, bis zu den Stellungen auf den Golanhöhen, um die nahöstlichen Streitparteien auseinanderzuhalten. Beispiele von Grenzen im Kopf sind die argumentativen Mauern, mittels derer sich die christlichen West- und Ostkirchen voneinander zu unterscheiden bemüht waren, oder die politische Instrumentalisierung der Rassenkunde, die ursprünglich auf rein wissenschaftliches Interesse zurückgegangen war. Von den Phänomenen Grenzziehung, Grenzbehauptung, Grenzbauten profitieren wir, denn dahinter steht ein beträchtlicher Planungs-, Bau- und Wartungsaufwand, der sich in Akten, Dokumentationen und Plänen widerspiegelt, weshalb derartige Vorgänge von der Frühzeit bis zur Gegenwart mittels schriftlicher, archäologischer und visueller Quellen ausgewertet werden können. Außerdem: „Grenze“ als Betriebsform bindet unzählige Arbeitskräfte von Architekturbüros, Baufirmen, diversen Industriebranchen, Handwerksbetrieben, Grenzwachpersonal, Versorgungsketten, Tourismusagenturen, Verlagen usf.

Geflecht von Ordnungssystemen

Grenzen bestehen nicht nur im Raum, weshalb wir solche sehen, erleben und überqueren können, sondern auch im Kopf, denn wir wollen sie ja auch und brauchen sie auch. Dies mag in einem Zeitalter erwünschter Grenzenlosigkeit unplausibel klingen, aber es ist so, denn unser menschliches Dasein wird von einem dichten Geflecht von Ordnungssystemen bestimmt, die im Interesse zerebraler Orientierung auf Unterscheidung aufbauen. Das simpelste Beispiel hierfür ist unsere jeweilige Sprache, die sich nicht nur von anderen Sprachen grammatikalisch und klanglich unterscheidet: die einzelnen Laute, Silben, Worte und Sätze sind voneinander trennbare Komponenten, ohne die wir aber keine Aussagen formulieren und keine Botschaften vermitteln oder empfangen können. Auch das Zusammenleben von Menschen steckt voll von Regeln, wie man sich zu verhalten habe und wie nicht und was daher Zustimmung erwarten darf und was nicht.
Zu den fundamentalen Umgangsformen mit dem Phänomen Grenze gehört ein bestimmter Lebensraum, innerhalb dessen sich nicht alle Menschen persönlich kennen müssen, aber sich als Gemeinschaft erfahren und daraus Identität ableiten. Das Wir-Bewusstsein einer solchen Gruppe wurzelt nicht nur in der intuitiven Vertrautheit (gleiche Sprache, Ortsansässigkeit, gleiches Rechtssystem, gleiche kulturelle Normen), sondern auch im gemeinsamen Wirtschaften (Versorgung, Steuerleistung, Existenzsicherung). Die „Gäste“ (hospites) waren schon in der Antike eine besondere juridische Kategorie (Gastrecht), solange sie keine Unkosten zu Lasten der Einheimischen verursachten. Die Kategorie der Flüchtlinge oder sonstiger Personen unsteten Aufenthalts waren in allen Zeiten für die Ansässigen jedoch ein Problem: Betroffen waren und sind einerseits all jene für die örtliche Sicherheit zuständigen Instanzen, die jene „Zugereis­ten“ entweder irgendwie zu integrieren oder abzuweisen haben, und andererseits die örtliche Bevölkerung, die den „Neuen“ Unterkunft und Versorgung bieten sollte. In solchen Situationen tauchen seit Jahrtausenden immer die gleichen zwei Motive auf, um diese „Neuen“ als Eindringlinge einzustufen, die Grenzen (so vorhanden) „dicht zu machen“ und hiermit die Welt des Eigenen zu sichern: die Sorge, ob die vorhandenen Ressourcen für alle reichen, und die Abneigung, sich geistig auf etwas Neues, vorerst Unvertrautes einzulassen – auf Menschen mit anderem Aussehen, mit anderen Sprachen, anderen Lebensgewohnheiten und dergleichen mehr.

Die Welt ist ziemlich kompliziert geworden, aber sie gerät nur dann ‚aus den Fugen‘, wenn wir uns von Empfindungen treiben lassen, statt mit Vernunft und Augenmaß zu handeln.

Wer sich über die Herkunft all dessen, was uns heute umgibt und vertraut vorkommt, keine Gedanken macht, kann nicht erkennen, dass seit jeher nahezu alles auf Austausch beruht: Ob es sich um den Transfer von Ideen, Dingen oder Praktiken oder um die Weitergabe von Errungenem von der oder an die Außenwelt handelt – immer kam und kommt es auf Grenz-Überschreitungen auf räumlicher oder geistiger Ebene an. Und damit dies funktionieren kann, bedarf es der Bereitschaft der Menschen, sich auf etwas Neues einzulassen, daraus Vorteile zu ziehen und das ursprünglich Unvertraute irgendwann in die Welt des Eigenen einzugemeinden. Alsbald rückt dann die Erinnerung an die „fremde“ Herkunft aus dem Blickfeld, die in den Bereich der „Anderen“ geführt hätte.

Flucht in Ersatzwelten und Visionen

Die Welt ist innerhalb der letzten Generationen ziemlich kompliziert geworden, aber sie gerät nur dann „aus den Fugen“, wenn wir dies zulassen, d. h. uns von Empfindungen und Vermutungen treiben lassen, anstatt mit Vernunft und Augenmaß zu handeln. Die Flucht in Ersatzwelten und Visionen war seit jeher eine Möglichkeit, sich den Anforderungen der Zukunft nicht zu stellen, aber keine Lösung der Probleme, und die Annahme, eine Ordnung, die Bestand haben solle, müsse am inneren und äußeren Wandel gehindert werden, hat sich, wie der Verlauf der Weltgeschichte zeigt, bis jetzt noch immer als Ansatz erwiesen, der früher oder später zum Scheitern verurteilt ist. Warum tun wir uns derzeit wieder einmal so schwer, Veränderungen anzunehmen und nach klugen und humanen Lösungen zu suchen?
Zunächst bedarf es der Bewusstwerdung, wie widersprüchlich wir vorgehen. Wir akzeptieren Grenzen, sobald sie uns Schutz bieten, und lehnen sie ab, sobald wir unsere Freiheit eingeengt sehen. Wir nehmen die täglich auftauchenden, unzähligen kleinen Veränderungen selten wahr, und sind erstaunt, warum plötzlich alles anders zu sein scheint. Die Vorteile von Grenzen wollen wir in Anspruch nehmen, neigen aber dazu, Anderen dasselbe Recht vorzuenthalten.
Wie schon oben angemerkt, stecken hinter Grenzen Ordnungskonzepte, und jene sind nicht zu dem Zweck entwickelt worden, um grenzenlose Freiheit für alle und immer zu garantieren, sondern genau das Gegenteil, nämlich Ordnung ins Chaos zu bringen, das bar jeglicher Regeln sofort ausbräche. Zugunsten des Funktionierens von Ordnungen bedarf es nicht nur der Sorgfalt und des guten Willens all jener, die an deren Gestaltung beteiligt sind (Parlamentarier, Politiker, Juristen, Polizisten, Lehrkräfte, Eltern), sondern auch der Bereitschaft aller Nutznießer („Volk“), Verantwortung zu übernehmen. Die Gier nach der Befriedigung von Bedürfnissen im Hier und Jetzt verstellt nämlich den Blick auf die Zukunft, und dass es um die Zukunft aller Lebewesen auf der Erde schlecht bestellt ist, wenn wir so weitermachen wie bisher, ist längst bekannt und daher nichts Neues. Das einfachste und überall anwendbare Rezept für jedes einzelne Individuum ist, sich zugunsten des Ganzen nicht nur im Interesse von Heute, sondern auch von Morgen und Übermorgen selbst Grenzen zu setzen und gleichzeitig zu bedenken, dass wir Menschen im Universum, auch wenn wir vielleicht einzigartig sein mögen, nie zu den „Waltern der Welt“ aufsteigen werden.

Der Autor ist Historiker an der Universität Graz

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