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Vom Bauen in unserer Zeit

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Architektur iit Ordnung. In steigendem Maße geht es der modernen Architektur darum, neue Ordnungs- und Konstruktionssysteme zu entwickeln. Zu lange war unser Bauen in starren Begriffen befangen. Die Ergebnisse dienten weder den Bedürfnissen des Menschen noch waren sie technisch bedeutungsvoll. Von der puritanisch-korrekten Denkweise der holländischen „StijF’-Bewegung, insbesondere den Arbeiten Piet Mondrians, hat die moderne Architektur nun neue Impulse erhalten. Der bekannte deutsche Architekt Konrad W a c h s m a n n, der uns den folgenden Aufsatz zur Verfügung gestellt hat, gehört zu den Pionieren des neuen Bauens. Mit der Veröffentlichung seiner Thesen setzt die „Furche” die Reihe von Beiträgen fort, in der sie mit der Arbeit bedeutender Architekten der Gegenwart bekanntmacht. Wachsmann leitet in der Zeit vom 15. Juli bis 15. August 1957 das Architektur-Seminar der Internationalen Sommerakademie in Salzburg.

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Architektur iit Ordnung. In steigendem Maße geht es der modernen Architektur darum, neue Ordnungs- und Konstruktionssysteme zu entwickeln. Zu lange war unser Bauen in starren Begriffen befangen. Die Ergebnisse dienten weder den Bedürfnissen des Menschen noch waren sie technisch bedeutungsvoll. Von der puritanisch-korrekten Denkweise der holländischen „StijF’-Bewegung, insbesondere den Arbeiten Piet Mondrians, hat die moderne Architektur nun neue Impulse erhalten. Der bekannte deutsche Architekt Konrad W a c h s m a n n, der uns den folgenden Aufsatz zur Verfügung gestellt hat, gehört zu den Pionieren des neuen Bauens. Mit der Veröffentlichung seiner Thesen setzt die „Furche” die Reihe von Beiträgen fort, in der sie mit der Arbeit bedeutender Architekten der Gegenwart bekanntmacht. Wachsmann leitet in der Zeit vom 15. Juli bis 15. August 1957 das Architektur-Seminar der Internationalen Sommerakademie in Salzburg.

Die Redaktion

1.

Daß Wissenschaft und Technik Aufgaben ermöglichen, sollte so verstanden werden, daß wir nicht nur vor Aufgaben gestellt werden, die wir zu akzeptieren hätten, gleichgültig ob sie gut sind oder nicht, sondern mit dem Wort „ermöglichen” versuche ich zu erklären, daß heue Kenntnisse als hart erarbeitete Vorteile und als Geschenke dem Menschen erscheinen müssen; als Vorteile und Geschenke, die Tore öffnen in eine neue, mögliche Welt, die nicht von vorgefaßten Meinungen, geboren aus dem Sich-Erinnern, kontrolliert wird. Diese Dinge sollten zu unserem eigenen Nutzen genau studiert werden. Man kann sie nicht ignorieren. Darum sehe ich ein gewisses Hindernis, ein Bauwerk zu konzipieren, bevor wir nicht möglichst exakte Kenntnisse besitzen von dem, was wir nun wirklich tun können.

2.

Die Maschine als das Werkzeug unserer Zeit erscheint mir nicht ein vergrößertes Handwerkszeug, sondern ich sehe in der Maschine eine neue Annäherung an den Begriff des Originals. Während ein Objekt, von einem Handwerker hergestellt, eine originale Schöpfung repräsentiert — wie oft auch immer identische Teile wiederholt werden — produziert die Maschine nur Kopien. Das Original ist jener Teil der Maschine, der das Objekt formt. Wenn wir uns also Profilmesser, Vorrichtetische, Stanz-, Preß- oder Gesenkformen usw. vorstellen, so müssen wir uns, ähnlich vielleicht wie in der Photographie, mit den Begriffen des Negativs und Positivs beschäftigen. Auch ist es wichtig, zu erkennen, daß der qualifizierte Handwerker unserer Zeit der Werkzeugmacher ist. Es würde mir schwerfallen, über solche Tatsachen einfach hinwegzugehen, so als ob sie keinen Einfluß auf das schöpferische Denken hätten! Ich wünschte, daß der genaue Platz des Planers unserer Zeit in der Reihe jenes Teams vorgeschrieben wäre, in das er hineingehört.

Wissenschaftler, die die fundamentalen Prinzipien formulieren, Ingenieure, die diese Ergebnisse benutzen und auf aktuelle AufgaBen anwenden, Techniker, die Zeichnungen und Informationen an die Werkzeugmacher weiterleiten, und schließlich der Werkzeugmacher mit seinen Fähigkeiten, der die Originale, die Werkzeuge, schafft - sie alle stellen die Ordnung der heutigen schöpferischen Aktivität dar, in der der Planende nun seinen Platz finden muß.

3.

Die neuen synthetischen Materialien, Methoden und Prozesse sind, im Gegensatz zur Kenntnis von den klassischen Materialien, für den Planer heute meist kaum mehr als vage Begriffe. Und doch sollten sie ihm genau vor Augen stehen; sie müßten ihm mit der gleichen Exaktheit bekannt sein wie dem Wissenschaftler selbst. Dasselbe gilt auch für die vollkommen neue Konzeption der Planung, die den Funktionen unserer und einer vorgeahnten kommenden Zeit untergeordnet sein sollte.

4.

Wenn wir wissen, daß der Ziegelstein und die Mörtelfuge, der Holzdübel oder der Nagel, die Niete oder die Schweißnaht fundamentale Ursachen sind, die das Bauwerk bestimmen, genau so wie die Ziegelbau-, Holzbau- und Steinbautechnik die dominierenden Faktoren der endgültigen Erscheinung solcher Bauten sind, dann müssen wir uns mit den neuen Elementen und deren kleinsten Zellen und ihren Beziehungen auseinandersetzen, und erst dann kann die Konzeption eines Baues reifen.

5.

Unterwirft man sich einem Ordnungssystem, so bedeutet daskei n eswe gs eine Einschränkung unseres schöpferischen Denkens zum Nachteil der Phantasie und des Gefühls, die wir in einer freien Arbeit entwickeln könnten. Im Gegenteil, die modularen Koordinationssysteme werden unseren Sinn für die kleinen Differenzen schärfen, sie werden helfen, den Menschen kritisch zu machen und ihm die Möglichkeiten wiedergeben, durch ein immer tieferes Hineingehen in das System und die Prinzipien einer Struktur die Qualitäten solch eines Werkes zu erkennen.

Der Mensch braucht sich nicht mehr mit der Oberflächensensation. des Neuen abzufinden, die nicht gebattet, näher hįnzusehen. Wissenschaftliche Versuchsmethoden sollen nicht mehr dem Bauenden vorweglaufen, sondern sie sollen sein Instrument sein, mit dem er den Gedanken zur Wirklichkeit umformt.

Die Auto mationsgesetze, die ein weiteres Instrument der Zusammenfassung von Funktion, Menge, Zeit und Distanz sind, müssen verstanden werden, mit ihrer Hilfe wird das Kleinste höchst bedeutend werden. Sie werden den Entwerfenden zwingen, jedem Teil die größte Beachtung zu schenken. Aber über all dem steht der neue Gedanke der Präzision. Es kann doch nicht so sein, daß etwa das Rustikale oder die Zollstockungenauigkeit das Ideal menschlichen Wohlbehagens darstellen. Ich “‘glaube, daß der Begriff der Präzision vielleicht etwas leichter verstanden wird, wenn wir die Bautechnik der Griechen betrachten.

6.

Da wir uns nun vor solchen und unendlich viel mehr Problemen von gleicher Wichtigkeit in fast hilfloser Unkenntnis befinden und nicht wissen, was wir zuerst tun sollen, und selbst dann, wenn wir es wissen, nicht als Individuum fähig wären, für alle diese Dinge eine entsprechende Formulierung und Antwort zu finden, glaube ich. daß die Arbeit des Bauenden, wenn sie überhaupt eine tiefere Bedeutung haben sollte, hinauswächst aus dem Studio des individuellen, fühlenden, träumenden Baukünstlers und aufgeht in der starken aktiven Tätigkeit des anonymen Teams der arbeitenden Gruppen, die durch Kenntnisse und Vorstellungen vorbereitet auf das Risiko des Experiments, gemeinsam gültige Lösungen entwickeln.

7.

Die Kräfte, die in dem Denken, Wissen und Handeln unserer Zeit zu erkennen sind, werden uns neue Impulse geben, aus denen sich das Weltbild der Gegenwart und Zukunft entwickeln mag. Der Mensch, der sich solche Umwelt schafft, braucht nicht zu fürchten, erdrückt zu werden. Er wird plötzlich erkennen, daß dieses seine lebendige Umwelt ist, in Einklang mit dem, was er weiß, darum in Einklang mit dem, was er fühlt. Seine Begriffe dessen, was er als schön empfindet, seine ästhetischen Vorstellungen, entwickelt aus rationellen Notwendigkeiten und übertragen in den abstrakten Begriff des Symbols, werden ihm eine neue Umgebung formen, für die er arbeiten muß. Erst an diesem Punkt könnte ich mir vorstellen, daß der wahre Meister, der Künstler, das Werk weiterbauen könnte, bis er es durch das, was die Natur ihm gegeben hat, zum Kunstwerk erhebt.

Wohin mögen nun all diese Dinge “führt ?: Ist es möglich; irgendwelche Voraussagen zu machen? Wäre nicht jede Voraussage schon wieder eine vorgefaßte Meinung? Ich glaube, man sollte so etwas nicht versuchen, und trotzdem möchte ich hier, nur zur Erklärung dessen, wovon ich eigentlich spreche, sagen, wie ich mir selbst die Entwicklung des Bauens in der Zukunft vorstelle.

Die Vorbereitungen werden komplizierter sein, aber die Bauideen der Designer werden viel einfacher werden, als sie es heute sind. Ich kann mich nicht entsinnen, jemals ein Bauwerk gesehen zu haben, das z u einfach war. Ich sah fast nur Bauten, die nicht einfach genug waren. Aber wenn ich ein wirklich einfaches Bauwerk sah, erschien es mir immer als ein sehr schönes. Ich zögere, einen Unterschied zwischen einfach und naiv zu machen. Naivsein ist eine Tugend. Und ich glaube, daß wirklich moderne Bauten in Zukunft weniger raffiniert sein werden, dafür aber naiver.

Der Gebrauch von Balken wird mehr und mehr verschwinden. Sie werden durch die hori- zöntalen Platten ersetzt werden. Auch die Stützen wird man in Zukunft wohl anders als heute beurteilen. Sie werden fast völlig verschwinden, so daß wir sie schließlich gar nicht mehr bemerken, selbst wenn sie da sind. Ebenso wird sich das, was wir uns unter Wänden, Fenstern, Türen vorstellen, beachtlich ändern. Ich könnte mir denken, daß nur Flächen existieren werden, undurchsichtige, durchsichtige und bewegliche. Und es werden Oeffnungen und es wird dynamischer Raum da sein, und die mechanischen Installationen unserer Strukturen werden sich ausdehnen in unglaublich komplizierten Systemen, hauptsächlich in den horizontalen Flächen. Diese Platten werden aber auch die wesentlichsten Kräfte tragen. Man wird vielleicht unterdrücken, was oft in der Vertikalen betont wird.

Was die Struktur betrifft, so wird möglicherweise die Tendenz herrschen, den entspannten Kräften zu folgen. Es könnte auch zu Systemen der Konzentrierung von Kräften in Punkten führen. Mehr und mehr werden sich die Massen in kleinste Glieder, die im Raum verteilt werden, auf lösen. Sie werden sich in Gelenken treffen und so die Idee von Punkten im Raum schaffen, die durch imaginäre Linien verbunden sind. Um diese imaginären Linien mag dann das Material verteilt werden, das durch seine eigene Krümmung und in sich selbst verformt wiederum Kraft produziert. Gekrümmte und zusammengesetzte Elemente und Auskragungen werden die heute immer noch akzeptierten Säulen und horizontalen Balken ersetzen.

Wir sind bereits zu der allgemeinen Ueberzeugung gekommen, daß die Sprache der klassischen Architektur nicht präzise genug ist, um sie auf heutige schöpferische Aufgaben anzuwenden. Genau so ist es schwer vorstellbar, daß irgendeine Idee eines wirklich modernen Gebäudes existieren könnte, die sich mit Hilfe konventioneller oder klassischer Konstruktionsmethoden realisieren ließe. In solcher Ueberzeugung mag auch einer der Gründe liegen, weshalb wir heute im allgemeinen geneigt sind, die großen, reinen Konstruktionen der Technik und die dynamischen mechanischen Maschinen als wirklich zeitgemäß und modern zu akzeptieren.

Die Oberflächenprofilierung wird in einem ersten Stadium so gut wie verschwinden, es werden glatte Flächen vorherrschen. Wir nähern uns einer Periode, in der der Mensch die Linien wiedererkennen wird, das Spiel der Linien, dutch Fugen und Oberflächen bedingt. Solche “‘gewicht- und masselosen Flächen werden die zukünftige Struktur dominieren. Mehr als jemals wird Leichtigkeit vorherrschen, Kraft und Schwere werden aufgehoben sein. Eine der Hauptideen zukünftiger Architektur wird die klare Unterscheidung und Trennung jedes Objekts und jeder Funktion, im Detail und im Ganzen, sein.

Ich möchte nicht davon sprechen, wie die Menschen einmal Zusammenleben werden, nicht über Stadt- oder Landesplanung und über Verkehrsprobleme. Aber ich weiß, daß einmal eine Ordnung existieren wird, aufgebaut auf dem Prinzip der Wiederholung des Nucleus, des strukturellen Kerns der Verbindungen, eine Ordnung, die die Fugen, die Oberflächen, die Strukturen, den Raum, die Bauten, Straßen, Plätze und Parks, die die Städte schafft und schließlich die ganze Landschaft der zivilisierten Welt.

Und hier könnte man hoffen, daß der Künstler erstehen möge, der durch seinen Genius und seine Vision fähig ist, Tatsachen und Funktionen in die abstrakte Sprache der Kunst zu übertragen: die Geschichte der Baukunst würde dann von neuem beginnen.

Unter den Umständen aber, unter denen wir gleichsam als Pioniere leben, diesen zukünftigen Zustand vorbereitend, wollen wir uns damit begnügen, den Funktionen zu folgen, und in unseren Aktionen unpersönlich objektiv und bescheiden sein.

Die Wirkung folgt der Ursache, „die Form folgt der Funktion”. Solange sich die Menschen neuen Einsichten und wissenschaftlichen Entdeckungen anzupassen haben und sich mit dem Studium und der Analyse praktischer Erfahrungen beschäftigen müssen, solange wird eine dynamische Bedingung existieren, die diesen Satz Sullivans rechtfertigt. Wenn aber der Mensch die Begrenzung erkennt, die auf seinen Fähigkeiten zu begreifen basiert, und so in der Lage ist, alle umfassenden Faktoren nicht nur im technischen Sinn, sondern auch in bezug auf die sozialen und gefühlsmäßigen Werte zu meistern, dann kann man einen Idealzustand voraussehen, in dem die Funktion der Form folgen und die Ursache den Effekten untergeordnet sein mag.

Ich kann mir kein höheres Ziel vorstellen, nach dem der Mensch streben sollte.

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