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Die Kunst nach der Krise

„Aber wenn mich jemand fragen sollte, ob ich etwa der Meinung wäre, der Westen, wie er sich heute darbietet, könnte ein Modell Tür mein Land sein, dann müßte ich dies, offen gestanden, verneinen. Nein, ich könnte nicht Ihre Gesellschaft in ihrer jetzigen Verfassung als ein Vorbild für die Umgestaltung der unseren empfehlen ... Nach Jahrzehnten der Gewalt und Unterdrückung sehnt sich die menschliche Seele nach höheren, wärmeren und reineren Werten als jene, denen man in den heutigen Lebensgewohnheiten begegnet, die von Fernsehstarre und unerträglicher Musik geprägt werden ..." Diese Worte sprach im Juni 1978 an der Harvard-Universität Alexander Sol-schenizyn, der Autor (und langjährige Insasse) des „Archipel GULAG".

Mit dem Ausdruck „unerträgliche Musik" sind wohl alle jene angesprochen, die solche Musik verfassen; die Komponisten.

Nun könnte man sagen, Solscheni-zyn ist ein Schriftsteller, der viel zu lange von den neueren künstlerischen Entwicklungen abgeschlossen war, um ein kompetentes Urteil abgeben zu können. Aber so billig möchte ich es mir nicht machen. Ich fühle mich durch das Wort dieses leiderfahrenen Mannes schon sehr betroffen und auf den Prüfstand geworfen, und ich beginne, mir selbst Fragen zu stellen. Warum das wachsende Unbehagen in einer Zeit der Prosperität, die zumindest der Industriegesellschaft einen Wohlstand gebracht hat, wie er im Mittelalter nicht einmal allen Hochgeborenen oder Hochgestellten zugänglich war?

Fühlen wir etwa, daß es hoch an der Zeit wäre, sich von einer sanft werbenden oder aufsässig schreienden oder diktatorisch sich gebärdenden Reklame zu lösen (und ich meine damit nicht nur die Konsumreklame), die jedem einredet, zu kaufen, was er nicht braucht, zu tun, was er nicht will, zu wollen, was er nicht soll und - zu bestaunen, was ihm nicht gefällt? Kann es Selbstentfaltung bedeuten, wenn wir die primäre Welt der natürlichen Fruchtbarkeit und der weisen Ökonomie, als die uns diese Erde geschenkt und zu treuen Händen übergeben worden ist, mit einer sekundären Welt des Gemachten und der Organisation überziehen und dabei eine tertiäre Welt des Abfalls produzieren, an der wir alle zu ersticken drohen?

Was aber hat dieser längst nicht vollständige Katalog des Unheils mit Kunst, mit Musik heute, zu tun?

Ein Künstler lebt möglicherweise ein wenig auf einem Planeten seiner innersten Existenz, wie in Saint-Exuperys „Kleinem Prinzen" beschrieben, aber genau so wesentlich ist er Bürger seiner Zeit.

Unser Jahrhundert - in dem in anachronistischer Weise Ideologien des 19. Jahrhunderts geschichtsmächtig geworden sind und die wirklich originellen neuen, weltbildverändernden physikalischen, biologischen und philosophischen Erkenntnisse unverstanden und unbedacht bleiben - ist ein Jahrhundert des Umbruchs, oder vielmehr: des Abbruchs und der Auflösung, der globalen Auseinandersetzungen, der „Welt"-Kriege. Es geht heute mehr als je zuvor ums Ganze.

Hinter diesem grundsätzlichen Ringen ums Ganze, das mit zielstrebiger Radikalität betrieben wird, kann man die Sehnsucht nach sinnstiftender Einheit erkennen: dies wäre ein durchaus positiver Aspekt, wenn das Ganze als „integrum" und nicht als „totum", als integrale Ganzheit und nicht als totalitäre Einheitlichkeit verstanden wird.

In dieser Situation steht der Künstler - wohl wie zu allen Zeiten, heute aber aus ganz anderen Gründen - allein da. Er kann sich nicht mehr als Originalgenie, nach den Kategorien einer vergangenen Ästhetik des Schönen, die vom Schauen kommt, fühlen; er kann aber auch nicht im Teamwork arbeiten wie Ingenieure oder Ärzte. Sein Werk ist weder verfügbares Konsumgut, noch hat es ideologisch brauchbare Funktionen.

Schon 1931 schrieb der Philosoph Karl Jaspers folgende Sätze zur „Geistigen Situation der Zeit" (Göschen 1931): „Die Steigerung der geistigen Möglichkeiten scheint an sich unerhörte Aussichten zu öffnen. Aber die Möglichkeiten drohen durch immer breitere Voraussetzungen sich zu überschlagen; eine neue Jugend eignet sich das Erworbene nicht mehr an; es ist, als ob die Hände des Menschen die Ernte der Vergangenheit nicht fassen könnten. Die sichere Begrenzung durch ein Ganzes fehlt, das vor aller Arbeit unge-wußt die Wege zeigt zu einem in sich zusammenhängenden Erwerb, der reif werden kann. Seit hundert Jahren wurde es immer fühlbarer, daß der geistig Schaffende auf sich selbst zurückgewiesen ist".

Angesichts des Pluralismus gleichwertiger Möglichkeiten könnte sich ein Künstler entscheiden, Epigone irgend-, eines Meisters oder eines Stils zu sein: dann verharrt er auf dem Boden eines gesicherten Handwerks, sein Kunst-Gebäude ist ein schönes Museum, allerdings ohne frische Luft, das Interieur erhält etwas Wachsfigurenhaftes.

Oder: der Künstler entschließt sich, zu experimentieren - und nimmt damit Wohnung in einer Bauhütte am Rande der Gesellschaft. Denn Experiment bringt zwar Erfahrung, daraus folgt aber nicht notwendig Kunst. Zu leicht bleibt das Experiment Selbstzweck, und das eigentliche Wohnhaus wird begonnen, aber nicht beendet.

Also entschließen wir uns, avantgardistisch zu sein - und nehmen damit (als verspätete Originalgenies) Platz in einem imaginären Schützengraben. Das vielgebrauchte (und wenig bedachte) Wort „Avantgarde" kommt nämlich aus der Militärsprache und bezeichnet die Vortruppen, die die erste Linie (la „prima linea"!) eines Kriegsheeres bilden. Ja, um Himmelswillen, führen wir denn auch in der Kunst Krieg? Gegen wen? und worum? Kunst, hat schon etwas mit dem Chaos zu tun, aber mit seiner Bändigung, nicht mit seiner Vermehrung. Die künstlerische Aktivität ist eine Möglichkeit des Artikulierens, des Erkennens und Deutens von Zusammenhängen. Jedes Kunstwerk ist ein Modell, das aus einer unendlichen Fülle des Möglichen in einem spontanen Akt als eine abgegrenzte und genau umschriebene Gestalt heraufgeführt wird. Kunst hat es daher immer mit Ganzheiten zu tun, aber auch mit dem Leben, wollte sie nicht in Künstlichkeit stecken bleiben.

Eine zukünftige Musik wird nicht dadurch „fortschrittlich" sein, daß sie immer unerhörter wird. (Der Begriff des Fortschritts ist ja an sich fragwürdig, in der Kunst ist er sicher falsch: Shakespeares Dramen sind nicht fortschrittlicher als jene des Aischylos oder Sophokles, Mozarts Musik ist nicht fortschrittlicher als jene Bachs oder Josquins).

Musik wird sich vielmehr wahrhaft entfalten durch Entfaltung der Wahrheit: die bisherige Ästhetik vertiefend und begründend wächst ihr eine ethische Kategorie zu - wie in ganz archaischen Zeiten. Dieser Weg wird nach innen führen: nicht zu Selbstgefälligkeit odei' Selbstvergessenheit, wohl aber zu Selbstbesinnung. Und er wird zugleich nach außen führen: zu einem kosmischen Gesamt-Bewußtsein, das wir heute kaum erst erahnen können.

Musik wird in ihrer Weise das große Ganze nicht nur zu deuten verstehen, sie wird seine Wandlungen auch modellhaft darzustellen vermögen. Und Musik in diesem Sinn muß dann nicht nur als Summe klingender Töne aufgefaßt werden. Sic steht gewiß einst wieder einmal als Synonym für jede gewaltlose harmonische Ordnung: meines

Innenlebens, meiner Umgebung, des Staates, der Welt.

In jeder Umbruchszeit werden die Möglichkeiten als besonders grenzenlos empfunden. Ich habe vorhin unsere Zeit als eine solche des Abbruchs und der Krisen interpretiert. Jetzt möchte ich „Krisis" in seiner wörtlichen Bedeutung als eine Wende auffassen, eine Weltkrise als eine Weltwendc. Darin steckt auch die Möglichkeit des Aufbruchs zu neuen Ufern. Wenn wir ganz „am Boden zerstört sind", geht es nicht mehr tiefer. Hochragende Türme können wir in einer solchen Situation nicht bauen. Aber wir können neue Fundamente legen, haltbarere, für künftige Häuser des Lebens.

Kunst als ethisches Existenzial statt als ästhetische Kategorie aufgefaßt, kann die Modelle dafür entwerfen. Die Freiheit dazu haben wir noch nicht ganz verspielt, wenn wir uns vor allem besinnen auf die Freiheit, nicht alles zu tun, was wir tun könnten. Die Situation des Kunstrezipienten - im Falle der Musik des Zuhörers -, ist in dieser pluralistischen und ambivalenten Zeit wahrscheinlich genau so schwierig wie die des Künstlers, des Komponisten. Angesichts einer Fülle verwirrender Ausdrucksformen stellt er sein Sensorium auf Empfang, in Erwartung einer ergreifenden und zutiefst berührenden Botschaft. Aber da überlagern sich die verschiedenartigsten Wellen, und das Ergebnis ist ein entmutigendes, desorientierendes Durcheinander. Und doch gibt es die „Kaiserliche Botschaft", von der Franz Kafka spricht, auch heute. Man sollte nur nicht ablassen davon, jene Wellenlänge zu suchen, die der eigenen Seele entspricht.

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