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Vom Schock zur Auseinandersetzung

In einer Zeit der kollektiven Verarmung, nie dagewesener Zerstörung und unerhörter Existenzsorge setzte eine Krise mit dem Trieb zum äußeren, sichtbaren Wert ein. Der Habetrieb, die Habgier brach sich breite Bahn und überschwemmte schier hemmungslos die alten Dämme. Mit der Ausplünderung anderer Länder oder Volksteile waren so manche innerlich durchaus einverstanden. Die Plünderungen setzten sich in den widerlichen Szenen beim Zu-sammenbrudi der Polizeigewalt hierzulande fort und seither blühen Schleichhandel und Schwarzer Markt und die Grenzen zwischen Mein und Dein verwischten sich. Dumpfe Habgier lugt aus so mancher politischen Losung und Maßnahme.

Das Triebhafte ist ewig ungesättigt. So entwickelt sich der Trieb nach der Habe im allgemeinen zum Trieb nadi dem gefähr-lidien Besitz und Genuß. Typisch für diese Reizsucht sind die Narkotika, denen seit etwa 1940 eine wachsende Süchtigkeit zustrebt. Mögen die entsprechenden Genußmittel — Alkohol, Nikotin, Chemikalien — auch Mangelware geworden sein, die Sucht bereitsdiaft und Sehnsucht nadi ihnen hat sich unzweifelhaft nidit nur bei den Männern, sondern auch bei den Frauen und in der Jugend riesig verbreitert und vertieft. Damit wuchs die Bereitschaft für eine verfehlte Lebcnsüberhöhung, die für das Opfer, den Verzicht wenig ansprechbar sein läßt. Massenbewegungen spekulieren ganz offensichtlich auf diese 'Primitivität und proparieren bestenfalls einen etwas gehobenen Materialismus und für die älteren Jahrgänge die Zusicherung kleinbürgerlicher Versorgung.

Den Materialisten treibt es rasch weiter vom Ding zum Menschen .Der Sexu.ilismus unserer Jahre fällt geradezu auf durch seine Allgemeinheit, seine Verfrühung, seine Un-natürlichkeit und Perversität. Seine Ehefeindlichkeit wirkt sich im Ehe- und Familienleben bereits unheilvoll aus. Verbunden mit den Bombenschäden ungezählter Haushalte und der Ruhelosigkeit der modernen Völkerwanderungen ergibt sich aus dieser Heimkrise eine unsagbare Heimat-'osigkeit, Vereinsamung und Entwurzelung. Wie sehf ist der Mensch heute zerrissen, aufgespalten, zerstreut, ruhelos und unge-i borgen! Er wird immer labiler, unverläßlicher und einseitiger.

Das bereits greifbare Ergebnis dieser Entwicklung ist oft ein ungewöhnliches inneres Vakuum, eine erschreckende Inhaltslosigkeit und Leere der modernen Seele. Vielleicht erklärt sich aus dem fallweisen Eigen- und Fremderlebnis dieser menschlichen Verarmung das Ungute dieser Mensdien, das Hämische, Kritische und Unzufriedene, der Pessimismus und die Zukunfts-losigkeit. Der übersteigerte Kinobesudi deutet auf dieselbe Eigenverarmung der Massen und auf deren Wunsch, wenigstens die Vorstellungswelt irgendwie angenehm aufzufüllen. Abnormer Nachrichtc-nhunger in qualitätsloser Zeitungslektiire und müdes Ausgeliefertsein an die Aussagen der Agenturen weisen in dieselbe Richtung. Eine erschreckende Würdelosigkeit besiegelt diesen seelisdien Ausverkauf. Auch in religiös gebliebenen Kreisen bekümmert oft nicht etwa eine Gegenströmung, eine Diskussion oder Problematik, sondern' es zeigt sich sogar hier ein ähnlicher Zustand, der zumindest als Müdigkeit, Sehwunglosigkeit oder eremitenhafte Einkapselung dahinlebt.

Die Gefahren für die weitere Entwicklung sind offensichtlich. Zunächst die Gefahr der Übermüdung und F.rsdiöpftheit. Das Maß der seelischen Leistungs- und Tragfähigkeit ist bei vielen Menschen heute nun einmal überschritten. Die andauernde Anspannung und bleibende Überbelastung wirkt sich stets deutlidier in allen Bereichen des Seelischen aus: im Verstandesbereich (Schwierigkeit der Konzentration, der Lesung, des Gesprächs, der Seelenführung); im Willensbereich (Krise des sittlichen Strebens, der Aszese, der Selbstverwirklichung, Statik der Willenshaltung ohne Dynamik); im Gemütsbereidi (Freudlosigkeit, Humor-losigkeit, andererseits Unfeierlichkeit, Trivialität, Sensationsgier und Vergnügungssucht). Der Mensch wird sich selber zur Last und zum Leid. Eine neue Welle der I.ebensmüdigkeit und der Lebensfeindlichkeit droht und damit eine neue Bereitschaft zum Vernichten, Kriegführen und Hassen.

Die Gefahr des Irrewerdens wächst. So vieles Planen und Hoffen ist dem Menschen leergelaufen. Die Entwicklung des Zeitgeschehens selber zeigt ungewöhnliche Sprünge, Risse, Widersprüche und Sinnlosigkeiten. Das gradlinige Denken unserer „einfachen Leute“ findet sich vor der Wirklichkeit nicht mehr zurecht. Man könnte wahrhaftig irre werden an der Welt und ihren Gesetzlichkeiten, am Leben und seinen Maßstäben, am Menschen und — an Gott. Was breiten Kreisen bisher Zweck und Inhalt ihres ehrlichen Mühens war (Besitz, Heim, Familie, Kinder), das ist zerstört oder sinnlos geworden oder in seiner Hinfälligkeit entlarvt. Das rein diesseitig ausgerichtete Denken — das so oft vorherrscht — ist außerstande, mit den Problemen einer solchen Gegenwart fertig zu werden. So gerät der Mensch in die Irre und Verzweiflung.

Es droht die Gefahr des falschen Auswegs.

Not und Furcht erhöhen die Anfälligkeit des unsicher Gewordenen. Die innere Ruhe fehlt, die Selbstzucht und Ausgeglichenheit, um nicht überrumpelt zu werden. Dahinein melden sich nun neue Losungen — primitive und harmlose, aber auch solche von fast dämonischer Wucht und Struktur. Erschütternd wirkt die Vielzahl der bereits wieder verbrauchten Fehllosungen der letzten zwanzig Jahre — I Iiimanismus und Griechentum, Kant und Goethe, Thomas Mann und Frank Thieß, Brecht und Becher. Es ist ein toller Wirbel. Depossedierte und Arrivierte, ewige Landsknechte und vielgewandte Konjunkturritter, Agenten und Untergründler —■ alles schreit durcheinander. Grenzlandleben ist ein unruhiges Dasein, und unsere strategische Position erhöht die Gefahr, mißbraucht und korrupt zu werden.

Wundert es uns da, wenn Müdigkeit und Irrewerden bis zur Angst und Verzweiflung weiterschwären? Die Angst vor dem Mensch ist eine Grundbefindlichkeit der Gegenwart — nicht nur bei' denen, die solche Mensdien erlebten, die sie von Haus und I Iof verjagten, oder bei den Gezeichneten der KZ und Gestapo, der Bombenangriffe und Vergewaltigungen. Die philosophischen Schlagworte von dem „Ausge-liefertsein“ und der „Geworfenheit“ und dem „Nicht-Sein“ der Kreatur bekommen inmitten unserer Katastrophen einen schaurigen populären Widerhall. Zweifellos werden sich auf einem solchen Hintergrund neue Versuche erheben, politische Anstrengungen auch „weltanschaulich“ z.i deuten und zu unterbauen, gerade solche, die von vornherein das Zeichen des Irrtums und der Enttäuschung tragen.

Um so schwerer wiegt in einer solchen Situation die Verantwortung der christlich gebliebenen Volksteile. Der österreichische Katholizismus hat sich gegenüber dem politischen Wahnwitz der letzten Jahre an dessen zentraler Stätte als widerstandskräftig und wirkmächt'g erwiesen. So ist zu hoffen, daß er auch jetzt, wo mitten durch unser Land nicht nur politische Demarkationslinien, sondern auch eine geistesgeschicht-liche Auseinandersetzung zieht, bestehen wird.

Wir erinnern uns der Gesetzlichkeit der Völkerpsychologie: Nach jedem Krieg, beziehungsweise Zusammenbruch, folgt zunächst die Phase des Schocks mit seiner Enttäuschung, Demaskierung, Zügellosigkeit und I^ebensgier: bis zum Leerlauf und zur Verzweiflung. Dieser Phase folgt dann die Welle der Besinnung, Auseinandersetzung, Klärung, der Kämpfe und der neuen Versuche, der Entscheidung und Ausrichtung. Sie kündigt sich auch diesmal bereits an und wir sehen ihr in zuversichtlicher Erwartung entgegen. Dann wird das Christentum wieder zu seinem Wort kommen und auf Bereitschaft rechnen können. Jetzt ist noch die Stunde der Karitas und der stillen Tndividualseelsorge, der geistigen Selbstbesinnung und inneren Bereitung. Die Zeit der wuchtigen Selbstbezeugung und großen Verkündigung, der prophetisdien Aufrüttelung und des machtvollen Ringens um die Menschen, der Sdieidung der Geister und der elementaren Heimkehr steht erst noch bevor.

Wir kennen die Gesetzlichkeit der Religionsgeschichte: Nach einem jeden großen Krieg folgt eine religiöse Welle. So nach den napoleonischen Kriegen die Romantik, nach dem 30jährigen Krieg di Barockfrömmigkeit, nach den Krenzzügen die Mystik, nach der Völkerwandernug der missionarische Frühling. Auch nach 1918 kam ein religiöser Auftrieb, aber er war nicht tiefgehend. El ist, als ob sich Gott über der zerschlagenen Menschheit jeweils besonders erbarmen und deutlicher offenbaren wollte. Auch diesmal spüren wir sdion behutsam und elementar zugleich eine religiöse Welle herankommen, und es ist für uns die große Frage: Sind wir Christen religiös tief und reif genug, um diesen Auftrieb beheimaten zu können? Die uns noch gewährte Pause soll eine Zeit der Bereitung sein und nidit eine einzige verpaßte Gelegenheit.

Man darf nicht vergessen, daß gerade der diristlidie Volksteil Österreichs seit 1914 nicht nur ungewöhnliche Belastungen, sondern auch Bedrohungen des Glaubens und Bewährungen der sittlichen Haltung zu bestehen hatte. Wir sind ein zerquältes Volk. Höhepunkte außerhalb des Kirchenraumes gab es nur durch Aufpeitschung, und darum für Tieferblickende nur auf dem Hintergrund des Grauens. Kann man anderswo beurteilen, wieviel Kraftverbrauch der Widerstand gegenüber der Dämonie der konstanten Not, der Dämonie des Totali-tarismus, der Dämonie zweier Zusammenbrüche kostet? Wenn in diese, psychologisch außerordentlich bedrohlidie Situation nun aufs neue die brutale Existenznot einbricht — hat da eine religiöse Verkündigung noch Raum und Sinn?

Sie hat beides um so mehr, als sie dem Menschen gerade das bietet, wa5 er eben in diesem Notstand braudn. Und die Frage nadi dem Bestand im religions-psychologischen Bereich wandelt sich in die Frage nach dem Soll ebendort, nadi der entspredienden Aufgabe, um die wir uns zu mühen haben, um der Stunde gewachsen zu sein. Die Aufgabe zielt also nidit auf eine neue Last aus der Verpfliditung, sondern auf Gaben und Kräfte und Daseinshilfen, die außerhalb des religiösen Bezirkes gar nicht mehr greifbar sind.

Wir ringen in diesem Sinne zunächst um die Selbstbehauptung der christlichen Persönlichkeit, um das Bestehen inmitten aller Not und Zermürbung und Quälerei, um das Selbstbewußtsein gegenüber aller Würdelosigkeit und Verlorenheit, um die Ehre und Würde und Sauberkeit und Adeligkeit des Lebens. Dazu hilft der kollektive Mat*-rialismus nichts — er führt immer wieder zu innerer Proletarisierung. Hier versagt auch ein akademischer Humanismus. Die Menschheit wird es uns aber danken, wenn wir ihr persönlich Zeugnis ablegen für die Menschwerdung Christi, für den Sinn und Adel des Menschen in Gottes Plan, für den Wert der einzelnen Seele, für die Ehre und\ Würde des christlichen Lebens, für die Kraft und Reichweite der Gnade.

Wir ringen um das Hoffen- und Vertrauenkönnen, um einen geistigen Lebenswillen. Pessimismus und Lebensangst und Untergangsstimmung sollen den Christen nicht überwältigen können. Sein Leben reicht in andere Welten, aus denen es seinen letzten Sinn und neue Kräfte erhält. So bleiben wir die Vertrauenden, die Gläubigen und Erfüllungsberciten. Und wir wissen; auch nach diesem Zusammenbruch wird ein frisdier „Elan vital“ einsetzen, eine neue Jugendbewegung kommen, ein Erneuerunsjs-wille durchbrechen. Nirgendwo wird dafür mehr Bereitschaft und Erfüllung blühen können als im Christentum.

Wir ringen um eine zeitgemäße Verwirk-liduing unseres Apostolates. Über die Form und Methodik läßt sich für morgen jetzt noch nicht viel ausmachen. Es ist noch nicht einmal klar, ob neben der großen Bezeugung im Antlitz der Welt die unmittelbare Bemühung um den einzelnen nidit doch wieder im Vordergrund unseres Bemühens stehen wird. Mögen Stylitentum und Selbsreinkap.flung subjektive verständliche Formen der Weltflucht und Eigenbewahrung sein, das Erlebnis der Schick-salsgemeinsdiaft ist stark genug geblieben, um auf eine breite Gefolgschaft für den Apostolatsruf redinen zu können.

Wir ringen schließlich um eine aufriditig;

Wir können nicht von uns selbst loskommen und ebensowenig von unserer eigenen Tradition, ohne uns selbst nicht allein von der Vergangenheit, sondern auch von unserer eigenen Gemeinschaft abzuschneiden. Wenn wir überhaupt eine geschichtliche Religion brauchen — und ein religiöser Glaube kann nicht volle Geltung erlangen, wenn er nicht geschichtlich ist und bis zu einem gewissen Grade dem wissenschaftlichen Leben widerspricht —, so haben wir keine andere Wahl, als das Christentum. Der Verfall der westlichen Gesellschaft in unseren Tagen, ihr Verlust an Lebenskraft und Uberzeugungsstärke, ist weitgehend dem Schwinden des christlichen Glaubens zuzuschreiben. Mit der zunehmenden Erkenntnis dieses Verfalles und den zunehmenden Verwicklungen des glaubenslosen Lebens, die den Menschen immer deutlicher werden, wird unvermeidlich eine Bewegung zurück zur Religion einsetzen. In dieser Zeit wird die reife Autorität der christlichen Religion ein starker Fels gegen das Pfuschwerk verrückter Phantasien und gegen die brutalen Mächte totalitärer Ersatzreligionen sein.

Micha! Roberts: „Die Erneuerung des Westens“

Bereitschaft. Nicht nur für die Heimkehrer, für die Zurückfindenden und Suchenden, für die ungezählten Wanderer auf den alten Straßen Europas; nicht nur für die neue Zeit, eine gemäße Weltordnung, für alles Kommende und Zukünftige. Unser Vertrauenkönnen und Hoffen wollen lebt aus einer tieferen Bereitschaft — aus dem Harren auf das Kommen des Herrn selber. Er ist seit der Menschwerdung unaufhörlich zu uns unterwegs. Wie dünn ist die Wand, die uns von seiner Gegenwart und Erscheinung trennt! Unzählige Male der Lebensgefahr und Existenznot haben uns Heutige sdion aus der Welt dieser Zeitlidikeit entrückt und einer anderen Welt nähergebradu. Unsere esch uologischc Sehnsucht hat deshalb nidits Naives oder Flüchtiges an sich; sie wird geweiht durch die wirkliche Nähe Gottes — auch im Heute!

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