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Christsein am Morgen des Atomzeitalters

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Aus einem Zyklus von vielbeachteten Vottrgen, die int Rahmen der Oesterieichischen Kulturvereinigung Dozent Dr. Friedrich Heer, Mitglied des Redaktionsstabes der „Furche“, in den letzten Wochen gehalten hat und nun zum Abschluß bringt, geben wir im Nachstehenden einige Kernpassagen wieder, die bei weitem nicht die großangelegte Thematik erfassen, aber die Richtung zeigen, in die der Sprecher weisen will; ihm wurde von einem tiefergriffenen Publikum gedankt. Die „Furche“

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Aus einem Zyklus von vielbeachteten Vottrgen, die int Rahmen der Oesterieichischen Kulturvereinigung Dozent Dr. Friedrich Heer, Mitglied des Redaktionsstabes der „Furche“, in den letzten Wochen gehalten hat und nun zum Abschluß bringt, geben wir im Nachstehenden einige Kernpassagen wieder, die bei weitem nicht die großangelegte Thematik erfassen, aber die Richtung zeigen, in die der Sprecher weisen will; ihm wurde von einem tiefergriffenen Publikum gedankt. Die „Furche“

Der europäische Christ lebt heute als eine seltsame Insel in einer Welt von sehr anderen Menschen. Jedes Jahr werden 36 Millionen Menschen geboren. In 15 Jahren etwa erblicken also ebenso viele Menschen das Licht der Welt, als die Gesamtzahl der Christen ausmacht — eine Zahl, die das äußerlich sichtbare Ergebnis von bald zweitausend Jahren missionarischer Bemühungen ist. Die Welt wächst unter sichtbaren Wehen zusammen, immer mehr Menschenmassen ballen sich in begrenzten Räumen. In der Hitze des Kampfes um das tägliche Brot, um den gesellschaftlichen Aufstieg, um den Arbeitsplatz geraten die Menschen aneinander. Es tut gut, daß wir uns die harte Tatsache vorstellen: auch wenn es kein Sowjetsystem und keinen Kriegsdruck von Weltmächten, die widereinander in riesigen Blöcken stehen, gäbe, würde die heutige Menschheit mitten in der dritten industriellen Revolution in einem Staudruck leben, der mit Explosion droht: zu Bürgerkriegen also, und zu äußeren Kriegen. Niemals zuvor mußten so viele Menschen, und es sind immer ganz andere, Menschen verschiedener politischer, religiöser, volkhafter Herkunft, mit anderen Lebenserfahrungen und Lebensarten, zusammengepreßt in engen Räumen leben, ohne echte Sicherheit, trotz der gigantischen Versicherungssysteme: des modernen Staates, seiner Armeen und Bürokratien, der Gewerkschaften und Kassen. Zu gleicher Zeit dringt in das verengte Wissen und das verengte Herz allzu vieler, auch christlicher Menschen die Wahrheit ein: es geht um eine neue Betreuung der materiellen Welt, eine neue Betreuung des Menschen in seinem unbetreuten seelischen Untergrund, eine neue Betreuung der Völker. Es ist heute an der Zeit, festzustellen, daß diese selbe strukturelle Verengung der Optik auch für viele Christen gilt: sie wollen nur sehen, was sie sehen wollen, was ihnen ihre eigene Angst oder Enge zu sehen vorstellt. Als unergriffene, von Gott unergriffene Menschen vergreifen wir uns aber an Seiner Wirklichkeit, ata Seiner Schöpfung und suchen sie zurechtzuschneiden nach unseren Süchten und Begehrungen.

So ist der europäische Christ allzu häufig bereit, zu übersehen, was ihm Gott, der Herr, aufgetragen hat: diese Welt zunächst zu begreifen, in Ehrfurcht zu begreifen in der unendlichen Fülle ihrer Erscheinungen,, sie sodann sorglich zu betreuen, zu schonen, zu hegen, so daß in ihr, behütet in ihrer Eigenart, als in einem Garten Gottes, die Millionen andersartiger Menschen leben können. Jene Millionen von Gegnern, Feinden, von ganz anderen, die Gott hereingelassen hat in unsere Zeit und unseren Raum, und die Er uns als Partner, als Lebensgenossen hereingegeben hat. Diese Aufgab können die Großmächte-Apparate kaum sehen — daß nämlich jeder Mensch anders ist, und daß ein Versuch, einen Eintopf zu schaffen, ins Unheil und zum Bürgerkrieg führen muß —, und daß kein Mensch, mag er nun Christ sein oder nicht, in ein Schema paßt.

Wenn wir nun die Chance, die echte Chance des europäischen Christ e n heute sehen wollen, müssen wir uns vorstellen, was Europa, was europäische Katholizität als geschichtliche Wirklichkeit waren und zutiefst sind, solange sie leben.

Alteuropa, das bis auf die Höhe des 19. Jahrhunderts fast ungebrochen eine Strahlkraft entfaltete wie nie zuvor ein Kontinent, war durch mehr als tausend Jahre eine Gesprächsgemeinschaft vieler Gegner und Feinde gewesen und hatte als solche, und nur als ein solches Gespräch der Feinde, seine Potenzen entwickelt. Dieses harte, schwere, leid- und freudvolle Gespräch der Feinde können wir uns gar nicht realistisch genug vorstellen. In Deutschland saßen etwa auf mehr als 10.000 Burgen ritterliche Herren, die in steter Fehde untereinander und mit den mittelalterlichen Städten lagen, in stetem Streit auch mit Bischöfen, Klöstern — deren Vögte sie waren —, mit Domkapiteln und Orden. In jeder Stadt stritten Zünfte, Patriziate, Niedervolk, adelige und geistliche Herren miteinander und widereinander. Das Heilige Römische Reich war eine Streitgemeinschaft, in dem auch in seinen Glanzzeiten Kaiser, Könige, Reichsfürsten, Stämme, Städte, Bischöfe widereinander stritten. Dasselbe galt für England, Frankreich, Italien, Polen, Ungarn — für ganz Alteuropa zwischen Riga und Lissabon, zwischen Wisby auf Gotland und Sizilien. Europa lebte nur in dieser Gemeinschaft zahlreicher erbitterter Gegner, die nicht selten Todfeinde waren. Wer die hohe Zahl von Bischofsmorden bereits im Hochmittelalter, etwa im 12. Jahrhundert, studiert, wer die Vielzahl bäuerlicher Revolutionen, richtiger Bauernkriege bereits vom 9. und 10. Jahrhundert herauf, beobachtet, dazu die zahlreichen städtischen Erhebungen und daran die Großkämpfe zwischen Päpsten und Kaisern, und die vielen hundert Ostfeldzüge deutscher Herren zwischen 9. und 13. Jahrhundert bedenkt, den hundertjährigen Krieg, Bürgerkrieg in England und Frankreich, wird diesen Kämpfen den Ernst und die Härte nicht aberkennen können. Mitten in diesen Kämpfen entwickelte sich Europa zu einer Symphonie der Gegensätze. Praktisch und geistig hieß das: zu einer Fülle von Freiheitsräumen und Freiheitszeiten — ohne die es ja keine Charakterbildung, keine Gewissensbildung und keine Katholizität gibt: diese zahlreichen Fürstentürn'er, Bistümer, Herrschaften, Städte, Klöster und Burgen wurden ja immer wieder zu Bollwerken, in denen sich Verfolgte, um ihres Wissens und Gewissens willen verfolgte Menschen, bergen konnten. Päpste und Kardinäle nahmen in ihre Gefolgschaft und Hut Ketzer und Männer auf wie Arnold von Brescia. Ein Friedrich der Große beschützte noch zusammen mit Katharina II. — Rußland gehört zu Europa — die Jesuiten, deren Orden ein schwacher Papst unter dem Druck der katholischen Fürsten aufgelöst hatte. Noch auf der Höhe de 19. Jahrhunderts bot der Antagonismus zwisehen Preußen und Oesterreich und Bayern vielen der hervorragendsten Männer Gelegenheit, einen eigenen Lebens- und Wirkraum zu finden. Hervorragende Preußen wie Jarcke und viele andere fanden zusammen mit hannoveranischen Weifen Wirkstatt in Wien und Altösterreich.

Freiheit ist gebunden an kleine Räume. Die großen Mächte, Organisationen, Apparate und Gesellschaften streben strukturgemäß nach Nivellierung und Gleichschaltung — Augustins Wort, daß nur die kleinen Reiche, die regna, Gott wohlgefällig seien, ein Wort, auf das sich bekanntlich der große Ahnherr des europäischen Widerstandsrechtes, Papst Gregor VII., stützte und berief, hat eine schicksalsschwere geschichtliche Legitimierung erhalten: Freiheit, Menschlichkeit, Gewissen, Charakter, Manneswürde und Christsein bleiben leerer Schall, wenn es kein Widerstandsrecht, keine Widerstandsmöglichkeit gibt — diese aber sind gebunden an Freiheitsräume, in die der Mann, den sein Gewissen zu einem sauberen Nein und zu vielen bedingten Ja aufruft, fliehen kann, wenn ihn dieser und jener Mächtige mit Vergewaltigung bedroht. Burgen und Klöster, Schlösser und kleine Herrschaften, Städte und nicht selten auch römische Kardinäle boten mehr als tausend Jahre diese Freiheitsräume und sie schufen jene Freiheitszeiten, in denen der Mensch wach werden kann zur Kritik und Selbstkritik, zur Arbeit für seine mitmenschliche Welt, zur Reifung seines Gewissens und seiner Substanz. Heute fehlen in Europa und darüber hinaus jene unabdinglichen Freiheitsräume und Freiheitsgrenzen, ohne die der Mensch nicht reifen kann zum Verantwortungsträger. Es ist eine der größten Aufgaben einer erwachenden erneuerten Katholi-zität, solche Freiheitsräume und Freiheitsgrenzen zu schaffen — die alten Orden, Klöster, Stifte haben hier vordringliche Aufgaben und mit ihnen alle Kirchenherren, die um die wahre Not der Zeil wissen.

Heute, am Morgen des Atomzeitalters, sind die europäischen Christen durch die Notwendigkeit, mit sehr vielen anderen Menschen zusammenzuleben, zu einer ganz neuen, wachen Rücksichtnahme auf diese anderen, ihre Gegner und Feinde, aufgerufen. Diese fordern sie ein, das Wort zu vernehmen, das Gott in ihnen spricht, gemäß der wichtigen heilig-nüchternen Feststellung des Thomas von Aquin, die man in dem 1954 erschienenen 24. Band der deutschen Thomasausgabe nachlesen kann, daß Gott auch durch dämonische und falsche Propheten Sein Wahrwort verkündet: die Menschen werden, so ist Thomas überzeugt, durch solche dämonische Propheten bisweilen schneller und wirksamer zur Wahrheit geführt als durch die echten, aber deswegen weniger angehörten Propheten, die nach dem Wort des Herrn in ihrem Vaterhaus und ihrem Vaterland nichts gelten. Europas Christen können sich der Befragung nicht entziehen, die im China Maotsetungs und an vielen anderen Orten dieser Welt an sie gerichtet wird. In nicht genug bedenkender Weise entspricht nun die äußerste und direkteste Form der Begegnung mit der ganzen Wirklichkeit in den Kerkern und Marterlagern der Volksdemokratien jener anderen Erschließung zur Aufnahme der ganzen Wirklichkeit, die Therese von Lisieux vorgelebt hat. In einer achtzehnmonatigen Agonie — in der sie ständig bis zuletzt von schwersten Zweifeln an Gott, an Unsterblichkeit zerquält wurde, in 18 Monaten bildete Therese einen neuen Menschen. Einen Christenmenschen, der sich ganz hingibt an Gott, und der, im Zerbrechen, erfährt: Tout est gräce, alles ist Gnade. Der deutsche Dichter Carossa sagt, von der natürlichen Seite herkommend, diese Kernwandlung und Kernreifung, ohne die das Atom des Christen nicht entbunden wird, zu seiner Wirkmacht, in dem Vers an: „Es gibt kein Ende, nur glühendes Dienen, zerfallend senden wir Strahlen aus.“

Diese Annahme Gottes und des Feindes, bis in die tiefsten Tiefen des eigenen Personenkerns hinein, wandelt die Welt, wandelt die Menschen. Das Leiden, das Kreuz ist das einzige chemische Element, das Böses in Gutes wandelt, das wirklich Wandlung, Geburt mittelt. Die Versuchung der europäischen Christen besteht darin, daß sie diese Wandlung durch äußere Aenderungen ersetzen wollen. Das bedeutet die Gefahr, Gott zu übersehen, Ihn zu identifizieren mit den eigenen Plänen, dem eigenen Begehren, den eigenen Gedanken, die wir uns von Gottes Weltregierung machen. Dies zu verhindern, hat die dreifaltige Gottheit, die über Gute und Böse Regen und Sonnenschein sendet, den europäischen Christen heute mitten in eine Welt von Gegnern und Feinden hineingestellt. Sie alle sind Blumen, Früchte, Bäume und Berge in Gottes Garten; bisweilen wohl auch Vulkane. Kein Krieg, keine Schlacht, keine Uebermachtung kann dieses ihr Anderssein aufheben und zerstören. Also ist es vom Christen anzunehmen, anzuerkennen, zu ertragen und im eigenen Leben auszutragen. Das nämlich ist der Friede: keine Kirchhof stille nach einem Krieg, kein Besitz. Der Friede kann nicht besessen werden. Er kann nur gelebt werden: in einem Schenken, Geben, Strahlen des Eigensten und Persönlichsten, das ohne Arg dem Gegner, dem Feinde angeboten wird. Friede ist dort, wo christliche Substanz ist: diese aber bezeugt sich, indem sie strahlt, wärmt, sich hingibt. Aus diesem Europa ziehen Menschen hinaus — in die Wüsten Afrikas, in die Steppen Asiens, in die Einsamkeiten der Arktis und in die Dschungel Insulindes, nicht zuletzt in die Elendsquartiere der süd- und westeuropäischen Industriestädte, Frankreichs, Italiens und Südamerikas, die nichts mit sich tragen als ein glühendes Herz und die Verheißung ihres Meisters: Siehe, Ich mache alles neu. Diese Verheißung wird für jene und durch jene, die dem Rufe folgen, Wirklichkeit: nimm dein Kreuz und folge Mir nach! Im Schatten des Unterganges Roms hatte Vergil das Hohelied des frommen Aeneas gesungen, der sich selbst als fromm bekannte — sum pius Aeneas —, weil er, allen Winken Gottes gehorsam, durch die Trümmer der heiligen Feste Ilion die Penaten und den greisen Vater trug und durch alle Irrfahrten und Versuchungen hindurch ein unerschütterliches Herz bewahrte. Die neuen Missionäre aus Europa besitzen keine Penaten mehr und sie tragen ihre greisen, in Schuld ergrauten Väter nicht mehr mit sich, wohl aber deren kostbarste Erfahrung: das Wissen um die Notwendigkeit, mit vielen Gegnern, vielen Feinden zusammenzuleben. Das ist Europas Gabe für die-Welt. Dieses Wissen stählt ihr Herz, indem es, ein Paradoxon der Gnade, dieses Herz der neuen Sendboten Christi nicht unerschütterlich macht, sondern im Gegenteil, ihm eine Er-schütterungsfähigkeit mitteilt, die alles aufnimmt, was im Weinen gelber Kinder, im wütenden Schrei roter Häuptlinge, in der stummen Klage ausgemergelter schwarzer Weiber, und, immer wieder, in der unerlösten, unbetreu-ten Lebenswirklichkeit zahlloser anderer Menschen an sie herandrängt. Da aber wird die neue, lange vermißte Erschütterungsmacht geboren, die Macht, fremde Herzen zu rühren und zur Begegnung mit dem ihnen unbekannten Gott zu führen. Diese Erschütterungsmacht Wird nur dem Menschen gegeben, der sich selbst von den ganz anderen Menschen, die ihm Gott als Lebensgefährten gegeben hat, erschüttern läßt. Sie zu behüten, zu umsorgen ist die größte Gnade, die Gott dem Christen mitteilt. Eine Gnade, eine harte Gnade — die keine Ausflucht in fremde Ideologien und Träume gestattet: sie erzieht zum Dienste am Reich Gottes, indem sie dem staunenden Auge des Verstandes und des Geistes die riesigen Räume, die offenen Horizonte aufzeigt — diese Erde und diese Welt als Gottes Garten, in dem die vielfältigen, vielfarbigen Menschen berufen sind, auf ihre Weise mit ihren rauhen, harten und oft so mißtönend und unbeholfen klingenden Stimmen Lieder zu singen, die erst zum Einklang werden sollen, wenn die Wesen und Mächte mit den Menschen vereint das Lied um das Lamm singen werden, das auf dem Thron ruht, im Reiche des Vaters. . •

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