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Zwischen 1 und 2000

Wer vernünftig und froh in dieses neue Jahr 1958 hineinschreiten will, tut gut, sich auf seinen Standort zu besinnen. Ein Jahr zwischen dem Jahre „1“ und dem Jahre „2000'.

Das Jahr 1 bedeutet: Wir rechnen, ob wir es wissen wollen oder nicht, in allen unseren Rechnungen, in Wirtschaft, Politik und „Privatleben“ mit einem Jahr, in dem ein neuer Mensch geboren wurde; der Gottmensch.

Das Jahr 2000: schon sind die Menschen geboren, die es erleben werden, für die wir als Väter und Mütter und Weggenossen verantwortlich sind.

In diesem Jahre 2000 wird, wie der westdeutsche Bundestagsabgeordnete und Direktor des Instituts für Weltwirtschaft an der Universität Kiel, Professor Baade, vor kurzem in einem Münchener Vortrag ausführte, die Zahl der Menschen fünf Milliarden betragen. Die Hälfte der Menschheit wird aus Indern und Chinesen bestehen. Baade ist der Ueberzeugung, daß die Welternährung heute schon für zehn Milliarden Menschen gesichert ist. Neunzig Prozent der landwirtschaftlichen Familien benutzen noch den alten eisernen Pflug oder die Harke wie vor achttausend Jahren. Nur zehn Prozent der Bauern auf der Erde nützen die modernen Erkenntnisse von der Pflanzenernährung aus. frn Jahre 2000 wird die Zahl der Industriearbeiter rund 300 Millionen betragen (1957: 180 Millionen); es wird dann aber weit mehr farbige als weiße Arbeiter geben.

Im Jahre 2000 werden 14 Millionen Ingenieure und ebenso viele Techniker benötigt. In der Weltindustrie dieses Jahres wird die westliche Welt „eine kleine Minderheit“ darstellen mit ihren 3 bis 4 Millionen Ingenieuren.

Einführend in die Problematik des Jahres 2000, schreibt nachdenklich vor einhundert Jahren, 1857, der große österreichische Konservative, Adalbert Stifter, in seinem Nachsommer: „Unsere Zeit erscheint mir als eine Uebergangs-zeit, nach welcher eine kommen wird, von der das griechische und römische Altertum weit wird übertroffen werden Wir arbeiten an einem besonderen Gewichte der Weltuhr, das den Alten ... noch ziemlich unbekannt war, an den Naturwissenschaften. Wir können jetzt noch nicht ahnen, was die Pflege dieses Gewichtes für einen Einfluß haben wird auf die Umgestaltung der Welt und des Lebens. Wir stehen noch zu sehr in dem Brausen dieses Anfangs, um die Ergebnisse beurteilen zu können, ja wir stehen erst ganz am Anfang dieses Anfanges... Jetzt kann sich einekleineLandschaftund ihre Umgebung mit dem, was sie hat, was sie ist und was sie weiß, absperren; bald aber wird es nicht mehr so sein, sie wird in den allgemeinen Verkehr gerissen werden. Dann wird, um der Allberührung genügen zu können, das, was der Geringste können und wissen muß, um vieles größer sein als jetzt.“

Da stehen wir, 1958, zwischen 1 und 2000: zwischen der Geburt des Gottmenschen und einer Welt von 5 Milliarden Menschen, riesigen Experimenten, Chancen, Gefahren. Mitten in einer Welt, in der Menschen unserer Rasse und unseres Glaubens eine „kleine Minderheit“ bilden. Und wir neigen sehr dazu, den hoffnungs-

vollen Charakter dieser unserer Situation, w i e sie wirklich ist, zu übersehen, ja zu leugnen, da wir nicht herauswollen aus der „kleinen Landschaft“, von der Adalbert Stifter spricht.

In dieser „kleinen Landschaf t“, d i e viele Namen trägt - für den einen heißt sie „Oesterreich“, für den anderen „Europa“, für den dritten seine „Weltanschauung“ —, haben wir uns eingehaust, essen das süße Brot der Angst und leben von der Hand in den Mund. Und wehren uns mit subtilen, gut deutsch und weniger vornehm könnte man sagen, etwas hinterhältigen Mitteln gegen das, was Stifter die notwendige „Allberührung“ nennt.

Wir essen das süße Brot der Angst. Ein Großteil unserer näheren politischen und wirtschaftlichen Kalamitäten stammt von eben daher: vom raschen Verzehr von Genußmitteln, Vergnügungen, Filmen, Reisen; keiner hat, so scheint es. mehr, Zeit, auch nur für Kulturgenüsse, die Zeit und viel Kraft, Muße erfordern. Weh dem, der Zeit, Kraft, Hingabe an eine schwere Arbeit, eine Mitarbeit, fordert. Das ist uns „zu schwer“. Alles muß „schnell gehen“ . ..

Da die Massen und auch die einzelnen das süße Brot der Angst weiterhin essen wollen, dürfen keine echten Planungen auf längere Zeiträume hin stattfinden. Alle politische und wirtschaftliche Vernunft würde dafür sprechen, daß etwa unsere „kleine Landschaft“ Oesterreich (die „kleine Landschaft“ Westeuropa) sorgsam ihr reiches wirtschaftliches Potential zusammenfaßt, um es in- Kontakte zu bringen mit den Ländern, die eben noch als „unterentwickelt“ angesprochen wurden. Wo aber bleibt unser Geld? Wo sind die Fluchtkapitalien, die in den letzten zehn Jahren, nicht nur etwa zwischen 1948 und 1954, aus Oesterreich geflüchtet wurden, nach Südafrika, nach Südamerika? Wir brauchen aber zunächst einmal gar nicht die Fabrikgründungen von Oesterreichern da draußen vor dem Tor und die Bankkonten etwa in der Schweiz beschnüffeln, näher noch liegt, für alle sichtbar, nicht nur in den vielen Toten und Verletzten auf unserer Straße, das sichtbare Verderben: wir leben von der Hand in den Mund, weil wir kein Vertrauen haben. Kein Vertrauen zum Nächsten und zum Morgen; kein wahres Selbstvertrauen im ersten und letzten.

Unsere „Konsumgesellschaft“ lebt gemäß der Maxime „Nach uns die Sintflut“; diese unein-gestandene, aber gelebte, aus tausend Poren und der ganzen Atmosphäre unserer Umwelt uns zuströmende Maxime schafft bei uns, in der „kleinen Landschaft“ (die für jeden einzelnen einen Spezialnamen trägt), Zustände, wie sie Anton Wildgans im „Kirbisch“ geschildert hat; permanente Fastnacht im „Dorf“. „Grinzing, Grin-zing über alles.“ Von Köln bis Rom, von Düsseldorf bis Wien.

Wir verzehren das Kapital, das wir benötigen, um Zukunft zu bauen; wir vernachlässigen die Kontakte, die es heute schon zu schaffen gilt, um morgen als Partner in einer gewandelten Welt leben zu können.

Zwischen 1 und 2000: mit dem nüchternen Bezug, in jeder Lebensstunde, auf das Jahr eins und das Jahr zweitausend: auf den Gottmenschen und die Menschheit, die sieh in einer neuen Mutation befindet.

*

Der Mensch kann, wie die Vergangenheit

zeigt, wenn er es listig oder klug anstellt, manchem Verderben entrinnen. Der einen Wirklichkeit können wir nicht 'entrinnen, mögen wir auch, ein seltsamer Vogel Strauß, den Kopf in den Sand zu stecken versuchen: unserLeben 1958 und in jedem dieser kommen-den Jahr* ist einbezogen in die Spannungen, die sich aus diesen beiden Jahren- ergeben: 1 und 2 0 0 0: die Geburt des Gottmenschen als Anfang eines neuen inneren Wachstums der Menschheit und die in unserer Zeit sich vollziehenden Wachstumsprozesse der Menschheit, die sich in Tod, Krebs, Untergänge mancher Art verlieren können, wenn sie nicht von Menschen aufgefangen, getragen, verantwortet werden, die aus der Perspektive des Jahres 1 her leben.

Was heißt das? — Das Jahr 1 lehrt uns, daß jedes äußere Wachstum verdirbt, in „Auswüchsen“ und „Ausschweifungen“ aller Art, wenn es nicht durch ein inneres Wachstum aufgefangen, getragen wird. Der „äußere“ Mensch wird zum Mörder und Selbstmörder, wenn er seine riesenhaften Kräfte nicht von innen her bändigen, verwandeln, lichten und läutern kann. Angewandt auf das Hauptproblem des Menschen 195 8, zwischen 1 und 2000, in sehr vorgerückter!] Weltstunde, heißt das: Die technische Ir/telligenz muß durch eine spiri-

tuelle Intelligenz aufgewogen, durchlichtet, geläutert und getragen werden, da sie sonst inhuman undwidergöttlich werdenkann.

Professor Baade und seine Berufskollegen können zuversichtlich sein. In wenigen Jahren werden nicht mehr, wie mindestens 8000 Jahre bis heute, neunzig Prozent aller Bauern mit Geräten und Mitteln den Boden, unsere heilige Mutter Erde (sanctissima tellus nennt sie der fromme Sinn der Lateiner), bearbeiten, die unzeitgemäß sind für eine Menschheit von fünf, von zehn Milliarden „Seelen“, wie Altrußland zählte. An Ingenieuren wird es nicht fehlen.

Die Sorge, „die brennende Sorge“, die einzig brennende Sorge, die uns in unserem Geschichtsraum ziemt, kann nicht so zuversichtlich wie Professor Baades Sorge schon eine positive Antwort finden: Wo bleiben, um ein Wort Stalins (er sagte es von den Dichtern) positiv abzuwandeln und ihm einen anderen Sinn zu geben: Wo bleiben die „Ingenieure der Seele“? Jene Menschen einer neuen spirituellen Existenz, die Erfinder neuer innermenschlicher und mitmenschlicher Beziehungen, die heute not tu, um die Spielgemeinschaft, die Partnerschaft eben dieser neuen Menschheit in Frieden und harter Arbeit zu konstituieren?

Ein Leben aus dem Leben, das im Jahre 1

begonnen hat, lehrt jedoch: Mit der Geburt des Gottmenschen haben in der e i n e n Menschheit, neue innere Wachstumsprozesse begonnen. Neue Formen, Mensch zu sein im Leben mit dem Nächsten, dem Freund und Feind, auf dieser Erde. Die geschichtsmächtigsten Heiligen sind jene „Ingenieure der Seele“, die Experimentatoren neuer innermenschlicher Erfahrungen, neuer Lebensformen. Die Könner eben jener „spirituellen Intelligenz“, von deren Entfaltung und Erfindungskraft alles in Zukunft abhängt.

Werfen wir kurz einen Blick auf einige dieser Ingenieure der Seele, die heute am Werk sind. Genau zwi-

schenlund2000: Mitten in den heißesten Gefechtszonen in Nordafrika leben „kleine Brüder des Pere de Foucauld“, des großen Freundes der Wüste und seiner islamischen Brüder, ihr Leben des Friedens und der Freude. Ihre Klöster sind Heimstätten für „aufständische“ Algerier, Marokkaner und für Franzosen aus dem Mutterland und den „Kolonien“. In Indien leben als heiligmäßige indische Mönche Gurus, Swami Abhishiktesvaranda und Swami Paramarubya-nanda in ihrem indischen Kloster, dem Ashram von Saccidananda. Zuvor, in Europa, hießen sie Dom Henri Le Saux OSB. und Abbe J. Mona-chanin SAM. Mit Erlaubnis der Kirche sind sie ganz eingegangen in die Welt der indischen Weisheit und Frömmigkeit, um alteuropäische

benediktinische monastische Frömmigkeit und indisches Gotterleben zu verschmelzen.

Hier finden heute bereits jene Kernexperimente statt, auf die es ankommt: echte Begegnungen und Verbindungen, Partnerschaften von „Seelen“, die seit Jahrtausenden getrennte Wege gingen. Was Monchanin und De Laux in Indien, was Abbe Lebbe und andere in China begonnen haben, erfaßt den Ost-West-Gegensatz, der ja nur e i n „Bei-Spiel“ ist aus der Fülle der Aufgaben, die eine Menschheit zusammenleben, in einer tieferen Schicht, als die Tagträumer und Tagängstiger sich und uns vorstellen, und hebt ihn in eben dieser Tiefenschicht auf. Von den Experimenten dieser spirituellen Existenz, die heute in kleinen Zellen und kleinsten Gruppen von diametral verschiedenen Menschen begonnen haben, hängt es ab, daß die „Römische Kirche“, deren „konkrete Katholizität im Wachstum begriffen ist“, wie ein berufener Beobachter soeben festgestellt hat, zur „Kirche des 3. Jahrtausends“ den Weg findet, und hängt es ab, daß wir aus der Eintönigkeit und Farblosigkeit unserer Wirtschaftswunderexistenz herausfinden in eine offene Welt.

*

„Allberührung“ hat Stifter 1857 gefordert, Allberührung fordert, als verbindliche und verbindende Kommunikation, das Leben 1958 bis 2000 im strengen, nüchternen und frohen Sinn

des Wortes: als Partnerschaft. Wenn eben diese Jahre vor uns genutzt werden, dann können aus dieser „kleinen Landschaft“ („Europa“, „Oesterreich“, mag jeder sie mit dem Namen nennen, der ihm lieb ist) Ingenieure der Seele ausziehen in die e i n e Welt, als glaubwürdige Lehrer und Praktiker spiritueller Intelligenz, neuartiger, wahrhaft revolutionärer Formen des Zusammenlebens der durch Gründe und Abgründe getrennten Menschen in allen Völkern, die ein Dreifaches erreichen: ein echtes, inneres Gleichgewicht zu den 14 Millionen Ingenieuren der technischen Intelligenz; einen neuen Einzug europäischer Potenz in die eine Welt als überall willkommenen Freund wahrer Freiheit, Freude und eines Fortschritts zu einem wirklichen höheren, innerlich gereiften Lebensstandard; als redliche Mittler der Völker, die heute und morgen Weltgeschichte „machen“, in Asien und Afrika, zu uns Europäern.

Wenn wir es wagen, diese dreifache Chance zu sehen und anzunehmen, haben wir mehr als genug zu tun, um mit froher Zuversicht in die Zukunft zu gehen. Wer Herz und Hirn, allen Atem des Leibes und der Seele in diesem Sinne „vollbeschäftigt“ hat, hat für Untergangsängste keine Zeit. — Das Arbeitsprogramm des Europäers und des Oesterreichers ist voll besetzt für dieses Jahr 1958, wenn wir es unter dieser Perspektive zu sehen wagen: Reich belastet und begnadet, zwischen 1 und 2000.

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