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ECCLESIAM SUAM

Seine Kirche hat Jesus Christus gegründet, damit sie gleichzeitig liebevolle Mutter und Ausspenderin des Heils für alle Menschen sei. Wie daher nicht anders zu erwarten war, haben alle, denen die Ehre Gottes und das ewige Heil der Menschen am Herzen lag, ihr Beweise besonderer Liebe erwiesen und ihr besondere Sorge zugewandt: unter ihnen traten, wie es sich versteht, die Stellvertreter Christi auf Erden, eine unermeßliche Zahl von Bischöfen und Priestern sowie eine auserlesene Schar heiliger Christen hervor.

Nachdem Wir durch Gottes unerforschlichen Ratschluß auf den päpstlichen Thron berufen worden sind, werden deshalb es alle als selbstverständlich empfinden, daß Wir in dieser Unserer ersten Enzyklika, die Wir an die Welt richten, unser liebevolles und ehrfürchtiges Gedenken der heiligen Kirche zuwenden. Aus diesen Gründen wollen Wir in dieser Enzyklika für alle immer deutlicher herauszustellen suchen, wie sehr es einerseits für die Rettung der menschlichen Gesellschaft wichtig ist, und wie sehr anderseits es der Kirche am Herzen liegt, daß beide sich begegnen, sich kennenlemen und sich lieben.

PROLOG

Die Wege der Kirche

Als Wir bei Eröffnung der zweiten Sitzung des zweiten vatikanischen ökumenischen Konzils, am Fest des heiligen Erzengels Michael des vergangenen Jahres, durch Gottes Gnade das Glück hatten, Unser Wort an euch in der Basilika von Sankt Peter zu richten, i sprachen Wir vpn Unserer Absicht, auch durch ein Schreiben, wie es zu Beginn eines jeden Pontifikates Brauch ist, Urtier brüderliches und väterliches Wort an euch zu richten, um euch einige Unserer Gedanken vorzulegen, die Uns besonders am Herzen liegen und die Uns als praktische Wegweisung für die Anfänge Unseres päpstlichen Amtes nützlich scheinen.

Freilich fällt es Uns schwer, diese Gedanken zum Ausdruck zu bringen; denn Wir müssen sie aus sorgsamster Betrachtung der göttlichen Lehre schöpfen, selbst eingedenk der Worte Christi: „Meine Lehre ist nicht von Mir, sondern von dem, der Mich gesandt hat” (Joh 7, 16); Wir müssen sie ferner ausrichten nach dem gegenwärtigen Zustand der Kirche, die sich in einer Stunde der Unruhe und der Schwierigkeiten befindet, sowohl was ihre geistliche Erfahrung als auch ihr apostolisches Bemühen betrifft; und Wir müssen endlich den Zustand der heutigen Menschheit im Auge behalten, in deren Mitte die Kirche ihre Sendung ausübt.

Es ist jedoch keineswegs Unsere Absicht, weder neue noch letzte Dinge zu sagen. Dafür ist das ökumenische Konzil da. Seine Arbeit soll durch dieses Unser einfaches, schriftliches Gespräch nicht gestört, sondern gleichsam geehrt und ermutigt werden. Diese Unsere Enzyklika will keinen feierlichen und im strengen Sinne lehrhaften Charakter haben und will auch keine bestimmten, sittlichen oder sozialen Lehren vortragen, sondern will einfachhin eine brüderliche und familiäre Botschaft sein.

Mit diesem Unseren Schreiben wollen Wir nur Unserer Pflicht nachkommen, euch Unser Herz zu öffnen, und zwar mit der Absicht, der glücklicherweise unter uns bestehenden Gemeinschaft des Glaubens und der Liebe einen tieferen Zusammenhalt und eine noch größere Freudigkeit zu geben, um Uns in Unserem Amt zu stärken, um besser auf die fruchtbaren Arbeiten des ökumenischen Konzils selbst bedacht zu sein sowie um in einigen Punkten der Lehre und der Praxis größere Klarheit zu schaffen, die mit Nutzen wegweisend sein kann für die geistliche und apostolische Tätigkeit der kirchlichen Hierarchie und all jener, die ihr Gehorsam und Mitarbeit leisten oder nur wohlwollende Beachtung schenken.

Um es gleich zu sagen, verehrte Mitbrüder; es sind drei Gedanken, die Unseren Geist beschäftigen, wenn Wir das so hohe Amt bedenken, das die Vorsehung, ganz gegen Unsere Wünsche und Unsere Verdienste, Uns anvertrauen wollte, nämlich die Kirche Christi zu leiten in Unserer Stellung als Bischof von Rom und damit Nachfolger des heiligen Petrus, Träger der obersten Schlüsselgewalt im Reiche Gottes und Stellvertreter Christi, der aus ihm den ersten Hirten Seiner gesamten Herde machte. Der erste Gedanke ist der, daß es jetzt an der Zeit ist, daß die Kirche das Bewußtsein um sich selbst vertiefen muß, daß sie über ihr eigenes Geheimnis nachsinnen muß, daß sie zur eigenen Belehrung und Erbauung die ihr bereits bekannte und im verflossenen Jahrhundert entwickelte und verbreitete Lehre über ihren Ursprung, ihre Natur, ihre Sendung und ihr Endschicksal erforschen muß, eine Lehre jedoch, die nie genug studiert und verstanden ist, jene nämlich, über das „Geheimnis, das von Ewigkeit her in Gott verborgen war... damit es kundgemacht werde... durch die Kirche” (Eph 3, 9—io), also ein geheimnisvoller Vorbehalt der geheimnisvollen Absichten Gottes, die durch die Kirche bekanntgemacht werden. Diese Lehre bietet heute das interessanteste aller Themen und ist Gegenstand der Überlegungen eines jeden, der ein gelehriger Nachfolger Christi sein will, und um so mehr all derjenigen, die der Heilige Geist, Uns und euch, ehrwürdige Brüder, zu Bischöfen bestellt hat, um eben diese Kirche Gottes zu leiten (vgl. Apg 20, 28).

Aus diesem erleuchteten und tätigen Bewußtsein ergibt sich von selbst das Verlangen, einen Vergleich anzustellen zwischen dem idealen Bild der Kirche, wie Christus sie sah, wollte und liebte als Seine heilige und makellose Braut (Eph 5, 27), und dem tatsächlichen Antlitz, das die Kirche heute zeigt, durch Gottes Gnade den Grundlinien treu, die ihr göttlicher Gründer ihr einprägte und die der Heilige Geist im Laufe der Jahrhunderte belebte und entfaltete in einer umfassenden Form, die einerseits mehr dem anfänglichen Begriff und anderseits mehr der Eigenart der Menschheit entsprach, die sie in das Evangelium einführte und in sich aufnahm; niemals aber ist dieses Antlitz vollkommen und schön genug, niemals so heilig und lichtvoll, wie es jenes göttliche Leitbild möchte. Und daraus ergibt sich ein hochherziges und gleichsam ungeduldiges Bedürfnis nach Erneuerung, das heißt, nach Verbesserung der Fehler, die jenes Bewußtsein auf deckt und verwirft, das gleichsam eine Erforschung des Inneren im Spiegel des Vorbildes ist, das Christus uns in sich selbst gab. Die Pflicht, die die Kirche heute hat, die Fehler der eigenen Glieder zu verbessern und zu bewirken, daß sie nach größerer Vollkommenheit streben, und welche Methode anzuwenden ist, um weise zu dieser großen Erneuerung zu gelangen: das ist der zweite Gedanke, der Unseren Geist beschäftigt und den Wir euch kundgeben möchten, um nicht nur größeren Mut zur Verwirklichung der erforderlichen Reformen zu bekommen, sondern um auch durch eure Zustimmung Rat und Stütze zu finden in einem so heiklen und schwierigen Unternehmen.

Unser — und gewiß auch euer — dritter Gedanke, der sich aus den beiden ersten ergibt, bezieht sich auf die Verbindungen, welche die Kirche heute mit der sie umgebenden Welt aufnehmen soll, in der sie lebt und arbeitet. Wie jedermann weiß, hat ein Teil dieser Welt tief den Einfluß des Christentums erfahren und ihn ganz tief in sich aufgenommen, häufig ohne gewahr zu werden, daß er sein Bestes gerade dem Christentum verdankt, aber dann hat er sich in diesen letzten Jahrhunderten vom christlichen Stamm seiner Kultur abgesondert und losgelöst. Ein anderer, und zwar der größere Teil dieser Welt, dehnt sich aus in den unabsehbaren Horizonten der sogenannten neuen Völker. Doch alles zusammen ist eine Welt, die der Kirche nicht nur eine, sondern hunderte Formen möglicher Berührungen bieten, die einen offen und leicht, andere schwierig und verwickelt, heute verhalten sioh leider sehr viele feindselig und abweisend gegenüber einem freundschaftlichen Gespräch. So entsteht das Problem des sogenannten Dialogs zwischen der Kirche und der modernen Welt. Ein Problem, das in seiner Weite und Verkettung zu beschreiben und so gut wie möglich zu lösen, das Konzil angeht. Doch die Tatsache und die Dringlichkeit dieses Problems ist derart, daß es eine Last für Unsere Seele bedeutet, einen Stachel, gleichsam einen Beruf, den Wir Uns selbst — und euch, Brüder, die ihr sicher nicht weniger als Wir dessen apostolische Qual aus Erfahrung kennt — irgendwie klarlegen möchten, um Uns gleichsam auf die Verhandlungen und Beschlüsse einzustimmen, die Wir gemeinsam im Konzil in einem so schwerwiegenden und vielgestaltigen Gegenstand aufzuwerfen für gut halten werden.

Sicher begreift ihr, daß dieser gedrängte Entwurf Unseres Rundschreibens nicht auf die Behandlung von dringenden und wichtigen Themen eingeht, die nicht nur die Kirche, sondern die ganze Menschheit angehen, wie der Friede unter den Völkern und unter den sozialen Schichten, das Elend und der Hunger, der noch ganze Völker quält, der Aufstieg junger Nationen zur Unabhängigkeit und zum kulturellen Fortschritt, die Strömungen des modernen Denkens und die christliche Kultur, die unglücklichen Lebensbedingungen so vieler Menschen und so großer Gebiete der Kirche, denen die freien Bürgern und menschlichen Personen zustehenden Rechte streitig gemacht werden, die moralischen Probleme bezüglich der Geburten und so fort.

Was die. große und universale Frage des Friedens in der Welt angeht,, so möchten Wir jetzt dazu bemerken, daß Wir Uns besonders verpflichtet fühlen, ihr nicht nur Unsere wachsame und liebevolle Aufmerksamkeit, sondern noch mehr als sonst ein beständiges, tatkräftiges Interesse zuzuwenden. Es wird sich freilich immer im Rahmen Unseres Amtes halten und sich daher nie mit ausschließlich zeitlichen Belangen befassen oder sich in eigentlichen politischen Formen äußern; sondern es. geht ihm darum, für die Erziehung der Menschheit einen Beitrag zu leisten, um sie zu einem Fühlen und Handeln zu bringen, das jeden gewaltsamen und mörderischen Konflikt ablehnt, und um sie zu jeder rechtlich möglichen und vernünftigen . .friedfertigen Regelung internationaler Beziehungen bereit zu machen. Desgleichen geht Unser Interesse darauf hin, der Sache des Friedens dadurch zu dienen, daß Wir die Grundsätze verkünden, die über allem menschlichen Tun stehen, und die helfen, Egoismus und Leidenschaften, die Quelle bewaffneter Konflikte, zu zügeln und ein friedvolles Zusammenleben und eine fruchtbare Zusammenarbeit der Völker zu fördern. Es geht auch darauf aus, Uns auch bei gegebener Gelegenheit einzuschalten, um den streitenden Parteien zu einem ehrenvollen und brüderlichen Ausgleich zu verhelfen. Vergessen wir nicht, daß dieser Dienst der Liebe eine Pflicht ist, die sich infolge des beständigen Wachsens und Reifens der Lehrmeinungen einerseits und der internationalen Institutionen anderseits, dem Bewußtsein unserer christlichen Sendung in der Welt immer stärker aufdrängt, die darin besteht, alle Menschen, gerade durch das Reidh der Gerechtigkeit und des Friedens, das durch das Kommen Christi in die Welt seinen Anfang genommen hat, zu Brüdern zu machen.

Wenn Wir Uns aber jetzt auf einige Erwägungen methodischen Charakters für das eigene Leben der Kirche beschränken, vergessen Wir doch nicht jene großen Probleme, von denen manche die Aufmerksamkeit des Konzils finden werden, während Wir Uns Vorbehalten, sie in der kommenden Ausübung Unseres apostolischen Amtes zum Gegenstand des Studiums und des Handelns zu machen, so wie es dem Herrn gefallen wird, Uns die Anregung und die Kraft zu geben.

DAS BEWUSSTSEIN

Wir meinen, es sei heute eine Pflicht für die Kirche, das Bewußtsein zu vertiefen, das sie von sich selbst haben muß, vom Schatz der Wahrheit, dessen Erbin und Hüterin sie ist, und von der Sendung, die sie in der Welt ausüben soll. Noch./.vor’ dem .Studium irgendwelcher besonderen Frage und ‘noch vor her Überlegung, welche Haltung, gegenüber der sie ü’rngöbe.oden WeR einzunehmen. sei, muß öle Kirche in diesem Augenblick über sich selbst nachdenken, um sich in der Kenntnis der göttlichen Absichten bezüglich ihrer selbst zu bestärken, um größeres Licht, neue Energie und mehr Freude in der Erfüllung ihrer Sendung zu finden und um die besten Mittel und Wege zu finden, die ihre Beziehungen zur Menschheit unmittelbarer, wirksamer und segenbringender werden lassen, der sie selbst angehört, auch wenn sie sich durch unverkennbare Merkmale von ihr unterscheidet.

Es scheint Uns in der Tat, daß ein solcher Akt der Überlegung sich schon auf die von Gott gewählte Art und Weise berufen kann, um sich den Menschen zu offenbaren und um mit ihnen jene religiösen Beziehungen herzustellen, wofür die Kirche gleichzeitig Werkzeug und Ausdruck ist. Wenn es nämlich wahr ist, daß die göttliche Offenbarung sich „zu verschiedenen Zeiten und auf mannigfache Weisen” (Hebr 1, 1) mit geschichtlichen, äußeren und unbestreitbaren Tatsachen vollzogen hat, so hat sie sich doch in das menschliche Leben eingefügt durch die eigenen Wege des Wortes und der Gnade Gottes, der sich den Seelen innerlich mit- teiltj durch das Anhören der Heilsbotschaft und durch den nachfolgenden Akt des Glaubens, der am Beginn unserer Rechtfertigung steht.

Wir möchten, daß diese Erwägung über den Ursprung und die Natur der neuen und lebensnotwendigen Erziehung, welche die Religion Christi zwischen Gott und dem Menschen herstellt, den Charakter der Gelehrigkeit und Aufmerksamkeit gegenüber dem Wort des göttlichen Meisters zu seinen Hörern und im besonderen zu seinen Schülern annehme, zu denen Wir selbst Uns noch heute mit gutem Recht und gerne zählen. Wir wollen unter vielen anderen eine der wichtigsten und wiederholten Mahnungen wählen, die ihnen von Unserem Herrn gegeben wurde und die noch heute für jeden gilt, der Sein treuer Anhänger sein will: die Mahnung zur Wachsamkeit. Zwar bezieht sidh diese Mahnung unseres Meisters vornehmlich auf die Beachtung der letzten Geschicke des Menschen, ob diese nun zeitlich nahe oder fern sind. Doch gerade weil diese Wachsamkeit im Bewußtsein des treuen Dieners immer gegenwärtig sein soll, bestimmt sie dessen sittliches Verhalten, das praktisch und aktuell ist, und das den’ Christen in der Welt kennzeichnen muß. Die Mahnung zur Wachsamkeit wird vom Herrn auch nahegelegt in Hinsicht auf nächste und nahe Ereignisse, nämlich auf die Gefahren und Versuchungen, die die Lebensführung des Menschen zum Fall oder auf Abwege bringen können (vgl. Mt 26, 41): So ist es leicht, im Evangelium eine ständige Einladung zur Rechtschaffenheit im Denken und Handeln zu entdecken: Bezog sich nicht darauf die Predigt des Vorläufers, womit das öffentliche Leben des Evangeliums eröffnet wird? Und hat nicht Jesus Christus selbst dazu aufgerufen, das Reich Gottes innerlich aufzunehmen (Mt 17, 21)? Ist nicht seine ganze Pädagogik eine Ermahnung und eine Wegweisung zur Innerlichkeit? Das psychologische Bewußtsein und das sittliche Gewissen werden von Christus zu gleichzeitiger Vollständigkeit aufgerufen, gleichsam als Vorbedingung, um die göttlichen Gaben der Wahrheit und der Gnade zu empfangen, wie es sich schließlich für den Menschen gehört. Und das Bewußtsein des Jüngers wird dann ein Erinnern (vgl. Mt 26, 75; Lk 24, 8; Joh 14, 26; 16, 4) dessen, was Jesus gelehrt hatte und was um Ihn herum geschehen war, und im Verständnis wird sich entfalten und klarer zeigen, wer Er war und was Er lehrte und schuf.

Die Geburt der Kirche und die Weckung ihres prophetischen Bewußtseins sind die beiden kennzeichnenden und gleichzeitigen Tatsachen des Pfingstfestes, und sie werden miteinander fortschreiten: die Kirche in ihrer Organisation und in ihrer hierarchischen und gemeinschaftlichen Entwicklung; das Bewußtsein der eigenen Berufung, der eigenen geheimnisvollen Natur, der eigenen Lehre, der eigenen Sendung wird schrittweise diese Entwicklung begleiten, gemäß dem Wunsch des heiligen Paulus: „Und so bete ich, daß eure Liebe noch mehr und mehr wachse an Erkenntnis und allem Verstehen” (Phil 1, 9).

Wir können noch auf andere Weise diese Unsere Einladung ausdrücken, die Wir zunächst an die einzelnen Seelen richten, die sie aufnehmen wollen; und deshalb an jeden einzelnen von euch, ehrwürdige Brüder, und an diejenigen, Hie mit euch in Unserer und eurer Schuld sind, Wie aucn an die gesamte „Versammlung der Gläubigen”, als Gesamtheit betrachtet, nämlich die Kirche. Wir könnten alle einladen, einen lebendigen, tiefen, bewußten Akt des Glaubens an Unseren Herrn Jesus Christus zu erwecken. Diesen Augenblick unseres religiösen Lebens müßten Wir mit jenem starken und überzeugten, wenn auch demütigen und zitternden Glaubensbekenntnis bezeichnen, ähnlich dem, was wir im Evangelium vom Blindgeborenen ausgesprochen finden, dem Jesus Christus mit gleich großer Güte und Macht die Augen geöffnet hatte: „Ich glaube, Herr!” (Joh 9, 38); oder ähnlich dem der Martha: „Ja, Herr, ich glaube, daß Du Christus, der Sohn des lebendigen Gottes bist, der in die Welt kommen soll” (Joh 11, 27): oder ähnlich jenem Uns so teuren Bekenntnis des Simon, später in Petrus umgewandelt: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes” (Mt 16, 16).

Warum wagen Wir es, euch zu diesem Akt kirchlichen Bewußtseins aufzufordern? Zu diesem ausdrücklichen, wenn auch innerlichen Akt des Glaubens?

Unseres Erachtens gibt es viele Gründe dafür, und alle sind abgeleitet von tiefen und wesentlichen Erfordernissen des besonderen Augenblicks, in dem sich das Leben der Kirche befindet.

Sie hat das Bedürfnis, über sich selbst nachzudenken, und hat das Bedürfnis, sich lebendig zu fühlen. Sie muß lernen, sich selbst besser zu kennen, um die eigene Berufung zu leben und der Welt ihre Botschaft der Brüderlichkeit und des Heiles anzubieten. Sie hat das Bedürfnis, in sich selbst Christus zu erfahren, gemäß den Worten des Apostels Paulus: „daß Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne” .(Eph 3, 17). Es ist allen bekannt, daß die Kirche in die Menschheit eingetauoht ist, an ihr teil hat, aus ihr ihre Glieder gewinnt, ihr kostbare Kultgüter entnimmt, ihre geschichtlichen Geschicke miterleidet, ihr Glück begünstigt. Es ist in gleicher Weise bekannt, daß die Menschheit in diesem Zeitabschnitt Sich auf dem Wege großer Umwandlungen, Umwälzungen und Entwicklungen befindet, die nicht nur ihre äußeren Lebensformen, sondern auch ihre Weise zu denken tief verändern. Ihr Denken, ihre Kultur, ihr Geist werden zutiefst gewandelt, sowohl durch den wissenschaftlichen, technischen und sozialen Fortschritt, als auch durch die Strömungen des philosophischen und po- -HRschen Denkens idtie: in sie Eindringenr-und: sie: durchziehen. “Alles dies um.hfiJlt.7und sEhüttKUdäe Kirche- selbst, Meeres- wiigesr :ähniich. cDigRMehsttensfeelen;rdiercöich rihr an,y S- trauen, sind stark beeinflüßt von der Denkart der diesseitigen Welt; so sehr, daß eine Gefahr, einem Schwindel, einer Betäubung, einer Verirrung ähnlich besteht, die ihre eigene Festigkeit erschüttern und viele verleiten kann, die sonderbarsten Gedankengänge anzunehmen, fast, als ob die Kirche jemals sich selbst verleugnen und ganz neue und ungeahnte Lebensformen annehmen müsse. War nicht beispielsweise der Modernismus, der noch immer in verschiedenen Versuchen von Darstellungen fortlebt, die der echten Wirklichkeit der katholischen Religion fremd sind, eine Episode ähnlichen Übergriffs jener der psychologisch-kulturellen und profanen Welt eigenen Richtungen gegenüber dem gläubigen und echten Ausdruck der Lehre und Richtschnur der Kirche Christi? Es scheint Uns nun, daß zur Bewahrung vor einer solchen drohenden und vielfältigen, von verschiedenen Seiten kommenden Gefahr ein gutes und naheliegendes Heilmittel gerade in der Vertiefung des Bewußtseins der Kirche sei, und zwar in dem, was sie wirklich ist nach dem Geiste Christi, der niedergelegt ist in der Heiligen Schrift und in der Überlieferung, und der von der echten kirchlichen Überlieferung ausgelegt und entfaltet wird, die, wie Wir wissen, erleuchtet und geführt ist vom Heiligen Geist, wenn wir Ihn anrufen und auf Ihn hören, der immer noch bereit ist, dem Versprechen Christi unverbrüchliche Erfüllung zu geben: „Der Heilige Geist, den der Vater in Meinem Namen senden wird, Er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was Ich euch gesagt habe” (Joh 14, 26).

Ähnliches könnten Wir sagen bezüglich der Irrtümer, die auch im Inneren der Kirche selbst um sich greifen und in die jene fallen, die nur eine teilweise Kenntnis ihrer Natur und ihrer Sendung haben und nicht genügend die Dokumente der göttlichen Offenbarung und die Verlautbarungen des von Christus selbst eingesetzten Lehramtes beachten.

Im übrigen ist dieses Bedürfnis, die erkannten Dinge reflex zu betrachten, um sie im inneren Spiegel des eigenen Geistes zu beschauen, etwas Kennzeichnendes der Geisteshaltung des modernen Menschen; sein Denken kehrt leicht zu sich selbst zurück und genießt dann Sicherheit und Fülle, wenn es aufleuchtet im eigenen Bewußtsein. Freilich ist diese Gewohnheit nicht ohne schwere Gefahren; berühmte philosophische Richtungen haben diese Form geistiger Tätigkeit des Menschen erforscht und als endgültige und höchste gepriesen, ja sogar als Maß und Quelle der Wirklichkeit, indem sie das Denken zu verworrenen, trostlosen, paradoxen und grundlegend falschen Folgerungen trieben. Dies hindert aber nicht, daß die Erziehung zum Suchen der im Inneren des Bewußtseins widergespiegelten Wahrheit an sich sehr schätzenswert und heute praktisch verbreitet ist, als köstlicher Ausdruck der modernen Kultur, wie es auch nicht hindert, daß — recht verbunden mit der Formung des Denkens, um die Wahrheit dort zu entdecken, wo sie eins ist mit der Wirklichkeit des objektiven Seins — die Anwendung des Bewußtseins offenbart dem, der sie vollzieht, immer besser die Tatsache von der Existenz des eigenen Seins, von der eigenen geistigen Würde, von der eigenen Fähigkeit, zu erkennen und zu handeln.

Es ist ferner bekannt, wie die Kirche in diesen letzten Zeiten es unternommen hat, sich selbst besser zu studieren, und zwar durch die Arbeit von ausgezeichneten Gelehrten, von großen und nachdenklichen Geistern, von anerkannten theologischen Schulen, von pastorellen und missionarischen Bewegungen, von beachtlichen religiösen Erfahrungen und vor allem von denkwürdigen päpstlichen Verlautbarungen.

Es würde zu weit führen, die Überfülle von theologischer Literatur auch nur anzudeuten, die die Kirche zum Gegenständ hat und im vergangenen sowie in unserem Jahrhundert aus ihrem Schoße hervorgegangen ist; wie es gleichfalls zu weit führen würde, auf die Dokumente hinzuweisen, die der katholische Episkopat und dieser Apostolische Stuhl über ein Thema von so großem Umfang und solcher Bedeutung erlassen haben. Seitdem das Konzil von Trient die Folgen der Krise gutzumachen suchte, die im 16. Jahrhundert viele Glieder von der Kirche losriß, hat die Lehre über die Kirche selbst große Förderer und folglich große Entwicklungen gehabt. Uns genügt es hier, auf die diesbezüglichen Lehren des Ersten Vatikanischen ökumenischen Konzils hinzuweisen, um zu verstehen, wie das Studium über die Kirche die Aufmerksamkeit sowohl der Hirten und Lehrer wie auch der Gläubigen und aller Christen verpflichtet, dabei zu verweilen wie an einer unumgänglichen Station auf dem Wege zu Christus und zu seinem ganzen Werk. Daher ist, wie schon gesagt wurde, das Zweite Vatikanische ökumenische Konzil nur eine Fortführung und Ergänzung des ersten, gerade wegen der ihm obliegenden Verpflichtung, die Prüfung und die Definition der Lehre über die Kirche wieder aufzunehmen. Und wenn Wir, um kurz zu bleiben, nicht mehr sagen, da Wir doch zu solchen reden, die diesen heute in der heiligen Kirche verbreiteten Gegenstand der Katechese und der Spiritualität gut kennen, können Wir es doch nicht unterlassen, zwei Dokumente durch ein besonderes Gedenken zu ehren; Wir meinen die Enzyklika „Satis Cognitum” von Papst Leo XIII. (1896) und die Enzyklika „Mystici Corporis” von Papst Pius XII. (1943), Dokumente, die uns eine umfassende und lichtvolle Lehre über die göttliche Institution bieten, durch die Christus in der Welt sein Heilswerk fortsetzt und über die Wir nun sprechen. Es genüge, an die Worte zu erinnern, mit denen das zweite dieser päpstlichen Dokumente beginnt, das, so kann man sagen, ein sehr angesehener Text bezüglich įer Theologie über die Kirche geworden ist und sehr reich an geistlichen Betrachtungen über jenes Werk der göttlichen Barmherzigkeit, das uns alle angeht. Es sei erinnert an die meisterhaften Worte Unseres großen Vorgängers: „Die Lehre vom Mystischen Leibe Christi, der die Kirche ist, eine Lehre, die ursprünglich von den Lippen des Erlösers kam, und die nie genug gepriesene Wohltat unserer innigen Verbindung mit dem so erhabenen Haupte ins rechte Licht stellt, lädt durch ihre Vortrefflichkeit und Würde alle vom Heiligen Geiste geleiteten Menschen ein, sie zum Gegenstand ihrer Betrachtung zu machen, und durch das Licht, das sie ihrem Geiste verleiht, treibt sie mächtig zu den heilbringenden Werken an, die mit diesen Lehren im Einklang sind” (AAS XXXV 1943 , S. 193).

Wir wollen dieser Einladung entsprechen, die Wir Immer noch als auf unsere Seelen einwirkend betrachten, und zwar so, daß sie eines der grundlegenden Bedürfnisse des Lebens der Kirche in unseren Tagen zum Ausdruck bringt; und deshalb wiederholen Wir sie auch heute in der Absicht, daß wir, immer besser eingeführt in das Verständnis des mystischen Leibes, dessen göttliche Bedeutung zu schätzen wissen ųhd somit unsere Herzen mit unvergleichlichen Tröstungen stifken und uns immer wr mehr zü befähigen suchen, den Pflichten unserer Sendung und den Bedürfnissen der Menschheit’zu entsprechen.

Und es scheint Uns nicht schwer, dies zu tun, wenn Wir einerseits, wie Wir sagten, eine unermeßliche Blüte von Studien über die heilige Kirche feststellen, und anderseits wissen, daß der Blick des Zweiten Vatikanischen ökumenischen Konzils hauptsächlich auf sie gerichtet ist. Wir wollen jenen Gelehrten ein hohes Lob zollen, die besonders in diesen letzten Jahren mit vollkommener Gelehrigkeit- gegenüber dem katholischen Lehramt und mit genialer Fähigkeit der Forschung und des Ausdrucks dem Studium über die Kirche beschwerliche, umfangreiche und fruchtbringende Mühen gewidmet haben; sowohl in den theologischen Schulen wie in der wissenschaftlichen und literarischen Erörterung, ferner in der Apologie und in der lehrhaften Veröffentlichung, wie auch im geistlichen Beistand für die Seelen der Gläubigen und im Gespräch mit den getrennten Brüdern haben sie vielfältige Erläuterungen der Lehre über die Kirche geboten, von denen einige hohen Wert besitzen und von großem Nutzen sind.

So haben Wir die Zuversicht, daß die Arbeit des Konzils unter der Führung des Heiligen Geistes fortgesetzt und zu einem guten Ende geführt werde, mit einer solchen Folgsamkeit gegenüber seinen göttlichen Einsprechungen, mit solchem Eifer für die vertiefte und ganzheitliche Erforschung des ursprünglichen Gedankens Christi und seiner entsprechenden und rechtmäßigen Entfaltung in der Folge der Zeiten, mit einem derartigen Bemühen, daß aus den göttlichen Wahrheiten ein Anlaß zur Einheit, statt zur Trennung der Geister in unfruchtbaren Erörterungen oder in bedauerlichen Spaltungen werde, und daß sie zu größerer Klarheit und Eintracht geführt werden, damit daraus Gott Ehre erwachse, Freude für die Kirche, und für die Welt Erbauung.

Absichtlich nehmen Wir davon Abstand, in diesem Unserem Rundschreiben irgendeine persönliche Meinung auszusprechen bezüglich der Lehre über die Kirche, die nunmehr dem Konzil zur Prüfung vorliegt, dessen Vorsitz zu führen Wir berufen sind. Dieser hohen und berufenen Versammlung wollen Wir jetzt die Freiheit des Studiums und des Wortes lassen. Kraft Unseres apostolischen Lehr- und Hirtenamtes an die Spitze der Kirche gestellt, behalten Wir Uns den Augenblick sowie die Art und Weise vor, Unser Urteil auszusprechen, und es wird Uns eine große Freude sein, wenn Wir es in voller Übereinstimmung mit den Konzilsvätern vorlegen dürfen.

Wir können aber einige kurze Hinweise auf die Früchte nicht verschweigen, die, wie Wir hoffen, sowohl vom Konzil selbst wie auch von der Arbeit erwachsen werden, von der Wir vorhin sprachen und welche die Kirche leisten muß, um ein vollständigeres und stärkeres Bewußtsein ihrer selbst zu haben. Und diese Früchte sind die Ziele, die Wir Unserem apostolischen Amt setzen, während Wir die schwere Last der Arbeit auf Uns nehmen. Sie sind das Programm Unseres Pontifikats. Euch aber, verehrte Brüder, legen Wir es ganz kurz, aber aufrichtig dar, damit ihr Uns helfet, es in die Tat umzusetzen durch euren Rat, eure Zustimmung und eure Mitarbeit. Wenn Wir euch unser Herz eröffnen, so denken Wir dabei, daß Wir es allen Gläubigen der Kirche Gottes eröffnen, ja selbst jenen, die vor den geöffneten Toren der Kirche Christi Unsere Stimme vernehmen.

Die erste Frucht des vertieften Bewußtseins der Kirche von sich selbst ist die erneute Entdeckung ihrer lebendigen Beziehung zu Christus. Sie ist allgemein bekannt, von grundlegender Bedeutung und darf nicht übersehen werden; sie kann nie genügend erkannt, betrachtet und betont werden. Was sollte man nicht alles sagen über dieses Kapitel, das im Zentrum unseres religiösen Erbes steht? Zum Glück ist euch diese Lehre bereits wohl vertraut. Deshalb wollen Wir darüber kein weiteres Wort verlieren, sondern euch nur empfehlen, sie stets als wichtigste und richtunggebende Norm für euer geistliches Leben und eure Predigt vor Augen zu haben. Mehr als Unser möge das mahnende Wort Unseres Vorgängers in der Enzyklika „Mystici Corporis” gelten: „Wir müssen uns gewöhnen, in der Kirche Christus selbst zu sehen. Christus ist es nämlich, der in seiner Kirche lebt, der durch sie lehrt, leitet und die Heiligkeit verleiht; Christus ist es auch, der sich auf verschiedene Weise in seinen verschiedenen sozialen Gliedern offenbart” (AAS, ib. p. 238). Wie gern würden Wir bei der Erinnerung verweilen, die uns aus der Heiligen Schrift, den Vätern, den Kirchenlehrern und den Heiligen in den Sinn kommen, wenn Wir an diesen lichtvollen Punkt Unseres Glaubens denken. Hat nicht Jesus selbst gesagt, daß Er der Weinstock ist und wir die Reben (Joh 15, 1)? Haben wir nicht vor unserem Geiste die ganze, so reiche Lehre des heiligen Paulus, der nicht auf hört, uns zu erinnern: „Ihr alle seid einer in Christus” (Gal 3, 28), und uns aufzufordem: „.. . wir in jeder Hinsicht mehr und mehr in Ihn hineinwachsen, der das Haupt ist, Christus; von dem her der ganze Leib” (Eph 4, 15—16), und uns zu ermahnen: „… alles und in allen Christus” (Kol 3, 11)? Erwähnen Wir nur den heiligen Augustinus: „...Beglückwünschen wir uns, und danken wir, daß wir nicht nur Christen geworden sind, sondern Christus. Versteht ihr, Brüder, die Gnade Gottes, des Hauptes, über uns? Bewundert und freuet euch: Christus sind wir geworden. Wenn nämlich Er das Haupt ist, sind wir die Glieder; das ist der ganze Mensch, Er und wir... Also die Fülle Christi, Haupt und Glieder. Was ist Haupt und Glieder? Christus und die Kirche” (In Jo. tract. 21, 8 — P. L. 35, 1568).

Wir wissen wohl, daß dies ein Geheimnis ist. Es ist das Geheimnis der Kirche. Und wenn wir mit Gottes Hilfe den Blick der Seele auf dieses Geheimnis richten, so werden wir viele geistliche Wohltaten erlangen, und gerade jene, von denen wir glauben, daß die Kirche ihrer am meisten bedarf. Die Gegenwart Christi, ja Sein Leben selbst, wird sich in den einzelnen Seelen und im Ganzen des mystischen Leibes, durch die Übung des lebendigen und belebenden Glaubens betätigen nach dem Wort des Apostels: „...daß Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne” (Eph 3, 17). Tatsächlich ist das Bewußtsein des Geheimnisses der Kirche eine Tat reifen und gelebten Glaubens. Dieser bringt in den Seelen jenen „Sinn der Kirche” hervor und durchdringt den Christen, der in der Schule des göttlichen Wortes herangewachsen ist, der durch die Gnade der Sakramente und durch die unaussprechlichen Eingebungen des Tröstergeistes genährt wurde, der zur Ausübung der evangelischen Tugenden gestärkt wurde, der von der Kultur und dem Umgang mit der kirchlichen Gemeinschaft durchdrungen wurde und der mit tiefer Freude sich dem königlichen Priestertum, das dem Volk Gottes eigen ist, umkleidet weiß (vgl. 1 Petr 2, 9). Das Geheimnis der Kirche ist nicht einfacher Gegenstand theologischer Erkenntnis; es muß eine gelebte Tatsache sein, wobei die gläubige Seele, noch bevor sie einen klaren Begriff davon hat, eine gleichsam mit der Natur gegebene Erfahrung haben kann; und die Gemeinschaft der Gläubigen kann die tiefinnere Gewißheit ihrer Anteilnahme am mystischen Leib Christi finden, wenn sie wahrnimmt, daß für deren Beginn, Zeugung (vgl. Gal 4, 19; 1 Chor 4, 15), Unterweisung, Heiligung und Leitung kraft göttlicher Anordnung das Amt der kirchlichen Hierarchie Vorsorge trägt. Durch diese segensvolle Verbindung verströmt Christus in Seine mystischen Glieder die wunderbare Mitteilung Seiner Wahrheit und Seiner Gnade; und verleiht Seinem mystischen Leib, der pilgernden Kirche, Seine sichtbare Gestalt, Seine erhabene Einheit, Seine organische Betätigung, Seine harmonische Mannigfaltigkeit und Seine geistige Schönheit. Die Bilder genügen nicht, um die Wirklichkeit und Tiefe eines solchen Geheimnisses in Begriffe zu übertragen, die uns zugänglich wären; doch außer dem vom Apostel Paulus gebrauchten Bild des mystischen Leibes müssen wir ein Bild besonders erwähnen, das von Christus selbst gebraucht wurde: das vom Gebäude, dessen Architekt und Baumeister Er ist; dieses Gebäude ist freilich auf einen natürlicherweise gebrechlichen Menschen gegründet, der aber durch Ihn wunderbar in festen Felsen umgewandelt wurde, so daß er mit wunderbarer und bleibender Unvergänglichkeit ausgestattet ist: „Auf diesem Felsen will Ich Meine Kirche bauen” (Mt 16, 18).

Wenn wir dieses Stärke verleihende Verständnis der Kirche sowohl in uns selbst als auch durch geschickte und behutsame Anleitung in den Gläubigen zu wecken wissen, dann werden viele Gegensätze, die heute die gedankliche Arbeit der Fachleute für Ekklesiologie erschweren, praktisch überwunden sein; zum Beispiel die Fragen, wie die Kirche zugleich sichtbar und geistig sein kann, wie sie zugleich frei und Gesetzen unterworfen sein kann, wie sie gemeinschaftlich und hierarchisch sein kann, wie sie schon heilig und immer noch auf dem Weg zur Heiligung sein kann, wie sie beschaulich und aktiv sein kann, und so fort; diese Fragen werden im Lichte der Glaubenslehre durch die Erfahrung der lebendigen Wirklichkeit der Kirche gelöst; vor allem aber wird daraus eine ganz hervorragende Spiritualität sicher hervorgehen, genährt durch die fromme Lesung der Heiligen Schrift, der Heiligen Väter und der Kirchenlehrer. Von den Quellen, aus denen dieses Bewußtsein hervorgeht, wollen Wir die genaue und systematische Katechese, die Teilnahme an der wunderbaren Schule von Worten, Zeichen und Gnadenmitteilungen, die die heilige Liturgie ist, die schweigende und glühende Betrachtung der göttlichen Wahrheiten, und endlich die hochherzige Hingabe an das beschauliche Gebet erwähnen. Das innere Leben bietet sich immer noch als die große Quelle der Spiritualität der Kirche dar, als die ihr eigene Weise, die Mitteilungen des Geistes Christi zu empfangen, als tiefster Ausdruck ihrer religiösen und sozialen Tätigkeit, die sie unverletzt bewahrt und immer neu stärkt in ihrer heiklen Berührung mit der profanen Welt.

Wir müssen der Tatsache, daß wir getauft sind und durch dieses Sakrament dem mystischen Leib Christi, der Kirche, eingepflanzt sind, ihre volle Bedeutung wiedergeben. Insbesondere soll der Getaufte sich bewußt werden seiner Erhebung oder vielmehr seiner Wiedergeburt zur beglückenden Wirklichkeit eines Adoptivkindes Gottes, zur Würde eines Bruders Christi, zum Glück, das heißt zur Gnade und Freude der Einwohnung des Heiligen Geistes, zur Berufung zu einem neuen Leben, das trotz des Unglückes der Erbsünde nichts vom Menschsein verloren hat, sondern das alles Menschliche zur höchsten Vollkommenheit und zum Genuß höchster Fruchtbarkeit befähigt. Das Christsein, der Empfang der Taufe, dürfen nicht als etwas Gleichgültiges angesehen werden, das keine besondere Beachtung verdient; sie müssen tief und beglückend das Bewußtsein des Getauften prägen; sie müssen von ihm so angesehen werden wie im christlichen Altertum, als eine „Erleuchtung”, die über ihn den belebenden Strahl der göttlichen Wahrheit kommen läßt, ihm den Himmel öffnet, das irdische Leben erhellt, ihn befähigt, als Sohn des Lichtes der Anschauung Gottes, der Quelle ewigen Glückes, entgegen zu gehen.

Und es ist leicht, zu sehen, welches praktische Programm aus dieser Erwägung für Uns und Unser Amt hervorgeht. Wir freuen Uns, festzustellen, daß die Durchführung dieses Programms in der ganzen Kirche bereits begonnen hat und mit klugem und glühendem Eifer fortgesetzt wird. Wir ermutigen es; Wir empfehlen es; Wir segnen es.

DIE ERNEUERUNG

Wir sind also von dem Wunsch erfüllt, daß die Kirche Gottes so sei, wie Christus sie will: einig, heilig, ganz hin- gewandt auf die Vollkommenheit, zu der Er sie gerufen und befähigt hat. Da sie nach der Idee Gottes vollkommen ist, muß die Kirche in ihrer Verwirklichung, in ihrem irdischen Dasein nach Vollkommenheit streben. Dies ist die große sittliche Aufgabe im Leben der Kirche, die sie prüft, anspornt, anklagt, aufrecht hält, mit Klagen und Gebeten erfüllt, mit Reue und Hoffnung, mit Kraft und Zuversicht, mit Verantwortung und Verdiensten. Es ist ein Problem, das verknüpft ist mit den theologischen Wirklichkeiten, von denen das menschliche Leben abhängt. Ohne die Lehre Christi und das kirchliche Lehramt kann man über den Menschen selbst nichts Gültiges aussagen, weder über seine Natur noch über seine ursprüngliche Vollkommenheit und über die verheerenden Folgen der Erbsünde, weder über die Fähigkeit des Menschen zum Guten noch über die Hilfe, die er braucht, um es zu verlangen und zu vollbringen, weder über den Sinn des gegenwärtigen Lebens und sein Ziel noch über die Werte, die der Mensch verlangen oder über die er verfügen kann, weder über das Kennzeichen von Vollkommenheit und Heiligkeit noch über die Mittel und Wege, um das Leben zur höchsten Schönheit und Fülle zu erheben. Der brennende Wunsch, die Wege des Herrn kennenzulernen, ist und muß ständig in der Kirche sein, und Wir möchten, daß die fruchtbare und reichhaltige Diskussion, die über Fragen der Vollkommenheit, die von Jahrhundert zu Jahrhundert im Schoß der Kirche geführt wird, wiederum das vorherrschende Interesse wecke, das sie verdient, und das nicht, um neue Theorien aufzustellen, sondern um neue Energien zu wecken, jene Heiligkeit anzustreben, die Christus ,uns lehrte und die er durch Sein Beispiel, Sein Wort, Seine Gnade und durch Seine Schule, die von der kirchlichen Überlieferung getragen, durch gemeinschaftliches Tun zusammengehalten und durch die einzigartigen Gestalten der Heiligen veranschaulicht wird, zu erkennen, zu verlangen und auch zu erreichen uns ermöglicht.

Dieses Streben nach geistiger und sittlicher Vervollkommnung wird auch von außen her durch die Bedingungen an- gespomt, unter denen die Kirche ihr Leben entfaltet. Sie kann nicht unberührt und gleichgültig bleiben angesichts der Veränderungen der Umwelt. Die Umwelt beeinflußt und bedingt auf tausend Weisen das praktische Verhalten der Kirche, denn sie ist bekanntlich nicht von der Welt getrennt, sondern lebt in ihr. Deshalb unterliegen die Glieder der Kirche dem Einfluß der Welt, werden durch ihre Kultur geprägt, nehmen ihre Gesetze an und machen sich ihre Gewohnheiten zu eigen. Diese innere Berührung der Kirche mit der diesseitigen Gesellschaft erzeugt für sie eine dauernde Problemsituation, die heute sehr schwierig ist. Auf der einen Seite muß das christliche Leben, wie die Kirche es verteidigt und fördert, sich ständig und tapfer vor all dem hüten, was es täuschen, entweihen, ersticken könnte, sich gewissermaßen immun machen gegen die Ansteckung des Irrtums und des Bösen; anderseits muß sich das christliche Leben nicht nur den Denkformen und Sitten anpassen, welche die Umwelt ihm anbietet und aufnötigt, soweit sie vereinbar sind mit den wesentlichen Forderungen seiner religiösen und sittlichen Zielsetzung; das christliche Leben muß auch darnach trachten, ihnen nahe zu kommen, sie zu läutern, zu adeln, zu beleben und sie zu heiligen: Dies ist eine weitere Aufgabe, die von der Kirche ständige und wachsame Prüfung erfordert, wie sie unsere Zeit mit besonders dringendem Emst verlangt.

Auch in dieser Hinsicht ist das Konzil providentlell. Der pastorale Charakter, den anzunehmen es sich vornimmt, die praktischen Ziele, die kirchliche Disziplin „auf den heutigen Stand zu bringen” und das Verlangen, das christliche Leben soweit wie möglich mit seinem übernatürlichen Charakter in Einklang zu bringen, verleihen schon jetzt diesem Konzil ein besonderes Verdienst, noch bevor der größere Teil der Beschlüsse gefaßt ist, die Wir von ihm erwarten. Das Konzil weckt tatsächlich bei Hirten und Gläubigen den Wunsch, dem christlichen Leben seinen Charakter übernatürlicher Echtheit zu erhalten und zu mehren; es erinnert alle an die Pflicht, diesen Charakter positiv und stark der eigenen Lebensführung einzuprägen; es erzieht die Schwachen, gut zu sein; die Guten, besser zu werden; die Besseren, hochherzig zu sein; die Hochherzigen, heilig zu werden. Es eröffnet der Heiligkeit neue Ausdrucksformen, weckt die Liebe, daß sie genial werde, bringt neuen Aufschwung von Tugend und christlichem Heroismus.

Selbstverständlich ist es Sache des Konzils, vorzuschlagen, wie die Gesetzgebung der Kirche zu reformieren sei, und nach dem Konzil werden die Kommissionen, besonders die für die Revision des Kirchenrechtes bestimmte und von Uns jetzt gebildete, dafür sorgen, die Beschlüsse des Konzils konkret zu formulieren. Deshalb wird es eure Aufgabe sein, verehrte Mitbrüder, Uns anzugeben, welche Maßnahmen zu treffen seien, um das Antlitz der heiligen Kirche zu reinigen und zu verjüngen. Es sei aber nochmals Unsere Absicht kundgetan, diese Reform zu begünstigen. Wie oft war in den vergangenen Jahrhunderten dieses Vorhaben mit der Geschichte der Konzilien verbunden! So geschehe es noch einmal, und diesmal nicht, um bestimmte Häresien und allgemeine Unordnungen aus der Kirche zu entfernen — denn durch Gottes Gnade ist nichts Derartiges in ihrem Schoß —, sondern neue geistige Kraft in den mystischen Leib Christi zu bringen, insoweit er eine sichtbare Gesellschaft ist, durch die Reinigung von den Fehlern vieler ihrer Glieder und den Ansporn zu neuen Tugenden.

Damit dies durch Gottes Hilfe Wirklichkeit werden könne, möchten Wir mit eurer Zustimmung euch hier einige Vorbemerkungen unterbreiten, um das Werk der Erneuerung zu erleichtern, um den dafür notwendigen Mut einzuflößen — denn es kann nicht ohne Opfer sich vollziehen — und um einige Richtlinien vorzuzeichnen, nach denen es vielleicht besser verwirklicht werden kann.

Wir werden vor allem an einige Grundsätze erinnern, die uns sagen, mit welchen Absichten diese Reform gefördert werden muß. Sie kann sich weder auf den wesentlichen Grundbegriff noch auf den grundlegenden Aufbau der katholischen Kirche beziehen. Das Wort Reform wäre unangebracht, wenn es in diesem Sinn von uns gebraucht würde. Wir können nicht der Untreue zeihen diese unsere geliebte und heilige Kirche Gottes, der anzugehören wir als höchste Gnade erachten und von der her wir in unserem Geist das Zeugnis vernehmen, „daß wir Kinder Gottes sind!” (Röm 8, 16). Nein, es ist nicht Stolz, es ist nicht Anmaßung, nicht Eigensinn und nicht Torheit, sondern lichtvolle Sicherheit und unsere freudige Überzeugung, lebendige und echte Glieder des Leibes Christi geworden zu sein, berufene Erben des Evangeliums Christi, rechtmäßige Nachfolger der Apostel zu sein, in uns und im großen Erbgut der Wahrheit und der Sitten, welche die katholische Kirche, wie sie heute ist, kennzeichnen, das unversehrte und lebendige Erbe der ursprünglichen apostolischen Überlieferung zu besitzen. Wenn dies unseren Ruhm bildet, oder, besser gesagt, den Grund, weshalb wir „allezeit Gott danken” (Eph 5, 20) müssen, bedeutet es anderseits unsere Verantwortung Gott gegenüber, dem wir Rechenschaft schulden für eine so große Wohltat, Verantwortung auch der Kirche gegenüber, der wir die Gewißheit geben müssen, daß wir den Wunsch und den Vorsatz haben, den Schatz- — „das anvertraute Gut”, von dem der heilige Paulus spricht (I Tim 6, 20) — zu bewahren, und Verantwortung auch gegenüber den immer noch von uns getrennten Brüdern und der ganzen Welt, weil sie alle mit uns an der Gabe Gottes teilhaben sollen.

Wenn man also diesbezüglich von Reform sprechen kann, so darf man darunter nicht eine Änderung verstehen, sondern vielmehr eine Bestätigung und Bestärkung in der Verpflichtung, der Kirche das Antlitz zu erhalten, das Christus ihr verlieh, ja darüber hinaus sie immer mehr auf ihre vollkommene Form bringen zu wollen, die einerseits ihrem Urbild, anderseits der folgerichtigen und gesetzmäßigen Entwicklung entspricht, gemäß der die Kirche, wie der Baum aus dem Samen, so aus dem Urbild in ihre rechtmäßige, geschichtliche und konkrete Form gewachsen ist. Es täusche uns nicht die Vorstellung, das Gebäude der Kirche, das zu Gottes Ehre weit und majestätisch geworden ist, als sein großartiger Tempel nun zurückzuführen auf seine anfänglichen und ganz kleinen Ausmaße, wie wenn diese allein die wahren wären und allein die guten; es verleite uns auch nicht der Wunsch, die Struktur der Kirche charismatisch zu erneuern, als ob jene Form der Kirche neu und richtig wäre, die aus eigenen Ideen entspringt, die zweifellos von Eifer und zuweilen von ihrer göttlichen Eingebung überzeugt sind, wodurch man nur durch willkürliche Träume künstliche Erneuerungen in die Grundstruktur der Kirche einführen würde. Der Kirche müssen wir dienen und sie lieben, wie sie ist; mit Verständnis für ihre Geschichte und mit demütigem Suchen des Willens Gottes, der die Kirche führt und ihr beisteht, auch wenn Er erlaubt, daß die menschliche Schwachheit in etwa die Klarheit ihrer Linien verwischt und einem Schatten auf ihr Handeln wirft. Wir sind daran, diese Klarheit und diese Schönheit zu suchen und wollen sie fördern.

Es ist notwendig, diese Überzeugungen in uns zu stärken, um eine andere Gefahr zu vermeiden, die der Wunsch nach Reform nicht nur in uns Hirten erzeugen könnte, die ein wacher Sinn der Verantwortung zurückhält, sondern auch in der Meinung vieler Gläubigen, die der Ansicht sind, daß die Reform der Kirche hauptsächlich in der Anpassung ihrer Gesinnungen und ihrer Sitten an jene der Welt bestehen müsse. Die Verlockung des profanen Lebens ist heute sehr mächtig. Der Konformismus scheint vielen unvermeidlich und klug. Wer nicht fest verwurzelt ist im Glauben und in der Beobachtung der Gebote, denkt leicht, es sei der Augenblick gekommen, sich der profanen Lebensauffassung anzupassen, als wenn diese die bessere wäre, die daher ein Christ sich zu eigen machen kann und soll. Dieses Phänomen der Anpassung zeigt sich sowohl auf philosophischem Gebiet (wieviel vermag die Mode auch im Reiche des Geistes, das autonom und frei sein sollte und einzig darauf bedacht, der Wahrheit und der Autorität bewährter Meister zu folgen!) wie auf praktischem Gebiet, wo es immer unsicherer und schwieriger wird, die feste Linie der sittlichen Rechtschaffenheit und des rechten praktischen Verhaltens aufzuzeigen. Der Naturalismus droht die ursprüngliche Auffassung vom Christentum zu verflüchtigen; der Relativismus, der alles rechtfertigt und allem den gleichen Wert zuspricht, geht gegen den absoluten Charakter der christlichen Grundsätze an; die Tendenz, jede Anstrengung und Unbequemlichkeit aus den Lebensgewohnheiten auszuschalten, beschuldigt die christliche Zucht und Aszese als unnütz und lästig; das apostolische Verlangen, der Religion fernstehenden Kreisen nahezukommen oder sich bei modernen Menschen, besonders Jugendlichen, Gehör zu verschaffen, führt bisweilen zu einem Verzicht auf die dem christlichen Leben eigenen Formen, und selbst auf jene innere Haltung, die dem Bemühen um Annäherung und erzieherischen Einfluß erst seinen Sinn und seine Kraft geben muß. Ist es nicht häufig so, daß der junge Klerus oder auch mancher sonst eifrige Ordensmann von der guten Absicht geleitet, in die Volksmassen oder in gewisse Kreise einzudringen, sich mit ihnen zu vermischen sucht, statt sich von ihnen zu unterscheiden, und so durch eine unnütze Nachahmung der eigentlichen Wirkung seines Apostolats Abbruch tut? Es zeigt sich der große, von Christus verkündete Grundsatz in seiner Aktualität und in seiner Schwierigkeit: in der Welt sein, aber nicht von der Welt; und wohl uns, wenn sein so hohes und so entsprechendes Gebet auch heute noch von Ihm, „der immer lebt und für uns eintritt” (vgl. Hebr 7, 25) vor den himmlischen Vater gebracht wird: „Ich bitte nicht, daß Du sie aus der Welt nähmest, sondern daß Du sie vor dem Bösen bewahrest” (Joh 17, 15). Das soll nicht heißen, wir müssen glauben, daß etwa die Unveränderlichkeit der Formen, mit denen sich die Kirche im Laufe der Jahrhunderte umkleidet hat, zur Vollkommenheit gehöre, auch nicht, daß die Vollkommenheit darin bestehe, jede Annäherung und Anpassung an die heute allgemein üblichen und einwandfreien Formen der Sitte und der Zeitumstände abzulehnen. Das nunmehr berühmt gewordene Wort Unseres verehrten Vorgängers Johannes XXIII. seligen Andenkens, „aggiornamento”, das heißt den heutigen Bedürfnissen anpassen, wird von Uns als Programm und Richtschnur immer im Auge behalten werden. Wir haben es als leitenden Grundsatz des ökumenischen Konzils bestätigt. Der Gedanke an dieses Wort wird Uns ein Ansporn sein, immer mit der unverwüstlichen Lebenskraft der Kirche zu rechnen, mit ihrer Fähigkeit, die Zeichen der Zeiten zu deuten, und mit ihrer ewig jugendlichen Wendigkeit, „alles zu prüfen und das Gute zu behalten” (1 Th 5, 21).

Aber nochmals sei zu unser aller Nutzen und Mahnung wiederholt: Die Erneuerung und Verjüngung der Kirche ist nicht so sehr durch Änderung ihrer äußeren Gesetze bedingt, als vielmehr durch die innere Haltung des Gehorsams gegen- über Christus, durch Beobachtung jener Gesetze, die die Kirche sich selbst gibt, um Christi Weg zu folgen. Hier liegt das Geheimnis ihrer Erneuerung, hier ihre „Metanoia” (Umkehr), hier ihre Übung der Vollkommenheit. Die Beobachtung der kirchlichen Gesetze mag durch Vereinfachung mancher Vorschrift und durch das in die Freiheit des Christen von heute gesetzte Vertrauen erleichtert werden — da er besser über seine Pflichten belehrt ist und reifer und verständiger über die Art, sie zu erfüllen, sich zu entscheiden vermag. Trotzdem bleibt doch das Gesetz in seiner wesentlichen Forderung bestehen; das christliche Leben, wie die Kirche es deutet und in weisen Vorschriften umschreibt, wird immer durch den „schmalen Weg”, von dem unser Herr sprach (vgl. Mt 7, 13) gezeichnet sein; es wird von uns modernen Christen keine geringeren, ja vielleicht größere sittliche Energien verlangen als von den Christen von gestern, eine Bereitschaft zum Gehorsam, die heute nicht weniger als in der Vergangenheit geschuldet und vielleicht sogar schwieriger, sicher aber verdienstlicher ist, weil mehr von übernatürlichen als natürlichen Beweggründen geleitet. Nicht die Gleichförmigkeit mit dem Geist der Welt, nicht das Freisein von der Zucht einer vernünftigen Aszese, nicht die Gleichgültigkeit gegenüber den freien Sitten unserer Zeit, nicht die Befreiung von der Autorität kluger und rechtmäßiger Vorgesetzter, nicht die Gleichgültigkeit gegenüber den Widersprüchen im modernen Denken können der Kirche Kraft geben oder sie befähigen, die Wirkungen der Gaben des Heiligen Geist zu erfahren, können Ihr die Glaubwürdigkeit ihrer Gefolgschaft für Christus den Herrn gewähren oder ihr die große Unruhe der Liebe zu den Brüdern und die Fähigkeit verleihen, ihre Heilsbotschaft ihnen mitzuteilen; nein, das alles vermag nur ihre Bereitschaft, nach Gottes Gnade zu leben, ihre Treue gegenüber dem Evangelium des Herrn, ihr hierarchischer und gemeinschaftlicher Zusammenschluß. Nicht verweichlicht und feig ist der Christ, sondern stark und treu.

Es würde zu weit führen, wollten Wir das moderne Programm des christlichen Lebens auch nur in seinen Hauptlinien zeichnen; Wir wollen jetzt nicht darauf eingehen. Im übrigen kennt ihr die sittlichen Nöte unserer Zeit, und ihr werdet unaufhörlich die Gläubigen auf das Verständnis der Würde, der Reinheit, der Strenge des christlichen Lebens hinweisen, und werdet es nicht unterlassen, so gut ihr könnt auch öffentlich die sittlichen Gefahren und die Laster, an denen unsere Zeit krankt, zu brandmarken. Wir alle wollen uns an die feierlichen Mahnungen erinnern, die uns die Heilige Schrift zuruft: „Ich kenne deine Werke, dein Bemühen und dein geduldiges Harren und ich weiß, daß du Schlechte nicht ertragen kannst” (Apg 2, 2). Wir alle wollen darnach trachten, wachsame und rührige Hirten zu sein. Das ökumenische Konzil muß uns selbst neue und heilsame Weisungen geben; und sicher müssen wir alle in uns schon die Bereitschaft wecken, die Weisungen zu hören und sie durchzuführen.

Wir wollen jedoch nicht auf zwei besondere Hinweise verzichten, die, wie Uns scheint, ganz wichtige Bedürfnisse und Pflichten betreffen und die der Überlegung wert sind, um allgemeine Richtlinien für eine gute Erneuerung des kirchlichen Lebens zu bieten.

Zunächst weisen Wir auf den Geist der Armut hin. Dieser ist nach Unserer Überzeugung so im heiligen Evangelium verkündet, so einbezogen in den Plan unserer Bestimmung für das Reich Gottes, so gefährdet durch die Wertschätzung der Güter in der heutigen Geisteshaltung, so notwendig, um uns unsere Schwächen und Versagen in der Vergangenheit verstehen zu lassen und um uns anderseits einsehen zu lassen, wie unser Leben gestaltet werden muß und welche die beste Methode sei, den Seelen die Religion Christi zu verkünden, und ist endlich so schwer in der rechten Weise zu betätigen, daß Wir den Geist der Armut in dieser Unserer Botschaft ausdrücklich erwähnen müssen — nicht weil Wir spezielle kirchliche Maßnahmen treffen wollten, sondern vielmehr, um euch, verehrte Mitbrüder, um den Trost eurer Zustimmung, eures Rates und eures Beispiels zu bitten. Wir erwarten, daß ihr, als bewährte Stimme, welche die besten Anregungen und den Geist Christi in der heiligen Kirche zum Ausdruck bringt, Uns saget, wie Hirten und Gläubige heute unsere Sprache und ihr Verhalten auf die Armut abstimmen müssen: „Heget jene Gesinnung in euch, die auch Christus Jesus beseelte”, mahnt uns der Apostel (Phil 2, 5); und wie Wir zugleich dem kirchlichen Leben jene Leitsätze vorzulegen haben, die unser Vertrauen mehr auf die Hilfe Gottes und auf die Güter des Geistes gründen sollen als auf die zeitlichen Mittel; die ferner Uns selbst erinnern und die Welt belehren sollen über den Vorrang jener geistlichen Güter vor den wirtschaftlichen, und daß wir den Besitz und Gebrauch dieser materiellen Güter so beschränken und unterordnen müssen, als es für die geziemende Ausübung unserer apostolischen Mission nützlich ist.

Trotz der Kürze des Hinweises auf die wunderbare Schönheit des Geistes der Armut, die dem Evangelium Christi eigen ist, und auf die Verpflichtung, die er uns auferlegt, dürfen Wir nicht unterlassen, daran zu erinnern, daß uns dieser Geist nicht vom Verständnis und der Mitarbeit auf wirtschaftlichem Gebiet ausschließt — wie Wir es bereits dargelegt haben —, ein Gebiet, das ungeheure Ausmaße und eine fundamentale Bedeutung in der Entwicklung der modernen Kultur, besonders in seiner menschlichen und sozialen Auswirkung, erlangt hat. Wir glauben vielmehr, daß das innere Freiwerden, die Frucht des Geistes der evangelischen Armut, uns feinfühliger macht und besser befähigt, die menschlichen Gegebenheiten, die mit dem Wirtschaftsleben verbunden sind, zu verstehen, sei es, daß es sich darum handelt, dem Reichtum und dem Fortschritt, für den er schöpferische Bedeutung haben kann, die geziemende, gerechte und oft strenge Bewertung zu geben, sei es um der Not mit lebhaftem und großherzigerem Interesse zu begegnen, sei es schließlich, um das Verlangen zu fördern, daß die wirtschaftlichen Güter für die Menschen nicht eine Quelle des Kampfes, des Egoismus, des Stolzes werden, sondern auf dem Wege der Gerechtigkeit und der Billigkeit dem Allgemeinwohl zugeführt und so immer zweckmäßiger verteilt werden. Alles das bezieht sich auf die wirtschaftlichen Güter, die, den geistlichen und ewigen untergeordnet, aber für das gegenwärtige Leben notwendig sind; es findet den Hörer des Evangeliums fähig zu einer klugen Einschätzung und zu einer menschenwürdigen Mitarbeit: Wissenschaft, Technik und vor allem die Arbeit sind für Uns Gegenstand höchsten Interesses; ihre Frucht, das Brot, werde geheiligt für den Tisch und für den Altar. Die Soziallehre der Kirche läßt keinen Zweifel darüber; und gerne benützen Wir diese Gelegenheit, um neuerlich Unsere Absicht zu bekräftigen, an diesen heilsamen Lehren festzuhalten.

Der andere Hinweis bezieht sich auf den Geist der Liebe. Aber ist dieses Thema nicht euch schon längst vertraut? Bezeichnet die Liebe nicht etwa den Brennpunkt der religiösen Heilsordnung des Alten und des Neuen Testamentes? Bewegt sich nicht die geistliche Erfahrung der Kirche gerade um die Liebe? Ist die Liebe vielleicht nicht immer die lichtvollste und beglückendste Entdeckung, die Theologie und Frömmigkeit machen können, die Schätze der Heiligen Schrift und der Sakramente unablässig betrachten, deren Erbin, Hüterin, Lehrerin und Ausspenderin die Kirche ist? Wir meinen, mit Unseren Vorgängern, mit der Schar der Heiligen, die unser Zeitalter der Kirche im Himmel und auf Erden gegeben hat, und mit dem frommen Gespür des gläubigen Volkes: daß die Liebe heute jenen Platz einnehmen müsse, der ihr zukommt, den ersten, den höchsten auf der Stufenleiter der religiösen und sittlichen Werte, nicht nur in der theoretischen Wertschätzung, sondern auch in der praktischen Verwirklichung des christlichen Lebens. Das gilt von der Liebe zu Gott, der Seine Liebe über uns ausgoß, wie auch von der Liebe, die wir hinwiederum auf unseren Nächsten, das heißt auf das Menschengeschlecht ausströmen müssen. Die Liebe erklärt alles. Die Liebe gibt in allem das Rechte ein. Die Liebe macht alles möglich. Die Liebe erneuert alles. Die Liebe „erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, duldet alles” (1 Cor 13, 7). Wer von uns wüßte das alles nicht? Und wenn wir es wissen, ist dann nicht heute die Stunde der Liebe?

Dieses Wunschbild demütiger und tief christlicher Fülle lenkt Unser Denken auf die seligste Jungfrau Maria; sie spiegelt es vollkommen in sich wider, noch mehr: Sie hat es auf Erden gelebt und besitzt nunmehr im Himmel dessen Glanz und Seligkeit. Glücklicherweise blüht heute in der Kirche die Verehrung Mariens; und bei dieser Gelegenheit lenken Wir gern Unsere Gedanken auf sie, um in ihr, der seligsten Jungfrau, der Mutter Christi und darum Mutter Gottes und unserer Mutter, das Vorbild christlicher Vollkommenheit, den Spiegel echter Tugenden, das Wunder wahrer Menschlichkeit zu bewundern. Wir sind der Meinung, daß die Marienverehrung eine Quelle von Lehren des Evangeliums ist: von ihr, dem seligsten, dem liebevollsten, dem demütigsten, dem makellosen Geschöpf, dem das Vorrecht zufiel, dem Worte Gottes einen menschlichen Leib in seiner ersten und unschuldigen Schönheit zu gelben: von ihr haben Wir auf Unserer Pilgerfahrt ins Heilige Land die Lehre christlicher Echtheit übernehmen wollen, und auf sie richten Wir den flehenden Blick, als auf die liebevolle Meisterin des Lebens, während Wir mit euch, verehrte Mitbrüder, über die geistige und sittliche Erneuerung des Lebens der Kirche beraten.

DER DIALOG

Noch eine dritte Haltung muß die katholische Kirche in dieser Stunde der Weltgeschichte einnehmen, die durch das Bemühen um die Begegnung mit der Menschheit von heute gekennzeichnet ist. Wenn die Kirche ein immer klareres Bewußtsein von sich selbst gewinnt und wenn sie darnach trachtet, sich selbst nach dem Typus, den Christus ihr vor Augen stellt, zu bilden, dann wird sie sich von der menschlichen Umgebung tief unterscheiden, in der sie doch lebt oder der sie sich nähert. Das Evangelium macht uns auf diese Unterscheidung aufmerksam, wenn es von der „Welt” spricht, nämlich von der dem Lichte des Glaubens und der Gabe der Gnade abgeneigten Menschheit; von der Menschheit, die in einem naiven Optimismus glaubt, ihre eigenen Kräfte würden allein genügen, um sich ganz und vollkommen zu verwirklichen; oder auch von der Menschheit, die sich in einem groben Pessimismus niederdrücken läßt, indem sie die eigenen Laster, die eigenen Schwachheiten, die eigenen sittlichen Krankheiten als vom Schicksal bestimmt, als unheilbar und vielleicht auch als begehrenswerte Kundgebungen von Freiheit und Glaubwürdigkeit erklärt. Das Evangelium, das die menschlichen Armseligkeiten mit durchdringender und zuweilen qualvoller Aufrichtigkeit erkennt und aufzeigt, bemitleidet und heilt, gibt dennoch weder der Täuschung von der natürlichen Güte des Menschen nach — als ob dieser sich selbst genüge und nichts anderes brauche, als seiner Freiheit pberlassen zu werden, um sich nach eigener Willkür auszuleben — noch gibt es der verzweifelten Ergebung in die unheilbare Verderbtheit der menschlichen Natur nach. Das Evangelium ist Licht, ist Neuheit, ist Energie, ist Wiedergeburt, ist Heil. Deshalb erzeugt und bildet es eine Form neuen Lebens, von dem das Neue Testament uns ständig wunderbare Belehrung gibt: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, vielmehr wandelt euch durch Erneuerung des Sinnes, um durch Erfahrung zu lernen, was der Wille Gottes ist, das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene” (Röm 12, 2); so mahnt uns der heilige Paulus.

Diese Verschiedenheit des christlichen Lebens vom weltlichen Leben ergibt sich ferner aus der Wirklichkeit und dem Bewußtsein der Rechtfertigung, die durch unsere Verbindung mit dem Ostergeheimnis, vor allem mit der heiligen Taufe in uns hervorgebracht wurde, wie Wir vorhin gesagt haben, die eine wahre Wiedergeburt ist und als solche betrachtet werden muß. Der heilige Paulus erinnert daran: „... wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, sind auf Seinen Tod hin getauft. Wir wurden durch die Taufe mit Ihm in Seinem Tod hinein begraben, damit wir, wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters vom Tod auferweckt ward, auch unserseits in dem neuen Leben wandeln” (Röm 6, 3—4).

Der Christ von heute muß wieder an seine ursprüngliche und wunderbare Lebensform denken, in der Freude über seine Würde muß er seinen Halt finden, sie muß ihn vor der Ansteckung und Verführung bewahren, die vom menschlichen Elend oder vom Glanz seiner Umgebung ausgehen.

Hören wir, wie der heilige Paulus die Christen der ersten Generation erzog: „Ziehet nicht an fremden Jochen mit Glaubenslosen zusammen! Denn was hat Gerechtigkeit mit Gesetzlosigkeit zu schaffen, oder was haben Licht und Finsternis gemein?… Was hat der Gläubige gemeinsam mit dem Glaubenslosen?” (2 Cor 6, 14—16). Die christliche Pädagogik wird den Menschen von heute immer an seine privilegierte Stellung und die daraus folgende Pflicht erinnern müssen, in der Welt zu leben, aber nicht von der Welt zu sein, entsprechend dem Gebet Jesu für Seine Jünger: „Ich bitte nicht, daß Du sie aus der Welt nehmest, sondern daß Du sie vor dem Bösen bewahrest. Sie sind nicht von der Welt, wie Ich nicht von der Welt bin” (Joh 17, 15—16). Die Kirche macht sich diesen Wunsch zu eigen.

Aber diese Unterscheidung bedeutet nicht Trennung. Sie ist weder Gleichgültigkeit noch Furcht noch Verachtung. Wenn die Kirche den Unterschied hervorhebt, der zwischen ihr und der Menschheit besteht, so stellt sie sich nicht in Gegensatz zu ihr, sondern verbindet sich vielmehr mit ihr. Wie der Arzt, der die Tücken einer ansteckenden Krankheit kennt, sich und andere vor Ansteckung zu bewahren sucht, sich aber doch gleichzeitig dem Dienst der Kranken widmet, die davon befallen sind, so macht auch die Kirche aus der Barmherzigkeit, die Gottes Güte ihr erwiesen hat, kein ausschließliches Privileg und aus dem eigenen Glück keinen Grund, sich nicht um die zu kümmern, die nicht das gleiche Glück hatten; ihre eigene Rettung ist ihr vielmehr Anlaß, sich in Liebe um jeden zu bemühen, der ihr nahe kommt oder dem sie sich in ihrem allgemeinen Mitteilungsbedürfnis nähern kann.

Wenn die Kirche wirklich, wie Wir sagten, das Bewußtsein von dem hat, was sie nach dem Willen des Herrn sein soll, dann fühlt sie in sich eine einzigartige Fülle und das Bedürfnis, sich zu verströmen, zugleich mit der klaren Einsicht einer über sie selbst hinausgehenden Sendung, einer Botschaft, die sie zu verbreiten hat. Es ist die Pflicht der Verkündigung des Evangeliums, der missionarische Auftrag, das apostolische Amt. Eine Haltung treuen Bewahrens genügt nicht. Gewiß müssen wir den uns als Erbe von der christlichen Überlieferung überkommenen Schatz der Wahrheit und der Gnade bewahren, ihn auch verteidigen. „Bewahre uns das anvertraute Gut”, mahnt der heilige Paulus (1 Tim 6, 20). Doch weder das Bewahren noch die Verteidigung erschöpfen die Pflicht der Kirche hinsichtlich der Werte, die ihr anvertraut sind. Die Pflicht, die dem von Christus erhaltenen Erbe einzig und ganz entspricht, ist die Verbreitung, Anbietung und Verkündigung, wie wir wissen: „So geht hin und werbet Jünger für Mich bei allen Völkern!” (Mt 28, 19); das ist der letzte Auftrag Christi an Seine Apostel. Der Name Apostel selbst weist sie auf ihre unabweisliche Sendung hin. Diesem inneren Antrieb der Liebe, die darnach strebt, sich zur äußeren Gabe der Liebe zu machen, wollen Wir den heute allgemeingewordenen Namen „Dialog” geben.

Die Kirche muß zu einem Dialog mit der Welt kommen, in der sie nun einmal lebt. Die Kirche macht sich selbst zum Wort, zur Botschaft; zum Dialog,

Dieser Gesichtspunkt ist einer der wichtigsten im heutigen Leben der Kirche; er ist, wie bekannt, Gegenstand eines besonderen und umfassenden Studiums des ökumenischen Konzils; Wir wollen Uns nicht auf die Prüfung der einzelnen Themen dieser Studien einlassen, sondern den Konzilsvätern die Aufgabe überlassen, 6ie in Freiheit zu behandeln. Wir möchten euch, ehrwürdige Brüder, nur einige Gedanken zur Erwägung vorlegen, um die Beweggründe, die die Kirche zu diesem Dialog drängen, seine Methode, seine Ziele klarer zu machen. Es geht uns dabei um die rechte innere Verfassung, in der der Dialog geführt werden soll, nicht um die einzelnen Diskussionspunkte. Wir wollen nur vorbereiten, noch nicht die Sache selbst behandeln.

Wir können nicht anders Vorgehen als in der Überzeugung, daß der Dialog unser apostolisches Amt kennzeichnen muß, da Wir Erben einer solchen Arbeitsweise, einer solchen pastoralen Richtung sind, die Uns von Unseren Vorgängern seit dem letzten Jahrhundert überliefert wurde, angefangen von dem großen, weisen Leo XIII., der gleichsam die evangelische Gestalt des weisen Verfassers personifizierte: „… der gleich einem Hausvater aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt” (Mt 13, 52), und der majestätisch die Ausübung des katholischen Lehramtes wiederaufnahm und die im Licht des Wortes Christi betrachteten Probleme unserer Zeit zum Gegenstand seiner überaus reichen Lehre machte. So handelten auch seine Nachfolger, wie ihr wißt. Haben nicht Unsere Vorgänger, besonders die Päpste Pius XI. und Pius XII., Uns ein großartiges und an Lehren sehr reiches Erbe hinterlassen, ein in Liebe und Weisheit unternommener Versuch, göttliche Gedanken mit menschlichen zu verbinden, nicht in abstrakten Überlegungen, sondern in der konkreten Sprache des modernen Menschen? Und was ist dieser apostolische Versuch anders als ein Dialog? Hat nicht Johannes XXIII., Unser unmittelbarer Vorgänger verehrten Andenkens, seine Lehre noch deutlicher zum Ausdruck gebracht in der Absicht, soweit wie möglich der Erfahrung und dem Verständnis der heutigen Welt nahezubringen? Wollte man nicht, und mit Recht, dem Konzil selbst einen pastoralen Zweck geben, ganz hingeordnet auf die Einfügung der christlichen Botschaft in das Denken, die Sprache, die Kultur, die Sitte, den Geist der Menschheit, wie sie heute auf Erden lebt? Bevor man die Welt bekehrt, um sie zu bekehren, muß man sich ihr nahen und mit ihr sprechen.

Was Unsere bescheidene Person betrifft — Wir reden nicht gerne von Uns und möchten nicht die Aufmerksamkeit anderer auf Uns lenken — so haben Wir im Hinblick auf das Bischofskollegium und das christliche Volk den festen Vorsatz, in der gleichen Richtung voranzugehen — soweit Unsere schwache Kraft es Uns gestatten wird und vor allem, soweit die Gnade Gottes Uns die Möglichkeit geben wird, es zu tun , auf derselben Linie, in demselben Bemühen, der Welt, in der die Vorsehung Uns bestimmt hat zu leben, nahezukommen, und zwar mit aller Ehrerbietung, Aufmerksamkeit und mit aller Liebe, um sie zu verstehen, um ihr die Gaben der Wahrheit und Gnade anzubieten, zu deren Verwalter Uns Christus gemacht hat, und um ihr Unser wunderbares Glück der Erlösung und Hoffnung mitzuteilen. Tief haben Wir Uns die Worte Christi eingeprägt, an denen Wir mit aller Fähigkeit festhalten wollen: „Nicht um die Welt zu richten hat Gott Seinen Sohn in die Welt gesandt, sondern daß die Welt durch Ihn gerettet werde” (Joh 3, 17).

Der transzendente Ursprung des Dialogs, ehrwürdige Brüder, liegt im Plane Gottes selbst. Die Religion ist ihrer Natur nach eine Beziehung zwischen Gott und dem Menschen. Das Gebet spricht im Dialog diese Beziehung aus. Die Offenbarung, das heißt die übernatürliche Beziehung, die Gott selbst durch freien Entschluß mit der Menschheit hersteilen wollte, wird in einem Dialog vollzogen, wobei das Wort Gottes sich in der Menschwerdung und dann im Evangelium zum Ausdruck bringt. Das heilige väterliche Gespräch Gottes mit dem Menschen wurde durch die Erbsünde unterbrochen, aber im Laufe der Weltgeschichte wunderbar wieder aufgenommen. Die Heilsgeschichte erzählt diesen langen und vielgestaltigen Dialog, der von Gott ausgeht und zu einer wunderbar verschiedenartigen Zwiesprache mit dem Menschen wird. In diesem Gespräch Christi mit dem Menschen (vgl. Bar 3, 38) gewährt Gott etwas Einblick in das Geheimnis Seines Lebens, in das Einzigartige Seines Wesens, dreifältig in den Personen; Er sagt uns, wie Er erkannt werden will; Er ist Liebe; und wie Er von uns geehrt werden und wie wir Ihm dienen sollen: Liebe ist unser oberstes Gebot. Der Dialog gekennzeichnet durch Fülle und getragen von Vertrauen; das Kind ist dazu eingeladen, der Mystiker erschöpft sich darin.

Wir müssen uns diese unaussprechliche und durchaus Wirkliche Beziehung des Dialogs vor Augen halten, der uns angeboten und mit uns aufgenommen wurde von Gott Vater, durch die Vermittlung Christi, im Heiligen Geiste, um zu verstehen, welche Beziehung wir, das heißt die Kirche, mit der Menschheit anzubahnen und zu fördern suchen sollen.

Der Dialog des Heiles wurde frei durch die göttliche Initiative eröffnet: „Er (Gott) hat uns zuerst geliebt” (I Joh 4, 10): an uns liegt es nun, die Initiative zu ergreifen, um den Dialog selbst auf den Menschen auszudehnen, ohne zu warten, bis wir gerufen werden.

Der Dialog des Heiles ging aus von der Liebe, von der göttlichen Güte: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß Er Seinen eingeborenen Sohn dahingab” (Joh 3, 16): eifrige und selbstlose Liebe wird unseren Dialog leiten müssen.

Der Dialog des Heiles war nicht abhängig von den Verdiensten derer, an die er gerichtet war, und nicht einmal von den Ergebnissen, die er hätte erreichen oder verfehlen können: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes” (Lk 5, 31): auch unser Dialog soll keine Grenzen und keine Berechnung kennen.

Der Dialog des Heiles zwingt niemand, ihn aufzunehmen; es war eine unerhörte Einladung der Liebe, sie bedeutete eine erschreckende Verantwortung für jene, an die sie gerichtet war (vgl. Mt 11, 21) — sie ließ ihnen die Freiheit, ihr zu entsprechen oder sie zurückzuweisen, dabei paßte sie aber die Menge der Zeichen und Wunder (Mt 12, 38 ff) den Bedürfnissen, der Fassungskraft der Hörer, der Beweiskraft der Zeichen selbst an (vgl. Mt 13, 13), um den Hörern selbst die freie Zustimmung zur göttlichen Offenbarung zu erleichtern, ohne ihnen das Verdienst zu nehmen. So wird unsere Sendung — auch wenn sie Verkündigung unbestreitbarer Wahrheit und notwendigen Heiles ist — nicht mit äußeren Zwangsmitteln Vorgehen, sondern sie wird nur auf den zulässigen Wegen menschlicher Erziehung, innerer Überzeugung, gemeinsamer Besprechung, immer unter Achtung der persönlichen und staatsbürgerlichen Freiheit das Geschenk des Heiles anbieten.

Der Dialog des Heiles wurde allen möglich gemacht und für alle, ohne irgendeine Herabsetzung, bestimmt (Kol 3, 11); auch unser Dialog soll seiner Natur nach allgemein sein, katholisch, das heißt, daß er sich mit jedem einläßt, vorausgesetzt, daß man ihn nicht zurückweist oder vortäuscht, ihn aufzunehmen.

Der Dialog des Heiles hat naturgegebene Abstufungen, macht Entwicklungen durch von bescheidenen Anfängen bis zum vollen Erfolg (vgl. Mt 13, 31); auch unser Dialog muß mit einem langsamen psychologischen und geschichtlichen Reifungsprozeß rechnen und die Stunde abwarten, in der Gott ihm Erfolg verleiht.

Dennoch soll unser Dialog nicht auf morgen verschieben, was er heute tun kann; er soll das brennende Verlangen nach der entscheidenden Stunde und den Sinn für die Kostbarkeit der Zeit haben (vgl. Eph 4, 16). Heute, das heißt jeden Tag, soll er wieder neu anfangen; und eher von unserer Seite als von denen, an die er gerichtet ist.

Es ist klar, daß die Beziehungen zwischen Kirche und Welt viele und verschiedene Formen annehmen können. Theoretisch gesprochen, könnte die Kirche sich zum Ziele setzen, diese Beziehungen auf das Mindestmaß zu beschränken, und könnte danach trachten, sich selbst aus dem Verkehr mit der profanen Gesellschaft herauszuhalten. Sie könnte sich auch damit begnügen, die Übel, die sich in jener Gesellschaft finden, aufzuzeigen, sie mit Bannfluch zu belegen und Kreuzzüge gegen sie zu predigen. Sie könnte sich auch der Welt nur nähern, um einen vorherrschenden Einfluß auf sie anzustreben oder auch um eine theokratische Herrschaft über sie auszuüben oder etwas ähnliches. Es scheint Uns jedoch, daß die Beziehung der Kirche zur Welt — ohne sich anderen rechtmäßigen Möglichkeiten auszuschließen — sich besser darstellen lassen in einem Dialog, der freilich nicht nach einem allgemeinen Schema vorgehen darf, sondern sich der Eigenart des Partners und der gegebenen Wirklichkeit anpassen muß. Anders ist in der Tat der Dialog mit einem Kinde und anders mit einem Erwachsenen; anders der mit einem Gläubigen und anders der mit einem Ungläubigen. Dies ist eine Forderung, die sich aus der heutigen allgemeinen Art ergibt, das Verhältnis zwischen dem Heiligen und dem Profanen aufzufassen; sie ergibt sich aus dem Dynamismus, der die moderne Gesellschaft ergriffen hat; aus der Vielheit ihrer Erscheinungsformen; aus einer wachsenden Reife des Menschen, mag er religiös oder nichtreligiös sein, die ihn durch Erziehung und Kultur heute zum Denken, zum Sprechen und zur würdigen Führung eines Dialogs befähigt.

Diese Form der Beziehung beweist das Bestreben nach Korrektheit, Wertschätzung, Sympathie, Güte auf seiten dessen, der ihn aufnimmt; sie schließt eine aprioristische Verurteilung, eine beleidigende und gewohnheitsmäßige Polemik und eitles, unnützes Reden aus. Wenn sie auch gewiß nicht auf eine Bekehrung des Partners abzielt, da sie seine Würde und seine Freiheit achtet — so sucht sie dennoch dessen Vorteil und möchte ihn zu einer vollständigen Einheit der Gesinnung und Überzeugung führen.

Der Dialog setzt also bei uns eine innere Haltung voraus, die wir auch in unserer Umgebung hervorrufen und nähren wollen: es ist die innere Verfassung dessen, der in sich die Last des apostolischen Auftrages fühlt, der sich bewußt ist, das eigene Seelenheil nicht vom Suchen nach dem Heil des anderen trennen zu können, der sich ständig bemüht, die Botschaft, die ihm anvertraut ist, in das Denken und Reden der Menschen zu bringen.

Daher ist das Gespräch eine Art, die apostolische Sendung auszuüben, es ist eine Kunst geistiger Mitteilung. Seine Eigenschaften sind folgende: 1. Vor allem Klarheit, Der Dialog setzt die Verständlichkeit voraus und fordert sie, er ist eine Gedankenmitteilung, eine Einladung, die höheren Fähigkeiten des Menschen zu betätigen. Diese Eigenschaft würde schon genügen, um ihn zu den edelsten Ausdrucksformen menschlicher Tätigkeit und Kultur zu zählen. Und diese seine Grundforderung genügt, um Unser apostolisches Bemühen anzuspornen und jede Form Unserer Sprache zu überprüfen: ob sie verständlich, anschaulich und vollendet ist. 2. Eine andere Eigenschaft ist dann die Sanftmut, jene, die Christus uns vorstellt, damit Wir sie von Ihm lernen. „Lernet von Mir, denn Ich bin sanftmütig und demütig von Herzen” (Mt 11, 29). Der Dialog ist nicht hochmütig, verletzend oder beleidigend. Seine Autorität wohnt ihm inne durch dde Wahrheit, die er darlegt, durch die Liebe, die er ausstrahlt, durch das Beispiel, das er gibt; er ist weder Befehl noch Nötigung. Er ist friedfertig und meidet die heftigen Ausdrücke; er ist geduldig und großmütig. 3. die dritte Eigenschaft ist das Vertrauen, das sowohl dem eigenen Worte innewohnt als auch in der Haltung des Zuhörers von seilen des Gesprächspartners zum Ausdruck kommt. Es fördert das Vertrauen und die Freundschaft. Es verbindet die Geister in der gemeinsamen Bejahung eines Wertes, die jede egoistische Zielsetzung ausschließt. 4. Schließlich die pädagogische Klugheit, die weitgehend die psychologischen und moralischen Voraussetzungen des Zuhörers berücksichtigt (vgl. Mt 7, 6): Ob es sich um ein Kind, einen Ungebildeten, Unvorbereiteten, Mißtrauischen oder Feindseeligen handelt. Sie bemüht sich, dessen geistige Verfassung kennenzulernen sowie auch in vernünftiger Weise sich selbst und die Form der eigenen Darlegung anzupassen, um ihm nicht lästig und unverständlich zu sein.

In einem so geführten Dialog verwirklicht sich die Verbindung von Wahrheit und Liebe, von Klugheit und Güte.

Im Dialog entdeckt man, wie verschieden die Wege sind, die zum Liohte des Glaubens führen, und wie es möglich ist, sie alle auf dasselbe Ziel hinzulenken. Auch wenn sie voneinander abweichen, können sie doch zur Ergänzung beitragen, weil sie unsere Überlegungen auf ungewohnte Bahnen lenken und es zwingen, seine Forschungen zu vertiefen und seine Ausdrücke neuzugestalten. Die Dialektik dieses Denkens und dieser Geduld läßt uns auch in den Meinungen der anderen Wahrheitselemente entdecken; sie wird uns zwingen, unsere Lehre möglichst unparteiisch vorzutragen, und als Lohn für die Mühe, daß wir auf die Einwände der anderen eingegangen sind, wird sie uns die allmähliche Annäherung an den anderen schenken. Sie wird uns weise und uns zu Meistern machen.

Und welches ist seine Form der Entfaltung?

Ja, vielfältig sind die Formen des Dialogs, der zum Heile führt. Er folgt den Bedürfnissen der Erfahrung, wählt die geeigneten Mittel, bindet sich nicht an nichtssagende Apriorismen, legt sich nicht auf starre Ausdrücke fest, wenn diese die Kraft verloren haben sollten, den Menschen etwas zu sagen und sie zu bewegen. Hier stellt sich die große Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Sendung der Kirche und dem Leben der Menschen einer bestimmten Zeit, eines bestimmten Ortes, einer bestimmten Kultur und einer bestimmten sozialen Situation.

Bis zu welchem Grade muß die Kirche sich den historischen und örtlichen Umständen anpasSen, in denen sie ihre Sendung ausübt? Wie muß sie sich gegen die Gefahr eines Relativismus schützen, der ihre dogmatische und moralische Treue antastet? Wie aber soll sie sich gleichzeitig geeignet machen, um allen nahezukommen und um alle zu retten, nach dem Beispiel des Apostels: „Allen bin ich alles geworden, um alle zu retten” (I Cor 9, 22). Die Welt wird nicht von außen gerettet. Man muß, wie das menschgewordene Wort Gottes, gewissermaßen mit den Lebensformen derjenigen eins werden, denen man die Botschaft Christi bringen will, man muß, ohne Rücksicht auf Privilegien oder ohne die Trennungswand einer unverständlichen Sprache, die allgemeine Gewohnheit annehmen, wenn sie nur menschenwürdig und lauter ist, vor allem jene der Kleinsten, wenn man gehört und verstanden sein will. Noch bevor man spricht, muß man auf die Stimme, ja sogar auf das Herz des Menschen hören; man muß ihn verstehen und soweit möglich achten und, wo er es verdient, ihm auch willfährig sein. Wir müssen Brüder der Menschen werden in demselben Augenblick, wo wir ihre Hirten, Väter und Lehrer sein wollen. Das Klima des Dialogs ist die Freundschaft, ja der Dienst. An all das müssen wir uns erinnern und uns bemühen, es in die Tat umzusetzen, nach dem Beispiel und Gebot, das Christus uns hinterließ (vgl. Joh 13, 14—17).

Aber die Gefahr bleibt bestehen. Die Kunst des Apostolates ist ein Wagnis. Die Sorge, den Brüdern näherzukommen, darf nicht zu einer Abschwächung oder Herabminderung der Wahrheit führen. Unser Dialog kann uns nicht von der Verpflichtung gegenüber unserem Glauben entbinden. Das Apostolat darf keinen doppeldeutigen Kompromiß ein- gehen bezüglich der Prinzipien des Denkens und Handelns, die unser christliches Bekenntnis kennzeichnen. Der Irenis- mus und der Synkretismus sind im Grunde nichts anderes als Formen des Skeptizismus hinsichtlich der Kraft und des Inhalts des Wortes Gottes, das wir verkünden wollen. Nur wer der Lehre Christi vollkommen treu ist, kann ein erfolgreicher Apostel sein. Und nur wer die christliche Berufung ganz lebt, kann gegen die Ansteckung der Irrtümer, mit denen er in Berührung kommt, gefeit sein.

Wir sind der Meinung, daß die Stimme des Konzils bei der Behandlung der Fragen, die das Wirken der Kirche in der modernen Welt betreffen, einige theoretische und praktische Richtlinien angeben wird, die als Anleitung dienen werden, um unseren Dialog mit den Menschen unserer Zeit gut zu führen. Und gleichfalls meinen Wir, daß, da es sich einerseits um die Frage der eigentlichen apostolischen Sendung der Kirche handelt und anderseits um die verschiedenen und der Veränderung unterworfenen Umstände, in denen sie sich entfaltet, es Aufgabe der weisen und tatkräftigen Leitung der Kirche selbst sein wird, von Fall zu Fall die Grenzen, Formen und Bahnen zu bezeichnen, für die ständige Beseelung eines lebendigen und segenbringenden Dialoges. Darum verlassen Wir dieses Thema, indem Wir Uns darauf beschränken, noch einmal an die hohe Bedeutung zu erinnern, die die christliche Predigt behält und heute größtenteils im Rahmen des katholischen Apostolates einnimmt und, das heißt, insoweit es Uns jetzt betrifft, des Dialoges. Keine Form der Verbreitung von Gedanken, auch wenn sie technisch durch Presse, Rundfunk und Fernsehen eine außerordentliche Macht erlangt, vermag sie zu ersetzen. Apostolat und Predigt sind in einem gewissen Sinne gleichwertig. Unser Amt, ehrwürdige Brüder, ist vor allem ein Dienst des Wörtes. Wir wissen diese Dinge sehr gut, aber es scheint Uns angebracht, sie jetzt uns selbst in Erinnerung zu rufen, um unserer pastoralen Tätigkeit die rechte Richtung zu geben. Wir dürfen nicht mehr zum Studium der menschlichen Beredsamkeit oder einer nichtssagenden Rhetorik zurückkehren, sondern zum Studium der echten Kunst des heiligen Wortes.

Wir müssen die Gesetze seiner Einfachheit, Klarheit, Kraft und Autorität herauszufinden suchen, um die naturgegebene Unerfahrenheit in der Aufwendung eines so hohen und geheimnisvollen geistlichen Instruments, wie es die Sprache ist, zu überwinden und um in edlen Wettstreit mit all denen zu treten, die heute durch das Wort größten Einfluß auf die öffentliche Meinung ausüben. Vom Herrn selbst müssen wir dazu das wichtige und begeisternde Charisma (vgl. Jerem 1, 6) erbitten, um würdig zu sein, dem Glauben den praktisch wirksamen Anfang zu geben (vgl. Rom 10, 17) und um unsere Botschaft bis an die Enden der Erde gelangen zu lassen (vgl. Ps 18, 5; Röm 10, 18). Daß doch die Vorschriften der Konzilskonstitution „De Sacra Liturgia” über das Amt des Wortes in uns eifrige und bereitwillige Vollbringer finden möge. Und möge die kateche- tische Unterweisung des christlichen und vieler anderer Völker immer erfahrener in der Sprache, klug in der Methode, ausdauernd in der Erteilung werden und, unterstützt vom Zeugnis wahrer Tugenden, einzig darauf bedacht, fortzuschreiten und die Hörer zur Sicherheit des Glaubens gelangen zu lassen und zur Ahnung des lebendigen Gottes in der Erkenntnis der Einheit zwischen dem Wort Gottes und dem Leben.

Schließlich müssen wir noch auf die hinweisen, an die sich unser Dialog richtet.

Wir wollen aber auch unter dieser Rücksicht nicht der Stimme des Konzils zuvorkommen. So Gott will, wird sie bald zu hören sein.

Was im allgemeinen die Haltung als Gesprächspartnerin betrifft, die die katholische Kirche heute mit neuem Eifer einnehmen muß, wollen Wir einfach andeuten, daß sie bereit sein muß, den Dialog mit allen Menschen guten Willens innerhalb und außerhalb ihres eigenen Bereiches zu führen.

Niemand ist ihrem Herzen fremd. Niemand ist ihr gleichgültig wegen seines Amtes. Niemand ist ihr feindlich gesinnt, der es nicht selbst sein will. Nicht umsonst nennt sie sich katholisch, nicht vergebens ist sie beauftragt, in der Welt Einheit, Liebe und Frieden zu fördern.

Die Kirche verkennt nicht die gewaltigen Ausmaße einer solchen Sendung. Sie kennt die Mißverhältnisse der Statistiken zwischen dem, was wirklich ist, und dem, was die Bevölkerung der Erde ist. Sie ist sich der Grenzen ihrer Kräfte bewußt, sie weiß schließlich um die eigenen menschlichen Schwächen und die eigenen Fehltritte, sie weiß auch, daß die Annahme des Evangeliums letzten Endes weder von irgendeiner apostolischen Bemühung noch von irgendeinem günstigen Urhstahd der zeitlichen Ordnung abhängt: der Glaube ist ein Geschenk Gottes; und Gott allein bezeichnet in der Welt das Ausmaß und die Stunden Seines Heils. Aber die Kirche ist sich bewußt, Same, Sauerteig, Salz und Licht der Welt zu sein. Die Kirche nimmt die umwälzende Neuerung der modernen Zeit zur Kenntnis. Aber mit aufrichtigem Vertrauen schaut sie auf die Wege der Geschichte und spricht zu den Menschen: Ich habe das, was ihr sucht und was euch fehlt. Auf diese Weise verspricht Sie nicht diesseitiges Glück, wohl aber bietet sie etwas an — ihr Licht, ihre Gnade —, um dieses so gut wie möglich erreichen zu können. Ferner spricht sie zu den Menschen von ihrer jenseitigen Bestimmung. Sie spricht zu ihnen von der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Freiheit, dem Fortschritt, der Eintracht, dem Frieden und der Kultur. Das alles sind Worte, deren Geheimnis die Kirche kennt, Christus hat sie ihr anvertraut. Also hat die Kirche eine Botschaft für die Menschen jeglichen Standes: für die Kinder, die Jugend, die Wissenschaftler und Denker, für die Welt der Arbeit und für alle Gesellschaftsschichten, für die Künstler, die Politiker und die Staatslenker, besonders aber für die Armen, die Enterbten, die Leidenden, sogar für die Sterbenden: für alle.

Es könnte den Anschein haben, als ob Wir so sprechend Uns von der Begeisterung für Unsere Sendung hinreißen ließen und als ob Wir es unterlassen würden, die konkrete Stellung in Betracht zu ziehen, in welcher die Menschheit sich der katholischen Kirche gegenüber befindet. Das ist jedoch nicht der Fall, weil Wir diese konkrete Stellung sehr wohl kennen. Um einen zusammenfassenden Begriff davon zu geben, scheint es Uns, daß Wir sie nach Art konzentrischer Kreise um den Mittelpunkt, auf den Gottes Hand Uns gestellt hat, einteilen können.

Da finden Wir zuerst einen unermeßlichen Kreis, dessen Grenzen Wir nicht festzustellen vermögen, denn sie vermengen sich mit Horizont, d. h. dieser Kreis ist die Menschheit als solche, die Welt. Wir empfinden ihn nicht als etwas Fremdartiges, denn alles Menschliche geht Uns ja an. Wir haben ja mit der ganzen Menschheit die Natur gemeinsam, d. h. das Leben mit all seinen Gaben und Problemen. Wir sind bereit, diese erste Gemeinsamkeit zu teilen, die große Dringlichkeit ihrer fundamentalen Bedürfnisse aufzunehmen, den neuen und bisweilen erhabenen Erfolgen ihres Geistes Beifall zu zollen. Wir besitzen Wahrheiten für das sittliche Leben zum Wohl aller, die im menschlichen Gewissen hervorzuheben und zu stärken sind. Wo immer ein Mensch auf der Suche ist, sich selbst und die Welt zu verstehen, können Wir mit ihm in Gemeinschaft treten. Wo immer Versammlungen der Völker stattfinden, um die Rechte und Pflichten des Menschen festzusetzen, ist es eine Ehre für Uns, wenn sie nur damit einverstanden sind, daß Wir daran teilnehmen. Wenn es im Menschen eine „von Natur aus christliche Seele” gibt, wollen Wir sie durch Unsere Hochschätzung und Unser Gespräch ehren. Wir könnten Uns selbst und alle daran erinnern, daß Unsere Haltung einerseits ganz uneigennützig sein soll: Wir streben kein politisches oder zeitliches Ziel an, anderseits zielt unsere Haltung darauf ab, jeden echten menschlichen und irdischen Wert zu übernehmen, d. h. ihn auf die übernatürliche und christliche Ebene zu erheben. Wir sind nicht die Kultur, wohl aber ihre Förderer.

Jedoch wissen Wir, daß es in diesem grenzenlosen Kreise viele, leider sehr viele gibt, die sich zu keiner Religion bekennen. Es ist Uns sogar bekannt, daß viele unter den verschiedensten Formen sich als Gottlose bekennen, und Wir wissen, daß einige ihre Gottlosigkeit offen bekennen und sie als Programm der menschlichen Erziehung und der Politik vertreten, in der naiven, aber verhängnisvollen Überzeugung Menschen von überholten und falschen Lebens- und Weltanschauungen zu befreien, um an deren Stelle, wie sie sagen, eine wissenschaftliche und mit den Forderungen des modernen Fortschritts übereinstimmende Weltanschauung zu setzen.

Das ist die schlimmste Erscheinung unserer Zeit. Wir sind fest davon überzeugt, daß die theoretische Grundlage der Leugnung Gottes wesentlich falsch ist, den letzten und unabdingbaren Forderungen des Denkens nicht entspricht, die Vernunftordnung der Welt ihrer wahren und fruchtbaren Grundlagen beraubt, in das menschliche Leben statt einer Lösung ein blindes Dogma einführt, das es erniedrigt und traurig macht; schließlich zerstört es an der Wurzel jedes soziale System, das auf ihm zu gründen vorgibt. Das ist keine Befreiung, sondern eine Gaukelei, die jedes Licht des lebendigen Gottes auszulösohen trachtet. Darum werden Wir mit allen Unseren Kräften dem Vordringen dieser Leugnung entgegentreten, im höchsten Interesse der Wahrheit, in der hochheiligen Verpflichtung zum treuesten Bekenntnisse zu Christus und Seinem Evangelium, in der leidenschaftlichen und unbedingten Liebe für die Geschicke der Menschheit und in der unbesiegbaren Hoffnung, daß der moderne Mensch in der vom Katholizismus ihm angebotenen Auffassung seine Berufung zur Kultur auch heute noch zu entdecken vermag, die nicht stirbt, sondern ständig fortschreitet zur natürlichen und übernatürlichen Vollendung des menschlichen Geistes, der durch die Gnade Gottes fähig ist für den friedlichen und rechtschaffenen Besitz der zeitlichen Güter und offen für die Erwartung der ewigen.

Das sind die Gründe, die Uns verpflichten wie sie Unsere Vorgänger verpflichtet haben und mit ihnen alle, die für die religiösen Werte sich noch einen Sinn bewahrt haben, die gottesleugnerischen und die Kirche verfolgenden ideologischen Systeme zu verurteilen, Systeme, die oft identisch sind mit ökonomischen, sozialen und politischen Regierungsformen, unter denen besonders der gottlose Kommunismus hervorzuheben ist. Man könnte sagen, daß ihre Verurteilung nicht so sehr von Unserer Seite kommt, als vielmehr von den Systemen selbst und den Regierungsformen, die sie verkörpern, der radikale Gegensatz der Ideen und die Unterdrückung der Wirklichkeit zu uns kommt. Unser Bedauern ist in Wirklichkeit noch mehr Mitgefühl mit den Betroffenen als richterliches Urteil.

Die Hypothese eines Dialogs wird sehr schwierig unter solchen Voraussetzungen, um nicht zu sagen unmöglich, obwohl Wir keinen von vornherein ausschließen, der sich zu den genannten Systemen bekennt und diese Regierungsformen bejaht. Für den, der die Wahrheit liebt, ist die Diskussion immer möglich. Aber Hindernisse moralischen Charakters vergrößern die Schwierigkeiten sehr, weil dann die notwendige Freiheit im Urteilen und Handeln fehlt und weil die Worte dialektisch mißbraucht werden, mit denen man nicht mehr die objektive Wahrheit suchen und ausdrücken will, sondern die man in den Dienst vorgefaßter Ziele bloßer Nützlichkeit stellt.

Das ist der Grund, warum der Dialog hier aufhört. Die Kirche des Schweigens zum Beispiel redet nicht mehr. Sie spricht nur durch ihre Leiden, durch die sie eine unterdrückte, gedemütigte Gemeinschaft wird, in der die Rechte des Geistes von denen vergewaltigt werden, in deren Händen die Macht liegt. Wollten wir unter diesen Umständen einen Dialog beginnen, wohin würde er führen, da er ja nur „ein Ruf in die Wüste” sein kann (Mt 1, 3). Schweigen, Rufen, Dulden und immer Lieben — das ist das Zeugnis, das die Kirche auch in dieser Lage ablegen und das auch der Tod nicht zum verstummen bringen kann.

So offen und entschieden aber auch Bekenntnis und Verteidigung der Religion und der von ihr verkündeten und vertretenen Werte sein müssen, so müssen wir doch aus seel- sorglichen Erwägungen heraus in der Seele des modernen Atheisten auch nach den Motiven seiner Verirrung und seiner Leugnung suchen. Sie werden uns komplex und vielgestaltig erscheinen; ihre Kenntnis wird uns im Urteil vorsichtig und unsere Widerlegung wirksamer machen. Es wird sich zeigen, daß sie bisweilen aus einer nicht genügend hohen und reinen Vorstellung von Gott und Religion hervorgehen, verbunden vielleicht mit unzureichenden Ausdrucksformen der Sprache und des Kultes, die wir gründlich überdenken müssen, damit sie möglichst klar und deutlich das Heilige, das sie ausdrücken sollen, wiedergeben. Wir sehen Atheisten, befallen von unruhiger Angst, erfaßt von Leidenschaftlichkeit und utopischen Wünschen, oft aber auch beseelt von Großmut, erfüllt von einem Traum von Gerechtigkeit, von einem Fortschritt, der zu einer vergöttlichten idealen Gesellschaft führen soll; die aber doch nur Ersatz für das Absolute und das eine Notwendige sind, ein Ersatz, der das ununterdrückbare Bedürfnis nach dem göttlichen Anfang und Ziel bekundet, dessen Transzendenz und Immanenz mit Geduld und Weis-- heit aufzuweisen, Aufgabe Unseres Lehramtes ist. — Wir sehen Atheisten, wie sie bisweilen mit einem naiven Enthusiasmus sich unter strenger Berufung auf die menschliche Vernunft bemühen, eine wissenschaftliche Erklärung des Universums zu geben, ein Versuch, der um so mehr gerechtfertigt ist, je mehr er in logischen Gedankengängen gründet, die häufig denen unserer klassischen Schulphilosophie nicht unähnlich sind. Sie glauben hiermit eine innere Berechtigung gefunden zu haben. Aber gegen ihren Willen, durch die innere Kraft der Beweise genötigt, müßten sie doch schließlich zu einer neuen metaphysischen oder logischen Bejahung der Existenz des höchsten Gottes gelangen. Wäre es hier nicht an uns, diesem logischen Prozeß zu Hilfe zu kommen, so daß der politisch-wissenschaftliche Atheist zur Einsicht käme, daß er an einem bestimmten Punkt Halt machen und auf eine weitere rein verstandesmäßige Erfassung des Universums verzichten müsse und so zu jenem Begriff der objektiven Wirklichkeit des kosmischen Universums gelange, der in der Seele den Sinn für die Gegenwart Gottes weckt und über die Lippen die demütigen und schüchternen Worte eines beglückenden Gebetes kommen läßt? — Wir treffen bisweilen aber auch Menschen an, die aus reinem Idealismus Atheisten sind, aus Empörung gegen die Mittelmäßigkeit und den Egoismus, die in so weiten Kreisen der heutigen Gesellschaft anzutreffen sind; sie verstehen es, der Solidarität und dem menschlichen Mitgefühl in Form und Sprache Ausdruck zu verleihen, die sie unseren Evangelien entnehmen. Sollten wir nicht eines Tages imstande sein, diese Menschen zu den Quellen dieser sittlichen Werte, von denen sie reden, zurückzuführen — zu den Quellen, die ja die’christlichen sind?

Unser Vorgänger, Papst Johannes XXIII., seligen Angedenkens, schrieb in seiner Enzyklika „Pacem in terris”, daß die Lehren, die diesen Bewegungen zugrunde liegen, wenn sie einmal ausgearbeitet und festgelegt sind, immer die gleichen bleiben; daß aber die Bewegungen selbst sich entwickeln und tiefgreifend verändern müssen (vgl. n. 54). Im Gedanken an dieses Wort möchten Wir die Hoffnung nicht aufgeben, daß sich eines Tages zwischen ihnen und der Kirche ein positiver Dialog anbahnen wird, der über die bitteren Klagen der Gegenwart hinausgeht.

Wir können aber Unseren Blick von der heutigen Welt nicht abwenden, ohne einen verlockenden Wunsch zu äußern: daß nämlich Unser Vorhaben, Unseren Dialog in seiner naturgegebenen Vielseitigkeit zu pflegen und zu fördern, der Sache des Friedens unter den Menschen dienen möge: einerseits als Methode, die die menschlichen Beziehungen in der edlen Klarheit einer vernünftigen und aufrichtigen Sprache zu ordnen sucht, anderseits als Beitrag der Erfahrung und der Weisheit, der in allem die Betrachtung der höchsten Werte wiederzubeleben vermag. Die Eröffnung eines Dialogs, wie es der Unsrige sein will — ohne persönliches Interesse, sachlich, ehrlich —, entscheidet sich von selbst für einen freien und ehrenvollen Frieden; er schließt Verstellung, Rivalitäten, Betrug und Verrat aus; er brandmarkt einen Angriffskrieg, einen, der auf Eroberung und Vormacht ausgeht, als Verbrechen und Verderben. Er muß sich von den Beziehungen der Nationen auf höchster Ebene, zu denen innerhalb der Völker bis zu ihren Fundamenten im sozialen Leben, in der Familie, im Einzelleben erstrecken, um allen Einrichtungen und jedem Geist den Sinn, das Verlangen, das Pflichtbewußtsein einzuflößen, für den Frieden verantwortlich zu sein.

Sodann steht vor Unseren Augen ein anderer großer Kreis, Uns weniger fremd, geistig weniger von Uns entfernt: es sind alle jene, die den einen höchsten Gott anbeten, den auch Wir verehren. Wir denken hier an das jüdische Volk, dem Unsere Zuneigung und Achtung gilt, weil es ein gläubiger Anhänger der Religion ist, die wir die des Alten Testamentes nennen. Sodann meinen Wir jene, die Gott in der Religion des Monotheismus, besonders in der Form des Islams anbeten; für alles, was in ihrer Gottes Verehrung wahr und gut ist, verdienen sie Unsere Achtung. Schließlich gedenken Wir auch der Anhänger der großen afro-asiatischen Religionen. Wir können freilich die verschiedenen religiösen Auffassungen und Ausdrucksformen nicht teilen; Wir können Uns auch nicht zu einem Indifferentismus bekennen, der alle Religionen auf ihre Art für gleichwertig hält und ihnen das Recht zuerkennt, ihre Anhänger von einem weiteren Forschen abzuhalten, ob Gott selbst etwa eine Form der Religion ge- offenbart habe, die frei ist von Irrtum, vollkommen und endgültig, in der Er erkannt und geliebt werden will, in der Ihm gedient werden soll. Die Liebe zur Wahrheit verpflichtet Uns vielmehr, Unserer Überzeugung Ausdruck zu verleihen, daß es nur eine wahre Religion gibt — und das ist die christliche, und daß Wir die Hoffnung nähren, daß sie als solche einmal von allen anerkannt werde, die Gott suchen .und anbeten.

Damit wollen Wir aber nicht den geistigen und sittlichen Werten dei ’verschiedenen nicht-christlichen Religionen Unsere Achtung und Anerkennung versagen. Wir wollen zusamt men mit ihnen, soweit wie möglich, die gemeinsamen Ideale der Religionsfreiheit, der menschlichen Brüderlichkeit, der Kultur, der sozialen Wohlfahrt, der staatlichen Ordnung fördern und verteidigen. Über diese gemeinsamen Ideale ist ein Dialog von Unserer Seite durchaus möglich. Wir werden Uns immer dazu bereit finden, wenn er in gegenseitiger aufrichtiger Hochschätzung auch von der anderen Seite aufgegriffen wird.

Und nun kommen Wir zum Kreis jener, die uns in der Welt am nächsten stehen und den Namen Christen tragen. Mit ihnen hat das sogenannte ökumenische Gespräch schon begonnen, und es ißt teilweise bereits in eine positive Anfangsphase eingetreten. Zu diesen Komplexen und schwierigen Thema wäre viel zu sagen. Aber Unser Gespräch hört hier nicht auf. Wir beschränken Uns jetzt auf einige wenige Hinweise, die nicht neu sind. Gerne machen Wir Uns den Grundsatz zu eigen: stellen wir zunächst das heraus, was uns gemeinsam ist, bevor wir auf das eingehen, was uns trennt. Das ist ein gutes und fruchtbares Thema für unseren Dialog. Seien wir bereit, ihn in herzlicher Weise fortzuführen. — Wir gehen noch weiter: Wir sind bereit, viele Meinungsverschiedenheiten, die Tradition, Formen der Frömmigkeit, Kirchenrecht, Gottesdienst betreffen, einem eingehenden Studium zu unterwerfen, um den berechtigten Wünschen der noch immer von Uns getrennten christlichen Brüder entgegenzukommen. Nach nichts streben Wir so sehnlichst, wie darnach, sie in vollkommener Einheit des Glaubens und der Liebe zu umarmen. Doch muß auch das gesagt werden, daß es nicht in Unserer Macht liegt, die Grenzen, welche die Unversehrtheit des Glaubens und die Forderungen der Liebe Uns setzen, zu überschreiten. Wir befürchten, daß es in dieser Hinsicht zu Mißtrauen und Widerständen kommen kann. Nachdem aber die katholische Kirche heute die Initiative ergriffen hat, die eine Herde Christi wiederherzustellen, wird sie mit aller Geduld und mit aller Rücksichtnahme auf diesem Weg weiterschreiten. Sie wird unablässig darauf hin- weisen, daß die Vorrechte, welche die getrennten Brüder noch von ihr femhalten, nicht das Ergebnis ehrgeiziger historischer Ansprüche oder phantastischer theologischer Spekulationen sind, sondern sich aus dem Willen Christi herleiten und richtig verstanden eine Wohltat für alle sind, für die • gemeinsame Einheit, für die gemeinsame Freiheit, für die gemeinsame christliche Fülle. Die katholische Kirche wird sich unaufhörlich darum bemühen, sich durch Gebet und Buße der ersehnten Versöhnung fähig und würdig zu machen.

In dieser Hinsicht bedrückt Uns besonders ein Gedanke, daß nämlich gerade Wir, Förderer der Versöhnung, von vielen getrennten Brüdern wegen des Primats der Ehre und der Jurisdiktion, den Christus dem Apostel Petrus übertragen hat, und den wir von ihm überkommen haben, als deren Hindernis angesehen werden. Sagen nicht manche, eine Wiedervereinigung der getrennten Kirchen würde viel leichter zustande kommen, wenn der Primat des Papstes aufgegeben würde? Wir möchten die getrennten Brüder bitten, die Haltlosigkeit einer solchen Annahme zu bedenken; und zwar nicht nur deshalb, weil ohne Papst die katholische Kirche aufhörte die zu sein, die sie ist, sondern weil ohne da oberste, wirksame und entscheidende Hirtenamt Petri, die Einheit der Kirche in Trümmer ginge; und vergebens würde man dann versuchen, sie nach Kennzeichen wiederherzustellen, die das von Christus selbst gegebene authentische Kennzeichen ersetzen sollen. Mit Recht schrieb der heilige Hieronymus: „Es werde in der Kirche so viele Schismen geben wie Priester” (Dial, contra Liciferienos n. 9). Wir wollen jedoch wohl bedenken, daß dieses zentrale Anliegen der heiligen Kirche keine Oberhoheit geistlichen Stolzes und menschlicher Herrschsucht schaffen will, sondern einen Primat des Dienens, des Helfens, der Liebe. Es ist nicht leere Rhetorik, wenn dem Stellvertreter Christi der Titel „Diener der Diener Gottes” gegeben wird.

An diesem Punkt muß unser Dialog beachten, daß er, noch bevor die brüderliche Aussprache beginnt, ein Dialog mit dem Vater im Himmel, ein vertrauensvolles Gebet werde.

Wir dürfen mit Freude und Vertrauen feststellen, ehrwürdige Brüder, daß in der mannigfaltigen Vielheit der getrennten Brüder eine geistliche Kraft wirksam ist, die hoffnungsvolle Aussichten für eine Entwicklung zur kirchlichen Ein- heit hin zu eröffnen scheint. Wir wollen das Wehen des Heiligen Geistes über die „ökumenische Bewegung” herabflehen. Wir wollen noch einmal an Unsere Ergriffenheit und Freude anläßlich Unserer Begegnung mit dem Patriarchen Athenagoras in Jerusalem erinnern. Mit Achtung und Dankbarkeit grüßen Wir auch die Vertreter der getrennten Kirchen, die am 2. Ökumenischen Vatikanischen Konzil teilgenommen haben. Noch einmal versichern Wir, daß Wir aufmerksam und mit heiligem Interesse die religiösen Strömungen verfolgen, die sich unter dem Einfluß der Unionsfrage bei Personen, in Gruppen, in religiösen Gemeinschaften zeigen. Mit Liebe und Verehrung grüßen Wir alle diese Christen in der Erwartung, es möge uns vergönnt sein, in einem von Aufrichtigkeit und Liebe beseelten Dialog mit ihnen zusammen noch besser die Sache Christi und die von Ihm für Seine Kirche gewollte Einheit zu fördern.

Und schließlich richtet sich Unser Dialog an die Söhne des Hauses Gottes, an die heilige katholische und apostolische Kirche, deren „Mutter und Haupt” diese römische ist. Wie sehr wünschen Wir, daß dieser häusliche Dialog in der Fülle des Glaubens und werktätiger Liebe vor sich gehe, daß er mit Eifer und Familiengeist gepflegt werde — empfänglich für jede Wahrheit, jede Tugend, für alle uns überkommenen Schätze der Lehre und des geistlichen Lebens —, daß er zutiefst durchdrungen sei von echter Frömmigkeit, bereit, die vielfältigen Anregungen unserer Zeit aufzugreifen — fähig, die Katholiken zu wahrhaft guten, weisen, freien, frohen und starken Menschen zu machen.

Dieser Wunsch, den Beziehungen innerhalb der Kirche den Geist eines Dialogs zwischen Gliedern einer Gemeinschaft zu geben, deren Wesenselement die Liebe ist, will aber keineswegs die Pflege der Tugend des Gehorsams beseitigen: da nämlich die Ausübung der Autorität auf der einen Seite und die Unterwerfung auf der anderen Seite, sowohl von einem geordneten gesellschaftlichen Leben, als auch insbesondere von der hierarchischen Natur der Kirche gefordert wird. Die Autorität der Kirche ist von Christus eingesetzt; sie vertritt Ihn; sie ist die bevollmächtigte Vermittlerin Seiner Worte und Seiner seelsorglichen Liebe. So wird der Gehorsam, der aus dem Motiv des Glaubens geleistet wird, eine Schule evangelischer Demut und bringt den Gehorchenden mit jjener Weisheit und jener Einheit, jener Liebe und jenen Elementen in Verbindung, die den Leib der Kirche aufbauen und regieren. Er gibt dem Befehlenden und dem, der sich unterwirft, das Verdienst, Christus nachzuahmen, „der gehorsam wurde bis zum Tod” (Phil 2, 8).

Wenn Wir Gehorsam und Dialog zueinander in Beziehung bringen, so wollen Wir damit unterstreichen, daß einerseits die Ausübung der Autorität ganz von dem Bewußtsein, im Dienste der Wahrheit und der Liebe zu stehen, durchdrungen sein muß, und daß anderseits die Befolgung der kirchlichen Vorschriften und der Gehorsam gegenüber den rechtmäßigen Oberen bereitwillig und freudig sein sollen, so wie es sich für Kinder geziemt, die frei sind und aus Liebe gehorchen. Der Geist der Unabhängigkeit, der Kritik, der Auflehnung verträgt sich schlecht mit der Liebe, die ein Gemeinschaftsleben beseelen soll — mit Eintracht und Frieden in der Kirche, und verwandelt schnell den Dialog in eine Auseinandersetzung, einen Wortwechsel, ein Streitgespräch —, was leider nur zu leicht geschieht, aber darum eine nicht weniger unerfreuliche Erscheinung ist, gegen die uns das Wort des Apostels schützen soll: „Es sollen keine Spaltungen unter euch sein” (1 Cor 1, 10).

Es ist Unser lebhafter Wunsch, daß der Dialog innerhalb der Kirche noch eifriger werde, was Themen und Gesprächspartner angeht, damit auch die Lebenskraft und die Heiligung des mystischen Leibes Christi zunehme. Alles, was zur Ausbreitung der kirchlichen Lehren dient, hat Unsere Billigung und Empfehlung: von dem liturgischen und dem inneren Leben sowie von der Predigt haben Wir schon gesprochen; Wir können hinzufügen: Schule, Presse, das soziale Apostolat, die Missionen, die caritative Tätigkeit — Gegenstände, mit denen sich auch das Konzil befassen wird. Alle, die an diesem lebenspendenden Dialog der Kirche unter Führung der zuständigen Autorität teilnehmen, ermuntern und segnen Wir: besonders die Priester, die Ordensleute, die guten Laien, die in der Katholischen Aktion oder in anderen Vereinigungen für Christus kämpfen.

Mit Freude und Genugtuung sehen Wir, daß ein solcher Dialog innerhalb der Kirche und mit ihrer Umwelt bereits im Gange ist. Die Kirche lebt heute mehr denn je! Aber bei genauer Betrachtung scheint es, daß die Hauptarbeit erst noch zu leisten ist. Die Arbeit beginnt heute und hört nie auf. Das ist das Gesetz unserer irdischen, zeitlichen Pilgerschaft. Das ist, ehrwürdige Brüder, die gewohnte Aufgabe Unseres Amtes; dieses wird heute von allen Seiten zur Erneuerung, zur Wachsamkeit und vermehrter Anstrengung angetrieben.

Wenn Wir euch Weisungen geben, vertrauen Wir selber auf eure Mitarbeit und bieten zugleich die Unsrige an. Um diese Gemeinschaft in Gesinnung und Tat bitten Wir und zu ihr wollen auch Wir beitragen, nachdem Wir mit dem Namen und, gebe Gott, auch ein wenig mit dem Geist des Völkerapostels vor kurzem den Stuhl des heiligen Petrus bestiegen haben. Der Einheit Christi unter uns feierlich gedenkend, senden Wir euch mit diesem ersten Schreiben im Namen des Herrn Unseren brüderlichen und väterlichen apostolischen Segen, in den Wir gerne die ganze Kirche und die ganze Menschheit einbeziehen.

Aus dem Vatikan, den 6. August 1964, am Fest der Verklärung unseres Herrn Jesus Christus.

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